Wenn dir eine Prämisse nicht reicht

Die unter Autoren dauerhaft populäre Frage nach der Prämisse ist die nach dem Kartoffelschäler. Bekanntermaßen ein Werkzeug, entwickelt zum Schälen von Kartoffeln. Soweit mir bekannt ist, gibt es allerdings kein Gesetz, dass es verbietet, Kartoffeln mit einem normalen Messer zu schälen. Das Ergebnis zählt. Und manch einer kann es mit dem Messer eben besser als mit dem Schäler.

Nun stolperte ich aber in einem Forum über die Frage, ob es nicht für jede Kartoffel einen eigenen … Nein, das Bild hinkt. Ob man nicht je nach Kartoffelsorte … Ob man sich nicht, wenn man für ein Gericht sowohl eine Kartoffel als auch einen Apfel schälen muss, noch einen Apfelschäler bereithalten sollte. Na ja, trifft es immer noch nicht so ganz. Immerhin lassen sich alle drei Fragen mit einem klaren „Warum nicht?“ beantworten. Kehren wir dennoch aus der Küche an den Schreibtisch zurück.

Weg von den Kartoffeln

Die Frage lautet also: Gibt es nicht auch für den Antagonisten eine Prämisse? Wiederum eine klare Antwort: Jein!

Sofern man die Prämisse so versteht, wie ich das tue, ist sie per Definition die Zusammenfassung des zentralen Konflikts (inklusive seiner Lösung). Und der ist nun einmal der des Protagonisten, nicht der des Antagonisten.

Natürlich ist auch der Antagonist Teil des zentralen Konflikts, ohne ihn gäbe es diesen gar nicht. Nur ist es eben nicht sein Konflikt, er hat seinen eigenen, der aus seinen eigenen Zielen resultiert, die in irgendeiner Art mit denen des Protagonisten kollidieren. Wenn der zentrale Konflikt eines Krimis der ist, dass da ein Mörder frei herumläuft, den der Protagonist hinter Gitter bringen will, dann ist das nicht der Konflikt des Mörders. Dessen Ziel ist es, nicht gefasst zu werden, sein Problem, dass da ein Protagonist herumläuft, der eben dieses Ziel durchkreuzen will.

Ein Zwang, der befreit

Die enge Verflechtung der beiden Konflikte bedeutet allerdings, dass sich aus der Prämisse einer Geschichte zwingend auch die Konsequenzen für den Antagonisten ergeben. Ist der Protagonist erfolgreich, scheitert der Antagonist und umgekehrt. Hinsichtlich des zentralen Konflikts, sofern er ein echter und ordentlich herausgearbeiteter Konflikt ist, ändert da auch ein versöhnliches Ende nichts. Wenn der Mörder am Ende auf freiem Fuß bleibt, weil der Prota sich mit ihm vertragen hat, mögen beide glücklich sein, der Prota aber hat sein Ziel nicht erreicht.

Es scheint also nicht notwendig zu sein, für den Antagonisten ebenfalls eine Art Prämisse zu verfassen. Wenn es dem Autor dennoch irgendwie hilfreich erscheint, wird ihn niemand dafür zur Rechenschaft ziehen.

In diesem erweiterten Sinne einer Prämisse als Zusammenfassung irgendeines Konflikts und seiner Lösung ist der Autor also frei, weitere Prämissen zu formulieren. Nicht nur für den Antagonisten, sondern für jede Figur, die in der Geschichte einen Konflikt bis zum bitteren oder glücklichen Ende austrägt. Für manche Figur, nicht zuletzt für den Protagonisten, eröffnet sich so sogar die Möglichkeit, ihr/ihm gleich mehrere Prämissen auf den Leib zu schreiben.

Das hilft möglicherweise bei der Figurenentwicklung, den eigentlichen Sinn der Prämisse verwässert es aber. Schließlich ist sie ein Werkzeug, um die Geschichte/den Plot zu entwickeln, das Zentrale der Geschichte aufzuzeigen, den roten Faden nicht zu verlieren.

Man kann eben mit einem Kartoffelschäler auch einen Apfel schälen, nur werden die Bratkartoffeln dadurch nicht unbedingt besser. Hinkt? Na und?

Die verkannte Novelle

Hartnäckig hat sich die Auffassung durchgesetzt, eine Novelle sei eine Erzählform, die im wesentlichen durch ihre Länge bestimmt wird. Sie sei eben ein Zwischending, das zwischen Roman und Kurzgeschichte angesiedelt ist.

Nun liegt man ja so falsch damit nicht, denn tatsächlich ist die Novelle in der Regel weniger umfangreich als ein Roman, doch eben auch länger als die durchschnittliche Kurzgeschichte. Damit überschneidet sie sich mit der Erzählung im engeren Sinn (also nicht als übergeordneter Begriff).

Im ursprünglichen Sinn zeichnet sich die Novelle aber durch eben die namensgebende Neuigkeit aus, die nicht besonders dramatisch sein muss, aber den Protagonisten aus seinem gewohnten Lebensumfeld zieht und eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt.

Während Kurzgeschichten und Romane auf einem zentralen Konflikt basieren und dem Ziel, diesen Konflikt zu lösen, ist die Neuigkeit in der Novelle eher ein Aufhänger, der Anlass für den Prota, an seinem bisherigen Leben etwas zu ändern. Einen echten zentralen Konflikt muss es nicht geben, die Novelle strebt nicht auf eine Lösung zu, sondern von einem Ausgangspunkt weg.

So könnte ein Gespräch mit einem Weltenbummler einen eher sesshaft veranlagten Protagonisten zum Träumen bringen. Immer deutlicher fühlt er in seiner Heimat ein Unwohlsein, bis er schließliche einfach seine Koffer packt, um eine Weltreise zu unternehmen.

Für die Novelle ist also wichtiger, wie das auslösende Ereignis auf den Prota wirkt und welche Folgen es nach sich zieht, als die Frage, ob und wie er ein essentielles Ziel erreicht.

Wenn Peter von seiner Frau verlassen wird, kann das einen Konflikt in ihm auslösen. Er will nicht einsam sein und sie zurückerobern. Die Kurzgeschichte oder der Roman erzählen, wie Peter versucht, diesen Konflikt zu lösen, wie er also seine Frau zurückgewinnen will und ob und wie das funktioniert. Am Ende hat Peter seine Frau entweder zurückerobert oder hat sie endgültig verloren.

In der Novelle aber würde diese Neuigkeit in Peters Leben ihn zum Nachdenken über sein bisheriges Leben anregen und Konsequenzen nach sich ziehen. Er würde sich kein Ziel stellen, sondern einfach etwas verändern. Zum Beispiel all die Träume verwirklichen wollen, die er bisher zugunsten der Ehe nie in Erwägung gezogen hat. Vielleicht kauft er sich endlich das Modellflugzeug, das er immer nur im Geschäft bewundert hat. Je häufiger er damit spielt, desto mehr wünscht er sich, einen echten Flieger zu pilotieren. Er nimmt Flugstunden …

Eine typische Ausgangslage für eine Novelle finden wir recht häufig in Filmen: Der Protagonist erfährt von heute auf morgen, dass er unheilbar an einer tödlichen Krankheit erkrankt ist. Natürlich ist das an sich ein dramatischer Konflikt, aber keiner, der sich als zentraler Konflikt, den es zu lösen gilt, anbietet. Der Tod des Protas ist vorgezeichnet. Die Nachricht davon eignet sich also gerade deshalb sehr gut für eine Novelle.

Besonders fein gesponnen sind meiner Meinung nach aber die Novellen, deren Neuigkeit eine scheinbar unbedeutende ist und bei der die Veränderungen, die sie bewirkt, sich schleichend einstellen.