Weihnachtsvorsätze

Weihnachten steht fast schon wieder vor der Tür, das Jahr geht zu Ende. Ich wünsche mir von mir, sowohl dieses Blog als auch diverse Manuskriptseiten nach und nach wieder mit Leben zu füllen. Dieses hier soll eine Art Startschuss sein, wenn ich mir auch eingestehen muss, dass ich vermutlich nur sehr langsam aus den Startlöchern kommen werde. Aber besser als gar nicht.

 

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Das Über-Ich

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Das Über-Ich“, die in der Geschichtenweber-Anthologie „Optatio Onyx – Wünsche des Verderbens“ im Web-Site-Verlag erschienen ist.

Adrian fehlen vor allem zwei Dinge: Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus glänzt er nur durch Schüchternheit. Als er sich durch ein Kaufhaus in Frankfurt schleicht, um die Bedürfnisse seiner geschenksüchtigen Frau zu befriedigen, wird er fast von einem Mann überrannt, der vor einer Rockerbande flüchtet.
Adrian findet einen geheimnisvollen Armreif, den vermutlich der Verfolgte verloren hat. Von nun an wird sich sein Leben gründlich ändern.

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Adrian begann den Haufen nutzlosen Krams zu durchsuchen, der sich zu Schleuderpreisen vor ihm auftürmte: bunte Kämme, grüne und rote Plastikbecher, Haarspangen in allen Farben … Nichts davon taugte auch nur annähernd für den erwarteten Liebesbeweis. Dann sah er diesen schwarzen Stein zwischen der Billigware glänzen. Er griff danach und zog einen Armreif hervor. Das war es wohl, was dem armen Mann vom Handgelenk gefallen war. Er sah ein wenig zu wertvoll aus für einen Wühltisch: ein schwarzer halbmondförmiger Stein mit weißen Verzierungen. Adrian kannte sich mit Schmuck nicht aus und hatte keine Ahnung, um welche Art Stein es sich handeln könnte. Nur wusste er, dass er ihn eigentlich seinem Besitzer zurückbringen müsste. Als er an den Verfolgten dachte, fröstelte ihn.

Er strich mit dem Finger über den Reif und ein leichtes Kribbeln breitete sich in seiner Hand und dann in seinem Arm aus. Vielleicht sollte er erst einmal sicher gehen, ob der Armreif nicht doch schon hier gelegen hatte. Er ging zur nächstgelegenen Kasse und stellte sich ans Ende der Schlange.

»Entschuldigung?«
Die Kassiererin hatte sich, als er an der Reihe war, zu einer Kollegin umgedreht und begonnen über ein Telefonat mit ihrem Liebsten zu erzählen. Jetzt drehte sie sich zu ihm um und musterte ihn genervt.
»Entschuldigen Sie bitte, ich will wirklich nicht lange stören. Ich wollte nur fragen, ob dies hier«, er zeigte den Armreif vor, »zu Ihrem Sortiment gehört.«
»Wo haben Sie es denn gefunden?«
»Dort auf dem Wühltisch.«
Die Kassiererin zögerte einen Moment, ließ den Blick ihrer rehbraunen Augen noch einmal an Adrian heruntergleiten, strich dann ihr blond gefärbtes Haar zurück und sagte: »Natürlich gehört das zu unserem Sortiment.«
»Es ist nur, weil kein Preisschild dran war.« Seine Stimme wurde immer leiser. Er fingerte am Gestell seiner Brille herum. »Und dann war da dieser Mann, der …«
»29,99.«
»Wie bitte?«
»Es kostet neunundzwanzig Euro und neunundneunzig Cent.«
Die Kollegin der Kassiererin versuchte ein Kichern zu unterdrücken.
»Sind Sie sicher?«
»Wollen Sie es nun kaufen oder nicht?« Die Verkäuferin machte Anstalten, sich wieder umzudrehen.
»Hier wollen auch noch andere Leute einkaufen«, hörte Adrian eine keifende Stimme hinter sich. Er drehte sich gar nicht erst nach ihrer Besitzerin um, kramte das Portemonnaie aus der Innentasche und zählte dreißig Euro auf den Kassentisch. »Stimmt so, vielen Dank.«

Warum war er nur immer so ein Weichei? Er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als wenigstens ein bisschen selbstbewusster zu sein. Er blieb stehen, drehte sich um, ging zurück. Diesmal stellte er sich nicht an. Und er sprach so laut, dass es die gesamte untere Etage hören musste.
»Wissen Sie, Sie können das Geld behalten. Kaufen Sie sich etwas Schönes dafür. Aber denken Sie nicht, ich hätte nicht bemerkt, dass Sie mich verarscht haben. Was sind Sie nur für eine erbärmliche Kreatur. Glücklicherweise komme ich nicht aus Frankfurt, denn bei Ihnen wollte ich sicher nicht noch einmal einkaufen!«

Er fühlte sich gut, fühlte sich … so hatte er sich noch nie gefühlt. Sicher, irgendwie. Stark, ein bisschen. Er störte sich nicht daran, was die Kaufhausangestellte jetzt von ihm dachte. Ihn störten auch die Blicke der anderen Kunden nicht, die ja nicht wissen konnten, warum er gerade so laut geworden war. Ja, er war laut geworden. Wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben. Und er konnte sich gar nicht erklären, warum.

Jedenfalls hatte er jetzt die richtige Kleinigkeit für Isabell. Natürlich wusste er, dass der Armreif eigentlich dem armen Verfolgten gehören musste. Doch selbst um den wollte er sich jetzt nicht weiter kümmern. Was ging ihn das Leid des Fremden an? Adrian hatte keine Lust, weiter durch Frankfurts Einkaufszentren zu latschen. Außerdem war er gerade dreißig Euro für den Armreif des Mannes losgeworden. Er hatte ihn also rechtmäßig erworben. Und er musste zum Bahnhof.

Er hatte eine Platzkarte für einen Sitz im Nichtraucherabteil am Fenster in Fahrtrichtung. Es war nicht ungewöhnlich, dass es Menschen gab, die darauf keine Rücksicht nahmen. Schon auf der Hinfahrt am Freitag hatte er seinen Platz einer dicken Frau überlassen müssen, weil er es einfach nicht übers Herz gebracht hatte, seinen Anspruch geltend zu machen. Diesmal saß ihm ein junger Mann etwa in seinem Alter im Weg und rauchte. Alle anderen Plätze waren noch frei, schließlich fuhr der Zug erst in knapp zwanzig Minuten.
»Guten Tag. Sie sitzen auf meinem Platz.«
Der Raucher blickte ihn amüsiert an. »Das tut mir leid. Aber vielleicht könnten Sie sich woanders hinsetzen? Es ist ja alles frei. Und mir wird schlecht, wenn ich nicht am Fenster sitzen kann«, sagte er, und als er dem Blick Adrians zum zweiten Fensterplatz folgte, fügte er noch hinzu: »In Fahrtrichtung.«
Adrian war ganz ruhig. »Sehen Sie, guter Mann: Eigentlich ist es mir scheißegal, ob Ihnen von Ihrem Platz oder Ihrer Zigarette schlecht wird. Solange es nicht auf dem Platz geschieht, den ich reserviert habe. Da sitze nämlich ich. Sie dürfen also aufstehen, das Fenster öffnen, Ihren Glimmstängel dort hinauswerfen, Ihre Sachen packen und sich einen anderen Fensterplatz in Fahrtrichtung suchen.«
Sein Gegenüber öffnete den Mund, fragte dann aber nicht einmal nach dem Beweis für die Reservierung und tat – in der vorgegebenen Reihenfolge – wie ihm geheißen.
Adrian war selbst verwundert über seine Worte. Doch er fühlte sich dabei sehr wohl. Wie schön wäre es, dachte er, wenn ich das Abteil bis Marburg für mich hätte.

Das war freilich sehr unwahrscheinlich, denn an der Reservierungstafel konnte er ablesen, dass auch die anderen fünf Plätze ab Frankfurt belegt waren. Immerhin schienen das auch die Fahrgäste zu akzeptieren, die sich nun in immer kürzeren Abständen an der Abteiltür vorbeischleppten. Doch als der Zug endlich anruckte, selbst als er den Frankfurter Bahnhof schon eine Weile verlassen hatte, waren die anderen Plätze noch immer nicht besetzt. Vielleicht sind meine Mitreisenden krank geworden, mutmaßte Adrian. Oder verstorben. Das nenne ich Glück. So lässt es sich reisen.

Tatsächlich blieb er bis Marburg allein. So ließ es sich auch verschmerzen, dass er überhaupt mit dem Zug fahren musste. Isabell hatte das Auto gebraucht, weil sie gestern Abend ihre Freundin Marla in Cölbe besuchen wollte. Cölbe! Dahin hätte sie auch zu Fuß gehen können. Während er zur Weiterbildung nach Frankfurt in den überfüllten Zug steigen musste, reiste sie die paar Kilometer in seinem Passat. Aber er ließ ihr ja immer ihren Willen, riss sich den Arsch auf für Madame. Doch damit sollte jetzt Schluss sein.

Bisher hatte er sich eingeredet, er könne froh sein, überhaupt eine solche Traumfrau geehelicht zu haben, und müsse ihr, allein um sie zu halten, jeden Wunsch von den Augen ablesen. Er war aus allen Wolken gefallen, als sie ihm – wenn auch ein bisschen beschwipst – vor genau zwei Jahren und zweihunderteinundzwanzig Tagen ihre Liebe eingestanden hatte, war er doch noch einen Tag zuvor im Glauben gewesen, er sei in der Herrenboutique des Lebens der Ladenhüter schlechthin.

Jetzt war er sich sicher, dass er sich bis heute eindeutig unter Wert verkauft hatte. War nicht Isabell der beste Beweis dafür, dass er gar nicht so ein unattraktiver Kerl sein konnte? Musste sie nicht eigentlich froh sein, jemanden wie ihn ergattert zu haben?

Der Zug fuhr auf dem Marburger Bahnhof ein. Adrian wartete nicht wie üblich, bis sich alle anderen Fahrgäste, die hier aussteigen wollten, an seinem Abteil vorbeigedrängt hatten. Als er seine Sachen beisammen hatte, öffnete er die Tür zum Gang und schob sich direkt vor einer älteren Dame hinaus.
»Müssen Sie so drängeln, junger Mann? Haben Sie denn keine Achtung vor dem Alter?«
»Apropos Alter«, antwortete Adrian. »Wo wollen Sie denn in Ihrem Alter noch so eilig hin? Die Endstation erreichen Sie doch noch früh genug.«
Das ungläubige Kopfschütteln der Oma brachte ihn zum Lachen. Überhaupt fühlte er sich prächtig. Er war ein ganz neuer Mensch, seit … ja, seit er diesen merkwürdigen Armreif gekauft hatte.

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Optatio OnyxTimo Bader (Hrsg.)
Geschichtenweber: Optatio Onyx – Wünsche des Verderbens
Hardcover, 240 Seiten
Web-Site-Verlag, 2005

Klappentext:

Ein Armreif aus Onyx, beseelt von einer bösen Macht …

Ruhelos, von einem dunklen Fluch vorangetrieben, wandert er durch die Welt. Weder die Tiefen des Meeres noch der raue Wind in den Bergen werden ihn jemals aufhalten können, einen Träger zu finden, der seinem Bann erliegen wird. Wenn sein dunkler, geheimnisvoller Glanz ruft, kann niemand an ihm vorüber gehen.

Vor vielen Jahrhunderten gerieten Worte in Vergessenheit, die unsere Urahnen einst in ihrem Herzen trugen:

»Sei gewarnt, Fremder, ihn an dich zu nehmen und mit einem unbedachten Wunsch zum Leben zu erwecken! Denn dann beginnt das finstere Spiel … Plötzlich wird das Undenkbare Wirklichkeit, und kein Verlangen ist zu bizarr, als dass du es vor ihm verbergen könntest … Prüfe deinen Wunsch, Unglücksseliger, denn er könnte in Erfüllung gehen! Verflucht ist er und verflucht sei deine Arroganz, ihn für ein Geschenk der Erde zu halten – den Stein der Egoisten. Verlasse dich nicht auf das Glück, das er dir schenken wird – hast du doch ebenso das Unglück heraufbeschworen …«

Dunkel ist der Fluch, den der Armreif birgt. Jeder Wunsch erfährt eine schreckliche Entstellung. Und jeder Traum, den er erfüllt, führt den Träumenden einen Schritt näher zum Abgrund …

Timo Bader: Das Erbe des Schlangenkönigs
Philipp Bobrowski: Das Über-Ich
Marion Charlotte Mainka: Und kein Makel ist an ihr
Claudia Hornung: Im Zeichen des dunklen Herrschers
Joachim Ranc: Die Zeit der schwarzen Tränen
Mandy Schmidt: Im Reich der Tukona
Claudia Donno: Der perfekte Mann
Ruth Borcherding-Witzke: Sisyphus
Marlies Eifert: Till, der Maler
Jörg Olbrich: Der Dicke und das Biest

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Endlich Urlaub

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Endlich Urlaub“, die in der  Geschichtenweber-Anthologie „Alea³ – Ein Jahr danach“ im Web-Site-Verlag erschienen ist.

Wil Rest ist ein genialer, aber längst unterforderter Privatdetektiv. Von den ewig gleich anspruchslosen Aufträgen gelangweilt, freut er sich auf den Urlaub mit seiner Familie. Doch ein seltsamer Würfel, den ein Botenjunge seiner rührigen Assistentin Marita überbracht hat, kommt ihm dazwischen. Plötzlich findet sich Wil Rest in einer seltsamen Welt wieder.

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Sie hielten vor einem Hot…, nein, das war nicht das richtige Wort dafür. Wil kramte in seinem Gedächtnis. Herberge. So musste man es wohl nennen. Sie hielten also vor einer Herberge. Auf einem Schild, das in seiner Verankerung knarrte, war eine halb geöffnete Tür aufgemalt. Darüber stand in windschiefen Lettern: »Aller Anfang ist schwer«. Ernst führte ihn durch eine dunkle Gaststube, in der nur ein paar vereinzelte Gestalten saßen.
»Dieses Dorf muss eine Art Mittelalterattraktion für Touristen sein«, dachte Wil. »Die Schauspieler sind auf jeden Fall sehr treffend gekleidet.« Er hatte allerdings kaum Zeit, sich umzuschauen, denn Ernst zog ihn nun eine linkerhand gelegene Treppe ins obere Stockwerk hinauf. Er folgte einem schmalen Gang und klopfte an dessen Ende gegen eine Tür, die der Treppe genau gegenüber lag.

»Komm herein, Ernst«, tönte eine kräftige, tiefe Stimme aus dem Innern des Raumes. »Und bring den lieben Herrn Rest gleich mit.«
Stirnrunzelnd trat Will hinter Ernst durch die niedrige Tür. Das dämmrige Zimmer wurde nur durch ein kleines Fenster erleuchtet. Im Schatten neben diesem Fenster, die Lehne der Tür zugewandt, stand ein riesiger Stuhl.
»Nein«, dachte Wil, »das ist wohl eher ein Thron.«
»Na ja«, tönte die Stimme jetzt aus Richtung des Throns. »Ganz so prächtig ist er nicht.«
»Meinen Sie mich?«, brauste Wil auf.
»Nein«, lachte die Stimme. »Den Holzstuhl, auf dem ich sitze und den Sie so freundlich waren als Thron zu bezeichnen.«
»Aber das habe ich doch nur gedacht.« Wil machte seine Situation langsam Angst. Hinter dieser mächtigen Stimme schien sich ein Hellseher zu verbergen und es wollte ihm nicht gelingen, auf die Schnelle eine logische Erklärung dafür zu finden.
»Meine Konzentration lässt Ihre Gedanken zu mir sprechen«, antwortete die Stimme.
Nun bewegte sich etwas in dem Armstuhl. Ein Mann sprang heraus, dessen Beine bis dahin wohl kaum den Boden berührt haben konnten, denn als er nun stand, hatte er Mühe über die Armlehnen seines Sitzmöbels zu schauen. Er trug einen rundum geschlossenen Mantel in einem dunklen Blau, dessen eines Ende in eine Kapuze ausuferte, die dem Kopf des kleinen Mannes die Möglichkeit gab, eine ganze Gruppe seinesgleichen zu sich einzuladen, während das andere Ende in weiten Falten den Staub des Fußbodens aufwirbelte.
»Rebauz«, stellte sich der Liliputaner vor. »Der große Rebauz.«
Wil, der sich noch immer fragte, wie sein Gegenüber es geschafft hatte, allein die Sitzfläche seines Stuhls zu erklimmen, antwortete: »Rest. Wil Rest.«
»Ich weiß. Schließlich sind Sie der Rest, den ich zu mir geleitet habe.«
»Haben Sie schon andere vor mir hierher geleitet?«
»Nein, Sie sind der erste. Wen braucht es noch außer dem großen Rebauz und dem Rest, also Ihnen?«
»Wären Sie dann so freundlich«, fragte Wil mit deutlicher Ungeduld in der Stimme, »mir zu erklären, was ich hier soll?«
»Nun, ich hörte von Ihnen. In Ihrer Welt sind Sie ein bekannter Finder. Und genau so jemanden brauche ich.«
»Ein Finder?«
»Ja, bei Ihnen sagt man wohl Detektiv. Sie suchen nach Dieben und Mördern, Ehebrechern und -brecherinnen, verlorenen Dingen, Tieren und Menschen, Schuld und Unschuld, nach Rätseln und deren Lösungen. Und meist finden Sie, was Sie suchen. Manche meinen, Sie seien der Beste.«
»Und so einen brauchen Sie?« Wil fühlte sich geschmeichelt. Ein Fehler, den er nie ganz abstellen konnte und der ihm schon manch langweiligen Job eingebracht hatte.
»Ganz genau Sie, Rest.«
»Und wer sagt Ihnen, dass ich Ihnen helfe? Meine Frau und meine Tochter warten auf mich. Wir wollen in den Urlaub.«
»Ich weiß, dass Sie nicht ablehnen können. Sehen Sie, bevor Sie Ihre Aufgabe nicht erfüllt haben, kann Sie der Würfel nicht zurückbringen, selbst wenn ich es wollte.«
»Der Würfel … Sie?« Nun war er also doch dem Geheimnis des Würfels auf der Spur. Sonderlich angestrengt hatte er sich dafür allerdings nicht.
»Genau. Sie haben ihn doch noch?«
Wil kramte in der Tasche seines neuen Gewandes. Die Tasche war groß, er versank fast mit dem ganzen Unterarm darin. Doch ganz unten fand er den Würfel. »Gott sei Dank«, entfuhr es ihm.
»Na, dann ist ja alles in Ordnung.«
Der Mann hatte die Ruhe weg. »Wen oder was soll ich denn für Sie suchen?«
»Meinen Sohn. Je schneller Sie ihn finden, desto schneller sind Sie wieder bei Ihrer Familie.«
Richtig, die hatte er fast vergessen. Noch irgendetwas bereitete ihm Sorgen. Er musste lange nachdenken, bis es ihm einfiel: »Ich werde bei der Suche schwerlich erfolgreich sein.«
»Warum nicht?«
»Ohne meine Assistentin, äh, Frau … äh … also Marita, komme ich nicht weit. Sie ist meine Stütze.«
»Sie werden sehen, ich habe an alles gedacht. Nicht umsonst bin ich der große Rebauz. Zwar kann ich Ihnen nicht auch noch Marita herführen, doch ich werde Ihnen meine Gehilfin leihen. Ich habe sie für diese Zwecke etwas angepasst.«
»Hallo, Bossilein«, hörte Wil hinter sich.
»Schnickschnack!«, entfuhr es Wil. Er drehte sich um und das nächste Schnickschnack blieb ihm im Halse stecken. Vor ihm stand Marita. Na ja, Marita in einem Brautkleid. Vermutlich war es das nicht, doch welche Frau trug in Deutschland ein solch wallendes weißes Kleid zu einem anderen Anlass als der Hochzeit? Marita trug meist Jeans. Aber alles andere stimmte: Die walnussfarbenen langen Haare, das kecke, etwas spitznasige Gesicht, der lange schlanke Körper – soweit das Kleid ihn noch erahnen ließ –, die freche Stimme, ja sogar die Gedanken, die ihn überkamen: »Schade, dass ich nicht noch mal vierundzwanzig und unverheiratet sein kann, jetzt auch noch dieses Kleid.«
Rebauz räusperte sich. »Offensichtlich gefällt sie Ihnen. Ich scheine sie erstaunlich gut getroffen zu haben.«
»Ja, ganz erstaunlich. Wie heißt du, mein Kind.«
»Marita, Bossilein, das weißt du doch.«
»Richtig. Ähm … Schnickschnack …«, er wandte sich an Rebauz, »das haben Sie sich ja fein ausgedacht. Was ist denn nun mit Ihrem Sohn?«
»Wie Sie sich denken können, ist es nicht nur mein Sohn.«
»Ich bin mir nicht sicher, was ich mir in diesem Land denken soll, doch wirklich überrascht bin ich nicht. Wie heißt denn die holde Frau Mutter?«
»Mütter.«
»Wie bitte?«
»Das Kind hat mehrere Mütter. Den mächtigen Feenkreis. Das sind sieben.«
»Meine Güte, Sie haben es gut. Aber wie geht das? Haben Sie mit allen gleichzeitig …?«
»Nein.«
»Wie dann?«
»Nacheinander. Die Eizellen der Mütter haben sich in meinem Körper vereint und gemeinsam den Samen gefunden.«
»Aha«, sagte Wil kurz, schüttelte dabei aber den Kopf. »Besonders groß kann der Junge ja nicht geworden sein.«
Marita lachte, der große Rebauz schien die Bemerkung zu überhören.
»Er wurde gezeugt, um dem Land ein mächtiger Beschützer zu sein.«
»Wie heißt es eigentlich?«
»Leiz.«
»Ein merkwürdiger Name für ein merkwürdiges Land.«
»Nein, das Kind heißt Leiz. Das Land heißt Dnal.«
»Auch nicht viel besser.«
»Jedenfalls soll Leiz Dnals Beschützer werden.«
»Verstehe, Sie haben ihn vor jemandem … oder etwas versteckt.«
»Ich sehe, Ihr Gehirn läuft schon auf Hochtouren. Sehr gut, sehr gut.«
Marita gab Wil einen leichten Kuss auf die Wange und flüsterte: »Du bist der Beste, Bossilein.«
Wil spürte, dass er errötete. »Schnickschnack!«
»Es handelt sich um den Zauberer Eigam«, fuhr Rebauz fort. »Wahrscheinlich der mächtigste seines Fachs.«
»Was ist das Besondere an dem Jungen … wie hieß er noch?«
»Leiz«, sprang Marita ein. »Vermutlich ist auch er sehr mächtig. Bei dem mächtigen Vater, den mächtigen Müttern und vor allem der mächtigen Aufgabe gegen den mächtigen Feind.«
»Nicht schlecht, meine Perle, nicht schlecht. Wahrscheinlich ist der Junge sogar außergewöhnlich mächtig. Mächtiger als der Vater, die sieben Mütter und vor allem der böse Zauberer …«
»Eigam«, ergänzte Marita.
»Richtig«, antwortete Rebauz. »Leider ist es tatsächlich so.« Er wirkte ein wenig zerknirscht.
»Was stört Sie daran?«, wollte Wil wissen. »Er ist doch Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere.«
»Natürlich. Und ich bin stolz darauf. Doch das machte es eben nötig, ihn zu verstecken. Jetzt erreicht der Junge bald sein sechzehntes Lebensjahr und seine Macht ist reif, geschult zu werden. Daher muss ich ihn wiederfinden, bevor Eigam das tut.«
»Und Sie wissen nicht, wo er ist?«
»Zunächst wurde er von Rebauz, also mir, und der Höchsten des mächtigen Feenkreises an einem geheimen Ort gehalten. Im Alter von zwei Jahren wurde er von einem Unbekannten versteckt, der von der Höchsten ernannt worden war, damit das Versteck von keinem, der ihm nahe steht, unter Folter preisgegeben werden könnte.«
»Und diese Höchste ist nicht mehr am Leben?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Weil man sie sonst nach dem Unbekannten fragen könnte, der das Versteck ja kennen muss«, antwortete Wil mit sich nicht unzufrieden.
»Sie sind nah dran.«
»Nur nah dran?«
»Der Unbekannte hatte den Befehl, sich sofort, nachdem er den Jungen versteckt hatte, bei der Höchsten der Sieben zurückzumelden. Man riss ihm zunächst die Zunge heraus und als man die Situation erneut überdacht hatte, köpfte man ihn.«
Wil schüttelte sich. Dabei vernahm er ein deutliches Knurren. »Ich bekomme langsam Hunger. Gibt es in diesem verdammten Thal nichts zu essen?«
»Dnal«, verbesserte ihn Marita und zauberte aus dem üppigen Dekolleté ihres berauschenden Kleides einen kleinen Laib Brot und ein großes Stück Rauchfleisch.
»Ich danke dir, meine Perle«, sagte Wil und fuhr, nachdem er ein paar Mal abwechselnd von Brot und Fleisch abgebissen hatte, zu Rebauz gewandt fort: »Wie wollen Sie ihn dann jemals wiederfinden?«
»Sie vergessen, dass wir die Magie beherrschen.«
»Richtig.«
»Einem Magier ist es möglich, Magie aufzuspüren. Vor allem, wenn es verwandte Magie ist.«
»Natürlich.« Wil nickte wissend. »Erklären Sie mir nur eines. Wozu brauchen Sie dann mich?«
»Etwas scheint nicht zu funktionieren. Natürlich musste dafür gesorgt werden, dass das Kind seine Magie unterdrückt, um nicht von Eigam gefunden zu werden. Eine Restspur seiner Magie sollte jedoch für den Vater, also mich, spürbar sein. Doch, wie gesagt, es hat außergewöhnliche Fähigkeiten. Es scheint jede magische Spur so restlos zu unterdrücken, dass auch ich und seine Mütter es nicht zu finden vermögen.«
»Da ich keine andere Möglichkeit zu haben scheine, werde ich Ihnen helfen. Ich glaube nicht, dass Sie, der große Rebauz, in diesem Dorf in einer Herberge leben. Daher gehe ich davon aus, Sie hatten einen guten Grund dafür, mich hierher zu … wie sagten Sie … geleiten? Warum denken Sie, ich sollte hier mit der Suche beginnen?«
»Ich habe mich natürlich schon eine Weile bemüht, den Jungen zu finden. Ich fand heraus, dass es hier in den letzten Jahren immer wieder Vorfälle gab, die zumindest an ein Wunder grenzten, wenn sie es denn nicht sogar waren. Schwerkranke Menschen standen vom Sterbebett wieder auf, manche Krankheiten schienen geradezu einen Bogen um das Dorf zu machen. Einige Menschen werden unnatürlich alt, das Wetter ist hier unglaublich mild, selbst Winterstürme, die die umliegenden Dörfer teilweise in arge Not gebracht haben, berührten Nigeb kaum. Das sind nur einige Beispiele, die aber auf die Anwesenheit einer Macht hindeuten, wie es in Dnal keine zweite gibt. Dennoch konnte ich das Kind hier nicht ausfindig machen.«
»Merkwürdig«, sagte Wil nachdenklich. Er schaute aus dem Fenster, das ein herrliches Abendrot zeigte. Ihm schien noch nicht alles geklärt zu sein, doch er sagte: »Vielleicht darf ich zunächst eine Nacht darüber schlafen. Ich bin schon sehr müde, war es schon, als ich hier angekommen bin. Morgen werde ich meine Ermittlungen beginnen und mich mit Marita im Dorf umhören. Wenn es möglich ist, würde ich mich auch gern mit den Damen des magischen Siebenecks unterhalten.«
»Kreis«, verbesserter Marita.
»Richtig. Dieser ganze Schnickschnack bringt mich völlig durcheinander. Also, Herr Rebauz, wäre Ihnen das recht?«
»Natürlich. Ruhen Sie sich nur erst aus. Ich habe gleich nebenan ein Zimmer für Sie herrichten lassen. Und wenn Sie es wirklich für nötig erachten, den viel beschäftigten Kreis zu befragen, die Burg der Feen liegt nicht weit von hier, am Fuß des Gebirges. Ernst kann sie dorthin bringen, hoffentlich ohne viel Aufsehen zu erregen.«
»Wir werden vorsichtig sein«, antwortete Wil.

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Alea Ein Jahr danachBirgit Käker, Jörg Olbrich (Hrsg.)
Alea³ – Ein Jahr danach

broschiert, 250 Seiten
Web-Site-Verlag
ISBN: 3-935982-05-4

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ein schwarzer Würfel aus Obsidian, der auf jeder Seite eine römische Drei zeigt, seine Finder in fremde Welten entführt hat. Was ist aus denen geworden, die auf eigenen Wunsch nicht zurückgekehrt sind? Wie ist es ihnen ergangen? Haben sie ihre Entscheidung bereut? Dieses Buch gibt die Antworten und zeigt wie unsere Helden die neuen Aufgaben meistern. Aber auch der Würfel ist in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben und hat neue Personen gefunden, die das Abenteuer ihres Lebens erleben.

Zehn Autorinnen und Autoren nehmen Sie mit in lustigen, spannenden, tragischen und gefühlvollen Geschichten.

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