Schon überarbeitet? Pausen machen

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Schon überarbeitet?
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Tippi, die ihr vielleicht noch aus früheren „Schon überarbeitet?“-Artikeln kennt, hat im Unterschied zu mir keine Zeit vergehen lassen. Als der ebenfalls bekannte Herr Schultertipper ihr von den möglichen drei Überarbeitungsschritten erzählt hatte, in denen sie sich nacheinander um Inhaltliches, Stilistisches und Grammatikalisches kümmern könnte, wollte sie sich sofort an die Arbeit machen.

„Stopp!“, rief da der Schultertipper. „Warum so eilig?“
Tippi aber wunderte sich, was der Kerl gegen ihren Arbeitseifer haben könnte. Der wiederum erklärte ihr, sie müsse zunächst einmal eine Pause einlegen, den Text, den sie doch gerade erst geschrieben habe, ruhen lassen, Abstand gewinnen. So viel wie möglich (wenigstens ein paar Tage, besser ein paar Monate), falls nicht viel Zwingenderes als die eigene Ungeduld dem im Wege stünde.

Es ginge darum, dem Text mit so fremdem Blick wie nur möglich wiederzubegegnen, damit sie nicht mehr lese, was sie schreibend gemeint habe, sondern nur, was dort tatsächlich stehe. Dieser Schritt, die Pause für den Text, sei wichtiger Bestandteil der Überarbeitung und auf keinen Fall zu vernachlässigen. Tatsächlich könne man ihn im weiteren Verlauf gern noch einige Male wiederholen, etwa vor jedem weiteren Überarbeitungsschritt.

Ihre Ungeduld, sagte er Tippi, als er die Enttäuschung in ihren Augen sah, könne sie am besten dadurch zügeln, indem sie sich inzwischen einem anderen Text widme: einem, der noch geplant, geschrieben oder nach seiner Pause nun überarbeitet werden müsse.

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Schon überarbeitet? Die drei Durchgänge

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Schon überarbeitet?
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Man nimmt sich ja immer so viel vor. Und dann bleibt beinahe noch mehr liegen. So wie die Artikelreihe zum Überarbeiten, deren letzter Artikel vor fast einem Jahr erschienen ist. Immerhin, wie lang her auch immer, ich versuche meist, die Dinge zu Ende zu bringen. Und damit steht hier der dritte Teil der Reihe „Schon überarbeitet?“ an.

In den bisherigen Teilen hatte ich euch Schreiberline Tippi vorgestellt, die sich von dem wunderlichen Herrn Schultertipper einiges hatte sagen lassen müssen, was die abschließende Überarbeitung ihres Manuskriptes anging. Seufzend hatte sie zur Kenntnis genommen, dass es wohl mit ein paar Korrekturen nicht getan wäre, drängte dann aber darauf, zu erfahren, womit sie denn also beginnen solle.

Herr Schultertipper verwies nun darauf, er habe ja bereits einmal von mindestens drei Überarbeitungsdurchgängen gesprochen. Und das aus gutem Grund, ginge es doch im Wesentlichen um drei Aspekte, die bei der Überarbeitung zu prüfen seien:

  1. inhaltliche,
  2. stilistische und
  3. grammatikalische.

Schultertipper schlug vor, sich zuerst um alles Inhaltliche zu kümmern. Erst, wenn es dort nichts mehr zu tun gebe, könne Tippi sich damit beschäftigen, den bestmöglichen Ausdruck dafür zu finden, um schließlich zu kontrollieren, dass dieser fehlerfrei umgesetzt sei. Jeder der drei Aspekte fördere meist noch einiges an Arbeit zutage, weshalb die Bearbeitung möglichst gründlich und in Ruhe durchzuführen sei.

Und dennoch, so wandte er selbst ein, könne sein Rat im besten Falle Richtlinie sein. Und er wiederholte, dass jeder Autor und jede Autorin anders sei. Manchen ginge es etwa besser damit, bei jeder Überarbeitung auf alle Aspekte gleichzeitig zu achten, und sei es nur, weil es ihnen nicht gelänge, einen davon auszuklammern. Auch, ob jemand weniger oder mehr Durchgänge brauche, sei nicht nur von Autor*in zu Autor*in verschieden, sondern hänge natürlich auch von den Erfordernissen des jeweiligen Werkes ab.

Wichtig sei vor allem, offen zu sein. Wer von vornherein die Erwartung mitbringt, es würden sicher nur ein paar Kleinigkeiten auszubessern sein, verschließt seinen Blick womöglich vor dickeren Patzern. Und solche könnten uns schon im nächsten Teil begegnen.

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Schon überarbeitet? Wie lang denn noch?

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Ich fühle mich fast schon wie George R. R. Martin, so lange wie ihr jetzt schon auf den zweiten Teil der Reihe „Schon überarbeitet?“ warten musstet. Aber adeln wir mich nicht unnötig, sondern legen lieber gleich los, schließlich ist Zeit knapp. Und genau darum soll es in diesem Teil gehen, um Zeit, also darum, wie lange man sein (doch eigentlich schon fertiges) Werk überarbeiten sollte.

Dass eine Überarbeitung mehr ist als eine Fehlerkorrektur, hat der seltsame Schultertipper im ersten Teil schon behauptet, als er Autorin Tippi zur Seite stand. Dann hat er lauter Dinge heruntergerasselt, bis Tippi fürchtete, sie werde ihren Roman länger überarbeiten, als sie überhaupt daran geschrieben hat. Tja, was glaubt ihr, hat da der Schultertipper geantwortet? Er hat mit den Schultern gezuckt. Wohlgemerkt mit seinen eigenen. „Kann passieren“, hat er noch gesagt, und dass alles davon abhänge, welcher der unendlich vielen Autorentypen sie sei, und welche Arbeitsweise sie bevorzuge.

Es gäbe da diejenigen, die keinen Satz schreiben könnten, ohne ihn nicht zwanzigmal im Kopf hin und her gewendet zu haben, bis sie zufrieden seien. Die wären zwar beim Schreiben nicht besonders schnell, aber das, was dann auf dem Papier stünde, sei bereits so perfekt, dass vielleicht schon ein einmaliges Drüberlesen ausreiche, mehr um sicherzugehen. Die akribischen Planer leisteten oft eine so gute Vorarbeit, dass sie am Ende wenigstens vor gröberen Schnitzern gefeit seien. Vielleicht wäre sie aber auch eine derjenigen, die sich beim Schreiben eher treiben lassen und in einer entsprechend längeren Überarbeitungsphase überhaupt erst einmal schauen müssen, was dabei eigentlich herausgekommen ist. Schließlich führte er noch – ohne dabei auch nur im Geringsten die Nase zu rümpfen – diejenigen an, die von vorneherein und ganz bewusst in der Schreibphase jeden inneren Zensor/Lektor ausschalteten und quasi gezielt auf eine zu überarbeitende Rohfassung hinschrieben.

Eine Überarbeitung am Ende, so der Schultertipper, werde man kaum umgehen können, aber wie umfangreich die ausfalle, hänge eben unter anderem von der Überarbeitung ab, die man bereits beim Schreiben vollzogen, und der Vorbereitung, die man schon vor dem Schreibprozess geleistet habe. Am Ende gleiche sich das wahrscheinlich mehr oder weniger aus. Und letztlich zähle sowieso nur das Ergebnis.

Tippi nickte, war aber doch nicht ganz zufrieden, sehnte sich nach Anhaltspunkten. „Überarbeite dein Manuskript in mindestens drei Durchgängen“, sagte der Schultertipper. „Wenn du die Zeit hast, lass es zwischendurch ein paar Wochen liegen. Wenn du nach der letzten Überarbeitung nicht mehr weißt, was du noch besser machen könntest, gib dein Werk an Testleser, damit du es später hinsichtlich ihrer Anmerkungen erneut überarbeiten kannst. Und vergiss, während du diese Punkte abarbeitest, nie, dass nur das Ergebnis zählt!“

„Okay, nur eines noch“, sagte Tippi. „Womit soll ich beginnen?“ Der Schultertipper seufzte und vertröstete sie auf das nächste Mal.

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Schon überarbeitet? Worum geht’s?

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Schon überarbeitet?
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Im ersten Teil der Reihe „Schon überarbeitet?“ soll es darum gehen, was es denn überhaupt so zu überarbeiten gibt, wenn der Roman (oder auch die Kurzgeschichte, die Biografie, der Ratgeber) erst einmal geschrieben ist. Schließlich sind nicht wenige der fleißigen Schreiber und (wie in diesem fiktiven Fall) Schreiberinnen der Meinung, sie hätten sich mit dem Erdenken und Verfassen der Geschichte schon genug überarbeitet. Was soll da also jetzt noch kommen?

„Fehler korrigieren“, werden einige einwerfen, um gleich darauf anzufügen, dass man da ja immer noch was findet. Und die Autorin wird, wenn sie sich denn fit genug in der Rechtschreibung und Zeichensetzung fühlt und solch niederes Handwerk nicht von vornherein der (ebenso fiktiven) Lektorin überlässt, verstehen und froh sein, dass sie jetzt weiß, was zu tun ist.

Doch gerade hat sie sich (erneut) ans Werk gemacht, da tippt ihr ein anderer auf die Schulter und fragt, ob eben dieses Werk denn schon so weit sei, dass der letzte Schritt getan werden könne. Der letzte Schritt? Klar, es ist geschrieben, nun wird es überarbeitet. Aber die Korrektur sei doch nur der letzte Schritt der Überarbeitung, behauptet der Schultertipper, was die Schultergetippte ein bisschen aus der Fassung bringt, da sie jetzt wieder nicht weiß, was zu tun ist.

Der Schultertipper trommelt inzwischen ungeduldig mit den Fingern auf der Getippten (nennen wir sie fortan Tippi) Schreibtisch herum und fragt, ob sie sich denn sicher sei, dass inhaltlich alles passe.  Dass logisch alles nachvollziehbar sei, die Handlung gleichermaßen stringent und spannend. Ob die Figuren sich entwickelten und dabei glaubhaft agierten. Ob dabei ein Ziel verfolgt und nicht aus den Augen verloren werde. Ob Tippi überprüft habe, wo sie eventuell mehr als nötig oder weniger als notwendig geschrieben habe. Und ob ihr jemand vorwerfen könne, sie habe hier und dort nicht gründlich genug recherchiert. Ob der von ihr eingesetzte Erzähler alles richtig mache. Ob die Dialoge stimmig und die Figurenstimmen passend seien. Ob die Sprache reich an Variation und arm an Wiederholung sei. Ob die Formulierungen immer ideal, anschaulich, effizient, passend, unmissverständlich und frei von Stilblüten seien. Ob …

Der Schultertipper fragt weiter und weiter, bis Tippi sich die Ohren zuhält. Wie lang soll denn das dauern? Das, so der Schultertipper, der seinen wahren Namen nicht verrät, soll Thema des nächsten Teils der Reihe sein. Bis dahin sei es nicht verkehrt, mindestens einmal tief durchzuatmen.

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Entern: In Szene setzen

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Ob wir unsere Geschichte nun in Kapitel unterteilt haben oder nicht, der nächstbeste Grund, die Entertaste zu betätigen, ist das Ende einer Szene. Denn in einem gut strukturierten Text werden Szenenwechsel der Übersicht wegen häufig mindestens durch eine Leerzeile sichtbar gemacht. Da ich zu Szenen unter anderm hier schon Artikel verfasst habe, versuche ich mich in diesem Blogbeitrag auf das Wesentliche zu beschränken (was nicht unbedingt meine Stärke ist).

Spricht man von einer Szene, kann man Verschiedenes meinen. Da dieser Beitrag vor allem die Frage behandelt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, eine Szene mithilfe der Entertaste abzuschließen und eine neue zu beginnen, steht nicht nur die Szene im (str)engeren Sinne zur Debatte. Den Aspekt des szenischen Erzählens klammern wir hier demnach aus, betrachten stattdessen Textpassagen hinsichtlich der Merkmale, die sie zu einer in sich geschlossenen Einheit werden lassen.

Klassischerweise sind das vor allem drei:

  • Handlungsort
  • Handlungszeitraum
  • handelndes Personal

Diese drei Kriterien werden auch heute noch gern herangezogen, um einen Szenenwechsel zu identifizieren. Und in der Regel klappt das auch ganz gut. Vor allem Ort und Zeit sind sehr hilfreich, denn praktisch immer, wenn die Handlung von einem Ort zu einem anderen wechselt oder in der Zeit springt, kann man davon ausgehen, dass auch von einer in die andere Szene (hier ganz eindeutig auch im Sinne von Szenerie) gesprungen wird.

Stellen wir uns vor, wir wollen die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin erzählen, der mit dem Zauberer Gandalf und 13 Zwergen aufbricht, den Drachen Smaug zu besiegen. Wir beginnen die Geschichte damit, dass Bilbo vor seiner Hobbithöhle von Gandalf in ein Gespräch verwickelt wird.

1. Szene:

  • Ort: Vor der Hobbithöhle
  • Zeit: Dienstagmorgen
  • Personal: Bilbo, Gandalf

Wenn die beiden ihr Gespräch abgeschlossen haben, geht Bilbo in seine Höhle (oder genauer: Bilbo beendet das Gespräch, indem er sich in die Höhle zurückzieht). Die nächste Szene könnte also direkt im Anschluss in der Höhle spielen.

2. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Dienstagmorgen
  • Personal: Bilbo

Tatsächlich passiert aber für unsere Geschichte am Dienstagmorgen nichts wirklich Wichtiges mehr. Wir lassen daher Bilbo lieber den Rest des Tages und die Nacht über allein und schauen erst am nächsten Tag wieder bei ihm vorbei, wenn etwas geschieht, das unsere Geschichte voranbringt, die Ankunft der 13 Zwerge nämlich.

2. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Mittwochnachmittag (zum Tee)
  • Personal: Bilbo, 13 Zwerge, Gandalf

Der Wechsel von der ersten zur zweiten Szene ist also gekennzeichnet durch Orts-, Zeit- und Personalwechsel. Die Szenerie ändert sich nun für eine ganze Weile nicht, denn die ganze große Gemeinschaft bleibt bis zum Abend in Bilbos Höhle. Natürlich läuft die Zeit weiter, aber einen Zeitsprung gibt es nicht. Den markiert dann erst die Nachtruhe, wenn sich alle zu Bett begeben, und die Geschichte erst wieder am folgenden Vormittag aufgegriffen wird. Zwar bleiben wir vorerst in der Hobbithöhle, aber neben der Zeit hat sich auch die Personalsituation geändert.

3. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Donnerstagmorgen
  • Personal: Bilbo

Ich denke, das Prinzip ist klar. Mindestens eines der genannten Kriterien ändert sich (wobei in der Regel nur deutliche Veränderungen von Bedeutung sind) und wir erkennen einen Szenenwechsel.

Wer die Geschichte kennt, merkt aber vielleicht schon, dass zumindest die Personalsituation nicht immer so deutlich ist. Wären wir streng, müssten wir die zweite Szene in viele bedeutend kürzere aufteilen, denn Bilbos Besucher kommen nicht alle auf einmal, sondern in kleinen Grüppchen. Auch beginnt die Szene natürlich nicht unmittelbar mit dem Eintreffen der Zwerge. Und wer Bilbos Geschichte nicht nur aus dem Kino kennt, weiß außerdem, dass sich in der Buchvorlage die Personalsituation in der von mir so benannten 3. Szene schnell ändert, weil Gandalf den Hobbit schon nach weniger als einer Buchseite wieder aufsucht. Ganz abgesehen von den einleitenden Worten, die unserer 1. Szene vorangehen. Ganz so einfach ist es also doch nicht.

Halten wir erst einmal fest, dass Orts-, Zeit- und Personalwechsel eher eine grobe Orientierung darstellen. Zum einen, weil es Ein- und Überleitungen gibt, die Szenen in einen Kontext stellen, also dafür sorgen, dass es keine Brüche vor, nach und zwischen den Szenen gibt, die den Leser möglicherweise verwirren könnten. Zum anderen, weil diese Szeneriemerkmale eher als Hilfsmittel anzusehen sind.

Wir könnten uns eine – zugegebenermaßen ungewöhnliche – Geschichte vorstellen, in der immer dieselben Figuren anwesend sind, in der es keine Zeitsprünge gibt und der Handlungsort nicht wechselt. Etwa eine Art Kammerspiel mit einem Ehepaar, das ausschließlich in der Küche der beiden spielt und in einem Zeitrahmen von drei Stunden abläuft. Besteht die Geschichte dann nur aus einer Szene? Oder werden dann einfach beispielsweise sehr kurze Zeitsprünge bedeutsam? Sie lassen sich sicher finden und können Anhaltspunkte sein. Vor allem wird aber nun deutlich, wie sich Szenen tatsächlich voneinander abgrenzen.

Schauen wir uns noch einmal Bilbos Geschichte an. Was passiert da eigentlich inhaltlich, also auf der Handlungsebene? In der ersten Szene wird Bilbo von Gandalf in ein Gespräch verwickelt, in dem der Zauberer ihm erklärt, er wolle zu einem Abenteuer aufbrechen und den Hobbit mitnehmen. Bilbo wird von Gandalf in seiner Ruhe gestört und sogar dazu aufgefordert, diese Ruhe für lange Zeit, vielleicht für immer aufzugeben. Bilbo will davon nichts wissen und den Zauberer loswerden. Er ficht einen Konflikt aus, den er schließlich beendet, indem er in seine Höhle verschwindet, so schnell es die Höflichkeit eben erlaubt. Damit ist auch die Szene zu Ende.

Die Szene beginnt also mit einer Ausganssituation, in die ein Ereignis hereinbricht (Gandalf taucht auf und quatscht den Hobbit zu), das einen Konflikt auslöst. Und die Szene endet, wenn der Konflikt zumindest vorläufig gelöst wird (nicht selten wird hier ein Konflikt zum Schwelen beiseite geschoben). Das bedeutet, die Szene besitzt einen Spannungsbogen. Das wiederum bedeutet, die Szene stellt einen in sich geschlossenen Handlungsabschnitt dar.

Auch die zweite Szene besitzt einen Spannungsbogen: Bilbo, schon im Glauben, er könne den Vorfall des Vortags vergessen, wird erneut überfallen. Und diesmal drängen die noch aufdringlicheren Zwerge auf eine Entscheidung. In Bilbo beginnt eine Stimme lauter zu werden, die sich doch nach einem Abenteuer sehnt. Er fällt schließlich tatsächlich eine Entscheidung (die in Film und Buch unterschiedlich ausfällt). Das Ende der Szene bestärkt dem Eindruck, diese Entscheidung sei endgültig.

Szenen sind also in sich geschlossene Handlungsabschnitte, die im Idealfall dem Prinzip eines Spannungsbogens folgen. Das gilt ganz besonders für solche Szenen, die tatsächlich auch szenisch inszeniert sind. Aber auch narrative Szenen und solche Abschnitte, die eher eine zusammenfassende Überleitung darstellen (etwa eine weitgehend ereignislose Reise von einem Handlungsort zum nächsten) haben häufig einen Spannungsbogen, wenn auch möglicherweise einen recht flachen (Konflikt: Der Protagonist muss von A nach B kommen; Lösung: Der Protagonist hat B erreicht).

Dass sich der Szenenwechsel häufig an Ort, Zeit und Personal ablesen lässt, hängt einfach damit zusammen, dass die Szenenkonflikte, die die Szenenspannungsbögen bestimmen, von jeweils ganz bestimmten Figuren ausgetragen werden, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort aufhalten. Rückt eine neue Szene einen neuen (oder wieder aufgeneommenen) Konflikt in den Fokus, ändern sich dementsprechend auch die konfliktbestimmten Parameter.

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Philvent – die siebte Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Als Herr Aves von der Reise heimkam, lag sein Häuschen im Schnee begraben. Nicht einmal die kleinste Ecke des roten Daches schaute mehr heraus. So nahm er eine Schaufel und begann, die weißen Massen beiseite zu räumen. Nach wenigen Minuten betrachtete er sein Werk. Er ging hinein.

Herr Aves brachte eine Schnur mit hinaus und besfestigte das Häuschen an einem dicken Ast. Dann bestreute er den Boden dick mit Vogelfutter und wartete auf seine ersten Besucher.

Der Minitipp: Am Pranger

© Sanjay Deva
© Sanjay Deva
© Sanjay Deva

Niemand, der heutzutage (s)ein Werk selbst verlegt, sollte dafür von vornherein an den Pranger gestellt werden. Doch eines muss sich der Selbsverleger ernsthaft bewusst machen: Wer unabhängig veröffentlicht, gibt dennoch ein Recht ab – das Recht nämlich, einem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Entern: Kapitel oder Kapitulation?

Entern, Foto: Patryk Kosmider
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Viele Autoren – und nicht nur solche, die sich noch am Anfang ihrer Schreibkarriere sehen – haben mit diesem Kapitel der Schreiberei so ihre Schwierigkeiten. Die Frage, wo man die Entertaste drückt und eventuell sogar einen Seitenumbruch einfügt, um im Anschluss ein neues Kapitel zu starten, lässt so manchen unsicher werden, einige verzweifeln und diesen oder jene sogar kapitulieren. Kein Wunder, dass in eben dieser Frage so oft Rat gesucht wird, meist in der Hoffnung, es gäbe Regeln, die die Entscheidung erleichtern oder gar abnehmen. Diese Hoffnung muss ich dem werten Leser dieses Artikels leider gleich wieder nehmen. Regeln für die Kapiteleinteilung gibt es nicht (es sei denn, ein Auftraggeber gibt sie vor). Außer einer vielleicht – aber nein, auch das geht, wenn der Autor es so möchte:

Philipp schrieb …

KAPITEL 2

… das Kapitel zu Ende. Er ließ sich durch angebliche Regeln nicht verwirren.

Dem kreativen Autor sind also letztlich keine Grenzen gesetzt, was ja nichts Schlechtes ist. Was dieser Artikel leisten kann, ist, die Furcht, Fehler zu begehen, nehmen und einige Anregungen geben. Das werde ich hier ein wenig zusammenfassend tun, denn an anderer Stelle bin ich bereits ausführlicher darauf eingegangen.

Zunächst – das lässt sich eigentlich schon ableiten – ergeben sich Kapitel in aller Regel nicht notwendigerweise aus der Entfaltung der Geschichte, des Plots bzw. des Spannungsbogens. Soll heißen, anders als etwa Szenen sind Kapitel nicht grundlegender Bestandteil der Erzählstruktur, wir benötigen sie nicht bei der Planung einer Geschichte, und die Geschichte lässt sich auch ohne Kapitel erzählen. Anders gesagt, Kapitel sind im Grunde genommen nicht wichtig, richten sich lediglich nach dem Bedürfnis des Lesers, große Textmengen weiter zu unterteilen, ihnen eine zusätzliche Strukturierung aufzuerlegen, nicht zuletzt, um Atem holen und Lesepausen einlegen zu können. So wie wir uns auch besser zurechtfinden, wenn wie unsere Bücher, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Dokumente usw. nicht einfach in riesigen Kisten lagern, sondern sie bestimmten Ordnungsprinzipien folgend in Regale, Schränke, Kühlschränke und Schubladen sortieren.

In unserem Falle der Kapitel ist es der Autor, der das Ordnungsprinzp vorgibt. Und da haben wir dann, wenn auch keine Regel, so zumindest eine Richtlinie: Wenn sich in der Wahl der Kapitelbegrenzung (wenigstens mit gutem Willen) eine absichtsvolle Struktur erkennen lässt, kann das zumindest nicht schaden.

Damit sollte auch klar sein, dass Aussagen über die Länge der Kapitel wie „etwa zwanzig Seiten, keinesfalls mehr als dreißig, mindestens aber zehn“ allesamt nicht haltbar sind. Bestimmend für die Länge jedes einzelnen Kapitels ist letztlich das vom Autor gewählte Prinzip, das der Strukturierung zugrunde liegt. Richtig ist, dass es unterschiedliche Geschmäcker gibt, was die Kapitellänge angeht und für diese kann ein Kapitel zu lang, zu kurz oder genau richtig sein. Wenn es die gewählte Struktur zulässt, kann man also darauf achten, eher ein gesundes Mittelmaß anzustreben. Ob dabei relativ gleich lange Kapitel herauskommen oder aber das eine zwei, das andere 75 Seiten hat, ist wiederum der gewählten Struktur zu verdanken.

Wie man strukturieren kann, hängt schließlich von der Geschichte ab, die man erzählt. Wie sollte es auch anders sein. Denn natürlich ist es wenig sinnvoll, eine Geschichte, deren Handlung keine oder nur wenige Ortswechsel beinhaltet, ortsgebunden zu strukturieren. Die folgenden Möglichkeiten der Kapiteleinteilung werden also jeweils nur zu bestimmten Geschichten passen, sind ohnehin nur eine naheliegende Auswahl und daher nur zur Anregung gedacht.

Vorher sei noch angemerkt: Manche dieser Einteilungen legen nahe, Kapitelüberschriften zu verwenden. Generell ist auch das Geschmackssache. Der (zumindest gefühlte) Trend zur einfachen Nummerierung dürfte vor allem dem Bestreben geschuldet sein, dem Leser auch nicht den geringsten Vorausblick auf den Kapitelinhalt zu gewähren.

  • Die Einteilung kann sich an der Dramaturgie orientieren, indem sie beispielsweise bestimmte wichtige Ereignisse in den Mittelpunkt jedes Kapitels stellt (das Kapitel, in dem der Mord geschieht, in dem der Protagonist seine alte Liebe wiedertrifft, in dem die Gefährten sich im Wald verirren, in dem das Heer des Königs in die Schlacht zieht, in dem die Konferenz stattfindet, in dem die Situation zwischen der Protagonistin und ihrem Partner eskaliert, …).
    Es geht dabei nicht darum, pro Kapitel nur ein Ereignis ablaufen zu lassen, es geht um ein zentrales Ereignis, auf das die Dramaturgie zuläuft (Kapitel 1 berichtet von allen Ereignissen, bis der Mord den Fall für den Protagonisten ins Rollen bringt, Kapitel 2 von all den Ereignissen, die folgen, bis dem Protagonisten erste Zweifel an der Schuld des bisherigen Verdächtigen kommen, …). Darin liegt nämlich häufig das Problem begründet, wenn Autoren das Gefühl bekommen, die eigene Dramaturgie gebe ihnen ausgesprochen kurze (und viele) Kapitel vor.
  • Hat man mehrere Handlungsstränge, ist eventuell eine Kapitelunterteilung möglich, die sich an diesen orientiert. Sind die Wechsel zwischen den (Haupt-) Handlungssträngen nicht zu häufig (sehr kurze Kapitel), kann jeder Wechsel ein neues Kapitel markieren. Denkbar ist aber auch, dass pro Kapitel alle Stränge einmal an der Reihe sind.
  • Spielt die Romanhandlung an mehreren verschiedenen Handlungsorten oder wechselt regelmäßig zwischen einigen Orten hin und her, kann auch das Anlass zum Kapitelwechsel sein.
  • Macht die Romanhandlung häufig Zeitsprünge oder spielt Zeit auf andere Art und Weise eine wichtige Rolle im Roman (etwa ein Countdown) kann natürlich auch die Kapiteleinteilung dieser zeitlichen Strukturierung folgen und sich etwa an Uhrzeiten, Wochentagen, Datumsangaben, Monaten, Jahreszeiten oder Jahreszahlen orientiern.

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Entern: Bücher im Buch

Entern, Foto: Patryk Kosmider
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Zum ersten Mal während dieser Reihe schlüpfen wir zwischen die Buchdeckel. Wir schlagen das Inhaltsverzeichnis auf und finden in manchen Fällen mehrere Bücher im Buch.

Erstes Buch steht dann da. Und zweites Buch. Und manchmal geht es so weiter.

Möglicherweise handelte es sich dabei in einer originaleren Ausgabe tatsächlich einmal um mehrere Bücher, die nun in einem Band zusammengefasst wurden. Oder der Autor (vielleicht auch das Lektorat) hielt es für sinnvoll, den vorzugsweise langen Roman noch oberhalb der Kapitelebene weiter zu unterteilen. Und statt 1. Teil, 2. Teil, … heißt es dann eben 1. Buch, 2. Buch, … Klingt wahrscheinlich besser und gibt obendrein einen epischen Touch.

Aber ob Teile oder Bücher, eine Strukturierung die in irgendeiner Weise sinnvoll, besser noch logisch erscheint, ist natürlich wünschenswert. Die Kriterien hierfür können ähnlich vielfältig sein wie für die Kapiteleinteilung (kommt noch; alternativ hier schon mal schauen: Link), also neben inhaltlichen etwa zeitliche oder örtliche.

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Entern: Band für Band

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Ehrlich gesagt, jetzt, da dieser Artikel an der Reihe ist, frage ich mich selbst, was ich dazu schreiben soll. Na, wir werden sehen, ob möglicherweise sogar etwas Brauchbares zusammenkommt.

Über Reihen und Serien haben wir schon gesprochen, weshalb ich sie hier ausklammern will, obwohl man natürlich auch hier bei den einzelnen Teilen von Bänden spricht, sofern wir uns auf verschriftlichte Werke beziehen.

Gleichwohl trennt man gewöhnlich Romane, die als Mehrteiler erscheinen (man nennt sie auch Romanzyklen), deutlich von Reihen oder Serien. Wie sinnvoll das ist, mag jeder selbst entscheiden, denn in Wahrheit lässt sich kaum ein ausschließliches Kriterium finden, das das eine deutlich vom anderen abgrenzt. So gilt auch für die folgende Liste, dass keines ihrer Elemente automatisch bedeutet, wir hätten es mit einem Zyklus zu tun, keinesfalls mit einer Reihe oder Serie (beides könnte man auch einfach als Oberbegriff betrachten). Ebensowenig ist garantiert, ein Werk, das als Zyklus bezeichnet wird, weise all diese Eigenschaften auf.

Als mehr oder weniger typisch für mehrteilige Romane (wie sie uns allen voran die Fantasyliteratur beschert) im Vergleich zu Serien/Reihen kann immerhin betrachtet werden:

  • Romanzyklen stammen in der Regel aus der Feder eines Autors/einer Autorin,
  • Romanzyklen umfassen in der Regel wenige Teile (Zweiteiler [selten: Dilogie], Trilogie, Tetralogie, Pentalogie, …),
  • die einzelnen Teile entsprechen im Umfang vollständigen Romanen.

Wer einen Romanzyklus verfassen will, kann sich ansonsten durchaus an dem orientieren, was ich zur Serie geschrieben habe: Mehrteiler erzählen meist eine fortlaufende Geschichte. Ein Spannungsbogen verläuft also vom Beginn des ersten Teils bis zum Ende des letzten. Je nach Konzept ist jeder einzelne Teil außerdem mehr, weniger oder gar nicht in sich abgeschlossen.

Es kommt allerdings durchaus vor, dass Mehrteiler eher einem Reihenkonzept ähneln. Hier sind es dann nur bestimmte Rahmenbedingungen, die den Zusammenhang der einzelnen Teile begründen, etwa lokale oder personale Übereinstimmngen, während das Erzählte ansonsten vollkommen für sich steht.

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Entern: In Serie

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Nach dem vorhergehenden Artikel dürfte es keine große Überraschung mehr sein: Will man zwischen Reihe und Serie unterscheiden, ist letztere wohl eher diejenige, die über die einzelnen Episoden hinaus eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Mal mehr, mal weniger kann das so weit gehen, dass der Leser oder Zuschauer, der nicht von Beginn an dabei ist oder einzelne Folgen verpasst, Schwierigkeiten bekommt, den Gesamtzusammenhang zu verstehen.

Im Idealfall folgt eine solche Serie also einem übergeordneten Spannungsbogen, der durch einen Konflikt entsteht, der erst mit dem Abschluss der Serie gelöst wird. Jede einzelne Folge stellt einen Schritt auf dem Weg, dieses Ziel zu erreichen, dar, ist also ein Teilstück der großen Spannungsbogens.

Darüber hinaus kann es sein, dass jede Episode außerdem ihre eigene Geschichte erzählt. Ein Konzept, das mir persönlich besonders gut gefällt und für das es ein exzellentes Beispiel gibt: Raumschiff Voyager!

Die Crew, gestrandet in einer fremden Galaxie weit entfernt von der Heimat, folgt in jeder Episode dem großen Ziel, zur Erde zurückzukehren. Dazu kommt der jeweilige Episodenkonflikt, der mit dem übergeordneten Konflikt in direktem Zusammenhang steht (also auch diesen voranbringt), in der Regel Inhalt einer einzelnen Folge ist, sich aber auch hin und wieder über zwei oder drei Folgen entwickeln kann. Auch die Episodenkonflikte können Auswirkungen auf spätere Serienfolgen haben oder sogar erneut aufgenommen werden.

Schließlich fokussiert jede Folge auf einzelne Crewmitglieder, deren individuellen Konflikte somit als Nebenkonflikte wirken. Auch diese können Nebenstränge bilden, die sich über mehrere Episoden entwickeln und/oder wiederaufgenommen werden können.

Ein reizvolles Konzept also, das dem Schreibenden zahlreiche Möglichkeiten bietet, den Konsumenten bestens bei Laune halten kann.

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Sechser im Motto: Essstörung

Sechser im Motto, Foto: javarman
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Aufgabe:
Suche dir bitte einen/eine Protagonisten/in aus deinen Werken aus. Er/sie hat riesigen Hunger und bereitet sich gerade eine Mahlzeit zu. Doch er/sie wird durch irgendetwas abgelenkt und das Essen verbrennt. Wie wird er/sie reagieren? Was wird er/sie sagen?

Kerstin Gier

Jeder weiß, dass man Raubtiere nicht beim Fressen stören darf. Nur jemand mit Todessehnsucht wäre so leichtsinnig, einem über eine Gazelle gebeugten Löwen einen Artikel über Frau Harkels Neffen, seine Frau und seine Milchkühe aus der Friesischen Bauernpostille ins Ohr zu brüllen und gleich danach das komplette Angebot von Tchibo runterzubeten. Allerdings würde der Löwe unter diesen Umständen auch nicht ans Telefon gehen. Und ich war wohl kein Raubtier, auch wenn ich Hunger hatte wie ein Bär und meine Mutter gerne angeknurrt hätte.
„…in grün und türkis. Und sehr praktische, emaillierte Töpfe in vier Größen und einen Toaster und Schals mit Blümchenmuster …“
Ein unangenehmer Geruch stach mir in die Nase, und ich stürzte zum Herd. Meine Gazelle! Bitte nicht!
„Mama, ich ruf dich später noch mal an, der Milchreis brennt an!“
„Der Milchreis brennt an?“, wiederholte meine Mutter unverkennbar beleidigt, und mir fiel zu spät ein, dass sie genau das immer sagte, wenn sie ein Gespräch mit Tante Friederike beenden wollte oder mit einem dieser bedauernswerten „Sie haben gewonnen!“-Anrufer.
Bevor ich ihr erklären konnte, dass ich WIRKLICH Milchreis kochte, hatte sie schon aufgelegt. Es würde Monate dauern, bis sie mir das verziehen hatte. Wenigstens war die obere Hälfte des Milchreises noch genießbar. Die untere würde ich mitsamt dem Topf nach dem Essen in die Mülltonne werfen. Und danach konnte ich ja bei Tchibo einen neuen Topf kaufen, einen von diesen praktischen, emaillierten.

Jürgen Seibold

Gottfried Froelich träumte das Rezept in Ruhe zu Ende, und als er wieder erwachte, hatte sich ein beißender Geruch in der Küche ausgebreitet. Auf den Herdplatten schmurgelte eine bräunliche Pampe, rund um den Soßentopf zischte und rauchte es eindrucksvoll. Gottfried tappte schlaftrunken hinüber, griff nach dem Topf, schleuderte ihn sofort fluchend zurück auf den Herd, schlurfte zur Spüle und ließ kaltes Wasser über seine schmerzenden Hände laufen. Während er seiner Haut dabei zusah, wie sie sich rötete und in Blasen warf, kam ihm die Idee: Müssten nicht die Hände den Täter überführen? Müsste der Mörder sich nicht die Finger verbrannt haben, als er den heißen Topf auf Roswitha schleuderte?

Claudia Siegmann

Das Leben an Bord brachte es mit sich, dass gute Manieren früher oder später gegen ein paar deftige Seemannsflüche eingetauscht wurden. Und Biba war schon lange Matrosin auf der Merry Mary May. So blickte also niemand verwundert auf, als die Kombüsentür aufschwang und mit dichtem, schwarzem Qualm auch eine Auswahl Bibas übelster Flüche hervorquoll.

Carsten Steenbergen

Das Telefon klingelte, als die Putenbrust in der Pfanne längst einen karamellbraunen Farbton angenommen hatte. Angemer wischte sich seufzend die Hände an der Schürze sauber.
„Angemer.“
Eine Stimme am anderen Ende der Leitung gab eine Anweisung durch. Er lauschte, ohne zu unterbrechen.
„Verstehe. Treffpunkt Java Eiland. Ich bin in zehn Minuten da.“
Der Duft von Verbranntem, vermischt mit dem aromatisch stechenden Aroma der Lauchzwiebeln, zog durch die Küche. Der Kommissar legte auf und warf einen Blick auf das geschwärzte Fleisch. Nach dem verhinderten Attentat an der Amstel am frühen Abend hatte er gehofft, ein wenig Ruhe zu bekommen. Eine Ruhe, die bitter nötig war. Er spülte den Speichel in seinem Mund mit einem Schluck Bordeaux herunter. Die Flamme unter der Pfanne erlosch.
„Verdammter Job. Irgendwann holen sie mich sogar vom Klo herunter.“
Anscheinend war das große Spiel nicht vorüber. Der Agent vom AIVD, Willem van den Dragt, hatte so etwas angedeutet. Amsterdam sah einem Wirbelsturm entgegen. Und ihm, gottverflucht noch mal, war nicht einmal der stille Moment in dessen Auge vergönnt.

Helene Luise Köppel

Ich stand auf und schlich in die Küche, um mir Milch warm zu machen. Die Standuhr schlug vier. Da kam mir plötzlich ein irrwitziger Gedanke – es fällt mir schwer, genau zu erklären, was in diesem Augenblick in mir vorging: Ich folgte einem inneren Drang, der keinen Aufschub zuließ, eilte in den Keller und suchte den Stapel mit Altpapier, den Henri vor unserer Abfahrt nach Collioure dort deponiert hatte.

Als ich zurückkam, war die Milch übergelaufen. Es stank fürchterlich. Rasch schaltete ich den Herd aus, packte mit bloßen Händen den Topf am Stiel und stellte ihn in den Ausguss, wobei ich mir die Finger verbrannte. Wütend über meine Nachlässigkeit und Dummheit riss ich das Fenster auf …

Imre Török

Der Nomade Traminer reitet allein seit Tagen, ist unterwegs nach Vorderhinterasien, um dort die Prinzessin Gewürzlands zu besuchen und sie zu heilen.
Abends bereitet er am Lagerfeuer, was er tagsüber geangelt hat.
Durch den Duft des gebratenen Fisches wird ein Bär angelockt. Der Nomade hat alle Mühe, mit dem angriffslustigen Tier fertigzuwerden. Als der Kampf vorüber ist, stecken an den Stöcken über der Glut nur noch verkohlte Gräten.
Statt dessen gibt es nun als Nachtmahl in der Glut gebackene Bärentatzen. Gut gesättigt kann er sich wieder jenen zarten und feinsinnigen Geschichten zuwenden, mit denen er die kranke Prinzessin wird heilen wollen.

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Entern: In Reihe

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Ob eine Reihe eine Serie ist oder eine Serie eine Reihe, ist eine Frage, die unterschiedlich beantwortet werden kann. Ob sich beides überhaupt unterscheidet, auch darüber kann gestritten werden. Aber zum Streiten sind wir ja nicht hier, daher werde ich mich einfach daran halten, was meiner Meinung nach dem landläufigen Verständnis entspricht, sofern man beide Begriffe nicht ohnehin synonym verwendet. Anders gesagt: Das hier ist mein Blog, daher werde ich hier einfach meine Auffassung darlegen!

Dieser entsprechend stehen beide Begriffe zumindest in einem engeren Verständnis nebeneinander. Ob man in einem weiteren Verständnis außerdem einen der beiden als Oberbegriff des anderen ansehen will, ist mir relativ schnurz. Entweder ist also die Reihe im engeren Sinn eine besondere Art der Serie im weiteren Sinn oder umgekehrt. Beide Begriffe sind jedenfalls auch im engeren Sinn nicht eindeutig und fließen obendrein an ihren Grenzen ineinander.

Was aber macht nun in diesem meinen (engeren) Verständnis eine Reihe aus? Dass den einzelnen Teilen einer Reihe ein gemeinsames Konzept zugrunde liegt, jeder Teil aber im Unterschied zur Serie (nahezu) vollständig in sich abgeschlossen ist. Die Reihe erzählt also keine fortlaufende Geschichte.

Das Konzept, auf dem eine Reihe beruht, kann sehr verschiedenartig sein. So entspricht etwa der Tatort als Ganzes einer Reihe, deren Konzept letztlich nur folgende Kriterien umfasst: Krimis, deren Handlungsschwerpunkte im deutschsprachigen Raum liegen, und die von ARD, ORF oder SF produziert oder in Auftrag gegeben werden. Tatort München stellt letztlich eine Reihe innerhalb dieser Reihe dar, deren Konzept zusätzlich beinhaltet, dass das Ermittlerteam aus München stammt.

Ähnlich verhält es sich mit der Reihe Ostseekrimi aus dem Hinstorff Verlag. Innerhalb dieser stellen die Krimis von Frank Goyke eine eigene Reihe dar, weil sie (bisher jedenfalls) Fälle desselben Ermittlerteams behandeln.

Das Konzept der Reihe stellt die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Teilen her. Diese können etwa das Genre betreffen, den Handlungsort, die Figuren, die  historischen Zusammenhänge und vieles mehr. Und sie können mehr oder weniger lose sein.

Je enger und häufiger die Verknüpfungen werden, je zentraler eine Entwicklung einzelner Faktoren über den Rahmen der einzelnen Teile hinaus eine Rolle spielt und je mehr sich diese Entwicklung einem übergeordneten Spannungsbogen nähert, desto mehr nähert sich die Reihe einem Serienkonzept.

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Entern

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Nein, in dieser neuen Reihe geht es nicht um Piraten. Weder die, die die Gesetze umschiffen, noch die, die  … na ja, sagen wir, die Segel setzen. Stattdessen gibt das Artikelbild einen – zugegeben vagen – Hinweis, worum es geht: Um die verschiedenen Situationen, in denen der Autor die Entertaste nutzen wird. Ums Entern eben. Oder anders ausgedrückt, um strukturelle Unterbrechungen des Leseflusses im Werk des Autors.

Absätze fallen da als Erstes ein. Und sie sind es letztlich auch, die den Anlass zu dieser Reihe gaben, denn immer wieder entdecke ich Fragen zur Absatzgestaltung. Aber auch die richtige Kapitellänge ist regelmäßig Thema.

Ich habe mich entschieden, vom Großen zum Kleinen vorzugehen, weshalb das (vorläufige) Inhaltsverzeichnis zu dieser Reihe folgendermaßen aussieht:

  1. In Reihe
  2. In Serie
  3. Band für Band
  4. Bücher im Buch
  5. Kapitel oder Kapitulation?
  6. In Szene setzen
  7. Absetzen
  8. Sprecher wechseln
  9. Strophilieren
  10. Zeilen dichten

Ja, ich bin selbst gespannt, was mir dazu einfallt. Wir werden sehen. Demnächst auf diesem Schiff!

Vertrag dich: Herausgeber und Autoren

© Franck Boston
© Franck Boston
© Franck Boston

Ach ja, die Blogpause hat mich etwas durcheinandergebracht. Es steht ja noch eine Folge aus, die ich nun nachschieben will. Ein letztes Mal sei gesagt, dass die Artikel von mir nach bestem Wissen und Gewissen verfasst werden. Aber ich bin kein Jurist. Im Streitfall könnt ihr euch also weder auf mich noch auf meine Ausführungen hier berufen.

Bei diesem Thema wenden wir uns vom üblichen Normvertrag ab. Denn dort, das sei einmal ausdrücklich gesagt, geht es um Einzelwerke. Mancher Autor ebenso wie mancher engagierte Verleger orientiert sich auch bei Anthologien, in denen mehrere Autoren veröffentlichen, am Normvertrag, da passt es dann aber nicht wirklich. Und tatsächlich bietet der VS auch spezielle Musterverträge für Anthologien an.

Wer dort nachschaut, dem wird auffallen, dass es zwei Ausführungen gibt: eine für Autoren, eine für Herausgeber. Das hat gute Gründe, denn während der Autor nur einen Teil zum Gesamtwerk beisteuert, vertritt der Herausgeber das Gesamtwerk, steht also zum Verlag wie ein Autor mit einer Einzelpublikation. Ist er gleichzeitig mit einem eigenen Beitrag vertreten, sollte er also einen Herausgeber- und einen Autorenvertrag abschließen.

Das Werk des Herausgebers ist also die Anthologie als Gesamtwerk, er liefert als Manuskript die zusammengestellten Autorentexte sowie eventuelle Vor-, Nachwörter und sonstige Ergänzungen. Sein Vertrag betrifft dieses Gesamtwerk. Die Verwertungsrechte (Verlagsrecht) werden hier in der Regel exklusiv, also ausschließlich vergeben. Verständlich, denn es wäre für den Verlag höchst unschön, würde der Herausgeber die Anthologie in dieser Zusammenstellung weiteren Verlagen anbieten oder sie selbst weiterverwerten.

Verwertbare Beiträge

Zusätzlich schließt jeder einzelne Autor mit dem Verlag einen Vertrag über sein beigesteuertes Einzelwerk ab. Und hier, das ist der wichtigste Punkt, um den es mir hier geht, sollten die Rechte, wie im Mustervertrag empfohlen, nicht exklusiv (einfaches Verlagsrecht) vergeben werden. Somit kann sich der Autor die Möglichkeit bewahren, sein ja zumeist kürzeres Werk auch in anderen Anthologien, Zeitschriften oder einem Sammelband eigener Werke zu verwerten. Schließlich werden Anthologien in der Regel nicht wegen eines einzelnen Beitrags gekauft. Und die Rechte für das Gesamtwerk liegen ja exklusiv beim Verlag.

Dennoch wird es vorkommen, dass sich Verlage für eine gewisse Zeit (ein- bis zwei Jahre) auch für die Einzelbeiträge das exklusive Verlagsrecht sichern wollen. Die Befristung und eine entsprechend hohe Vergütung vorausgesetzt halte ich das für durchaus in Ordnung. Womit wir zum Honorar kommen.

Honorierte Arbeit

Dass Autoren für ihre Arbeit nicht bezahlen sollten, dass also jedes Angebot eines sogenannten Verlages, sich Veröffentlichungsraum in einer Anthologie kaufen zu dürfen oder überhaupt irgenwelche Unkostenbeiträge zu leisten, unseriös ist, muss ich hier hoffentlich nicht erneut betonen.

Allerdings gehen die Meinungen darüber, ob Seriösität davon abhängt, dass der Autor eines Anthologiebeitrags entlohnt wird, auseinander. Es ist ein schwieriges Feld, nicht zuletzt weil die in beide Richtungen kostenlose Veröffentlichung im Kleinverlagsbereich (auch bei durchaus engagierten Kleinverlegern) alles andere als eine Seltenheit ist.

Manche Autoren wissen es nicht besser, manche sind gerade zu Beginn einfach dankbar für die Chance, überhaupt veröffentlichen zu dürfen (ging mir auch so), anderen bieten die meist geringen Verdienstmöglichkeiten mit derartigen Veröffentlichungen einfach nicht genug Anreiz, um die Teilnahme an einer Anthologie  davon abhängig zu machen. Nachvollziehbar, wie ich finde.

Andererseits ist noch der kürzeste Text, mag er mir beim Schreiben noch so viel Vergnügen bereiten, durch eine Arbeitsleistung erbracht, die honoriert werden will. Und jeder Anthologiebeitrag hat gleichzeitig Anteil daran, dass der Verlag durch die verkauften Bücher Einnahmen hat. Argumente, die sich in irgendeiner Form auf die geringe Größe des Verlags, der (noch) nicht in der Lage dazu sei, Honorare zu zahlen, beziehen, sind in Wirklichkeit recht schwache. Wer ein Unternehmen gleich welcher Art gründet, muss sich eben auch und nicht zuletzt Gedanken darüber machen, ob und wie er die Personalkosten stemmen kann. Und es gibt ja auch die Kleinverlage, die beweisen, dass es funktioniert.

Gut, letztlich sind jedem Autor solche Entscheidungen selbst überlassen. Und spätestens, wer die Möglichkeit bekommt, in einer der verhältnismäßig seltenen Anthologien mittlerer und größerer Verlage zu veröffentlichen, wird sich um die Vergütung kaum noch Sorgen machen müssen.

Zwei Modelle sind üblich:

  1. Eine Umsatzbeteiligung durch Tantiemen, die zwischen den beteiligten Urhebern (Herausgeber und Autoren) aufgeteilt wird. Die Aufteilung erfolgt dabei häufig entsprechend der jeweiligen Seitenanzahl, die der einzelne Beitrag umfasst. Anders als beim Normvertrag schreibt der Mustervertrag hier eine konkrete prozentuale Beteiligung von zehn Prozent vom Nettoladenverkaufspreis vor. Es ist aber eben nur ein Mustervertrag. Trotzdem sicher zur Orientierung interessant.
  2. Ein festes Auflagenhonorar, das mit eventuellen weiteren Auflagen steigt. Das Honorar ist oft an die angefangene Druckseite gebunden. Bei einer Geschichte von 9,5 Druckseiten und einem Seitenhonorar von 12 Euro bei der ersten Auflage würde also ein Honorar von 120,- Euro herauskommen. Dieses Honorar ist ein garantiertes Mindesthonorar und wird vom Verlag vorgestreckt.

Einige Empfehlungen seien mir zum Abschluss noch erlaubt:

  • Belegexemplare (Freiexemplare) sind weder Geschenk noch Honorar, sondern gesetzlich vorgesehen!
  • Ebenso sollte man nicht in Dankbarkeitsausbrüche verfallen, wenn man die fertige Anthologie zum bevorzugten Autorenrabatt beziehen darf.
  • Abnahmeverpflichtungen sind letztlich ein versteckter Druckkostenzuschuss und gelten damit nicht als seriös.
  • Schau dir den Mustervertrag genau an. Wo ein konkretes Vertragsangebot deutlich abweicht (s. o. hinsichtlich des exklusiven Verlagsrechts, aber auch die Abgabe zusätzlicher und unüblicher Nebenrechte, …) sollte der Verlag bereit sein, solche Zugaben zusätzlich ins Honorar einfließen zu lassen. Denn bei aller Freude über eine Veröffentlichung, ein Vertragsangebot ist immer nur eine Verhandlungbasis!

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