Möwen gelandet

Regine Kölpin (Hg.): Muscheln Möwen, Morde

Regine Kölpin (Hg.): Muscheln Möwen, MordeSchon gesehen? Die Ostseekrimis sind jetzt bei amazon bestellbar.

Muscheln, Möwen, Morde:

So friedlich die seichten Wellen der Ostsee auch an die Strände rollen, so tödlich sind doch die Geschichten der Autoren dieser Anthologie. Seeglasscherben werden in Grömitz zu einem Hinweis auf ein Verbrechen aus längst vergangener Zeit , eine Bombe lauert in Nienhagen und eine längst vergessen geglaubte Geschichte lässt den Hass in Kühlungsborn erneut hohe Wogen schlagen.
Mit von der mörderischen Partie sind deutsche Krimiautoren wie Tatjana Kruse, Eva Almstädt, Klaus-Peter Wolf, Richart Birkefeld, Regine Kölpin, Conny Kuhnert, Jobst Schlennstedt, Thomas Nommensen und viele andere.

 

Krimi vs. Thriller

Erst vor ein paar Tagen wurde in einem Forum wieder die Frage gestellt, wie man Krimi und Thriller auseinanderhält. Ich habe mir dazu schon vor längerer Zeit Gedanken gemacht und sie in einer entsprechenden Antwort niedergeschrieben, die ich jetzt, etwas aufbereitet, auch im Blog posten will:

Schon der Krimi an sich ist ein weit gefächertes Genre, dessen bekanntester Vertreter, die Detektivgeschichte, gleichzeitig am häufigsten auftritt, weshalb man sie gern auch als den klassischen Krimi bezeichnet. In ihr geht es um die Aufklärung eines Verbrechens. Das Verbrechen ist dabei in der Regel der Ausgangspunkt, am Ende wird der Täter überführt.

Eine Definition, die sich aber nur an dieser einen Vertreterin orientiert, greift zwangsläufig zu kurz. So ist durchaus auch diejenige Geschichte ein Krimi, in der der Leser den Protagonisten bei der Planung eines Verbrechens verfolgt, das demzufolge eher am Ende der Handlung auftaucht. Oder eine Geschichte, die die Ursachen untersucht, die zur Entstehung eines Verbrechens beigetragen haben. In manchen Krimis, in denen das Verbrechen am Anfang steht, interessiert nicht die Aufklärung desselben, sondern es geht um die Folgen für das Opfer oder den Täter.

Tatsächlich gilt als anerkannte Definition für das gesamte Krimigenre nur, dass ein Verbrechen im Mittelpunkt der Handlung steht. Ob es dabei um die Aufklärung, die Umstände, die Folgen oder was sonst noch geht, bestimmt nur noch das Untergenre.

Was aber steht beim Thriller im Mittelpunkt? Jedenfalls nicht das Verbrechen. Tatsächlich muss es im Thriller gar kein Verbrechen geben. Oder es gibt (was sicherlich häufiger ist) viel mehr als eines.

Ich möchte behaupten, es ist die Bedrohung, die im Thriller im Mittelpunkt steht. Ich glaube, es gibt keinen Thriller, in dem nicht irgendjemand oder irgendetwas einer Bedrohung ausgesetzt ist. Und es ist genau diese Bedrohung, die den gesamten Plot bestimmt.

Bedroht werden Personen, Personengruppen, Dörfer, Städte, die Welt, Natur und Umwelt, Tiere und gelegentlich (meist nur in Verbindung mit Menschenleben) Gebäude oder Sachgegenstände. Die Bedrohung kann in Gestalt von Serienkillern, Psychopathen, Organisationen, Regierungen, Umwelt- und anderen Katastrophen, Tieren, Aliens, Dinosauriern, Wesen, Geistern, Zombies etc. auftreten.

Wieder werden durch solche Unterschiede bestenfalls Untergenres bzw. Genre-Crossover generiert.

Nehmen wir zum Vergleich eine Geschichte um einen Polizisten, der mit der Aufklärung eines Mordes beschäftigt ist. Damit die Geschichte als Krimi funktioniert, muss der Kommissar zu keiner Zeit einer Bedrohung ausgesetzt sein. Möglicherweise besteht nicht einmal die unmittelbare Gefahr, dass der Mörder sein Handwerk fortsetzt und damit eine Bedrohung für weitere Menschenleben abgewendet werden muss.

Natürlich kann eine Bedrohung (meist durch den Mörder) hinzukommen, etwa gegen den Kommissar selbst oder gegen seine Familie. Im Krimi ist die aber nicht bestimmend. In der Detektivgeschichte etwa wird weiterhin die Aufklärung im Vordergrund stehen, die dann meist auch entscheidendes Mittel ist, um die Bedrohung abzuwenden.

Im Thriller aber wird die Situation schon bald und zunehmend bedrohlich. Die Drohkulisse wird immer gewaltiger. Das Hauptaugenmerk des Lesers liegt auf der Frage, ob und wie es dem Kommissar gelingt, dieser Bedrohung zu entkommen bzw. sie abzuwenden. Das gilt auch dann, wenn die Bedrohung nicht den Kommissar selbst betrifft, sondern etwa die Familie, eine Person, für die er verantwortlich ist, oder die Stadt.  Der Kommissar hat also vor allem die Bedrohung abzuwenden, das ursprüngliche Verbrechen rückt in den Hintergrund.

Natürlich gibt es fließende Übergänge, aber das Pendel schlägt meist entweder mehr zur Krimi- oder mehr zur Thrillerseite aus.

Tod in der Commerzbibliothek bis 02.08.10

Kurzgeschichten-Wettbewerb zum 275. Jubiläum der Commerzbibliothek

Wirtschaft und Verbrechen sind für AutorInnen seit jeher ein interessantes Feld für ihre Geschichten. Und genau darum geht es auch beim Commerzkrimi-Wettbewerb: Spannende Kurz-Krimis. Die älteste Wirtschaftsbibliothek der Welt wünscht sich zum 275. Jahrestag von Hamburger AutorInnen Neues zum Thema „Tod in der Commerzbibliothek“. Dabei ist den Verfassern überlassen, ob sie ihren Kurzkrimi im Gründungsjahr der Bibliothek, in der Gegenwart oder irgendwann dazwischen ansiedeln. Der Tatort allerdings soll die Commerzbibliothek sein und die Geschichte muss einen Bezug zum Jahr 1735 haben.

Hat das Opfer vorher eine Seereise unternommen, Freunde im eleganten Kontorhaus getroffen oder im Büchermagazin etwas gesucht? Ist eine Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1735 der Auslöser für das Verbrechen? Verbirgt sich ein dunkles Geheimnis hinter den im Jahr 1755 verschwundenen Büchern? Oder spielt ein Bücherschädling mit dem Namen „Totenuhr“ eine unheilvolle Rolle?

Die AutorInnen suchen sich fünf Begriffe aus folgender Liste aus, die in ihrer Kurzgeschichte in loser Reihenfolge auftauchen müssen: Atlas, Buchbinder, Bibliothekarin, Commerzdeputation, Lesesaal, Oktant, Ratsweinkeller, Convoyschiff, Kontor, Kaufmann Bartholomäus Wieck.

Für alle, die die Bibliothek vor Ort erleben und sich hier Inspirationen holen wollen, richten wir eine „Inspirationsstation“ ein. Ab Mai finden Sie dort die Baupläne der „Alten Commerzbibliothek“, verschiedene Zeitungsartikel aus dem Jahr 1735, Auszüge aus historischen Hamburger Adressbüchern, Fotos, eine Flasche Rotspon und noch vieles mehr.

Lassen Sie sich inspirieren und Ihrer Fantasie gruseligen, freien Lauf.

Teilnahmebedingungen:

1. Teilnahmeberechtigt sind alle Personen aus dem norddeutschen Raum ab 16 Jahren.

2. Der Umfang sollte 5 Normseiten nicht überschreiten, darf aber gerne kürzer sein. Eine »Normseite« umfasst 1.800 Zeichen, also 30 Zeilen zu je 60 Anschlägen.

3. Angenommen werden nur ausgedruckte Manuskripte in dreifacher Ausfertigung. E-Mail-Einsendungen werden nicht berücksichtigt. Es werden keine Eingangsbestätigungen versandt.

4. Einzureichen ist ein Kurzkrimi, der bisher unveröffentlicht und frei von Rechten Dritter ist.

Anonymität bei der Beurteilung: Ihr Name darf nicht auf den Manuskriptseiten erscheinen. Versehen Sie daher bitte die erste Seite des Manuskripts mit einem Codewort, das Sie im Anschreiben erwähnen, damit die Zuordnung erfolgen kann.

5. Pro Bewerber darf nur eine Kurzgeschichte eingereicht werden.

6. Einsendeschluss ist Montag, der 2. August 2010. Es gilt das Datum des Poststempels. Bitte senden Sie Ihren Krimi an:

HANDELSKAMMER HAMBURG, Commerzbibliothek, Frau Dagmar Groothuis, Adolphsplatz 1, 20457 Hamburg

7. Die Einsender/innen erklären sich damit einverstanden, dass ausgewählte Kurzkrimis ggf. veröffentlicht werden. Eine Rücksendung der Einsendungen kann nicht erfolgen.

8. Die Einsender/innen erklären sich damit einverstanden, dass sie im Falle des Wettbewerbsgewinn auf einer öffentlichen Lesung (am Tag der offenen Tür der Commerzbibliothek) ihren Gewinnerbeitrag vortragen oder von einem Dritten vortragen lassen.

9. Texte, die den Anforderungen und der Form nicht entsprechen, werden nicht berücksichtigt.

10. Unerwünscht sind brutale, gewaltverherrlichende oder pornographische Texte.

11. Mitarbeiter der Handelskammer Hamburg können nur an dem internen Paralell-Wettbewerb teilnehmen. Das heißt, dass ihre Beiträge in einem separaten Durchlauf von der Jury bewertet werden. Der Gewinner des Mitarbeiter-Krimipreises erhält einen Gutschein der Buchhandlung boysen + mauke.

Preise: Der Gewinner des Wettbewerbes erhält passend zum Jubiläum der Commerzbibliothek 275 Euro. Für den Zweit- und Drittplatzierten gibt es je einen Buchgutschein der Buchhandlung Boysen & Mauke. Die Geschichten der ersten drei Plätze werden für zwei Monate auf der Homepage der Handelskammer Hamburg veröffentlicht.

Jury: Eine dreiköpfige Jury aus dem Präses der Handelskammer, Frank Horch, der Bestsellerautorin Petra Oelker und der Bibliothekleiterin Dagmar Groothuis entscheidet über die Gewinner. Die Gewinner werden bis Ende Oktober 2010 benachrichtigt. Außerdem werden die Resultate (Teilnehmerzahl, Namen der Gewinner etc.) auf der Homepage der Commerzbibliothek veröffentlicht.Die Entscheidung der Jury ist nicht anfechtbar, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Preisverleihung: Die Preisverleihung zum Commerzkrimi  findet im Rahmen des Tags der offenen Tür der Commerzbibliothek am Donnerstag den 4. November 2010 in der Handelskammer Hamburg statt.

Rückfragen unter info@commerzbibliothek.de

Wir freuen uns auf Ihre spannenden Kurzkrimis und wünschen viel Vergnügen bei der Reise in die Vergangenheit und viel Erfolg beim Schreiben!

Von Arsen bis Zielfahndung

So heißt „Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige“ (Untertitel) von Manfred Büttner und Christine Lehmann, das im Argument Verlag erschienen ist. Mit dem Untetitel ist die Zielgruppe dieses Buchs auch ebensogut umrissen, wie sie sich begeistert zeigen dürfte.

Begeistert, weil sich dieser Leitfaden durch das literarische, filmische und natürlich reale Verbrechen spannend liest und dabei überaus informativ ist. Ob man einfach mal prüfen will, wieviel Realitätsnähe der letzte gelesene oder gesehene Krimi mit sich brachte, oder ob man die Rechercheanforderungen für das eigene Werk bündeln will, mit diesem Handbuch ist man gut beraten.

Gefunden haben sich für dieses Buch mit Manfred Büttner ein Steuerfahnder, der unter anderem als Dozent an der Hochschule der Polizei des Landes Baden-Würtemberg tätig ist, und mit Christine Lehmann eine Politikredakteurin beim SWR, die neben verschiedenen Essays auch hochgelobte Kriminalromane und -hörspiele (Lisa-Nerz-Krimis) geschrieben hat.

„Keineswegs fordern wir, dass Autorinnen sich nun stets von der Wahrscheinlichkeit des Realistischen gängeln lassen und jegliche Fantastik im menschlichen Verhalten aus unseren Krimis verbannt sein muss. Wir denken nur: Die dichterische Freiheit endet dort, wo der Rechtsstaat beginnt, vor allem dann, wenn wir über Unrecht schreiben.“

In diesem Sinne ist es dem Buch wichtig, vor allem dort Unsinn zu deklarieren, wo in der Fiktion gern mal die persönlichen Freiheitsrechte des Einzelnen großzügig ausgelegt oder gar übersehen werden (z.B. in der oft fälschlich als Verhör bezeichneten Vernehmung).

Aber auch sonst lässt es kein Thema aus. Vom Mordmotiv bis zum Mord selbst, von der Leiche bis zu den Ermittlern, von den Ermittlungen bis zur Festnahme wird alles Wichtige angesprochen. Auch die obligatorische Giftkunde fehlt nicht.

Natürlich kann das Buch allein eine gründliche Recherche nicht ersetzen, aber zum einen gibt es dem Autor manchen Hinweis, worauf überhaupt zu achten ist, zum anderen ist es die optimale Basis, um sich ein Grundwissen aufzubauen, von dem man sich bestens spezialisieren kann. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Literaturhinweisen am Ende des Buches.

Ich kann das Buch also jedem empfehlen, der sich als Einsteiger in der Kriminalliteratur versuchen will, aber auch jedem, der seine Krimis möglicherweise zukünftig realitätsnäher gestalten will. Und natürlich bleibt auch nach dem Genuss des Buches Luft für die künstlerische Freiheit.

Von Arsen bis ZielfahndungManfred Büttner und Christine Lehmann
Von Arsen bis Ziehlfahndung
Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
Ariadne[Leit]faden
Argument Verlag, 2009
ISBN 978-3-88619-720-0

Klappentext:

Leichen, Kripo, Asservate …

Wie genau verläuft eigentlich eine Obduktion? Wer stellt Haftbefehle aus? Wofür ist eine Staatsanwältin zuständig? Welches Gift wirkt wie?

Antworten auf solche und viele weitere Fragen liefert dieses aktuelle Handbuch für Schreibende und Wissbegierige. Es enthält unverzichtbares Arbeitsmaterial für Autorinnen und solche, die es werden wollen. Und für Fans morbider Einzelheiten ergibt sich ein spannender Streifzug durch die ermittlerische Wirklichkeit, der keine Neugier ungestillt lässt.

Lisa-Nerz-Schöpferin Christine Lehmann und Fahnder Manfred Büttner vermitteln Sachverstand im kriminalistischen Detail. Von der korrekten Art, Funksprüche abzusetzen, über eine Auflis­tung, welche Abteilung wann am Tatort eintrifft, bis zur Besoldung der einzelnen Dienstränge stellen sie ein einmaliges Arsenal an Fakten zur Verfügung, das den Sinn fürs Realistische gründlich schärft und dabei noch unterhält: Mit Witz und Verve befreien sie die Krimiwelt von Unfug, Märchen und Vorurteilen. Ihr Handbuch bietet zuverlässig recherchierte, griffig aufbereitete Fakten, übersichtlich präsentiert und garniert mit Beispielen aus Buch und Film.

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Schinken und Schinken gesellt sich gern

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Schinken und Schinken gesellt sich gern“, die in der Anthologie „Tödliches von Haff und Hering: Küchen- und Kombüsenkrimis von der Ostseeküste“ des Mitteldeutschen Verlags erschienen ist.

Siegrid ist eine freundliche und liebenswerte Fleischereifachverkäuferin und Ehefrau. Stets zuvorkommend liebt sie den Umgang mit den Kunden. Nur eines ist ihr noch wichtiger: Ihren Mann zu verwöhnen und ihm keinen Anlass zu geben, an ihr zu zweifeln. Da sollte ihr niemand in die Quere kommen. Denn stille Wasser sind tief.

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„He, Siegrid, hast du auch an deinen Schinken gedacht?“ Mandy grinste breit.
Langweilig. Jedes Mal das Gleiche. Siegrid drehte sich erst gar nicht um.
Welcher Spruch würde es diesmal werden?
„Schinken und Schinken gesellt sich gern!“
Sehr originell, wirklich. Sie rief ein betont freundliches „Schönes Wochenende“ zwischen Mandys Gelächter, griff nach der Tüte mit ihren Einkäufen und der mit dem Schinken, ging durch den leergefegten Ostseepark zum Personalausgang und in den Feierabend.

Auf dem riesigen Parkplatz, der sich fast aller Autos entledigt hatte, um sich zur Nachtruhe zu begeben, erwartete sie ihr kleiner Herbert. Der Fiesta zwinkerte ihr zu: „Vergiss die Wursttheke, vergiss Mandy, freu dich auf Rudolf.“
Siegrid lächelte zurück.

„Hansa hat gewonnen!“, rief Rudolf vom Wohnzimmer her, als sie nach Hause kam.
„Toll, mein Schatz!“, antwortete Siegrid, trug die Tüten in die Küche und verstaute deren Inhalt in den Schränken. „Gegen wen haben sie denn gespielt?“
„Duisburg.“
Siegrid ging ins Wohnzimmer. Rudolf saß auf dem Sofa. Sie streichelte ihm sanft den Nacken und gab ihm den Begrüßungskuss auf die Wange, bevor sie sich neben ihn setzte. „Was läuft?“
„Ne Komödie. ,Die Eltern der Braut´, oder so.“
„Na, dann schmier ich uns mal ein paar Stullen.“

Sie aß nicht viel, genoss es, Rudolf zuzusehen, der mit Hingabe schmauste und es dennoch wie eine Nebensächlichkeit zum Fernsehprogramm aussehen ließ. Fünf, sechs Jahre noch, dann würde sie ihm endlich in die Rente folgen, die ihm der Straßenbau schon so früh beschert hatte. Dabei war sie immer zufrieden gewesen mit ihrer Arbeit. Sie mochte das Gespräch mit den Kunden, freute sich, wenn sie ein paar Tipps zur Zubereitung eines Schmorbratens, dem richtigen Fleisch für die festliche Tafel oder den Beilagen zum Filetsteak loswerden konnte. Sie lächelte, wenn sie einem kleinen Jungen ein Wiener Würstchen schenkte und half begeistert bei der Auswahl des Aufschnitts für eine kalte Platte. Und in Margarethe hatte sie bis vor kurzem auch noch eine gute Freundin als Kollegin in der kleinen Fleischerfiliale gehabt. Und doch stellte sie sich oft vor, wie es wäre, den Tag mit Rudolf vor dem Fernseher zu verbringen, ihn täglich von morgens bis abends zu verwöhnen und ihm aus der Küche zuzujubeln, wenn Hansa mal wieder ein Spiel gewonnen hatte.
„Wie war dein Tag? Irgendwas Besonderes?“, fragte Rudolf.
„Nein, alles wie immer. Nette Kunden, liebe Kolleginnen. Mandy hat heute einen lustigen Witz erzählt, aber du weißt ja, dass ich mir die nie merken kann.“

Siegrid holte den Schinken aus dem Ofen. Obwohl es sie nicht wirklich überraschte, freute sie sich, wie gut er ihr wieder gelungen war. Die feste Brotkruste versprach ein knuspriges Vergnügen. Die Zubereitung ging ihr inzwischen leichter von der Hand als das Binden der Schnürsenkel.
„Es ist soweit!“, rief sie ins Wohnzimmer. Sie lauschte. Der Fernseher verstummte. Mit einem Grinsen schnitt sie den Schinken an. Dieses Sonntagsmahl war das einzige, was Rudolf veranlasste, die Glotze auszuschalten. Ja, er war sogar so dankbar, dass er den Tisch deckte.

Siegrid trug die glasierten Möhren, die gerösteten Zwiebeln und die gratinierten Kartoffeln herein. Feierliche Marschmusik in ihrem Kopf spielte ihr den Takt, zu dem sie den gebackenen Schinken zum Esstisch begleitete, wo sie ihm mit einem gedanklichen Tusch den Ehrenplatz im Zentrum der Tischplatte zuwies.

„Denkst du daran, dass Konrad nächsten Sonntag zum Essen kommt?“ Rudolf lehnte sich zurück und streichelte sich zufrieden den Bauch. „Nicht, dass du den Schinken vergisst.“
„Wo denkst du hin? Wann hätte ich in den einundvierzig Jahren je den Sonntagsschinken vergessen?“
„Du hast ja Recht. Aber du weißt doch, wie wichtig es mir ist, vor meinem alten Kumpel zu glänzen.“
Siegrid wusste es. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

Die übliche Menge Schinken hätte mit Sicherheit auch für drei gereicht. Sie aßen die Reste sonst noch mehrere Tage aufs Brot oder aus der Pfanne. Nur zur Vorsicht hatte sie sich diesmal ein größeres Stück zurückgelegt.
„Lass deinen dicken Schinken nicht immer im Weg rumstehen!“ Mandys flache Hand klatschte auf Siegrids Hintern.

Der harte Schlag ließ sie zusammenzucken, die harten Worte berührten sie kaum noch. Freche Göre. Siegrid versuchte, sich Mandy überlegen zu fühlen. Sechsunddreißig Jahre jünger war das dumme Ding. Seit Mandy vor etwa einem halben Jahr für Margarethe in die Filiale gekommen war, schikanierte sie Siegrid, wann immer es ging. Leider war diese Bohnenstange die Tochter des Chefs.

„Mandy! Wo ist der Schinken?“
„Welcher? Der linke oder rechte?“
„Das ist nicht witzig! Der, den ich mir zurückgelegt hatte.“ Siegrid spürte die ersten Schweißtropfen auf der Stirn.
„Warte …“ Mandy griff sich ans Kinn. „Lass mich nachdenken … Richtig! Ich habe ihn verkauft.“
„Du hast … was?“ Siegrid schnappte nach Luft.
„Ein Kunde wollte ein großes Stück Schinken, also habe ich ihm das letzte verkauft.“
„Wann?“
„Als du auf Klo warst.“
„Das war meiner! Ich brauch ihn morgen unbedingt!“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Der Kunde ist König. Das solltest du in deinem Alter doch endlich gelernt haben.“
Siegrid schluckte. Ihre Hand ballte sich zur Faust. Ein großer Schritt und sie stand Mandy direkt gegenüber. „Und was, bitteschön, soll ich meinem Rudolf morgen servieren?“
Mandy tastete sich rückwärts die Wand entlang, stieß gegen den Verkaufstresen. Ihre Hände suchten Halt an der Arbeitsplatte. „Vielleicht … vielleicht kochst du einfach mal was anderes?“

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Tödliches von Haff und HeringRuth Borcherding-Witzke/Silvija Hinzmann (Hg.)
Tödliches von Haff und Hering
Küchen- und Kombüsenkrimis von der Ostseeküste

Mitteldeutscher Verlag
248 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-89812-536-9

Man nehme die schöne Ostseeküste und das Verbrechen, würze das Ganze mit regionalen Spezialitäten, etwas Seemannsgarn nicht vergessen, und koche alles mit Hochspannung auf. Fertig sind die kulinarischen Kurzkrimis von der Ostseeküste!
Serviert werden diese raffiniert gewürzten Geschichten von der Waterkant, die ebenso köstlich wie tödlich sind, u.a. von der mehrfach für den Glauserpreis nominierten Schriftstellerin Beatrix Kramlovsky, den norddeutschen Autorinnen und Autoren Christiane Franke, Regine Kölpin, Philipp Bobrowski sowie den Satirikern und Kabarettisten Matthias Biskupek und Ulf Annel.
Alle Rezepte stammen vom Rostocker Fernsehkoch Günther Halle. Sie wurden von den tödlichen Gräten befreit und sind nicht nur in der norddeutschen Küche gefahrlos nachkochbar.

Die Herausgeberinnen

Ruth Borcherding-Witzke, geb. 1959 in Hamburg, seit gut einem Dutzend Jahren lebt die studierte Juristin, Autorin und Herausgeberin mit ihrer Familie in Sachsenburg bei Chemnitz.
Silvija Hinzmann, geb. 1956 in Cakovec/Kroatien, kam als Kind nach Deutschland, als freie Übersetzerin und Dolmetscherin hat sie auch mit echten Kriminalfällen zu tun, Autorin zahlreicher Kurzkrimis, Mitautorin eines Kriminalromans sowie Herausgeberin von Anthologien.

Pressestimmen
„Die beiden Herausgeber haben eine bunte Kollektion von Kurzkrimis gesammelt, die von einfach spannend bis raffiniert erzählt reichen. Eine spannende und unterhaltsame Lektüre. Gern empfohlen.“
Peter Mieglitz auf eliport.de, Juli 2009

„18 köstliche, kurzweilige Krimigeschichten.“
Bert Lingnau, NDR 1 Radio MV, 18.05.2008

Das Buch beim mdv
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