Beruf Erzähler: Sich etablieren

Bekommt der Erzähler vom Autor den Auftrag, sich nicht rein personal zu verhalten, steht er gleich zu Beginn seines Jobs vor einem Problem: Er muss sich als der, den er darstellen soll, etablieren. Das heißt, er muss dem Leser von Beginn an klar machen, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten ihm der Autor zugestanden hat. Verpasst er den rechten Zeitpunkt, hat er diese Freiheiten schon wieder verspielt. Nutzt er sie dennoch, wird das in der Regel seinem Auftraggeber als fehlende Beherrschung des Handwerks angelastet.

Ein Erzähler, der sich hundert Seiten lang personal verhalten hat, wird schief angeguckt, wenn er sein Verhalten plötzlich ändert. Einer, der bisher nicht persönlich als Erzählerfigur aufgetreten ist, wird auf den Widerstand des Lesers stoßen, wenn er sich auf Seite 395 erstmals als Ich zu etablieren sucht. Auf der anderen Seite kann ein Erzähler der sich zu Beginn seiner Erzählung mit auktorialem Verhalten etabliert hat, der möglicherweise sogar als erzählendes Ich in Erscheinung getreten ist, anschließend über weite Strecken der Erzählung personal erzählen und sich jederzeit wieder in der Vordergrund drängen, sofern er sich nicht allzu ungeschickt anstellt.

Zugegebenermaßen werden vielen Lesern kleinere auktoriale Entgleisungen eines sich ansonsten personal verhaltenden Erzählers gar nicht auffallen. Denn natürlich bringen auch Leser unterschiedliche Vorlieben und Erfahrungswerte mit. Manches, was ein erfahrener Autotester am Fahrverhalten eines PKWs auszusetzen hätte, würde mir gar nicht auffallen. Manches, was den Tester massiv stören würde, könnte ich problemlos tolerieren. Wer gute Autos bauen will, wird sich dennoch an dem Tester und nicht an mir orientieren. Ist der Tester zufrieden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich etwas zu meckern finde, noch einmal um ein Vielfaches minimiert.

Für den Autor, der sich hier und da auktoriale Einschübe wünscht, heißt das also, den Erzähler zu animieren, solche Einschübe von Beginn an zu etablieren.

Auktorial: alles und nichts

Schauen wir uns einmal fünf Erzähler an, die sich unterschiedlich etablieren:

1.

Er suchte in der Innentasche. Gott sei Dank, der Ring war noch da. Andrea sah sich nach dem Kellner um. Wahrscheinlich hatte sie Hunger. Wie sie wohl auf seinen Antrag reagieren würde?

2.

Thomas und Andrea saßen sich im Restaurant an einem Tisch für zwei gegenüber. Thomas suchte angestrengt nach irgendetwas in der Innentasche seiner Jacke. Dann blickte er auf. Er wirkte erleichtert. Andrea schien das nicht zu bemerken. Sie schaute dem Kellner hinterher, der gerade auf dem Weg in die Küche war.
„Hast du Hunger?“, fragte Thomas.

3.

Thomas suchte in der Innentasche. Gott sei Dank, der Ring war noch da. Andrea sah sich genervt nach dem Kellner um. Thomas glaubte, sie habe Hunger und fragte sich, wie sie wohl auf seinen Antrag reagieren würde.

4.

Sie saßen sich gegenüber. Andrea hatte bereits eine böse Vorahnung. Sie deutete seinen hastigen Griff in die Innentasche seiner Jacke ganz richtig. Thomas suchte wirklich nach dem Ring. Dem einen Ring, der, wie er hoffte, sein Leben für immer verändern würde. Ihm war keinesfalls klar, dass sie sich nur deshalb nach dem Kellner umschaute, weil sie versuchte, ihre Befürchtungen zu ignorieren und noch immer hoffte, Thomas würde ihr keinen Antrag machen. Außerdem fand sie den Kellner wirklich süß!
„Hast du Hunger?“, fragte Thomas.

5.

Manche Geschichten beginnen wirklich traurig. Aber nie habe ich von einer gehört, die so traurig begann, wie die meines besten Freundes Thomas, für den von einem Moment zum anderen eine ganze Welt zusammenbrach. Auslöser war der vergebliche Antrag, den er seiner Freundin Andrea eines Abends in einem italienischen Restaurant machte. Er hatte sich seit Wochen auf diesen Moment vorbereitet, doch dieses Miststück ließ ihn einfach auflaufen.

Beispiel 1 ist klar: Da etabliert der Erzähler ein personales Erzählverhalten. Er erzählt aus der Sicht von Thomas.

Klar ist auch, alle anderen Beispiele etablieren kein personales Erzählverhalten. Für die bliebe also nach dem Schema nur das auktoriale Erzählverhalten.

Neutrales Erzählverhalten

Beispiel 2 macht allerdings Probleme. Es wird eindeutig nicht personal erzählt. Der Erzähler nimmt weder die Sicht von Thomas noch die von Andrea ein. Er erzählt also aus einer dritten Sicht, der des Erzählers. Das ist ein Merkmal auktorialen Erzählens.

Im Gegensatz zu den Beispielen 3 bis 5 scheint der Erzähler aber nicht zu wissen, was in Thomas und Andrea vorgeht. Er betrachtet beide nur aus der Außenperspektive. Er verhält sich also wie ein unsichtbarer Beobachter. Sein Wissen ist offenbar dementsprechend begrenzt. Das entspricht nun wieder gar nicht dem, was wir als auktoriales Erzählverhalten kennen. Schließlich zeichnet sich das gerade dadurch aus, dass der Erzähler mehr weiß als die Figuren.

Tatsächlich hat dieses Erzählverhalten einen eigenen Namen: neutrales Erzählverhalten. Der Erzähler ist dabei mindestens ebenso unsichtbar wie der personale Erzähler, unterscheidet sich aber eben darin, dass er nicht in die Figuren hineinschlüpft und daher lediglich aus der Außenperspektive erzählen kann.

Dieses Erzählverhalten will ich in einem anderen Artikel noch genauer unter die Lupe nehmen, hier dient es erst einmal einer anderen Absicht. Denn der Begriff bzw. seine Einordnung ist in der Literaturwissenschaft aus verschiedenen Gründen umstritten. So sehen die einen das neutrale gleichberechtigt neben dem auktorialen und dem personalen Erzählverhalten, andere sehen es lediglich als eine Sonderform an.

Ich bin der Auffassung, dass sich das neutrale je nach Bedarf sowohl dem auktorialen als auch dem personalen Erzählverhalten zuordnen lässt. Das habe ich oben schon angedeutet.

Auktorial gesehen nimmt der Erzähler eine Erzählersicht ein (so unangenehm das für diejenigen auch sein mag, die mit dieser Art des Erzählens den Erzähler aus ihren Texten gänzlich verbannen wollten). Dabei haushaltet er mit seinem Wissen mehr als all seine Kollegen. Er gibt nur wieder, was auch jeder andere neutrale Beobachter berichten könnte, enthält sich außerdem jeder Wertung.

Personal gesehen nimmt der Erzähler die Sicht einer Figur ein, die nicht am Geschehen beteiligt ist, sondern es nur als unsichtbarer Beobachter begleitet. Er erfindet sich sozusagen eine unbeteiligte Figur. Da die Innenperspektive dieser Figur nichts zur Sache tut, bleibt nur die Außenperspektive, die dieser unsichtbare Beobachter auf das Geschehen und die daran beteiligten Figuren hat. Dabei bleibt er auf das reine Beobachten beschränkt, da er mit jeder Wertung des Geschehens seine Innenperspektive hervorkehren würde.

Was aber unabhängig von der Einordnung interessant ist: Wir haben jetzt einen zweiten Begriff, der eine relativ klar umrissene Erzählsituation etabliert.

Erzählsituationen benennen

Personales Erzählverhalten etabliert eine Erzählsituation, die in ihrer Gesamtheit so klar umrissen ist, dass wir etwas lax vom personalen Erzähler sprechen und damit nicht nur auf  sein Erzählverhalten referieren, sondern auch auf seinen Erzählstandort, seine Erzählperspektive, seine Erzählhaltung und seine Erzählsicht. Im Prinzip haben wir es also mit einer personalen Erzählsituation zu tun.

Ganz ähnlich verhält es sich nun mit dem neutralen Erzählverhalten. Auch dabei ist die Erzählsituation weitgehend klar definiert (Erzählstandort in der Regel nah bei den Figuren, Außenperspektive, neutrale Erzählhaltung, Sicht des unsichtbaren Beobachters), damit kann man auch von einer neutralen Erzählsituation sprechen (oder wieder etwas unwissenschaftlich von einem neutralen Erzähler).

Unbenannte Erzählsituationen

Nun wird vielleicht schon deutlich, worauf ich hinauswill. In den Beispielen 3 bis 5 werden drei unterschiedliche Erzählsituationen etabliert. Alle drei sind eindeutig von auktorialem Erzählverhalten geprägt, aber darüber hinaus unterscheiden sie sich deutlich.

Beispiel 3 ist ein wenig kurz für eine abschließende Beurteilung, aber es zeichnet sich schon ab, dass der Erzähler sich nur in Maßen auktorialer Mittel bedient. Sein Fokus scheint auf Thomas zu liegen. Mit der erlebten Rede (Gott sei Dank, der Ring war noch da.) erzählt er sogar einmal personal aus dessen Sicht. Das genervt verrät aber eindeutig, dass er jeder Zeit weiß, was in Andrea vorgeht. Thomas glaubte, sie habe Hunger ist zwar wieder Thomas’ Innenperspektive, aber aus der Sicht der Erzählers erzählt.

Beispiel 4 dagegen etabliert ein auktoriales Erzählverhalten eines allwissenden Erzählers, der mit den Innenperspektiven beider Figuren nicht geizt. Er verwendet sie praktisch gleichberechtigt.

In Beispiel 5 etabliert sich der Erzähler schließlich ganz klar als auf der Ebene des Erzählens personifizierte Erzählerfigur, die jederzeit selbst und höchstpersönlich auftreten kann.

Für all diese Erzählsituationen haben wir nur den Begriff auktorial, der sich ja streng genommen nur auf das Erzählverhalten bezieht. Ob das ein Versäumnis ist oder ob es einfach keine Notwendigkeit gibt, die einzelnen Erzählsituationen durch genauer definierte Begriffe voneinander zu trennen, mag jeder selbst beurteilen.

Der Autor muss nur wissen, die Anweisung an den Erzähler, sich auktorial zu verhalten, benötigt noch weitere Spezifizierung. Die Parameter, die personales und neutrales Erzählverhalten von sich aus mitbringen, müssen beim auktorialen Erzählverhalten erst noch gesetzt werden.

Zur Übersicht


Beruf Erzähler: Ätsch, unsichtbar

Im ersten Teil der Reihe wurde es schon angedeutet: Den Erzähler als Figur zu begreifen hilft dem Autor, sich bewusst zu machen, dass er jede seiner Geschichten von einem Erzähler erzählen lässt.

Rein theoretisch wäre es genau in den folgenden zwei Fällen möglich, keinen Erzähler anzustellen und die Geschichte als Autor selbst an den Leser zu bringen:

  1. Man bemüht sich zum potentiellen Leser nach Hause und erzählt ihm die Geschichte aus dem Stegreif und ohne sich Gedanken um das Wie zu machen.
  2. Man schreibt die Geschichte genau so auf, wie man sie entsprechend Punkt 1 erzählen würde, und verschwendet dabei wiederum keinen Gedanken an das Wie.

Sobald man aber nach der richtigen Formulierung sucht, den Stil überdenkt, der Geschichte eine folgerichtige Struktur gibt, sobald man also über die Präsentation des Erzählten nachdenkt, schaltet man eine Erzählerfigur zwischen die Geschichte und den Leser.

Der Erzähler im Alltag

Und weil wir das im Grunde genommen auch in unserem Alltag tun, sind die oben genannten Fälle schon zum Scheitern verurteilt, bevor wir überhaupt ans Geschichtenerzählen denken.

Wir sprechen anders mit den Eltern als mit den Freunden. Wir reden den Vorgesetzten anders an als die Stammtischbrüder. Unsere Sprache verändert sich, wenn wir mit Kindern sprechen. Die Erzählung von einer überschwenglichen Party fällt verschieden aus, je nachdem ob wir sie einem verhinderten Kumpel, dem abwesenden Partner oder der Mutter kredenzen. Schreiben wir die Worte auf, verstärkt sich dieser Effekt noch. Spätestens wenn wir Literatur produzieren wollen, wird er zur Voraussetzung.

Dennoch gibt es in der Literatur Begriffe wie den abwesenden oder den unsichtbaren Erzähler. Das mir ersterer nicht besonders gefällt, lässt sich nun schon ableiten. Einen abwesenden Erzähler kann es gar nicht geben, es sei denn, es wird nichts erzählt.

Nicht zu sehen und trotzdem da

Dann doch lieber ein unsichtbarer, wohlgemerkt einer, der nicht zufällig unsichtbar ist, sondern sich selbst unsichtbar macht. Eine Strategie, die nur deshalb funktioniert, weil der Leser im Allgemeinen seine Aufmerksamkeit auf das Erzählte konzentriert. Um auf sich aufmerksam zu machen, müsste der Erzähler schon deutlichere Zeichen setzen oder eben Fehler begehen, die auf ihn hindeuten.

Anders gesagt: Wer es sich vornimmt, wird auch den unsichtbaren Erzähler entdecken, weil der eben nicht ganz und gar verschwinden kann. Er verrät sich durch seinen Sprach- und Erzählstil. Wenn er darin konsequent ist, nur dem, der darauf achtet, macht er Fehler, auch dem, der eigentlich gar nichts von ihm wissen will.

Im Prinzip sind sowohl der unsichtbare als auch der abwesende Erzähler Synonyme für den personalen Erzähler, der noch ausführlich behandelt werden soll. Will man es aber weitertreiben, könnte man sagen, dass der ohnehin schon kaum sichtbare personale Erzähler noch weiter in der Versenkung verschwindet, wenn er zusätzliche Strategien anwendet, etwa indem er weitgehend auf narrative Erzählpassagen verzichtet.

Zur Übersicht

Beruf: Erzähler

Ähnlich wie bei PB-Plotten will ich mich in nächster Zeit in einzelnen Artikeln mit den Erzählertypen beschäftigen, die Autoren so verwenden können.

Dass es davon mehrere gibt, dürfte keine große Neuigkeit sein. Vom Ich-Erzähler und dem Er-Erzähler hat wohl jeder schon gehört oder gelesen. Denjenigen, die sich schon ein bisschen damit beschäftigt haben, dürften außerdem Begriffe wie personaler, auktorialer, allwissender, unsichtbarer oder unzuverlässiger Erzähler bekannt sein. Was sich hinter solchen Begriffen verbirgt, soll diese Artikelserie klären.

Dabei liegt der Fokus darauf, euch den Erzähler als Figur bewusst zu machen. Als Dienstleister, der vom Autor den Auftrag empfängt, eine bestimmte Geschichte in der gewünschten Art und Weise zu erzählen.

Die einzelnen Artikel werden zukünftig in diesem Beitrag verlinkt.

Die einzelnen Beiträge:

  1. Ich, ich, ich! (Der Erzähler als Figur)
  2. Ätsch, unsichtbar
  3. Mit Haltung und Perspektive
  4. Die Verträge
  5. Das bin ich
  6. Ich nenn mich nicht!
  7. Wissensbeschränkung
  8. Zurückhaltung
  9. Sich etablieren
  10. Die Qual der Wahl