Beruf Erzähler: Die Verträge

Wie jeder Berufstätige geht auch der Erzähler Verträge ein. Und zwar für jeden Job gleich mehrere. Drei, um genau zu sein.

Zunächst natürlich den mit seinem Arbeitgeber, dem Autor. Ein zugegebenermaßen etwas ungewöhnlicher Vertrag, denn es gibt naturgemäß nur einen, der auf die Einhaltung dieses Vertrages achten kann und muss. Diese Verantwortung lässt sich dem Erzähler leider nicht aufbürden.

Der Inhalt des Vertrages ist wenig kompliziert: Der Autor erteilt dem Erzähler den Auftrag, wie dieser die Geschichte zu erzählen hat, wobei vor allem auf die Einhaltung der Rahmenbedingungen der ebenfalls vom Autor vorgegebenen Erzählsituation zu achten ist. Die Führungsverantwortung liegt beim Autor, er ist es, der für Fehler des Erzählers zur Rechenschaft gezogen wird.

Damit berühren wir bereits den zweiten Vertrag, in dem der Erzähler lediglich das Bindeglied zwischen den Vertragspartnern Autor und Leser ist. Der Inhalt entspricht weitgehend dem ersten Vertrag: Auch hier steht der Erzähler in der Pflicht, die Rahmenbedingungen der Erzählsituation einzuhalten, sodass der Leser sich auf diese verlassen kann. Obendrein obliegt ihm die Verpflichtung, dem Leser von Beginn an Klarheit über diese Bedingungen zu verschaffen. Haften muss auch hier wieder der Autor.

Der Vertrag mit dem Leser

Im dritten Vertrag allerdings spielt der Autor kaum eine Rolle. Der wird zwischen Erzähler und Leser geschlossen. Voraussetzung ist, dass Ersterer die anderen Verträge einhält. Das Interessante: Unter dieser Voraussetzung ist entsprechend der literarischen Konventionen der Leser der Einzige, der diesen Vertrag brechen kann. Und er wird dafür mit ausbleibendem Lesegenuss bestraft!

Der Leser schließt diesen Vertrag in der Regel vollkommen unbewusst. Er erkennt darin an, dass der Erzähler in den Grenzen seiner jeweiligen Erzählsituation übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Etwa die, das Innenleben einer Figur zu kennen, als sei es sein eigenes. Oder gar sich derart in diese Figur zu versenken, dass er die Welt mit deren Sinnen wahrnimmt. Er akzeptiert, dass mancher Erzähler ein Gedächtnis besitzt, das dasjenige eines Elefanten lächerlich erscheinen lässt, während ein anderer gar von sich behauptet, gottgleiches Wissen über alles, was in der Welt vor sich geht, zu besitzen. Und er wundert sich nicht darüber, wenn ein Erzähler, der seine eigene Geschichte erzählt (oder so tut, als würde er das tun), dies offenbar im gleichen Atemzug tut, in dem die Ereignisse stattfinden.

Ja, es ist verrückt! All diese Dinge blendet der vertragskonforme Leser aus, damit er auf dieser Basis von einem glaubwürdigen Erzähler und seiner ebenso glaubwürdigen Erzählung ausgehen kann.

Diese drei Verträge bilden eine Art Kreis. Sie bedingen sich gegenseitig. Der eine braucht den anderen als Grundlage, während er gleichermaßen seine Voraussetzung darstellt. Wird einer der drei gebrochen, funktionieren auch die anderen nicht mehr.

Zur Übersicht

Rund um Opfer und Täter

Ich schreibe ja für die Newsredaktion des Onlineportals des Spion. Die News machen hier nur einen kleinen Teil des Portals aus, die Redaktion ist winzig und muss ohne Außenreporter auskommen. Der größte Teil der News beruht daher ausschließlich auf Onlinerecherchen.

Dennoch haben gerade lokale und regionale News für mich einen besonderen Reiz. Die hoch frequentierte Plattform wird aufgrund ihrer Herkunft hauptsächlich von Usern aus Mecklenburg-Vorpommern genutzt. Die kommen aus allen sozialen Schichten. Immer wieder erlebt man es, dass sich in den (nicht immer niveauvollen) Newskommentaren Nutzer äußern, die einen direkten Bezug zu denjenigen haben, die Anlass für die Nachricht sind.

So nun auch zu der Nachricht, die (wieder einmal) weit über die Grenzen M-Vs für Aufmerksamkeit sorgte: Tod in Rostock wegen Streit um Bollerwagen.

Am Himmelsfahrtstag wurde ein 45-Jähriger am S-Bahnhof Rostock-Warnemünde totgeschlagen. Hintergrund war der Streit zwischen zwei „Herrentagsgruppen“ um einen Bollerwagen.

Aktuell hat die Nachricht 142 Kommentare. Die meisten, die sich äußern, sind entrüstet und/oder zeigen Mitgefühl mit dem Opfer und seinen Angehörigen, fordern Höchststrafen (natürlich bis hin zur Todesstrafe) für den Täter. Darunter sind einige, die einen Bezug zur Familie des Opfers haben.

Auf Kommentarseite 14 meldet sich dann erstmals ein User namens Ku K zu Wort. Seine Äußerungen lassen eindeutig den Schluss zu, dass er am Tattag selbst anwesend war, es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass er zu der Gruppe gehörte, aus der der Täter stammt. Er betont, dass die Tat ein Unfall war.

Ohne seine (oder irgendeine andere) Aussage inhaltlich zu bewerten, finde ich es einfach intererssant, wenn so etwas zustande kommt. Noch interessanter übrigens, dass (bisher) keiner der weiteren Kommentatoren diesen Zusammenhang gesehen hat.

Ähnliches geschah vor einigen Tagen bei dieser News: Fan von St. Pauli ins Krankenhaus geprügelt.

Unter den aktuell 430 (!!!) Kommentaren findet sich einer, der nach meiner Einschätzung vom Opfer selbst stammt. Auch der fand keine weitere Beachtung.