Der Vater der Lebensfreude

Jo Jastram 1990, © Thomas Lehmann
Jo Jastram 1990, © Thomas Lehmann

Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nannte ihn einen der wirklich großen deutschen Bildhauer: Jo Jastram verstarb am vergangenen Freitag im Alter von 82 Jahren. Mit dem „Brunnen der Lebensfreude“ wird eines der bekanntesten Werke des Rostockers noch lange an ihn erinnern.

Wie NDR.de berichtet, verstarb am Freitag der Rostocker Bildhauer Joachim Jastram im Alter von 82 Jahren in einem Krankenhaus in Ribnitz-Damgarten. Seine Familie erklärte dazu am Sonntag, Jastram sei dort nach einem Sturz seit Weihnachten auf der Intensivstation behandelt worden. Sein Tod sei dennoch unerwartet gekommen.

Bekannt und geschätzt

Joachim Jastram wurde 1928 in Rostock geboren. Nach der Lehre zum Brunnenbauer wurde er Holzbildhauer. 1975 übernahm er die Leitung der Ostsee-Biennale. Von 1980 bis 1986 lehrte er an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seit den 70er-Jahren lebte er in Kneese bei Bad Sülze

Die Werke des Künstlers waren in vielen Ausstellungen und auch im Ausland zu sehen. Zu seinen bekanntesten Werken zählt der „Brunnen der Lebensfreude“ auf dem Rostocker Universitätsplatz (gemeinsam mit Reinhard Dietrich) und die Skulptur „Kaspar Ohm“. Seine letzte große Arbeit war die Figurengruppe „Zirkus“. Die „Afrikanische Reise“ im Rostocker Stadthafen bezeichnete der Bildhauer selbst als eine seiner wichtigsten Arbeiten.

Jastram hinterlässt seine Frau, die Grafikerin Inge Jastram, eine Tochter und drei Söhne, darunter den Bildhauer Jan Jastram.

Brunnen der Lebensfreude, © Schiwago
Brunnen der Lebensfreude, © Schiwago
Kasper Ohm, © Schivago
Kasper Ohm, © Schivago
Reisende, © Schiwago
Reisende, © Schiwago

Klassiker vor Gericht

Der Mörderin fehlt scheinbar jedes Motiv. Ihr Opfer: ein ihr völlig fremder Mann. Des Rätsels Lösung findet sich erst durch eine weitere Frau. Die beiden haben sich bei einer Zugfahrt kennengelernt und sich ihr Leid geklagt. Beide waren ihrer Ehemänner überdrüssig und vereinbarten, jeweils den der anderen zu ermorden, um sich gegenseitig mit dem perfekten Mord ihrer Sorgen zu entledigen.

Ein junger Mann wird von einem reichen Herrn beauftragt, dessen Sohn nach Hause zurückzuholen, der sich auf Kosten des Vaters im Ausland amüsiert, statt sich seinen Verpflichtungen daheim zu stellen. Die Suche gestaltet sich erfolgreich, doch der Gesuchte überzeugt den jungen Mann, es sich gemeinsam mit ihm gut gehen zu lassen und die Jugend zu genießen. Fasziniert von Leben und Wohlstand des Berufssohns, versucht der Mann schließlich den Gesuchten zu ermorden und sich als er auszugeben.

Klar, weiß jeder sofort, von welchen beiden „Fällen“ ich spreche. Letzterer wurde von Fernsehrichter Alexander Holt verhandelt, ersterer ist schon etwas länger her und mein etwas löchriges Gedächtnis erinnert sich nicht mehr, ob auch Holt oder eine(r) seiner Kollegen/innen den Vorsitz hatte.

Wie, ein Roman? Ein Film? Na so was. Das wäre ja seltsam.

Da soll es doch Leute geben, die noch immer glauben, Sat.1 stelle ein paar Kameras in einen echten Gerichtssaal während einer echten Verhandlung. Und die Kameraleute seien zufällig auch immer dabei, wenn etwas Aufregendes im Flur, der Garage oder auf dem Klo passiert. Oder zumindest seien es echte Fälle, die von den Produzenten nachgestellt würden.

Nun müssen also selbst die, die zähneknirschend akzeptiert haben, dass die ach so authentischen Fälle aus der Feder von Skriptautoren stammen, die sich ihrerseits mit der meist diletantischen schauspielerischen Umsetzung ihrer Drehbücher abgefunden haben, mit dem Gedanken leben, dass eben diesen Autoren ihre Ideen manchmal auf seltsamen Kanälen zufliegen und sie sich nicht einmal die Mühe machen, dies nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

Nennt man das Inspiration? Nun ja, es reicht jedenfalls, um sich in der Mittagspause die Werbeunterbrechungen bei „Two and a Half Man“ auf ähnlich amüsante Weise zu vertreiben.

Bleibt nur die Frage, ob dieses Phänomen für den Realismus der Vorlagen spricht oder ob sich die Fernsehmacher um eben diesen Realismus einen Dreck scheren.

Die Sonnenfeste

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Die Sonnenfeste“, die in der wirklich großartigen Anthologie „Geschichten eines Krieges“ erschienen ist.

Linnan ist der Sohn des Festungskommandanten und bekommt endlich die Möglichkeit, sich in der Schlacht zu beweisen, seinen Vater stolz zu machen und sich den Namen eines Kriegers zu verdienen. Doch im Krieg gibt es nicht nur Sieger.

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Eindringlinge

Vater verstand es, mir die Sorgen zu nehmen und sie durch Stolz zu ersetzen.
„Bald schon wird Hartos Sohn Herti heißen und Linnan ist für immer vergessen!“
Allein dieser Satz aus seinem Mund sorgte für ein breites Grinsen in meinem Gesicht, obgleich ich mich bemühte, einen grimmigen Ausdruck zu wahren.
„Trink, mein Sohn! Bald schon steht der Feind vor den Toren unserer Sonnenfeste! Bald schon wirst du zum Krieger und zum Manne reifen.“ Er hob seinen Krug und stieß mit mir an. Er trank, stand auf, den Krug erneut hoch erhoben, und rief in die Runde: „Singt, Kameraden, denn große Taten sollen folgen!“
Rundherum sprangen die Männer von ihren Schemeln, streckten die Krüge von sich, stampften den Takt mit den Stiefeln und brüllten:

„Wohlan, ihr Krieger, schärft das Schwert,
im Kampf zeigt sich des Mannes Wert!
Die Waffen scheuen kein Versteck,
auf dass der letzte Feind vereck.

Ob hier, ob dort, ob Troll, ob Ork,
ob früh, ob spät, nur keine Sorg‘,
wir stürmen nieder von den Türmen,
weh dem Gewürm dem wir erst zürnen!

Die Klingen vor, setzt euch in Marsch,
stoßt sie den Feinden in den Arsch!“

Danach lachten und brüllten sie noch lauter und ließen den Festungskommandanten hochleben. Mein Vater verbeugte sich in einer gespielten Geste und setzte sich wieder. Zu mir gewandt sang er noch einmal:

„Die Klingen vor, setzt euch in Marsch,
stoßt sie den Feinden in den Arsch!“

Sein Lachen polterte. Er soff den Krug in einem Zug leer und rief nach dem Wirt. Ich beeilte mich, mit ihm gleichzuziehen. Der Met lief mir aus den Mundwinkeln aufs Hemd. Wie gern hätte ich das Lied jetzt schon mitgegrölt. Nicht heimlich mit den Jungs, sondern hier, ganz offen in der Wirtsstube, gemeinsam mit den gestandenen Kriegern.
„Sie werden schon sehen, was sie davon haben!“, sagte Vater, nachdem der Wirt zwei neue Krüge auf den Tisch gestellt hatte. „Du hast Glück, Linnan, hörst du. Verdammtes Glück!“
Er beugte sich zu mir herüber. „Immerhin schien es seit einigen Jahren, als hätten wir die Orks endgültig aus Manlant vertrieben. Lange schon stießen unsere Jagdtrupps nicht einmal mehr auf vereinzelte Banden. Der Sieg gebührte den freien Völkern. Der Frieden war gut für die Bauern.“
Er beugte sich noch weiter vor. „Doch du und ich, wir sind keine Bauern. Und meine Sorge wuchs, Linnan, du müsstest diesen Namen, den dir deine Mutter gab, noch viele Jahre tragen, weil du dich nicht als Krieger beweisen könntest.“
Er seufzte. Dann fasste er meine Hand und mir wurde warm ums Herz.
„Aber die Orks sind zurückgekehrt!“
Er drückte meine Hand fester. „Irgendwo weit nördlich unserer Grenzen haben sich diese Bestien zusammengerottet und ihre stinkende Brut gezeugt. Morgen werden sie die Sonnenfeste erreicht haben und dann endlich wirst du zeigen, dass dein zukünftiger Name der eines Kriegers sein soll.“
Er lehnte sich zurück. „Sie werden ihre Dreistigkeit bereuen! Hier wird ihr Vormarsch zu Ende sein. Wir werden dafür sorgen, dass dieses Gewürm sich nie wieder in unseren Breiten blicken lässt!“

Ja, das wollte ich! Ich, Linnan, Sohn der Lind, wollte Herti, Sohn des Harto werden.
Jetzt hatten die Schauergeschichten der Kindheit keinen Platz mehr. Ich hatte noch nie einen Ork gesehen. Seit ich denken konnte, war der Krieg bereits weit von der Sonnenfeste entfernt gewesen und schließlich siegreich zu Ende gegangen. Seit ich im letzten Sommer mein sechzehntes Lebensjahr vollendet hatte, war ich zweimal mit den Kriegern aufgebrochen, weil Gerüchte besagten, man habe Orks im Norden gesehen. Beide Male war meine Anspannung umsonst gewesen.
Nun würde ich dem Feind gegenübertreten! Nach dem Lied der Krieger und den Worten meines Vaters sah ich keinen Grund, diese Kreaturen zu fürchten. Sicher, das war kein Kinderspiel mehr, aber ich freute mich darauf, hässliche Orkfratzen zu spalten. Ich würde den Festungskommandanten, meinen Vater, nicht enttäuschen!

Die Abendluft ließ mich erzittern. Ich biss die Zähne zusammen. Ein Krieger konnte schließlich nicht vor der Kälte auf den Festungsmauern kapitulieren. Dabei war es beruhigend, den Wind für die schlotternden Beine verantwortlich zu machen, nicht das Heer von Fackeln, das sich auf den Feldern vor der Feste versammelt hatte. Die Gestalten wirkten winzig, aber es waren so unglaublich viele. Die Gesänge, die aus ihren Kehlen bis zu uns herüberschallten, fraßen an meinem Mut. Die Signalhörner der Feinde zerrten an meinem Verstand. Ihre Trommeln brachten mein Herz aus dem Takt. Zum Warten verdammt. Warten auf den Angriff!

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Dies sind die Geschichten eines Krieges:

Chronisten schreiben über die stolzen Kämpfer, die für Land, Glaube oder König in den Krieg ziehen. Barden besingen ihre Heldentaten in Liedern.

Doch die wahrhaft großen Dinge ereignen sich unbemerkt und in aller Bescheidenheit.

Hier geht es um die Helden, die nicht in vorderster Reihe stehen. Die Wesen, die durch den Krieg gezwungen werden, oft sehr unkonventionelle Wege zu beschreiten und die mit viel List um ihr Leben und um das ihrer Angehörigen kämpfen.

Egal ob Mensch, Elf oder Monster, all diese Kreaturen haben ein gemeinsames Ziel: Überleben!

Lesen Sie selbst, über die Helden, die nie als Helden besungen wurden …

Drachenkinder (Hrsg.)
Geschichten eines Krieges
broschiert, 384 Seiten
vph-Verlag 2008
ISBN 978-3-937544-08-3

Auf der Internetseite zum Buch findet ihr auch eine Leseprobe aus „Das Glockenspiel“ von Andreas Wölfle.

26 Autoren haben zu diesem spannenden Thema Geschichten beigetragen.

Andreas Wölfle
Birgit Erwin
Klaus Mundt
Bianca Plate
Robert Heracles
Thomas Krings
Eva Fenslage
Tom Cohel
Philipp Bobrowski
Stefanie Behm
Nina Horvath
Nora Strasser
Isabella Schuler
Karin Kehrer
Peter Hohmann
Stefan Warnecke
Carsten Zehm
Esther Schmidt
Christel Scheja
K. D. Sopha
Lars Neger
Arno Endler
Maximilian Weigl
Nathalie Gnann
Friederike Stein
Torsten Scheib