Beruf Erzähler: Die Verträge

Wie jeder Berufstätige geht auch der Erzähler Verträge ein. Und zwar für jeden Job gleich mehrere. Drei, um genau zu sein.

Zunächst natürlich den mit seinem Arbeitgeber, dem Autor. Ein zugegebenermaßen etwas ungewöhnlicher Vertrag, denn es gibt naturgemäß nur einen, der auf die Einhaltung dieses Vertrages achten kann und muss. Diese Verantwortung lässt sich dem Erzähler leider nicht aufbürden.

Der Inhalt des Vertrages ist wenig kompliziert: Der Autor erteilt dem Erzähler den Auftrag, wie dieser die Geschichte zu erzählen hat, wobei vor allem auf die Einhaltung der Rahmenbedingungen der ebenfalls vom Autor vorgegebenen Erzählsituation zu achten ist. Die Führungsverantwortung liegt beim Autor, er ist es, der für Fehler des Erzählers zur Rechenschaft gezogen wird.

Damit berühren wir bereits den zweiten Vertrag, in dem der Erzähler lediglich das Bindeglied zwischen den Vertragspartnern Autor und Leser ist. Der Inhalt entspricht weitgehend dem ersten Vertrag: Auch hier steht der Erzähler in der Pflicht, die Rahmenbedingungen der Erzählsituation einzuhalten, sodass der Leser sich auf diese verlassen kann. Obendrein obliegt ihm die Verpflichtung, dem Leser von Beginn an Klarheit über diese Bedingungen zu verschaffen. Haften muss auch hier wieder der Autor.

Der Vertrag mit dem Leser

Im dritten Vertrag allerdings spielt der Autor kaum eine Rolle. Der wird zwischen Erzähler und Leser geschlossen. Voraussetzung ist, dass Ersterer die anderen Verträge einhält. Das Interessante: Unter dieser Voraussetzung ist entsprechend der literarischen Konventionen der Leser der Einzige, der diesen Vertrag brechen kann. Und er wird dafür mit ausbleibendem Lesegenuss bestraft!

Der Leser schließt diesen Vertrag in der Regel vollkommen unbewusst. Er erkennt darin an, dass der Erzähler in den Grenzen seiner jeweiligen Erzählsituation übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Etwa die, das Innenleben einer Figur zu kennen, als sei es sein eigenes. Oder gar sich derart in diese Figur zu versenken, dass er die Welt mit deren Sinnen wahrnimmt. Er akzeptiert, dass mancher Erzähler ein Gedächtnis besitzt, das dasjenige eines Elefanten lächerlich erscheinen lässt, während ein anderer gar von sich behauptet, gottgleiches Wissen über alles, was in der Welt vor sich geht, zu besitzen. Und er wundert sich nicht darüber, wenn ein Erzähler, der seine eigene Geschichte erzählt (oder so tut, als würde er das tun), dies offenbar im gleichen Atemzug tut, in dem die Ereignisse stattfinden.

Ja, es ist verrückt! All diese Dinge blendet der vertragskonforme Leser aus, damit er auf dieser Basis von einem glaubwürdigen Erzähler und seiner ebenso glaubwürdigen Erzählung ausgehen kann.

Diese drei Verträge bilden eine Art Kreis. Sie bedingen sich gegenseitig. Der eine braucht den anderen als Grundlage, während er gleichermaßen seine Voraussetzung darstellt. Wird einer der drei gebrochen, funktionieren auch die anderen nicht mehr.

Zur Übersicht

Beruf Erzähler: Mit Haltung und Perspektive

Wenn wir den Erzähler als eine (fiktive) Figur ansehen, die wie jede andere von sich selbst als Ich spricht, wird es etwas seltsam, wenn wir ihn einmal Ich-Erzähler, dann wieder Er-Erzähler nennen. In Wirklichkeit ist er doch immer derselbe. Er ist auch nicht einmal personaler, dann wieder auktorialer Erzähler. Nein, es ändert sich nur seine Perspektive. Oder war es seine Haltung? Oder doch sein Verhalten? Vielleicht einfach sein Standort?

Darum soll es in diesem kleinen Artikel gehen: um die Begriffe Erzählsituation, Erzählstandort, Erzählperspektive, Erzählverhalten und Erzählhaltung.

Gleich vorweg: Kaum einer, der sich nicht wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzt, wird diese Begriffe sauber voneinander trennen können. Und wie das in der Literaturwissenschaft so ist, werden auch dort Begriffe nicht immer einheitlich verwendet.

Erzählsituation

In der Regel fassen Autoren (auch ich) einfach alles als Erzählperspektive zusammen, was den Erzähler einer Geschichte ausmacht. Oder sie verwenden die Begriffe synonym. Und das reicht für den Schreibenden auch. Wer also an der Theorie (die ich ohnehin in diesem Rahmen bestenfalls grob anreißen kann) kein Interesse hat, kann getrost an dieser Stelle wieder aussteigen, ohne etwas fundamental Wichtiges für sein zukünftiges Schreiben zu verpassen. Ihm sollte nur klar sein, dass die Erzählsituation eines Textes durch mehrere Bedingungen bestimmt ist, die der Autor variieren kann, um seine jeweilige Geschichte optimal an den Leser zu bringen.

Jürgen Schutte sagt über die Erzählsituation Folgendes:

Erzählsituation meint also die (aus dem Text erschließbare) Gesamtheit jener Bedingungen, unter denen erzählt wird.

(Jürgen Schutte, Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart 1990, S.132)

Erzählstandort, Erzählperspektive, Erzählverhalten und Erzählhaltung sind vier dieser Bedingungen, die die Erzählsituation ausmachen. Nicht die einzigen, aber die aus meiner Sicht für den Autor wichtigsten.

Ich halte mich dabei weiter an die Begrifflichkeiten Schuttes, betone aber ein weiteres Mal, dass die Verwendung der Begriffe nicht einheitlich ist.

Erzählstandort

Der Erzählstandort beschreibt die Distanz des Erzählers zu den Figuren und dem Geschehen. Wie eine Kamera kann der Erzähler seinen Standort in großer zeitlicher und/oder räumlicher Entfernung zum Geschehen und den beteiligten Figuren wählen, um etwa einen allgemeinen Überblick zu behalten, oder einen Standort nahe an Geschehen und Figuren einnehmen (heranzoomen), sich eventuell direkt an eine Figur binden, die er fortan begleitet.

Oft wird der Erzähler seinen Standort innerhalb der fortschreitenden Geschichte immer wieder verändern, er kann ihn aber auch weitgehend beibehalten. Im Beispiel nimmt er erst eine große Distanz ein und zoomt dann heran, um Herrn Nahganz zu betrachten:

Der dunkle Himmel drängte die Bürger Fernburgs dazu, ihre Geschäfte so bald als möglich zu erledigen, um in die Sicherheit ihrer Häuser zurückkehren zu können. Jeder auf den Straßen der kleinen Stadt schien in höchster Eile. Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung und betrachtete das Geschehen mit einem Blick, als beneide er diejenigen, die vor dem drohenden Unwetter flüchteten.

Erzählperspektive

Die Erzählperspektive ist mit dem Erzählstandort eng verbunden, aber nicht gleichzusetzen. Die Frage nach dem Standort klärt nur die Frage, wo der Erzähler steht und was er von dort aus sehen kann. Im entsprechenden Beispiel oben ist der Erzähler am Ende ziemlich nah bei Herrn Nahganz, aber er betrachtet ihn immer noch aus einer Außenperspektive.

Er könnte nun auch von der Außen- in eine Innenperspektive wechseln, die inneren Vorgänge der Figur, ihre Gedanken und Gefühle betrachten.

Die Erzählperspektive in diesem engeren Sinn sagt also lediglich aus, ob der Erzähler seine Figur(en) nur von außen betrachtet, so wie es eine Kamera tut, oder ob er auch das Innenleben der Figur(en) offenbart.

Ein Erzähler, der dem Leser auch die Innenperspektive zur Verfügung stellt, hätte also folgendermaßen erzählen können:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung, betrachtete das Geschehen auf der Straße und dachte daran, wie gern er mit diesen Menschen getauscht hätte.

Spätestens jetzt werden die feinen Unterschiede deutlich. Denn eine Innenperspektive ist nicht automatisch eine personale. Auch ein Erzähler, der sich auktorial verhält, kann natürich Innenperspektiven verwenden (auktorial und personal werden noch in einem eigenen Artikel behandelt).

Erzählverhalten

Ob ein Erzähler personal oder auktorial erzählt, klärt nach Schutte (ebd., S.135 f.) demnach das Erzählverhalten. Der Erzähler verhält sich also auktorial oder personal. Das bedeutet im ersten Fall, dass der Erzähler die Erzählersicht beibehält, ob nun in der Außen- oder der Innenperspektive, während er im zweiten Fall aus Sicht der Figur erzählt.

Den Unterschied will ich wieder an Beispielen deutlich machen:

Erzählersicht (auktorial), Außenperspektive:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung und betrachtete das Geschehen mit einem Blick, als beneide er diejenigen, die vor dem drohenden Unwetter flüchteten.

Erzählersicht (auktorial), Innenperspektive:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung, betrachtete das Geschehen auf der Straße und dachte daran, wie gern er mit diesen Menschen getauscht hätte.

Figurensicht (personal):

Er stand am Fenster. Die Menschen auf der Straße beeilten sich, dem Unwetter zu entkommen. Wie gern wäre er an ihrer Stelle, hätte die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Für ihn gab es nur das Drinnen, ob es draußen stürmte oder die Sonne schien.

Erzählhaltung

Bleibt schließlich noch die Erzählhaltung. Sie beschreibt die Einstellung des Erzählers zum Erzählten. Am deutlichsten wird sie natürlich, wenn der Erzähler explizit einen bestimmten Tonfall einschlägt, etwa einen ironischen, einen pathetischen, einen kritischen oder einen affirmativen.

Solche expliziten Mittel sind dabei weitgehend Teil auktorialen Erzählverhaltens, doch die Erzählhaltung drückt sich auch implizit in den sprachlichen und erzählerischen Mitteln der Darstellung aus, etwa der Auswahl dessen, was erzählt wird, der Gewichtung innerhalb des Erzählten, der Entscheidung zwischen szenischem oder narrativem Erzählen, der Wahl der Perspektive und des Erzählverhaltens, der Wortwahl, der Auswahl der Metaphern usw.

Sofern sich der Schreiber all dieser Möglichkeiten bewusst bleibt, macht es natürlich gar nichts, wenn er sie begrifflich nicht voneinander trennt.

Zur Übersicht

Leichtes Spiel mit den Drachen

Als der Drache ihn sah, brüllte er fürchterlich und spuckte heißes, rotes Feuer. Da rutschte Arnlf das Herz in die Hose und er hatte Angst. Verzweifelt überlegte er sich eine List, mit der er den Drachen austricksen konnte. Aber er hatte keine Zeit mehr. Also lief er erst mal weg. Der Drache, der vor dem kleinen Jungen keine Angst hatte, brüllte und spuckte noch mehr und breitete seine Flügel aus und wollte sich in die Luft heben. Doch er hatte den Baum nicht gesehen, der da im Weg stand. Und so stieß er sich den Kopf und plumpste zu Boden und war tot.

Der Ausschnitt stammt aus der Geschichte „Arnlf und der Drache“. Geschrieben wurde sie von mir. Nicht etwa in jungen Jahren, wie man hoffentlich vermuten kann, sondern vor ein paar Jahren als Wettbewerbsbeitrag für die Nacht der schlechten Texte. Ohne Erfolg übrigens, aber darum geht es heute nicht.

Es gibt sicher einiges, was man an dem Textausschnitt bemängeln könnte, aber eines fehlt ihm nicht: ein echter Konflikt. Was soll man auch anderes erwarten, wenn ein junger Bursche einem Drachen gegenübersteht. Drachen sind schließlich allgemein bekannt dafür, Konflikte zu verursachen.

Arnlf hat also ein handfestes Problem und wie es sich für einen Protagonisten gehört, versucht er es zu lösen. Aus Zeitmangel entscheidet er sich allerdings zunächst für eine Fluchtstrategie. Dass er damit keine endgültige Konfliktlösung herbeiführt, dürfte jedem einleuchten, der schon einmal Streit mit einem Drachen hatte.

Doch die Lösung naht – oder besser: wartet – in Gestalt eines Baumes. Glück gehabt! Der Leser kann aufatmen und sich für einen Moment zufrieden zurücklehnen.

Deus ex machina

Oder doch nicht? Natürlich nicht, das leuchtet jedem ein. Dass Arnlf mit dem Leben davonkommt, verdankt er nur einem dummen Zufall. Deus ex machina (Gott aus der Maschine) nennt man das. Und das geziemt sich für einen Helden oder sonstwie gearteten Protagonisten eben bestenfalls, wenn er Teil einer parodistisch, satirisch oder komödiantisch angelegten Geschichte ist. Andernfalls hat er gefälligst seine Konflikte selbst zu lösen und glückliche Zufälle ebenso wie andere Götter, ob sie nun aus einer Maschine oder einem Marmeladenglas kommen, zu meiden wie der Elefant das Mauseloch.

Gut, das heißt also, unser Drache darf nicht durch den Baum sterben. Falsch! Darf er doch, aber nicht, ohne dass Arnlf das so geplant hat. Wenn unser kleiner Held den Baum in seinen genialen Drachentöterplan einbezogen hat, wenn er den Drachen vielleicht sogar erst unter diese Mordwaffe gelockt und ihn dann derart zur Raserei gebracht hat, dass der Lindwurm dieses kleine Detail bei den überstürzten Startvorbereitungen übersieht, dann wird der Leser wohlwollend Arnlf den heldenhaften Sieg zuerkennen. Schließlich hat das beim tapferen Schneiderlein auch schon funktioniert.

Na, ist doch gar nicht so schwer, wird sich der Autor jetzt denken. Wieder falsch. Aus dem von mir hier angebrachten plumpen Beispiel lässt sich nämlich leider noch nicht ablesen, dass es der Autor leider oft viel schwerer hat, der zuschnappenden Zu-Falle zu entgehen.

Begrifflich ist nicht ganz eindeutig, wann etwas noch als Deus ex machina bezeichnet werden kann und wann nicht mehr. Nehmen wir an, im Originalbeispiel würde der Drache durch den Baumschlag nur betäubt. Arnlf fasst sich ein Herz, nimmt sein Schwert und rammt es dem Untier ins Herz. Er hat nun immerhin seinen Teil zur Konfliktlösung beigetragen, wenn auch mit „göttlicher“ Hilfe. Ob man das noch als Deus usw. bezeichnen will oder nicht, bleibt sich für den Leser aber letztlich gleich.

Eigenbeteiligung reicht nicht, Leistung zählt

Das erste Problem ist also, dass es nicht reicht, den Protagonisten wenigstens ein bisschen zu beteiligen, wenn er schon Hilfe von oben bekommt. Dem Ermittler, dem nur deshalb ein Licht aufgeht, weil dem Täter die Leiche direkt vor des Kommissarios Füße fällt, wird kaum mehr Achtung zuteil, weil er die Tote erst aus einem Kartoffelsack wickeln muss.

Es macht also der Autor alles richtig, der es seinem Protagonisten so schwer wie möglich macht. Leider trifft das dann auch auf den Autor selbst zu. Scheinbar ausweglose Situationen haben es nun mal an sich, dass sich scheinbar kein Ausweg aus ihnen finden lässt.

Doch genau das ist sie Aufgabe des Autors: Eine Lösung zu finden, die einerseits im Rahmen der Möglichkeiten der Figur bleibt, diese aber andererseits auch voll ausschöpft. Und eine, die im Rahmen der Geschichte bleibt, ohne plötzlich die Welt auf den Kopf zu stellen.

Wenn es also von unserem Drachen heißt, er lebe in einem felsigen Tal, das von seinem feurigen Atem schwarz gefärbt sei und in dem keine Pflanze mehr wächst, fällt der Baum als Arnlfs Lebensretter schon mal weg, wie clever sein Plan damit auch immer gewesen wäre. Wenn Arnlf, um überhaupt in das Tal zu gelangen, eine viele, viele Meter hohe Steilwand herunterkraxeln musste, sind auch seine Fluchtmöglichkeiten mehr als begrenzt.

Der Autor wird also vermutlich kaum weniger ins Schwitzen kommen als sein Protagonist. Sollte ihm übrigens selbst nach Wochen ausgiebigen Grübelns keine praktikable Lösung einfallen, darf er sich natürlich gern in seinem Manuskript zurückbewegen und mit den notwendigen und entsprechend mehr oder weniger umfangreichen Änderungen dem Drachen eine (ein ganz klein bisschen!) drachentöterfreundlichere Behausung zaubern.

Von Problemlösungen, Supermännern und Ich-AGs

Die wichtigsten Punkte, damit der Leser dem problemlösenden Protagonisten wohlgesonnen bleibt, sind also:

  • der Protagonist sollte im Verlauf der Geschichte überhaupt erst einmal das eine oder das andere Problem bekommen, wobei sich seine Geschichte sowieso nur durch seine Beschäftigung mit dem einen, dem zentralen Problem entwickelt,
  • er sollte bei der Lösung des Problems auf eine eigene Leistung angewiesen sein,
  • je größer diese Leistung, desto besser,
  • um die Glaubhaftigkeit zu bewahren, muss die Lösung im Rahmen der potenziellen Möglichkeiten der Figur und der Vorgaben der Geschichte bleiben

Nur, um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich darf der Protagonist jederzeit Hilfe haben. Wie langweilig wäre ein Held, der alles kann und alles weiß. Selbst Superman holt gern einmal den Rat von Experten ein. Mehr noch: Er gerät gar nicht einmal selten in Situationen, in denen er auf einen Lebensretter angewiesen ist (und die in der Regel mit Kryptonit zu tun haben). Nur hilft ihm das letztlich nicht, sein Problem zu lösen. Der Superschurke (wie wäre es mit Lex Luthor) ist mindestens genauso mächtig wie zuvor und will noch immer Böses tun. Und da muss Superman weiterhin selbst ran.

Der Protagonist muss also die entscheidenden Schritte tun auf dem Weg zur Lösung des zentralen Konflikts, aber nicht zu reinen Ich-AG werden.

PB-Plotten 7: Hauptfiguren

Für die Figurenentwicklung trifft das Gleiche zu wie für das Plotten insgesamt: Welches für den Autor die beste Methode ist, muss er schon selbst herausfinden. Für manchen wird sich gar herausstellen, dass er seine Figuren am besten während des Schreibens kennenlernt, selbst wenn er dann im Nachhinein oder währenddessen eventuelle Anpassungen im bereits niedergeschriebenen Teil der Geschichte vornehmen muss.

In jedem Fall trifft aber vor allem für die Hauptfiguren zu, dass der Autor so bald wie möglich alles über sie wissen sollte, dass er sie am besten besser kennen sollte als sich selbst.

In der Phase des Plottens lässt sich das auf verschiedene Arten erreichen, für die man sich ruhig ausreichend Zeit nehmen sollte:

  • schreib einen Lebenslauf zu jeder Hauptfigur, ausformuliert oder in griffigen Stichpunkten,
  • fülle für jede Hauptfigur ein Figurenblatt aus, eine mögliche Vorlage im RTF-Format findest du hier,
  • führe mit jeder Figur ein Interview durch, in dem sie auf alltägliche Fragen, aber auch solche zu Extremsituationen antworten soll (Was würdest du an einem freien Tag unternehmen wollen, was schätzt du an einem Freund am meisten, wie gefällt dir der Song, der gerade im Radio läuft, wie würdest du dich verhalten, wenn du eine Schlägerei beobachtest, was würdest du mit einem Lottogewinn anfangen, …?)
  • nimm deine Figur mit in deinen Alltag und überlege, wie sie sich in den auftretenden Situationen verhalten würde.

Wieder gilt, es gibt keine Vorschriften, welche Methode man bevorzugt, ob man sich vielleicht sogar mit mehreren der Figur annähert. Auch wird manche Geschichte erst aus einer faszinierenden Figur heraus entwickelt, während man bei einer anderen schon weiß, wie die Geschichte verlaufen soll, und man dafür nach den passenden Figuren sucht.

Was aus meiner Sicht für jede Hauptfigur die zentralste Frage ist, die daher möglichst von Beginn an  geklärt sein sollte, ist die nach dem, was sie antreibt, und dem, was sie hemmt. Anders gesagt, die nach ihren bestimmenden Zielen und die nach ihren bestimmenden Ängsten.

Ich darf mich hier mal einer Erklärung bedienen, die (in leicht abgewandelter Form) aus einem Vortrag von Lisa-Marie Dickreiter entstammt und wunderbar deutlich macht, worum es geht. Lisa verwendete dazu Techniken aus dem Schauspielunterricht. Die Situation ist eine, die nahezu jeder kennen und nachvollziehen können sollte.

Man stelle sich also vor, man wolle einer anderen Person seine Liebe gestehen. Eine Situation, die durch das Ziel, mit dieser Person eine Beziehung einzugehen, und die Angst vor Zurückweisung bestimmt ist. Einer Angst, die umso existentieller ist, weil wir gezwungen sind, unseren Schutzschild herunterzufahren und uns in all unserer Verletzlichkeit zu präsentieren.

Wir befinden uns in einem inneren Konflikt, der unser Handeln bestimmen wird, der Strategien auslöst, um einen Eindruck nach außen zu tragen, der diesen Konflikt verbirgt. Es werden Gefühle ausgelöst, die wir zum Selbstschutz zu verbergen suchen. Möglicherweise versuchen wir, besonders cool zu wirken, vielleicht versuchen wir, unsere Ängste mit Humor zu überspielen.

So geht es uns aber nicht nur in solchen besonderen Situationen, sondern eigentlich immer. Ob in einem Gespräch, bei einer Party, im Arbeitsprozess – wir befinden uns nahezu immer in einem Zwiespalt zwischen dem, was wir erreichen wollen und entsprechenden Versagensängsten.

Wenn wir unsere Hauptfiguren durch die Geschichte begleiten, werden ihre Handlungen immer auch durch solche gerade aktuellen Konflikte bestimmt sein, vor allem aber verfolgen sie über die gesamte Geschichte ein oder mehrere größere Ziele, die mit entsprechenden (grundlegenden) Ängsten einhergehen, die sie als Charaktere prägen.

Was also unsere Hauptfiguren antreibt und welche Ängste sie hemmen, sollte zu den ersten Fragen gehören, die wir ihnen stellen. Sie werden das Wesentliche unserer Figuren ausmachen und sie außerdem in eine Beziehung zum zentralen Konflikt stellen.

Nicht vergessen wollen wir bei den Hauptfiguren den oder die Antagonisten, so es sie gibt, die  mit gleicher Sorgfalt behandelt werden.

Hinweisen möchte ich außerdem auf die beiden kleinen Artikel, die ich zu dem Thema geschrieben habe:

Von Figuren und Personen

Von Protagonisten und ihren Gegnern

(PB-Plotten: Die Liste)

oder

Dieses Gedicht wurde zuerst in der Anthologie „Liebe in all ihren Facetten“ im Lichtstrahlverlag abgedruckt:

*********************************************************************

oder

worte versprechen ungesagt
sinnlich die lippen oder
nicht ein lächeln verrät den augen
blick den erwünschten oder

nicht wissen nicht ahnen
lässt dein schauen oder
doch soll ich folgen der geste
verwirrenden wollens oder

doch eindeutelnd die situation
fraglos antwortsuchtspiel ja
ich will du willst oder

nicht gehen nicht bleiben
fürchtend die frage oder
doch die antwort ist flucht
vor dir vor mir oder

*********************************************************************

Liebe in all ihren FacettenLiebe in all ihren Facetten

Großformat, gebunden, 144 Seiten
Lichtstrahlverlag, 2007
ISBN: 978-3-9808777-3-2

Die Anthologie Liebe in all ihren Facetten steht unter dem Stern der Liebe.

Von der ersten Liebestrauer eines jungen Mädchens bis zum nicht enden wollenden Liebesglück eines weisen Mittachtzigers sind viele fantastische Facetten der wohl grundsätzlichsten menschlichen Emotion vertreten.

Nach monatelanger Juryarbeit ist es nun an Ihnen, in den ausgewählten Gedichten nach der anregensten und interessantesten Sicht auf die Liebe zu stöbern.

Lassen Sie sich unterhalten und forttragen, hin zur ersten Liebe, zu Schmerz und Glück.

Bestimmt finden Sie in dem einen oder anderen Gedicht ein kleines Stück selbst Erlebtes, selbst Gefühltes wieder.

Wir danken allen Teilnehmern für Ihr kreatives Engagement, denn dies ist das schlagende Herz unsres Gedichtbandes.

Viel Freude beim Lesen!

Ihr Lichtstrahlverlag

Bestellen