Schon überarbeitet? Pausen machen

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Schon überarbeitet?
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Tippi, die ihr vielleicht noch aus früheren „Schon überarbeitet?“-Artikeln kennt, hat im Unterschied zu mir keine Zeit vergehen lassen. Als der ebenfalls bekannte Herr Schultertipper ihr von den möglichen drei Überarbeitungsschritten erzählt hatte, in denen sie sich nacheinander um Inhaltliches, Stilistisches und Grammatikalisches kümmern könnte, wollte sie sich sofort an die Arbeit machen.

„Stopp!“, rief da der Schultertipper. „Warum so eilig?“
Tippi aber wunderte sich, was der Kerl gegen ihren Arbeitseifer haben könnte. Der wiederum erklärte ihr, sie müsse zunächst einmal eine Pause einlegen, den Text, den sie doch gerade erst geschrieben habe, ruhen lassen, Abstand gewinnen. So viel wie möglich (wenigstens ein paar Tage, besser ein paar Monate), falls nicht viel Zwingenderes als die eigene Ungeduld dem im Wege stünde.

Es ginge darum, dem Text mit so fremdem Blick wie nur möglich wiederzubegegnen, damit sie nicht mehr lese, was sie schreibend gemeint habe, sondern nur, was dort tatsächlich stehe. Dieser Schritt, die Pause für den Text, sei wichtiger Bestandteil der Überarbeitung und auf keinen Fall zu vernachlässigen. Tatsächlich könne man ihn im weiteren Verlauf gern noch einige Male wiederholen, etwa vor jedem weiteren Überarbeitungsschritt.

Ihre Ungeduld, sagte er Tippi, als er die Enttäuschung in ihren Augen sah, könne sie am besten dadurch zügeln, indem sie sich inzwischen einem anderen Text widme: einem, der noch geplant, geschrieben oder nach seiner Pause nun überarbeitet werden müsse.

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Schon überarbeitet? Die drei Durchgänge

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Schon überarbeitet?
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Man nimmt sich ja immer so viel vor. Und dann bleibt beinahe noch mehr liegen. So wie die Artikelreihe zum Überarbeiten, deren letzter Artikel vor fast einem Jahr erschienen ist. Immerhin, wie lang her auch immer, ich versuche meist, die Dinge zu Ende zu bringen. Und damit steht hier der dritte Teil der Reihe „Schon überarbeitet?“ an.

In den bisherigen Teilen hatte ich euch Schreiberline Tippi vorgestellt, die sich von dem wunderlichen Herrn Schultertipper einiges hatte sagen lassen müssen, was die abschließende Überarbeitung ihres Manuskriptes anging. Seufzend hatte sie zur Kenntnis genommen, dass es wohl mit ein paar Korrekturen nicht getan wäre, drängte dann aber darauf, zu erfahren, womit sie denn also beginnen solle.

Herr Schultertipper verwies nun darauf, er habe ja bereits einmal von mindestens drei Überarbeitungsdurchgängen gesprochen. Und das aus gutem Grund, ginge es doch im Wesentlichen um drei Aspekte, die bei der Überarbeitung zu prüfen seien:

  1. inhaltliche,
  2. stilistische und
  3. grammatikalische.

Schultertipper schlug vor, sich zuerst um alles Inhaltliche zu kümmern. Erst, wenn es dort nichts mehr zu tun gebe, könne Tippi sich damit beschäftigen, den bestmöglichen Ausdruck dafür zu finden, um schließlich zu kontrollieren, dass dieser fehlerfrei umgesetzt sei. Jeder der drei Aspekte fördere meist noch einiges an Arbeit zutage, weshalb die Bearbeitung möglichst gründlich und in Ruhe durchzuführen sei.

Und dennoch, so wandte er selbst ein, könne sein Rat im besten Falle Richtlinie sein. Und er wiederholte, dass jeder Autor und jede Autorin anders sei. Manchen ginge es etwa besser damit, bei jeder Überarbeitung auf alle Aspekte gleichzeitig zu achten, und sei es nur, weil es ihnen nicht gelänge, einen davon auszuklammern. Auch, ob jemand weniger oder mehr Durchgänge brauche, sei nicht nur von Autor*in zu Autor*in verschieden, sondern hänge natürlich auch von den Erfordernissen des jeweiligen Werkes ab.

Wichtig sei vor allem, offen zu sein. Wer von vornherein die Erwartung mitbringt, es würden sicher nur ein paar Kleinigkeiten auszubessern sein, verschließt seinen Blick womöglich vor dickeren Patzern. Und solche könnten uns schon im nächsten Teil begegnen.

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Schon überarbeitet? Wie lang denn noch?

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Schon überarbeitet?
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Ich fühle mich fast schon wie George R. R. Martin, so lange wie ihr jetzt schon auf den zweiten Teil der Reihe „Schon überarbeitet?“ warten musstet. Aber adeln wir mich nicht unnötig, sondern legen lieber gleich los, schließlich ist Zeit knapp. Und genau darum soll es in diesem Teil gehen, um Zeit, also darum, wie lange man sein (doch eigentlich schon fertiges) Werk überarbeiten sollte.

Dass eine Überarbeitung mehr ist als eine Fehlerkorrektur, hat der seltsame Schultertipper im ersten Teil schon behauptet, als er Autorin Tippi zur Seite stand. Dann hat er lauter Dinge heruntergerasselt, bis Tippi fürchtete, sie werde ihren Roman länger überarbeiten, als sie überhaupt daran geschrieben hat. Tja, was glaubt ihr, hat da der Schultertipper geantwortet? Er hat mit den Schultern gezuckt. Wohlgemerkt mit seinen eigenen. „Kann passieren“, hat er noch gesagt, und dass alles davon abhänge, welcher der unendlich vielen Autorentypen sie sei, und welche Arbeitsweise sie bevorzuge.

Es gäbe da diejenigen, die keinen Satz schreiben könnten, ohne ihn nicht zwanzigmal im Kopf hin und her gewendet zu haben, bis sie zufrieden seien. Die wären zwar beim Schreiben nicht besonders schnell, aber das, was dann auf dem Papier stünde, sei bereits so perfekt, dass vielleicht schon ein einmaliges Drüberlesen ausreiche, mehr um sicherzugehen. Die akribischen Planer leisteten oft eine so gute Vorarbeit, dass sie am Ende wenigstens vor gröberen Schnitzern gefeit seien. Vielleicht wäre sie aber auch eine derjenigen, die sich beim Schreiben eher treiben lassen und in einer entsprechend längeren Überarbeitungsphase überhaupt erst einmal schauen müssen, was dabei eigentlich herausgekommen ist. Schließlich führte er noch – ohne dabei auch nur im Geringsten die Nase zu rümpfen – diejenigen an, die von vorneherein und ganz bewusst in der Schreibphase jeden inneren Zensor/Lektor ausschalteten und quasi gezielt auf eine zu überarbeitende Rohfassung hinschrieben.

Eine Überarbeitung am Ende, so der Schultertipper, werde man kaum umgehen können, aber wie umfangreich die ausfalle, hänge eben unter anderem von der Überarbeitung ab, die man bereits beim Schreiben vollzogen, und der Vorbereitung, die man schon vor dem Schreibprozess geleistet habe. Am Ende gleiche sich das wahrscheinlich mehr oder weniger aus. Und letztlich zähle sowieso nur das Ergebnis.

Tippi nickte, war aber doch nicht ganz zufrieden, sehnte sich nach Anhaltspunkten. „Überarbeite dein Manuskript in mindestens drei Durchgängen“, sagte der Schultertipper. „Wenn du die Zeit hast, lass es zwischendurch ein paar Wochen liegen. Wenn du nach der letzten Überarbeitung nicht mehr weißt, was du noch besser machen könntest, gib dein Werk an Testleser, damit du es später hinsichtlich ihrer Anmerkungen erneut überarbeiten kannst. Und vergiss, während du diese Punkte abarbeitest, nie, dass nur das Ergebnis zählt!“

„Okay, nur eines noch“, sagte Tippi. „Womit soll ich beginnen?“ Der Schultertipper seufzte und vertröstete sie auf das nächste Mal.

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Schon überarbeitet? Worum geht’s?

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Schon überarbeitet?
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Im ersten Teil der Reihe „Schon überarbeitet?“ soll es darum gehen, was es denn überhaupt so zu überarbeiten gibt, wenn der Roman (oder auch die Kurzgeschichte, die Biografie, der Ratgeber) erst einmal geschrieben ist. Schließlich sind nicht wenige der fleißigen Schreiber und (wie in diesem fiktiven Fall) Schreiberinnen der Meinung, sie hätten sich mit dem Erdenken und Verfassen der Geschichte schon genug überarbeitet. Was soll da also jetzt noch kommen?

„Fehler korrigieren“, werden einige einwerfen, um gleich darauf anzufügen, dass man da ja immer noch was findet. Und die Autorin wird, wenn sie sich denn fit genug in der Rechtschreibung und Zeichensetzung fühlt und solch niederes Handwerk nicht von vornherein der (ebenso fiktiven) Lektorin überlässt, verstehen und froh sein, dass sie jetzt weiß, was zu tun ist.

Doch gerade hat sie sich (erneut) ans Werk gemacht, da tippt ihr ein anderer auf die Schulter und fragt, ob eben dieses Werk denn schon so weit sei, dass der letzte Schritt getan werden könne. Der letzte Schritt? Klar, es ist geschrieben, nun wird es überarbeitet. Aber die Korrektur sei doch nur der letzte Schritt der Überarbeitung, behauptet der Schultertipper, was die Schultergetippte ein bisschen aus der Fassung bringt, da sie jetzt wieder nicht weiß, was zu tun ist.

Der Schultertipper trommelt inzwischen ungeduldig mit den Fingern auf der Getippten (nennen wir sie fortan Tippi) Schreibtisch herum und fragt, ob sie sich denn sicher sei, dass inhaltlich alles passe.  Dass logisch alles nachvollziehbar sei, die Handlung gleichermaßen stringent und spannend. Ob die Figuren sich entwickelten und dabei glaubhaft agierten. Ob dabei ein Ziel verfolgt und nicht aus den Augen verloren werde. Ob Tippi überprüft habe, wo sie eventuell mehr als nötig oder weniger als notwendig geschrieben habe. Und ob ihr jemand vorwerfen könne, sie habe hier und dort nicht gründlich genug recherchiert. Ob der von ihr eingesetzte Erzähler alles richtig mache. Ob die Dialoge stimmig und die Figurenstimmen passend seien. Ob die Sprache reich an Variation und arm an Wiederholung sei. Ob die Formulierungen immer ideal, anschaulich, effizient, passend, unmissverständlich und frei von Stilblüten seien. Ob …

Der Schultertipper fragt weiter und weiter, bis Tippi sich die Ohren zuhält. Wie lang soll denn das dauern? Das, so der Schultertipper, der seinen wahren Namen nicht verrät, soll Thema des nächsten Teils der Reihe sein. Bis dahin sei es nicht verkehrt, mindestens einmal tief durchzuatmen.

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Schon überarbeitet?

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Schon überarbeitet?
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Eines dürfte weitestgehend unstrittig sein (wenn es sich auch noch nicht bis zu jedem rumgesprochen zu haben scheint): Ein Manuskript ist noch nicht fertig, wenn man das letzte Wort geschrieben hat. Es muss überarbeitet werden, was nicht selten den Schwierigkeitsgrad des Niederschreibens noch übertrifft. Aber wie macht man es richtig? Und gibt es überhaupt ein Richtig und ein Falsch? Sicher gibt es ein Zuwenig, aber auch ein Zuviel?

Mit diesen und ähnlichen Fragen soll sich die Reihe „Schon überarbeitet?“ befassen, die ich vorhabe, demnächst in diesem Blogtheater starten zu lassen. Wie immer bin ich selbst gespannt, was dabei hinter dem Vorhang hervorkommt.

  1. Worum geht’s?
  2. Wie lang denn noch?
  3. Die drei Durchgänge
  4. Pausen machen

Entern: Zeilen dichten

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern
(Foto: © Patryk Kosmider)

Mit diesem Beitrag schließe ich die Reihe „Entern“ ab. Noch einmal zur Erinnerung, es ging einfach um die verschiedenen Anlässe, in einem Prosa- oder Lyriktext die Entertaste zu drücken.

Und die nutzt man natürlich auch, wenn man am Ende einer Gedichtzeile angekommen ist. Allerdings – wer den Artikel „Strophilieren“ gelesen hat, weiß es bereits – nicht allein. Zumindest dann nicht, wenn man die für ein Gedicht empfehlenswerten Einstellungen des Textprogramms verwendet, um nicht jede einzelne Zeile zu einem eigenen Absatz werden zu lassen.

Dazu stellt man in der Absatzformatierung ein, dass nach einem Absatz ein gewisser (sichtbarer) Abstand folgt. Idealerweise entspricht der in etwa einer Zeile (also bei einer 12-Punkt-Schriftgröße 12 Punkt), gern auch weniger, besser nicht mehr. Betätigt man nun einmal die Entertaste, springt der Cursor um den entsprechenden Abstand weiter, sodass man am Ende eines Strophe nur einmal „entern“ muss.

Um eben diesen Abstand zwischen zwei Zeilen innerhalb einer Stophe zu vermeiden, hält man am Ende einer Zeile beim „Entern“ die Umschalttaste gedrückt.

Übrigens gilt das auch oft im Internet, etwa beim Texteditor von WordPress:

Wer mit WordPress dichten will
achte auf die Zeilen,
drückt beim Entern leis und still
Umschalt, dann nicht eilen,

neue Strophe, lass sie weg,
nur die Entertaste,
die erfüllt dann ihren Zweck,
und ’nen Abstand haste.

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Entern: Strophilieren

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Mann, Mann, Mann! Was hab ich mir denn da wieder gedacht? In der Entern-Reihe das Thema „Strophe“ aufzunehmen? Jeder weiß doch, was eine Strophe ist, ob nun im Lied oder im Gedicht. Und weil der Dichter frei ist, eine klassische Stophenform zu wählen oder eigene Regeln zur Unterteilung seines lyrischen Textes in eine oder mehrere Strophen anzuwenden, bleibt letztlich nicht viel mehr zu sagen, als dass es sich bei einer Strophe um eine metrische Einheit oberhalb des Verses handelt. Mehrere Verszeilen (mindestens zwei) werden zu einer Strophe zusammengefasst und auf diese Weise, so es sich nicht um einen einstrophigen Text handelt, von weiteren Strophen unterschieden.

Auch ist klar – schon der Begriff „Einheit“ legt es nahe –, dass Strophen idealerweise Regelmäßigkeiten aufweisen in Metrum, Reim, Versart, Verszahl und/oder Verslänge, häufig verbunden mit der inhaltlichen Struktur des Textes. Ob man dort, wo auch in dieser Hinsicht vollkommen frei gedichtet wird, noch von Strophen sprechen will, sei hier mal nicht diskutiert.

Bleibt also nur noch der Ordnung halber und im Bezug auf den Reihentitel festzuhalten, dass der Dichter, der ins Textprogramm tippt, am Ende einer Strophe natürlich die Entertaste drückt. Empfehlenswerter Weise nur einmal (so keine anderen Vorgaben diese Empfehlung außer Kraft setzen). Dazu stellt man im Programm eine Absatzformatierung ein, die nach einem Absatz einen sichtbaren Abstand lässt. Drückt man nun einmal die Entertaste, wird dieser Abstand automatisch gesetzt. Die Verszeilen, die ja keine eigenen Absätze darstellen, beendet man, um eben den Abstand zu vermeiden, nun mit einem Zeilenumbruch, indem man die Umschalttaste gedrückt hält, wenn man die Entertaste drückt.

Mehr gibt es in dieser Rubrik dann wirklich nicht zur Strophe zu sagen. Strophiliert schön.

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Furcht

Vom Schreibtisch, Foto: Marko Tomicic
Vom Schreibtisch, Foto: Marko Tomicic
© Marko Tomicic

Nachdem ich diese Woche den von mir irgendwann einmal mehr oder weniger willkürlich geplanten Gesamtumfang meines Ratgebermanuskripts überschritten habe, bin ich fast ein bisschen froh, trotzdem noch nicht fertig zu sein. Denn irgendwann in gar nicht mehr allzu ferner Zukunft ist es dann so weit, und ich muss das Ding überarbeiten. Keine Ahnung, was mich auf den ersten Seiten erwartet. Ist schon so ewig her. Ich fürchte mich ein wenig davor.

Entern: Sprecher wechseln

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Kommen wir zum nächsten Kapitel in der Reihe, die sich mit dem Einsatz der Entertaste in der Literatur beschäftigt. Diesmal geht es, wie der Titel schon verrät, um Dialoge.

Eine generelle Regel, wie Dialoge formal auszusehen haben, gibt es nicht. Sie können theoretisch auch ganz ohne Entertaste auskommen:

„Wenn ich A bin, musst du wohl B sein“, sagte A. „Okay“, antwortete B. „Fein“, sagte A, „dann sag ich jetzt A.“ „Okay“, erwiderte B.

Weil das schnell unübersichtlich werden kann, kommt die Entertaste dann doch zum Einsatz. Und zwar trotz der fehlenden Regel relativ einheitlich. Man richtet sich nämlich nach dem Sprecherwechsel:

„Wenn ich A sage, musst du B sagen“, erklärte A.
„Wieso?“, fragte B.
„Es heißt doch: Wer A sagt, muss auch B sagen.“
„Dann müsstest du aber B sagen.“
„Jetzt, wo du es sagst …“
„Und?“
„B.“

Wir sehen schon, wo der Vorteil liegt: Jede Aussage eines Sprechers bekommt eine neue Zeile. Damit unterstützt die Form den Inhalt sogar so weit, dass man zumindest bei lediglich zwei Dialogpartnern, wurden diese einmal eingeführt, erkennen kann, welche Aussage A und welche B zuzuordnen ist. Damit lässt sich beispielsweise mancher Dialogkommentar (Inquit) einsparen. Natürlich hilft es, bei längeren Dialogpassagen das Gedächtnis des Lesers immer mal wieder aufzufrischen.

So weit zur Einheitlichkeit, jetzt das Relative. Denn natürlich sind Dialoge im Gesamttext eingebunden und damit nicht immer so freistehend wie im obigen Beispiel. Und dann ist man schnell ratlos, wie man das mit dem Sprecherwechsel nun umsetzen soll. Meiner Meinung und Erfahrung nach ist es das Beste, den Sprecherwechsel weiterhin als oberstes Gebot zu betrachten, in Textpassagen, in denen Dialog dominiert, also zunächst zu schauen, dass der Sprecherwechsel eingehalten wird, was noch immer oft genug zu Unsicherheiten führen wird.

Ich will an einigen Beispielen zeigen, wie ich es handhaben würde:

Handlungen, die ein Dialogpartner während des Gesprächs ausführt, gehören zum Sprecherwechsel:

„Das hast du schön gesagt“, sagte B. Er setzte sich und lächelte zufrieden.
A kratzte sich am Kopf.
B goss sich Wein ein.
„Findest du nicht, du solltest auch etwas sagen?“
B schaute A verwundert an. „Aber ich habe doch schon ganz schön viel gesagt.“

Wenn also B etwas sagt und anschließend etwas tut, gehört das zusammen. Die Entertaste hält sich raus. Im Anschluss antwortet A nicht, indem er etwas sagt, seine Antwort besteht in einer Reaktion, er kratzt sich am Kopf. Da könnte auch stehen: A schwieg. As Reaktion entspricht also einem Sprecherwechsel, zack, Entertaste. Und so geht es weiter:

B tut etwas.
A fragt etwas.
B tut etwas. B sagt etwas.

Gleiches gilt natürlich für Gedanken (hier mal fett gekennzeichnet), auch die unterliegen dem Sprecherwechsel:

„Aber nichts Gewichtiges, so wie ich.“
B schaute immer noch verwundert.
Ist der blöd? Versteht der mich nicht?
„Ach, du meinst, A zu sagen und B folgen zu lassen, war etwas Gewichtiges?“
Na endlich! „Genau.“
B dachte einen Moment nach, lehnte sich zurück und sagte: „C.“

Das Ganze funktioniert so lange gut, solange der Erzähler die Sprecher so schön abwechselnd auf seine Sätze verteilt. Kommen beide Sprecher im selben Satz zu Wort oder zum Handeln, müssen wir wohl oder übel den Sprecherwechsel Sprecherwechsel sein lassen, denn innerhalb eines Satzes können wir (mit ganz wenigen Ausnahmen, die vor allem der Doppelpunkt herbeiführen kann, was aber hier nichts zur Sache tut) nicht die Entertaste drücken:

A schaute B an, der sich lächelnd in seinem Sessel räkelte.

Aber wie nun weiter? Der Letzte, der in diesem Satz etwas getan hat, war B. Wenn A nun etwas tut oder sagt, gehört er dann in die nächste Zeile? Andererseits war A in seinem Hauptsatz derjenige, auf dessen Handlung die Betonung lag, dass B sich räkelte, wurde nur ergänzend im Nebensatz beigefügt.

Hier wird es also kompliziert. Natürlich hat es der Autor erst einmal in der Hand, solche Schwierigkeiten einfach zu vermeiden.

A schaute B an.
Der räkelte sich lächelnd in seinem Sessel.

Problem gelöst. Aber die Aussagen entsprechen in der Gewichtung jetzt nicht mehr dem, was der Autor ursprünglich wollte. Geht also nicht immer. Wäre ja auch noch schöner, wenn wir uns unsere Sätze von der möglichst übersichtlichen Darstellung des Sprecherwechsels diktieren lassen würden. Ich sage es so deutlich, wie es ist: Spätestens in solchen Fällen wird die Entscheidung letztlich eine Geschmacksfrage sein. Empfehlenswert ist nur, es möglichst einheitlich zu tun. So mache ich es:

A schaute B an, der sich lächelnd in seinem Sessel räkelte. Der überlegene Ausdruck in seinen Augen ging ihm mächtig auf den Keks. „Wer C sagt, muss auch D sagen.“
„Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Da kann ich doch nichts dafür.“ A lief im Zimmer auf und ab.
B richtete sich ein wenig auf, schüttelte den Kopf und sagte: „Okay. Wenn es dir so wichtig ist: D!“
„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel, aber B erhob sich und verließ das Zimmer. „Blödmann!“

Während ich also hier:

A schaute B an, der sich lächelnd in seinem Sessel räkelte. Der überlegene Ausdruck in seinen Augen ging ihm mächtig auf den Keks. „Wer C sagt, muss auch D sagen“,

keinen Sprecherwechsel annehme (A schaut, A geht etwas auf den Keks, A sagt etwas), weil B in seinem Nebensatz (B lächelt und räkelt) das Zepter nicht wirklich an sich reißen kann, gehe ich hier:

„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel, aber B erhob sich und verließ das Zimmer. „Blödmann!“,

durchaus von einem Sprecherwechsel aus. A sagt etwas und setzt sich, dann aber geht der Fokus auf B über, der mit seinen zwei Hauptsätzen (B erhebt sich, B verlässt das Zimmer) nun das Zepter für sich beansprucht, weshalb er fortan den Dialogpart für sich beanspruchen kann. Zum Vergleich:

„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel.
Aber B erhob sich und verließ das Zimmer. „Blödmann!“

„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel, worauf B sich erhob.
B verließ das Zimmer. „Blödmann!“

Wie gesagt, eine eindeutige Lösung gibt es nicht. Ganz ähnlich sieht es beim Übergang in einen Dialogpart aus, ebenso beim Übergang von einem Dialogpart in Erzählerkommentar. Das liegt letztlich daran, dass hier die eben geschilderten Probleme auch auftreten. Denn im normalen Text bekommt eben nicht jede Figur ihren eigenen Absatz. Das folgende und abschließende Beispiel wechselt mehrfach zwischen Erzählerkommentar und Dialogabschnitten, wobei es sich dabei nach meinen bis hierhin gemachten Empfehlungen richtet:

A stand auf und folgte B. Der stand in der Küche und schmierte sich einen Toast. A beobachtete ihn dabei. Mehrfach wollte er etwas sagen, wusste aber nicht, was. B setzte sich an den Küchentisch und biss in den Toast. A blieb neben der Spüle stehen. „Bist du sauer?“
„Würdest du mir mein Weinglas aus dem Wohnzimmer holen?“
A nickte. Einen Moment überlegte er noch, dann setzte er sich in Bewegung. Als er mit dem Wein zurückkam, schmierte B bereits ein weiteres Toast. A reichte ihm den Wein.
„Danke“, sagte B.
„Tut mir leid. Du darfst natürlich sagen, was du willst.“
B lächelte A an. Gar nicht sauer. Eher ein freundliches Grinsen. „CD“, sagte er und lachte.
A stimmte ein, und sie schmierten noch mehr Brote, setzten sich wieder ins Wohnzimmer, aßen und tranken Wein bei ihren Lieblings-CDs.

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Entern: Absetzen

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
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Ein Absatz ist rein formal gesehen ein Abschnitt eines Textes, der durch Zeilenumbrüche eingegrenzt und damit optisch hervorgehoben wird. Er beginnt nach einem Zeilenumbruch und endet mit einem Zeilenumbruch. Er kann zusätzlich kenntlich gemacht werden, indem, wie in diesem Blog, vor und/oder nach einem Absatz (also mit dem einmaligen Betätigen der Entertaste) ein größerer Zeilenabstand erzeugt wird. Außerdem wird der Absatz häufig durch Einrückung der ersten Zeile zusätzlich markiert. Beide Formatierungen sind allerdings von den meisten Verlagen in Manuskripten nicht erwünscht.

Gut, das alles ist noch recht simpel. Schwierig wird es, wenn wir uns fragen, wann denn nun der Zeitpunkt gekommen ist, einen Absatz abzuschließen und einen neuen zu beginnen. Von der Szene wissen wir, dass sie (im Idealfall) einen eigenen Spannungsbogen besitzt, ist das beim Absatz auch so? Nein, von Spannungsbögen kann man bei solch kleinen Abschnitten wahrlich nicht sprechen. Eher von Sinneinheiten. Und die können nun mal recht unterschiedlich geprägt sein und sind obendrein individuell interpretierbar. Manchmal wird man sich dabei eher auf sein Gefühl verlassen. Feststehende Regeln gibt es nicht, weshalb ich einfach mal an einer Szene aus meinem Ben-Philipp-Roman „Kampf um jeden Meter“ ein paar Möglichkeiten demonstrieren will.

Er schüttelte Lucas die Hand.
„Danke, Sebastian. Tut mir leid für dich.“
„Ach was“, wehrte er ab. „Die Hauptsache ist doch, dass dir nichts weiter passiert ist.“ Er hoffte, dass es genauso glaubhaft klang wie Lucas’ Bedauern. Gerade noch rechtzeitig besann er sich. „Ich wünsch dir viel Glück in der Quali.“
Lucas bedankte sich und setzte den Helm auf. Er würde als einer der ersten auf die Strecke gehen.

Die Szene beginnt mit einem Dialog. Den Sprecherwechsel, den der nächste Artikel genauer behandelt, rechnen wir trotz Zeilenumbruch nicht als einzelne Absätze. Der gesamte Dialog bildet also einen Absatz. Das nach dem Dialog etwas Neues beginnt, was einen neuen Absatz nahelegt, ist, denke ich, recht nachvollziehbar.

Obwohl Sebastian noch immer enttäuscht war, spürte er ein Kribbeln, als sei er es selbst, der nun das Team in eine gute Startposition bringen musste. Es verstärkte sich noch, als der Motor aufheulte und Lucas den Wagen aus der Box fuhr.

Der zweite Absatz ist recht kurz, weshalb man überlegen könnte, ihn an den vorherigen anzubinden. Allerdings gibt es eben einen inhaltlichen Schnitt: Das Gespräch ist vorbei, Lucas fährt aus der Box, weshalb offenbar auch ein bisschen Zeit zwischen Absatz 1 und Absatz 2 vergangen sein muss, wenn auch nur einige Minuten. Eine deutliche inhaltliche Zäsur gibt es auch zum folgenden Absatz.

Sebastian schaute zur Box von Christian. Auch er machte sich bereit. Als eines der neuen Teams musste Virgo erst einmal eine sichere Zeit fahren, konnte sich das Risiko nicht leisten, erst am Ende des Turns auf die Strecke zu gehen.

Wieder ein kurzer Absatz, und wieder könnte man diskutieren, ob man ihn  nicht diesmal mit dem folgenden Absatz zusammenlegen will. Es spricht wenig dagegen. In beiden Absätzen schaut sich Sebastian in der Box um, allerdings fällt im folgenden Absatz der Blick auf die Frau, die im Spannungsbogen der gesamten Szene für den Konflikt sorgt, sie ist hier die Antagonistin. Daher habe ich mich entschieden, das mit einem neuen Absatz zu würdigen.

Im hinteren Teil von Christians Box sah er eine junge Frau. Die Bügel ihrer schwarzen Sonnenbrille verschwanden in den schulterlangen blonden Haaren. Bevor Sebastian richtig begriffen hatte, wen er da anstarrte, winkte sie ihm. Er konnte sich eben noch zurückhalten, schnell zu Boden zu sehen oder sich gar wegzudrehen. Er hob leicht die Hand und nickte Hanna zu. Warum konnte er sich jetzt nicht einfach abwenden?

Der Absatz endet, weil hier die zumindest theoretische Möglichkeit aufgezeigt wird, der drohenden Konfrontation noch zu entgehen. Der erste Satz des folgenden Absatzes macht genau diese Hoffnung zunichte. Die Teufelin kommt!

Sie kam auf ihn zu. Ihr lässig schwingender Gang in den engen Jeans verbreitete einen Hauch von Hollywood. Sie nahm die Sonnenbrille ab, und nun wurde sie zu einem frühreifen Mädchen, gerade neunzehn Jahre alt. Doch als sie vor ihm stand und ihn zwang, in ihre blaugrünen Augen zu schauen, wirkte sie so abgebrüht, als habe sie schon alles gesehen. So kannte er sie. So hatte sie ihn schon immer fasziniert. Obwohl er nun wusste, dass der Schein keineswegs trog.

Nun folgt der Absatz, der den zentralen Dialog der Szene enthält. Den Konflikt zwischen Sebastian, der nur Ersatzfahrer ist, und seiner Ex, die inzwischen mit Christian, dem Stammfahrer des Teams, zusammen ist. Der Absatz zieht sich bis zum Ende der Szene, ist also deutlich länger als die bisherigen, aber inhaltlich in  sich geschlossen. Wollt ihr ihn noch lesen? Na gut.

„Hi, Sebastian! Freut mich echt, dich zu sehen.“
„Hallo.“
„Wer hätte das gedacht, dass wir so bald schon wieder in einem Team sind.“ Sie lächelte.
Sebastian kam es vor wie das Grinsen des Teufels. „Sehr witzig!“
„Nein, mal im Ernst. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ein Jahr? Oder länger? Warst du nicht vor zwei Jahren bei Christians Meisterschaftsfeier? Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.“ Sie machte eine Pause, hielt ihn aber mit ihrem Blick gefangen. „Wie ist es dir nach dem Unfall ergangen? Alle Wunden verheilt?“
Sebastian wollte schreien. Sie anschreien. Vielleicht noch mehr. „Es geht mir gut!“ Es gelang ihm nicht einmal, den bestimmenden Tonfall, der das Gespräch hätte beenden sollen, in seine zitternde Stimme zu legen.
„Natürlich! Da fällt mir ein, dass ich dir noch gratulieren muss. Zu deinem Einstand in der Formel 1. Ich hätte ja nicht gedacht, dass du es noch so weit bringst.“
„Tja, da siehst du mal!“ In dem Moment, in dem er es sagte, fiel ihm auf, wie lächerlich das klang. Umso wütender fuhr er fort: „Und, wie ist es mit Christian? Dass du nach seiner verkackten Saison letztes Jahr noch bei ihm bist, wundert mich wirklich.“ Nach diesem Treffer wollte er sich besser fühlen.
Aber Hanna kannte keine Gnade. Keine Sekunde ließ sie ihn an einen Triumph glauben, grinste stattdessen nur noch breiter. „Das, mein Süßer, ist Liebe!“
„Wer soll dir das denn glauben?“, versuchte er zu kontern. „Und jetzt halte mich nicht von der Arbeit ab!“
Sie lachte. „Ja, sicher! Du kannst dich heute vor Arbeit wahrscheinlich kaum retten. Mit welchem Auto gehst du denn heute ins Qualifying? Oder brauchen die Streckenposten noch Hilfe?“
Er ballte die Fäuste. Steckte sie in die Taschen seines Overalls, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Warum bohrte sie noch in der Wunde? Schlimmer noch: Warum ließ sie ihm nicht die geringste Chance für einen halbwegs würdevollen Abgang?
„Sebastian!“
Er drehte sich um. Es war Frank. Wahrscheinlich stand er da schon eine Weile.
„Kommst du mal? Wir haben da gleich noch einen Interviewtermin, hast du das vergessen?“
Obwohl er nichts von einem derartigen Termin wusste, nickte er. „Richtig. Weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“ Er wandte sich an Hanna. „Tut mir leid, meine Liebe, aber du musst dir jetzt leider jemand anderen für ein nettes Gespräch suchen.“
„Natürlich, kein Problem“, antwortete sie mit einem Grinsen. „Grüß die interessierte Presse von mir.“ Sie winkte Frank und ließ Sebastian stehen.

Wir sehen, Absätze können unterschiedlich lang sein und aufgrund verschiedener Kriterien Sinneinheiten bilden, die obendrein der individuellen Interpretation und Wirkungsabsicht des Autors folgen. Dialoge, Erinnerungen, Gedankenmonologe, eine Reihe von miteinander verbundenen Handlungen, Landschafts-, Figuren- und andere Beschreibungen, Erzählerkommentare, … – das alles können Sinneinheiten sein, die in einem Absatz zusammengefasst werden. Theoretisch könnte man so jedem Absatz eine kleine Überschrift geben: A denkt über die nächsten Schritte nach. B unterhält sich mit C. D erinnert sich an seine Kindheit. E baut die Waffe zusammen. F betrachtet die Landschaft vor dem Fenster. G beobachtet den Neuankömmling. Der Erzähler spricht über Tante Berta.

Es empfiehlt sich außerdem, immer einen halben Blick auf die Länge der Absätze zu haben. Wenn gute Gründe dafür sprechen, ist ab und an ein sehr kurzer Absatz weniger schlimm als ein zu langer. Denn lange Absätze strengen den Leser an und wirken unübersichtlich. Viele kurze Absätze sorgen stattdessen für ein zerpflücktes, unruhiges Textbild. Keinesfalls ist aber die Länge das dominante Kriterium, um das ideale Ende für einen Absatz zu finden.

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Entern: In Szene setzen

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Ob wir unsere Geschichte nun in Kapitel unterteilt haben oder nicht, der nächstbeste Grund, die Entertaste zu betätigen, ist das Ende einer Szene. Denn in einem gut strukturierten Text werden Szenenwechsel der Übersicht wegen häufig mindestens durch eine Leerzeile sichtbar gemacht. Da ich zu Szenen unter anderm hier schon Artikel verfasst habe, versuche ich mich in diesem Blogbeitrag auf das Wesentliche zu beschränken (was nicht unbedingt meine Stärke ist).

Spricht man von einer Szene, kann man Verschiedenes meinen. Da dieser Beitrag vor allem die Frage behandelt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, eine Szene mithilfe der Entertaste abzuschließen und eine neue zu beginnen, steht nicht nur die Szene im (str)engeren Sinne zur Debatte. Den Aspekt des szenischen Erzählens klammern wir hier demnach aus, betrachten stattdessen Textpassagen hinsichtlich der Merkmale, die sie zu einer in sich geschlossenen Einheit werden lassen.

Klassischerweise sind das vor allem drei:

  • Handlungsort
  • Handlungszeitraum
  • handelndes Personal

Diese drei Kriterien werden auch heute noch gern herangezogen, um einen Szenenwechsel zu identifizieren. Und in der Regel klappt das auch ganz gut. Vor allem Ort und Zeit sind sehr hilfreich, denn praktisch immer, wenn die Handlung von einem Ort zu einem anderen wechselt oder in der Zeit springt, kann man davon ausgehen, dass auch von einer in die andere Szene (hier ganz eindeutig auch im Sinne von Szenerie) gesprungen wird.

Stellen wir uns vor, wir wollen die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin erzählen, der mit dem Zauberer Gandalf und 13 Zwergen aufbricht, den Drachen Smaug zu besiegen. Wir beginnen die Geschichte damit, dass Bilbo vor seiner Hobbithöhle von Gandalf in ein Gespräch verwickelt wird.

1. Szene:

  • Ort: Vor der Hobbithöhle
  • Zeit: Dienstagmorgen
  • Personal: Bilbo, Gandalf

Wenn die beiden ihr Gespräch abgeschlossen haben, geht Bilbo in seine Höhle (oder genauer: Bilbo beendet das Gespräch, indem er sich in die Höhle zurückzieht). Die nächste Szene könnte also direkt im Anschluss in der Höhle spielen.

2. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Dienstagmorgen
  • Personal: Bilbo

Tatsächlich passiert aber für unsere Geschichte am Dienstagmorgen nichts wirklich Wichtiges mehr. Wir lassen daher Bilbo lieber den Rest des Tages und die Nacht über allein und schauen erst am nächsten Tag wieder bei ihm vorbei, wenn etwas geschieht, das unsere Geschichte voranbringt, die Ankunft der 13 Zwerge nämlich.

2. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Mittwochnachmittag (zum Tee)
  • Personal: Bilbo, 13 Zwerge, Gandalf

Der Wechsel von der ersten zur zweiten Szene ist also gekennzeichnet durch Orts-, Zeit- und Personalwechsel. Die Szenerie ändert sich nun für eine ganze Weile nicht, denn die ganze große Gemeinschaft bleibt bis zum Abend in Bilbos Höhle. Natürlich läuft die Zeit weiter, aber einen Zeitsprung gibt es nicht. Den markiert dann erst die Nachtruhe, wenn sich alle zu Bett begeben, und die Geschichte erst wieder am folgenden Vormittag aufgegriffen wird. Zwar bleiben wir vorerst in der Hobbithöhle, aber neben der Zeit hat sich auch die Personalsituation geändert.

3. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Donnerstagmorgen
  • Personal: Bilbo

Ich denke, das Prinzip ist klar. Mindestens eines der genannten Kriterien ändert sich (wobei in der Regel nur deutliche Veränderungen von Bedeutung sind) und wir erkennen einen Szenenwechsel.

Wer die Geschichte kennt, merkt aber vielleicht schon, dass zumindest die Personalsituation nicht immer so deutlich ist. Wären wir streng, müssten wir die zweite Szene in viele bedeutend kürzere aufteilen, denn Bilbos Besucher kommen nicht alle auf einmal, sondern in kleinen Grüppchen. Auch beginnt die Szene natürlich nicht unmittelbar mit dem Eintreffen der Zwerge. Und wer Bilbos Geschichte nicht nur aus dem Kino kennt, weiß außerdem, dass sich in der Buchvorlage die Personalsituation in der von mir so benannten 3. Szene schnell ändert, weil Gandalf den Hobbit schon nach weniger als einer Buchseite wieder aufsucht. Ganz abgesehen von den einleitenden Worten, die unserer 1. Szene vorangehen. Ganz so einfach ist es also doch nicht.

Halten wir erst einmal fest, dass Orts-, Zeit- und Personalwechsel eher eine grobe Orientierung darstellen. Zum einen, weil es Ein- und Überleitungen gibt, die Szenen in einen Kontext stellen, also dafür sorgen, dass es keine Brüche vor, nach und zwischen den Szenen gibt, die den Leser möglicherweise verwirren könnten. Zum anderen, weil diese Szeneriemerkmale eher als Hilfsmittel anzusehen sind.

Wir könnten uns eine – zugegebenermaßen ungewöhnliche – Geschichte vorstellen, in der immer dieselben Figuren anwesend sind, in der es keine Zeitsprünge gibt und der Handlungsort nicht wechselt. Etwa eine Art Kammerspiel mit einem Ehepaar, das ausschließlich in der Küche der beiden spielt und in einem Zeitrahmen von drei Stunden abläuft. Besteht die Geschichte dann nur aus einer Szene? Oder werden dann einfach beispielsweise sehr kurze Zeitsprünge bedeutsam? Sie lassen sich sicher finden und können Anhaltspunkte sein. Vor allem wird aber nun deutlich, wie sich Szenen tatsächlich voneinander abgrenzen.

Schauen wir uns noch einmal Bilbos Geschichte an. Was passiert da eigentlich inhaltlich, also auf der Handlungsebene? In der ersten Szene wird Bilbo von Gandalf in ein Gespräch verwickelt, in dem der Zauberer ihm erklärt, er wolle zu einem Abenteuer aufbrechen und den Hobbit mitnehmen. Bilbo wird von Gandalf in seiner Ruhe gestört und sogar dazu aufgefordert, diese Ruhe für lange Zeit, vielleicht für immer aufzugeben. Bilbo will davon nichts wissen und den Zauberer loswerden. Er ficht einen Konflikt aus, den er schließlich beendet, indem er in seine Höhle verschwindet, so schnell es die Höflichkeit eben erlaubt. Damit ist auch die Szene zu Ende.

Die Szene beginnt also mit einer Ausganssituation, in die ein Ereignis hereinbricht (Gandalf taucht auf und quatscht den Hobbit zu), das einen Konflikt auslöst. Und die Szene endet, wenn der Konflikt zumindest vorläufig gelöst wird (nicht selten wird hier ein Konflikt zum Schwelen beiseite geschoben). Das bedeutet, die Szene besitzt einen Spannungsbogen. Das wiederum bedeutet, die Szene stellt einen in sich geschlossenen Handlungsabschnitt dar.

Auch die zweite Szene besitzt einen Spannungsbogen: Bilbo, schon im Glauben, er könne den Vorfall des Vortags vergessen, wird erneut überfallen. Und diesmal drängen die noch aufdringlicheren Zwerge auf eine Entscheidung. In Bilbo beginnt eine Stimme lauter zu werden, die sich doch nach einem Abenteuer sehnt. Er fällt schließlich tatsächlich eine Entscheidung (die in Film und Buch unterschiedlich ausfällt). Das Ende der Szene bestärkt dem Eindruck, diese Entscheidung sei endgültig.

Szenen sind also in sich geschlossene Handlungsabschnitte, die im Idealfall dem Prinzip eines Spannungsbogens folgen. Das gilt ganz besonders für solche Szenen, die tatsächlich auch szenisch inszeniert sind. Aber auch narrative Szenen und solche Abschnitte, die eher eine zusammenfassende Überleitung darstellen (etwa eine weitgehend ereignislose Reise von einem Handlungsort zum nächsten) haben häufig einen Spannungsbogen, wenn auch möglicherweise einen recht flachen (Konflikt: Der Protagonist muss von A nach B kommen; Lösung: Der Protagonist hat B erreicht).

Dass sich der Szenenwechsel häufig an Ort, Zeit und Personal ablesen lässt, hängt einfach damit zusammen, dass die Szenenkonflikte, die die Szenenspannungsbögen bestimmen, von jeweils ganz bestimmten Figuren ausgetragen werden, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort aufhalten. Rückt eine neue Szene einen neuen (oder wieder aufgeneommenen) Konflikt in den Fokus, ändern sich dementsprechend auch die konfliktbestimmten Parameter.

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Entern: Kapitel oder Kapitulation?

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Viele Autoren – und nicht nur solche, die sich noch am Anfang ihrer Schreibkarriere sehen – haben mit diesem Kapitel der Schreiberei so ihre Schwierigkeiten. Die Frage, wo man die Entertaste drückt und eventuell sogar einen Seitenumbruch einfügt, um im Anschluss ein neues Kapitel zu starten, lässt so manchen unsicher werden, einige verzweifeln und diesen oder jene sogar kapitulieren. Kein Wunder, dass in eben dieser Frage so oft Rat gesucht wird, meist in der Hoffnung, es gäbe Regeln, die die Entscheidung erleichtern oder gar abnehmen. Diese Hoffnung muss ich dem werten Leser dieses Artikels leider gleich wieder nehmen. Regeln für die Kapiteleinteilung gibt es nicht (es sei denn, ein Auftraggeber gibt sie vor). Außer einer vielleicht – aber nein, auch das geht, wenn der Autor es so möchte:

Philipp schrieb …

KAPITEL 2

… das Kapitel zu Ende. Er ließ sich durch angebliche Regeln nicht verwirren.

Dem kreativen Autor sind also letztlich keine Grenzen gesetzt, was ja nichts Schlechtes ist. Was dieser Artikel leisten kann, ist, die Furcht, Fehler zu begehen, nehmen und einige Anregungen geben. Das werde ich hier ein wenig zusammenfassend tun, denn an anderer Stelle bin ich bereits ausführlicher darauf eingegangen.

Zunächst – das lässt sich eigentlich schon ableiten – ergeben sich Kapitel in aller Regel nicht notwendigerweise aus der Entfaltung der Geschichte, des Plots bzw. des Spannungsbogens. Soll heißen, anders als etwa Szenen sind Kapitel nicht grundlegender Bestandteil der Erzählstruktur, wir benötigen sie nicht bei der Planung einer Geschichte, und die Geschichte lässt sich auch ohne Kapitel erzählen. Anders gesagt, Kapitel sind im Grunde genommen nicht wichtig, richten sich lediglich nach dem Bedürfnis des Lesers, große Textmengen weiter zu unterteilen, ihnen eine zusätzliche Strukturierung aufzuerlegen, nicht zuletzt, um Atem holen und Lesepausen einlegen zu können. So wie wir uns auch besser zurechtfinden, wenn wie unsere Bücher, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Dokumente usw. nicht einfach in riesigen Kisten lagern, sondern sie bestimmten Ordnungsprinzipien folgend in Regale, Schränke, Kühlschränke und Schubladen sortieren.

In unserem Falle der Kapitel ist es der Autor, der das Ordnungsprinzp vorgibt. Und da haben wir dann, wenn auch keine Regel, so zumindest eine Richtlinie: Wenn sich in der Wahl der Kapitelbegrenzung (wenigstens mit gutem Willen) eine absichtsvolle Struktur erkennen lässt, kann das zumindest nicht schaden.

Damit sollte auch klar sein, dass Aussagen über die Länge der Kapitel wie „etwa zwanzig Seiten, keinesfalls mehr als dreißig, mindestens aber zehn“ allesamt nicht haltbar sind. Bestimmend für die Länge jedes einzelnen Kapitels ist letztlich das vom Autor gewählte Prinzip, das der Strukturierung zugrunde liegt. Richtig ist, dass es unterschiedliche Geschmäcker gibt, was die Kapitellänge angeht und für diese kann ein Kapitel zu lang, zu kurz oder genau richtig sein. Wenn es die gewählte Struktur zulässt, kann man also darauf achten, eher ein gesundes Mittelmaß anzustreben. Ob dabei relativ gleich lange Kapitel herauskommen oder aber das eine zwei, das andere 75 Seiten hat, ist wiederum der gewählten Struktur zu verdanken.

Wie man strukturieren kann, hängt schließlich von der Geschichte ab, die man erzählt. Wie sollte es auch anders sein. Denn natürlich ist es wenig sinnvoll, eine Geschichte, deren Handlung keine oder nur wenige Ortswechsel beinhaltet, ortsgebunden zu strukturieren. Die folgenden Möglichkeiten der Kapiteleinteilung werden also jeweils nur zu bestimmten Geschichten passen, sind ohnehin nur eine naheliegende Auswahl und daher nur zur Anregung gedacht.

Vorher sei noch angemerkt: Manche dieser Einteilungen legen nahe, Kapitelüberschriften zu verwenden. Generell ist auch das Geschmackssache. Der (zumindest gefühlte) Trend zur einfachen Nummerierung dürfte vor allem dem Bestreben geschuldet sein, dem Leser auch nicht den geringsten Vorausblick auf den Kapitelinhalt zu gewähren.

  • Die Einteilung kann sich an der Dramaturgie orientieren, indem sie beispielsweise bestimmte wichtige Ereignisse in den Mittelpunkt jedes Kapitels stellt (das Kapitel, in dem der Mord geschieht, in dem der Protagonist seine alte Liebe wiedertrifft, in dem die Gefährten sich im Wald verirren, in dem das Heer des Königs in die Schlacht zieht, in dem die Konferenz stattfindet, in dem die Situation zwischen der Protagonistin und ihrem Partner eskaliert, …).
    Es geht dabei nicht darum, pro Kapitel nur ein Ereignis ablaufen zu lassen, es geht um ein zentrales Ereignis, auf das die Dramaturgie zuläuft (Kapitel 1 berichtet von allen Ereignissen, bis der Mord den Fall für den Protagonisten ins Rollen bringt, Kapitel 2 von all den Ereignissen, die folgen, bis dem Protagonisten erste Zweifel an der Schuld des bisherigen Verdächtigen kommen, …). Darin liegt nämlich häufig das Problem begründet, wenn Autoren das Gefühl bekommen, die eigene Dramaturgie gebe ihnen ausgesprochen kurze (und viele) Kapitel vor.
  • Hat man mehrere Handlungsstränge, ist eventuell eine Kapitelunterteilung möglich, die sich an diesen orientiert. Sind die Wechsel zwischen den (Haupt-) Handlungssträngen nicht zu häufig (sehr kurze Kapitel), kann jeder Wechsel ein neues Kapitel markieren. Denkbar ist aber auch, dass pro Kapitel alle Stränge einmal an der Reihe sind.
  • Spielt die Romanhandlung an mehreren verschiedenen Handlungsorten oder wechselt regelmäßig zwischen einigen Orten hin und her, kann auch das Anlass zum Kapitelwechsel sein.
  • Macht die Romanhandlung häufig Zeitsprünge oder spielt Zeit auf andere Art und Weise eine wichtige Rolle im Roman (etwa ein Countdown) kann natürlich auch die Kapiteleinteilung dieser zeitlichen Strukturierung folgen und sich etwa an Uhrzeiten, Wochentagen, Datumsangaben, Monaten, Jahreszeiten oder Jahreszahlen orientiern.

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Eine Reise zur Buchmesse?

Hilfe für Autoren, Foto: Jakub Krechowicz
Hilfe für Autoren, Foto: Jakub Krechowicz
© Jakub Krechowicz

Bei „Hilfe für Autoren“ sind meine neuen Artikel online.

Im einen dreht es sich kurz vor der Leipziger Messe darum, welche Möglichkeiten sich einem veröffentlichungswilligen Autor auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig bieten:

Muss ich auf die Buchmesse?

Der zweite Artikel ist der zweite Teil der Reihe, die sich um den Aufbau einer spannenden Geschichte dreht:

Zwei Helden in den Startlöchern.

Gute Aussicht

Vom Schreibtisch, Foto: Marko Tomicic
Vom Schreibtisch, Foto: Marko Tomicic
© Marko Tomicic

Ja, ja, die gute Aussicht. Jedenfalls am Beginn eines Jahres ist sie immer ziemlich klar. So auch bei mir:

Abschließen will ich zunächst endlich den Ratgeber, der längst fertig sein sollte. Leider hat mich vor allem das Tägliche-Brötchen-Verdienen und der eine oder andere Umstand mehr arg in Zeitverzug gebracht. Jetzt kann es aber nicht mehr lange dauern.

Im Anschluss freue ich mich sehr darauf, „Die Tränen der Gräfin“ (Arbeitstitel) zu meinem Hauptprojekt zu erklären. Beim Nachfolger der „Kriegerin“ will ich so schnell wie möglich ein aussagekräftiges Exposé und eine spannende Leseprobe erarbeiten, um mich damit bei einer Agentur zu bewerben.

Damit sind die wesentlichen Schreibvorhaben für 2012 bereits umrissen. Es sind außerdem zwei Anthologieprojekte in Planung, an denen ich mit jeweils einem Kurzkrimi beteiligt sein werde.

Ob, wie viele und welche Aufgaben dieses Jahr für den pseudonymen Ben Philipp anstehen, ist dagegen noch gar nicht klar. Noch sehr vage zeichnet sich eine größere Sache am Horizont ab, die ein Gemeinschaftsprojekt mit einer von mir sehr geschätzten Autorin sein könnte. Aber diese Eier sind noch nicht gelegt, allenfalls ist ein Nest gebaut.

Außerdem bin ich sehr gespannt darauf, ob sich der Autorenstammtisch M-V, der am 20. Januar zum ersten Mal stattfindet, dauerhaft durchsetzen wird. Ich hoffe es!