„Saftige“ Wanderhure

Gerade bin ich in Frankfurt angekommen, gerade rechtzeitig, um euch noch einen kleinen TV-Tipp zu geben:

Ein „saftiges TV-Epos mit toller Heldin“ ist „Die Wanderhure“, sagt die TV-Spielfilm. Um 20.15 Uhr läuft das Historiendrama mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle bei Sat.1.

Ich bin sicher, meine Blogleser warten seit meinem Artikel vom 22. April sehnsüchtig auf dieses heutige TV-Highlight (auch aus Sicht der TV-Spielfilm), schließlich handelt es sich um die Verfilmung des Bestsellers des sympathischen Autorenehepaares Iny Lorenz.

So, nun muss ich mich bereitmachen, geht ja gleich los. 🙂

Klassiker vor Gericht

Der Mörderin fehlt scheinbar jedes Motiv. Ihr Opfer: ein ihr völlig fremder Mann. Des Rätsels Lösung findet sich erst durch eine weitere Frau. Die beiden haben sich bei einer Zugfahrt kennengelernt und sich ihr Leid geklagt. Beide waren ihrer Ehemänner überdrüssig und vereinbarten, jeweils den der anderen zu ermorden, um sich gegenseitig mit dem perfekten Mord ihrer Sorgen zu entledigen.

Ein junger Mann wird von einem reichen Herrn beauftragt, dessen Sohn nach Hause zurückzuholen, der sich auf Kosten des Vaters im Ausland amüsiert, statt sich seinen Verpflichtungen daheim zu stellen. Die Suche gestaltet sich erfolgreich, doch der Gesuchte überzeugt den jungen Mann, es sich gemeinsam mit ihm gut gehen zu lassen und die Jugend zu genießen. Fasziniert von Leben und Wohlstand des Berufssohns, versucht der Mann schließlich den Gesuchten zu ermorden und sich als er auszugeben.

Klar, weiß jeder sofort, von welchen beiden „Fällen“ ich spreche. Letzterer wurde von Fernsehrichter Alexander Holt verhandelt, ersterer ist schon etwas länger her und mein etwas löchriges Gedächtnis erinnert sich nicht mehr, ob auch Holt oder eine(r) seiner Kollegen/innen den Vorsitz hatte.

Wie, ein Roman? Ein Film? Na so was. Das wäre ja seltsam.

Da soll es doch Leute geben, die noch immer glauben, Sat.1 stelle ein paar Kameras in einen echten Gerichtssaal während einer echten Verhandlung. Und die Kameraleute seien zufällig auch immer dabei, wenn etwas Aufregendes im Flur, der Garage oder auf dem Klo passiert. Oder zumindest seien es echte Fälle, die von den Produzenten nachgestellt würden.

Nun müssen also selbst die, die zähneknirschend akzeptiert haben, dass die ach so authentischen Fälle aus der Feder von Skriptautoren stammen, die sich ihrerseits mit der meist diletantischen schauspielerischen Umsetzung ihrer Drehbücher abgefunden haben, mit dem Gedanken leben, dass eben diesen Autoren ihre Ideen manchmal auf seltsamen Kanälen zufliegen und sie sich nicht einmal die Mühe machen, dies nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

Nennt man das Inspiration? Nun ja, es reicht jedenfalls, um sich in der Mittagspause die Werbeunterbrechungen bei „Two and a Half Man“ auf ähnlich amüsante Weise zu vertreiben.

Bleibt nur die Frage, ob dieses Phänomen für den Realismus der Vorlagen spricht oder ob sich die Fernsehmacher um eben diesen Realismus einen Dreck scheren.

Die Grenze überschritten?

© SAT.1

Am Montagabend war es also so weit: Der erste Teil des Zweiteilers „Die Grenze“ flimmerte über den Bildschirm. Blieb es ein Flimmern oder hat das „TV-Event“ überzeugt?

Der Spion berichtete bereits am 26. Januar über die seltsamen Ereignisse, die am 15. März Mecklenburg-Vorpommern, ganz Deutschland und die Welt erschüttern sollten. Wenn auch nur im Privatfernsehen im Zweiteiler „Die Grenze“.

Nun stecken wir mittendrin in den Ereignissen, haben aber genug gesehen, um eine erste Einschätzung zu wagen. Schließlich wird das Thema schon seit einer guten Woche auch von den Spionen heftig diskutiert.

Logik ist vorhanden

Trotz der vielfältigen Besprechungen im Vorfeld fragte man sich doch gespannt, wie Regisseur Suso Richter im Film eine Situation schaffen wollte, die die folgenden Vorgänge halbwegs glaubwürdig machen würde.

Zwar hatte man in den Zusammenfassungen von Terroranschlägen, explodierenden Benzinpreisen und Wirtschaftskrise gelesen, dennoch klang das alles noch so, dass man erwarten konnte, die Vorstellung wegen akutem Hirnriss noch weit vor dem Ende zu verlassen.

Doch gerade zu Beginn des Films kann das Gedankenexperiment durchaus fesseln. Reale Ängste in unserer Gesellschaft werden auf die Spitze getrieben, wenn es Terroristen gelingt, die sieben wichtigsten Ölraffinerien der Welt gleichzeitig zu vernichten. Die drastischen Benzinpreiserhöhungen und die folgende Krise erscheinen damit als logische Folge.

Bigger than life

Erste Schwierigkeiten bekommt der Realitätssinn mit der Geschwindikeit der weiteren Entwicklung. Verzeihlich, bedenkt man die filmischen Möglichkeiten des Zweiteilers.

„Es ist ein Programm, das provozieren soll“, sagt Produzent Nico Hofmann. Joachim Kosack, Leiter Deutsche Fiction bei Sat.1 sieht die Eigenproduktion in der „Bigger Than Life“-Tradition von Filmen wie „Ausnahmezustand“ und „Der Staatsfeind Nr. 1“.

Diese Voraussetzungen erlauben dann auch die rasante Entwicklung zum vollständigen und allumfassenden Chaos sowie die offenbar bestens vorbereitete und organisierte Vorgehensweise der fiktiven rechtsextremen Partei DNS unter Führung des Milliardärs Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann), für den der Name Programm ist.

Bürgerkrieg in Mecklenburg-Vorpommern

Schlucken muss man dann doch, wenn mitten in Rostock bewaffnete Kräfte der DNS aufmarschieren und sich mit Linken Straßenschlachten liefern, sogar einen Teil der Hansestadt zum besetzten Gebiet erklären, während sich die Einsatzkräfte der Polizei duldend zurückziehen und die Kämpfenden im Widerspruch zu Grundgesetz und Verfassung ungehindert gewähren lassen.

Überhaupt darf man sich fragen, warum Mecklenburg-Vorpommern, warum Rostock. Der Rest der Welt und Deutschlands spielt im Film trotz der weltweiten Terroramschläge schon bald keine Rolle mehr.

Begründet wird das im Film vor allem durch die vergleichsweise schwache Wirtschaft des Bundeslandes und das angebliche Potential seiner Einwohnerschaft, sich in Krisenzeiten fast ausschließlich radikalen Lagern zuzuwenden.

Auch kann man während des Films schnell den Eindruck gewinnen, in Rostock lebten vor allem solche Menschen, die sich mit ganzem Herzen in die DDR zurückwünschen. (Überhaupt scheint Rostock im Wesentlichen aus Fischern und ihren Kuttern zu bestehen.)

Wenn Schwäche in Gewalt umschlägt

Gerade die wirtschaftliche Abhängigkeit des nordöstlichsten Bundeslands würde aber sowohl bei politischen Führern als auch bei deren anhängigen Bürgern eine gehörige Portion an Naivität voraussetzen, wenn sie glaubten, sie könnten sich von der Bundesrepublik abspalten, um sich auf eigene (sozialistische) Füße stellen.

Auch darf man sich fragen, ob die geschilderte Krise ein wirtschaftlich starkes Bundesland mit seiner vom Benzinpreis abhängigen Industrie nicht in ein viel tieferes Loch stürzen würde als das industriearme Mecklenburg-Vorpommern.

Nicht zuletzt sind ernsthafte Zweifel erlaubt, ob das revolutionäre Potential im Norden seit der Wende derart zugenommen hat, dass Rostock plötzlich die Vorreiterrolle in der Republik spielt.

Der Wunsch nach der Mauer

Am Montag berichtete der Spion über Umfrageergebnisse, die die Thesen des Films „Die Grenze“ zu stützen scheinen. Jeder Vierte wünsche sich zumindest manchmal die Mauer zurück. Auch auf der Homepage zum Film fallen die Ergebnisse zu diversen provokanten Fragen so aus, dass man vermuten könnte, die Stimmung in der Bevölkerung nähere sich der des Films an.

Und auch bei der am Montag gestarteten Spion-Umfrage sprechen sich aktuell weniger als die Hälfte der Teilnehmer entschieden gegen eine Wiedererrichtung der Mauer aus.

Will M-V den Sozialismus zurück?

Zeigen die Umfragen also, dass in und um Rostock und Schwerin wirklich lauter ewig Gestrige leben? Wäre dem so, würden die Umfragen dieses Bild für die gesamte Bundesrepublik zeigen.

In Wirklichkeit dürften die Antworten aber aus völlig unterschiedlichen Motivationen heraus geboren sein. Und selbst in den neuen Ländern kann man wohl kaum davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Antwortenden damit ein eindeutiges Bekenntnis zum Sozialismus in seiner Gesamtheit ausdrücken möchte.

Trotzdem gute Unterhaltung

Unabhängig davon, wie realistisch man das Szenario nun einschätzt, in einem Film geht es auch einfach um gute Unterhaltung. Und allein das Gedankenspiel basiert auf spannenden Fragen.

Auch scheinen nach etwa der Hälfte des ersten Teils hinsichtlich der Glaubwürdigkeit die wichtigsten Hürden genommen und die Handlung konzentriert sich von da an vor allem auf rasante Action und individuelle Schicksale.

Damit fühlt man sich wirklich gut unterhalten und kann sich schon auf die Fortsetzung am heutigen Abend freuen.

(Artikel zuerst erschienen auf deutschland-spion.de)