Ein Satz

Heute gibt es eine weitere Leseprobe aus der Anthologie „Rostocker Auslese – Lesebühne 2004“. Der Kürzesttext „Ein Satz“ wurde außerdem in weiteren kleineren Textsammlungen und online veröffentlicht.

Ausnahmsweise habe ich mich entschieden, den nicht ganz ernst gemeinten Text vollständig zu posten. 😉

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„Wir sagen uns in einem Satz“, sagst du, „was uns in unserer Beziehung stört!“
„Gut“, sage ich und: „Fang du an!“
„Nein, ich möchte, dass du anfängst“, sagst du.
„Warum?“, frage ich.
„Es ist besser für die Konstruktion“, sagst du.
Ich verstehe nicht, gebe mich aber geschlagen.
„Ich denke“, sage ich, „wir sollten uns gegenseitig mehr Freiheiten lassen.“
„Ich denke“, sagst du, „weil es einfach zu einer guten Beziehung, die harmonisch ablaufen soll, was man sich ja wohl von jeder Beziehung, die wie unsere auf lange Sicht, das willst du doch auch, zumindest hatte ich, die ich, und zwar liebend gern, dass kannst du mir glauben, schon so viel investiert habe, dich so verstanden, halten soll, wünscht, dazugehört, dass du, und natürlich auch ich, wie du, und ich weiß, dass du würdest, antworten könntest, während ich aber der festen Überzeugung bin, dass ich, und jede meiner Freundinnen, denen du unrecht tust, indem du sie, die dir wirklich gut sind, nicht magst, bestätigt das, oft genug nachgegeben und, wirklich nicht immer gern, aber ich glaube eben an uns, zurückgesteckt habe, kompromissbereiter sein solltest.“
Dann atmest du wieder.

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Rostocker AusleseJohanna Michallik (Hrsg.)
Rostocker Auslese – Lesebühne 2004
Taschenbuch, 239 Seiten
BS-Verlag, 2005
ISBN: 978-3899541274

Mit einem Vorwort von Philipp Bobrowski

Mein Keller

Heute soll es nach langer Zeit mal wieder eine kurze Leseprobe von mir geben. „Mein Keller“ ist neben anderen Texten von mir und weiteren Autoren in der Anthologie „Rostocker Auslese – Lesebühne 2004“ erschienen.

Online kann man den gesamten Text auch bei BookRix lesen.

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Mein Keller ist mein Keller. Niemand außer mir hat das Recht, ihn zu betreten. Nicht jeder möchte es. Viele haben es schon versucht. Manche erhaschen einen kurzen Blick. Doch den wenigsten gewähre ich einen tieferen Einblick.

Selbst ich kenne nicht all seine verwinkelten Ecken und unergründlichen Tiefen, werde wohl nie jeden Winkel aufspüren können. Denn er ist groß und er reicht weit hinab. So bleibt er immer offen für neue Überraschungen und verschließt sich dem suchenden Blick.

Ja, verschlossen ist er, mein Keller, gut verschlossen. Nur ich habe den Schlüssel, der nicht immer passt und den ich oft nicht finde. Habe ich ihn bei mir, bin ich nicht immer sicher, ihn zu benutzen. Will ich ihn benutzen, fehlt mir hin und wieder die Sicherheit im Umgang mit ihm. Die Handhabung ist kompliziert.

Gelingt es mir, den Schlüssel im Schloss in der richtigen Weise zu betätigen, zögere ich meist, den ersten Schritt zu tun. Mal einen kurzen Moment, mal eine ganze Weile stehe ich dann vor der aufgeschlossenen Tür, bevor ich langsam die Klinke hinunterdrücke und die Tür so weit öffne, dass ich durch den entstandenen Spalt schlüpfen kann.

Nie weiß ich dann genau, was mich erwartet. Mal stehe ich einfach vor einer Wand, mal vor einer weiteren Tür, mal in einer dunklen Kammer, dann wieder in einem weiten Saal, den ich trotz seines trügerisch hellen Lichts kaum überblicken kann. Es kommt vor, dass ich nichts finde als einen absolut leeren Raum. Hier kann ich vieles hineinstellen, doch ob es dauerhaft dort bleibt und ob ich es je wiederfinde, wage ich nie vorauszusehen. Manchmal stürzen tausende von Dingen auf mich ein, die es mir unmöglich machen, sie zu ordnen. Selten finde ich mich zurecht.

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Rostocker AusleseJohanna Michallik (Hrsg.)
Rostocker Auslese – Lesebühne 2004
Taschenbuch, 239 Seiten
BS-Verlag, 2005
ISBN: 978-3899541274

Mit einem Vorwort von Philipp Bobrowski

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