Leichtes Spiel mit den Drachen

Als der Drache ihn sah, brüllte er fürchterlich und spuckte heißes, rotes Feuer. Da rutschte Arnlf das Herz in die Hose und er hatte Angst. Verzweifelt überlegte er sich eine List, mit der er den Drachen austricksen konnte. Aber er hatte keine Zeit mehr. Also lief er erst mal weg. Der Drache, der vor dem kleinen Jungen keine Angst hatte, brüllte und spuckte noch mehr und breitete seine Flügel aus und wollte sich in die Luft heben. Doch er hatte den Baum nicht gesehen, der da im Weg stand. Und so stieß er sich den Kopf und plumpste zu Boden und war tot.

Der Ausschnitt stammt aus der Geschichte „Arnlf und der Drache“. Geschrieben wurde sie von mir. Nicht etwa in jungen Jahren, wie man hoffentlich vermuten kann, sondern vor ein paar Jahren als Wettbewerbsbeitrag für die Nacht der schlechten Texte. Ohne Erfolg übrigens, aber darum geht es heute nicht.

Es gibt sicher einiges, was man an dem Textausschnitt bemängeln könnte, aber eines fehlt ihm nicht: ein echter Konflikt. Was soll man auch anderes erwarten, wenn ein junger Bursche einem Drachen gegenübersteht. Drachen sind schließlich allgemein bekannt dafür, Konflikte zu verursachen.

Arnlf hat also ein handfestes Problem und wie es sich für einen Protagonisten gehört, versucht er es zu lösen. Aus Zeitmangel entscheidet er sich allerdings zunächst für eine Fluchtstrategie. Dass er damit keine endgültige Konfliktlösung herbeiführt, dürfte jedem einleuchten, der schon einmal Streit mit einem Drachen hatte.

Doch die Lösung naht – oder besser: wartet – in Gestalt eines Baumes. Glück gehabt! Der Leser kann aufatmen und sich für einen Moment zufrieden zurücklehnen.

Deus ex machina

Oder doch nicht? Natürlich nicht, das leuchtet jedem ein. Dass Arnlf mit dem Leben davonkommt, verdankt er nur einem dummen Zufall. Deus ex machina (Gott aus der Maschine) nennt man das. Und das geziemt sich für einen Helden oder sonstwie gearteten Protagonisten eben bestenfalls, wenn er Teil einer parodistisch, satirisch oder komödiantisch angelegten Geschichte ist. Andernfalls hat er gefälligst seine Konflikte selbst zu lösen und glückliche Zufälle ebenso wie andere Götter, ob sie nun aus einer Maschine oder einem Marmeladenglas kommen, zu meiden wie der Elefant das Mauseloch.

Gut, das heißt also, unser Drache darf nicht durch den Baum sterben. Falsch! Darf er doch, aber nicht, ohne dass Arnlf das so geplant hat. Wenn unser kleiner Held den Baum in seinen genialen Drachentöterplan einbezogen hat, wenn er den Drachen vielleicht sogar erst unter diese Mordwaffe gelockt und ihn dann derart zur Raserei gebracht hat, dass der Lindwurm dieses kleine Detail bei den überstürzten Startvorbereitungen übersieht, dann wird der Leser wohlwollend Arnlf den heldenhaften Sieg zuerkennen. Schließlich hat das beim tapferen Schneiderlein auch schon funktioniert.

Na, ist doch gar nicht so schwer, wird sich der Autor jetzt denken. Wieder falsch. Aus dem von mir hier angebrachten plumpen Beispiel lässt sich nämlich leider noch nicht ablesen, dass es der Autor leider oft viel schwerer hat, der zuschnappenden Zu-Falle zu entgehen.

Begrifflich ist nicht ganz eindeutig, wann etwas noch als Deus ex machina bezeichnet werden kann und wann nicht mehr. Nehmen wir an, im Originalbeispiel würde der Drache durch den Baumschlag nur betäubt. Arnlf fasst sich ein Herz, nimmt sein Schwert und rammt es dem Untier ins Herz. Er hat nun immerhin seinen Teil zur Konfliktlösung beigetragen, wenn auch mit „göttlicher“ Hilfe. Ob man das noch als Deus usw. bezeichnen will oder nicht, bleibt sich für den Leser aber letztlich gleich.

Eigenbeteiligung reicht nicht, Leistung zählt

Das erste Problem ist also, dass es nicht reicht, den Protagonisten wenigstens ein bisschen zu beteiligen, wenn er schon Hilfe von oben bekommt. Dem Ermittler, dem nur deshalb ein Licht aufgeht, weil dem Täter die Leiche direkt vor des Kommissarios Füße fällt, wird kaum mehr Achtung zuteil, weil er die Tote erst aus einem Kartoffelsack wickeln muss.

Es macht also der Autor alles richtig, der es seinem Protagonisten so schwer wie möglich macht. Leider trifft das dann auch auf den Autor selbst zu. Scheinbar ausweglose Situationen haben es nun mal an sich, dass sich scheinbar kein Ausweg aus ihnen finden lässt.

Doch genau das ist sie Aufgabe des Autors: Eine Lösung zu finden, die einerseits im Rahmen der Möglichkeiten der Figur bleibt, diese aber andererseits auch voll ausschöpft. Und eine, die im Rahmen der Geschichte bleibt, ohne plötzlich die Welt auf den Kopf zu stellen.

Wenn es also von unserem Drachen heißt, er lebe in einem felsigen Tal, das von seinem feurigen Atem schwarz gefärbt sei und in dem keine Pflanze mehr wächst, fällt der Baum als Arnlfs Lebensretter schon mal weg, wie clever sein Plan damit auch immer gewesen wäre. Wenn Arnlf, um überhaupt in das Tal zu gelangen, eine viele, viele Meter hohe Steilwand herunterkraxeln musste, sind auch seine Fluchtmöglichkeiten mehr als begrenzt.

Der Autor wird also vermutlich kaum weniger ins Schwitzen kommen als sein Protagonist. Sollte ihm übrigens selbst nach Wochen ausgiebigen Grübelns keine praktikable Lösung einfallen, darf er sich natürlich gern in seinem Manuskript zurückbewegen und mit den notwendigen und entsprechend mehr oder weniger umfangreichen Änderungen dem Drachen eine (ein ganz klein bisschen!) drachentöterfreundlichere Behausung zaubern.

Von Problemlösungen, Supermännern und Ich-AGs

Die wichtigsten Punkte, damit der Leser dem problemlösenden Protagonisten wohlgesonnen bleibt, sind also:

  • der Protagonist sollte im Verlauf der Geschichte überhaupt erst einmal das eine oder das andere Problem bekommen, wobei sich seine Geschichte sowieso nur durch seine Beschäftigung mit dem einen, dem zentralen Problem entwickelt,
  • er sollte bei der Lösung des Problems auf eine eigene Leistung angewiesen sein,
  • je größer diese Leistung, desto besser,
  • um die Glaubhaftigkeit zu bewahren, muss die Lösung im Rahmen der potenziellen Möglichkeiten der Figur und der Vorgaben der Geschichte bleiben

Nur, um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich darf der Protagonist jederzeit Hilfe haben. Wie langweilig wäre ein Held, der alles kann und alles weiß. Selbst Superman holt gern einmal den Rat von Experten ein. Mehr noch: Er gerät gar nicht einmal selten in Situationen, in denen er auf einen Lebensretter angewiesen ist (und die in der Regel mit Kryptonit zu tun haben). Nur hilft ihm das letztlich nicht, sein Problem zu lösen. Der Superschurke (wie wäre es mit Lex Luthor) ist mindestens genauso mächtig wie zuvor und will noch immer Böses tun. Und da muss Superman weiterhin selbst ran.

Der Protagonist muss also die entscheidenden Schritte tun auf dem Weg zur Lösung des zentralen Konflikts, aber nicht zu reinen Ich-AG werden.

PB-Plotten: 16 – Probekapitel

Mit der Planung sind wir fertig, geplottet haben wir auch bis zum Ende. Die folgenden Schritte stellen also ein kleines Extra dar.

Wie auch der Präsentationspitch und das Präsentationsexposé hilft das Probekapitel zu diesem Zeitpunkt nur denjenigen, die im Kontakt mit Verlag oder Agentur nicht auf ein fertiges Manuskript angeweisen sind. Ein Autor, der sich mit seinem ersten Buchprojekt um einen Vertrag bemüht, bzw. derjenige, der bisher noch auf keine Romanveröffentlichungen verweisen kann, wird in der Regel nur mit einem fertiggestellten Manuskript auf Verlagssuche gehen können.

Hat ein Autor dagegen bewiesen, dass er einen Roman zu Ende schreiben kann, entscheiden Verlage oder Agenturen oft schon anhand von Exposé und Leseprobe. Manche Autoren kommen sogar nur mit Exposé oder gar nur mit der groben Vorstellung einer Idee aus.

Wer so weit noch nicht ist, beschäftigt sich also jetzt erst einmal damit, sein Manuskript zu schreiben, wählt erst im Anschluss daran ein oder mehrere Probekapitel aus und schreibt das Exposé.

Je nach den Anforderungen des Verlags oder der Agentur wählt man als Leseprobe ein oder zwei Kapitel. Die Anforderungen sind meist auf Seitenzahlen ausgelegt, sodass man sich auch danach richten sollte. Möglicherweise plant oder hat man sehr lange Kapitel, sodass man mit einen Auszug aus einem Kapitel auskommt, bei sehr kurzen Kapiteln wählt man entsprechend mehr aus.

Wenn nicht ausdrücklich eine Leseprobe vom Anfang oder aus der Mitte des Manuskripts gefordert ist, steht der Autor vor der Qual der Wahl. Warum eigentlich? Wenn ich ein starkes Manuskript anzubieten habe, sollte es nahezu unerheblich sein, von welcher Stelle ich eine Leseprobe anbiete. Habe ich das Gefühl, das Manuskript habe seine Stärken nur an bestimmten Stellen, sollte ich die anderen überarbeiten und nicht verschämt zurückhalten.

Für denjenigen, der sein Probekapitel extra für die Verlags- oder Agenturbewerbung schreibt, bietet sich der Vorteil, dass er beim Schreiben dieses Kapitels sicherlich besonders sorgfältig vorgeht. Allerdings sollte er sich diese Sorgfalt auch für das Gesamtmanuskript bewahren, so er denn die Zusage bekommt.

Ich würde empfehlen, den Romananfang zu wählen. Der muss später auch den Leser überzeugen. Und er sagt dem Lektor oder Agenten, dass der Autor nicht erst lange nach etwas Repräsentativem suchen musste.

Nun könnte man der Ansicht sein, der Romananfang sei eben nicht repräsentativ für den gesamten Roman. Der Konflikt ist gerade erst im Entstehen, der Leser wird möglicherweise erst sanft in die Geschehnisse eingeführt. Vielleicht haben wir es mit einem actionreichen Thriller zu tun, der erst noch Fahrt aufnimmt. Oder der Protagonist berfindet sich zu Beginn noch in der realen Welt, wird aber in Kapitel drei den Übergang in eine fantastische Parallelwelt beschreiten. Wie soll sich der Lektor oder der Agent anhand des ersten Kapitels einen Eindruck davon verschaffen?

Die Antwort ist ebenso einfach wie eindeutig: gar nicht! Das muss er auch nicht, denn die Leseprobe ist dafür nicht gedacht. Sie könnte es ohnehin nicht leisten, schließlich sind Romane oft so facettenreich, dass man sie eben komplett lesen müsste, um all diese Facetten zu erleben.

Tatsächlich soll die Leseprobe einen Eindruck davon vermitteln, wie der Autor schreibt. Beherrscht er sein Handwerk? Ist sein Schreibstil eingängig und dem Werk angemessen? Versteht er es, das, was er vermitteln möchte, sprachlich umzusetzen? Schreibt er flüssig, spannend, bildreich, effizient, …

Kurz: Ist er sprachlich ausgereift, besitzt er Potenzial oder allzu große Schwächen. Ob aber der Roman selbst, die Idee dahinter, der strukturelle Aufbau und der Plot insgesamt ebensolches Potenzial besitzen, soll nicht die Leseprobe klären, sondern das Exposé!

Daher ist es nicht notwendig, sich einen Kopf zu machen, ob die Leseprobe das Potenzial des Romans repräsentieren kann. Sie soll das schreiberische Potenzial des Autors zeigen. Stattdessen sollte man sich bemühen, dass das Exposé die bestmögliche Werbung für den Roman als Ganzes darstellt. Wird der Lektor oder der Agent vom Exposé mitgerissen und vom Probekapitel alles andere als enttäuscht, wird er auch bald den gesamten Text kennenlernen wollen.

(PB-Plotten: Die Liste)