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Entern, Foto: Patryk Kosmider
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© Patryk Kosmider

Nach dem vorhergehenden Artikel dürfte es keine große Überraschung mehr sein: Will man zwischen Reihe und Serie unterscheiden, ist letztere wohl eher diejenige, die über die einzelnen Episoden hinaus eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Mal mehr, mal weniger kann das so weit gehen, dass der Leser oder Zuschauer, der nicht von Beginn an dabei ist oder einzelne Folgen verpasst, Schwierigkeiten bekommt, den Gesamtzusammenhang zu verstehen.

Im Idealfall folgt eine solche Serie also einem übergeordneten Spannungsbogen, der durch einen Konflikt entsteht, der erst mit dem Abschluss der Serie gelöst wird. Jede einzelne Folge stellt einen Schritt auf dem Weg, dieses Ziel zu erreichen, dar, ist also ein Teilstück der großen Spannungsbogens.

Darüber hinaus kann es sein, dass jede Episode außerdem ihre eigene Geschichte erzählt. Ein Konzept, das mir persönlich besonders gut gefällt und für das es ein exzellentes Beispiel gibt: Raumschiff Voyager!

Die Crew, gestrandet in einer fremden Galaxie weit entfernt von der Heimat, folgt in jeder Episode dem großen Ziel, zur Erde zurückzukehren. Dazu kommt der jeweilige Episodenkonflikt, der mit dem übergeordneten Konflikt in direktem Zusammenhang steht (also auch diesen voranbringt), in der Regel Inhalt einer einzelnen Folge ist, sich aber auch hin und wieder über zwei oder drei Folgen entwickeln kann. Auch die Episodenkonflikte können Auswirkungen auf spätere Serienfolgen haben oder sogar erneut aufgenommen werden.

Schließlich fokussiert jede Folge auf einzelne Crewmitglieder, deren individuellen Konflikte somit als Nebenkonflikte wirken. Auch diese können Nebenstränge bilden, die sich über mehrere Episoden entwickeln und/oder wiederaufgenommen werden können.

Ein reizvolles Konzept also, das dem Schreibenden zahlreiche Möglichkeiten bietet, den Konsumenten bestens bei Laune halten kann.

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Sprichwortgeschichten

Ob du nur mal eben ein bisschen Abwechslung brauchst oder tatsächlich auf der Suche nach der Idee für deine nächsten Geschichte bist, Sprichwörter können helfen. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Daraus kann eine Szene, eine Kurzgeschichte oder ein ganzer Roman entstehen. Und zwar in jedem Genre.

Und natürlich könnte man genauso gut erzählen, wie der Grubengräber sich ins absolute Glück schaufelt. Oder wie wäre es mit den folgenden Sprichwörtern?

  • Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
  • Aus Schaden wird man klug.
  • Blinder Eifer schadet nur.
  • Das Gerücht ist immer größer als die Wahrheit.
  • Der dümmste Bauer erntet die dicksten Kartoffeln.
  • Ehrlich währt am längsten.
  • Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Natürlich gibt es weit mehr passende Sprichwörter, die dem Suchenden mit netten Ideen auf die Sprünge helfen können. Einige liefern beispielsweise Ideen für ein Thema, eine Grundstimmung, einen Nebenkonflikt oder eine Figur (alte Liebe rostet nicht, Alter schützt vor Torheit nicht), andere, wie die in den Beispielen oben, versorgen uns mit einer kompletten Geschichte.

Konflikt und Lösung

Letztere  beschreiben meist schon einen Konflikt und das Endergebnis desselben. Jemand gräbt einem anderen eine Grube, und fällt am Ende selbst hinein.  Jemand ist ein blindes Huhn, findet am Ende aber trotzdem (oder noch besser: gerade deshalb) auch mal ein Korn. Jemand hat einen Schaden (im Sinne von „ihm wird geschadet, ihm geschieht etwas Schlechtes“ – obwohl …), wird am Ende der Geschichte aber eben deshalb zu einem klügeren Menschen.

In manchen Sprichwörtern treten Konflikt und Lösung nicht so deutlich hervor. So könnte in „das Gerücht ist immer größer als die Wahrheit“ die tragische Geschichte eines Protagonisten stecken, der verzweifelt gegen eine Intrige ankämpft, um am Ende den böswillig gestreuten Gerüchten doch zu unterliegen.*

Zur sprichwörtlichen Geschichte

Sprichwörter, die Konflikt und Lösung enthalten, entsprechen im Grunde der Prämisse (im schreiberischen Sinn). Sie beschreiben die wesentlichsten Punkte, die man für den Plot einer Geschichte braucht. Nun musst du „nur“ noch den Jemand besetzen und ihn vom Ausgangspunkt des Konfliktes bis zur Lösung führen.

Damit sind wir schon bei unserer Übung: Nimm dir ein Sprichwort deiner Wahl, das Konflikt und Lösung enthält, und denke dir dazu die Handlung einer Szene, Kurzgeschichte und/oder eines Romans aus. Anschließend kannst du die Lösung umkehren oder anders variieren (aus Schaden wird man bekloppt, aus Schaden wird man reich) und dir entsprechend eine neue Handlung erdenken. Vielleicht willst du die Szene, Kurzgeschichte und/oder den Roman sogar schreiben. Wird bestimmt ein Hit!

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*Das Sprichwort ist ein gutes Beispiel dafür, dass man manchmal auch anderes als Konflikt oder Lösung aus dem Sprichwort extrahieren kann. So könnte man auch die humorvolle Geschichte eines Protas erzählen, der seinen Gegner mithilfe eines Gerüchts zu Fall bringt. Dann steckt in dem Sprichwort eben nicht der Konflikt, sondern die Strategie des Protas.

Weitere Schreibübungen

PB-Plotten 10: Nebenkonflikte

Unter den Nebenkonflikten fasse ich alle Konflikte zusammen, die neben dem Hauptkonflikt noch eine Rolle spielen. Das können einige sein, was deutlich macht, dass man diesen Punkt (auch zeitlich) nicht unterschätzen sollte. Und das obwohl es weder nötig noch möglich sein wird, wirklich bis ins Kleinste jeden Konflikt jetzt schon zu planen. Selbst die wesentlichen Nebenkonflikte werden uns eine Weile beschäftigen.

Mit dem groben Plotplan sollten wir bereits die wichtigsten Konflikte angeschnitten haben. Sie lassen sich in folgende Gruppen einteilen:

  1. diejenigen Konflikte, die mit Protagonisten und/oder dem zentralen Konflikt direkt in Verbindung stehen,
  2. diejenigen Konflikte, die in eventuellen weiteren Handlungssträngen im Mittelpunkt stehen,
  3. diejenigen Konflikte die weitere wichtige (Haupt-) Figuren inklusive des oder der Antagonisten auszutragen haben,
  4. alle weiteren „kleinen“ Konflikte: zunächst diejenigen die sich für die Hauptfiguren im weiteren Handlungsverlauf ergeben, außerdem die Konflikte, die die Neben- und Randfiguren mit sich herumschleppen.

Zwischen diesen vier Gruppen gibt es Überschneidungen. So ist der grundlegende Konflikt, den eine Hauptfigur auszutragen hat (3.), natürlich mit dem zentralen Konflikt eines Nebenstrangs (2.) identisch, wenn die Figur eben Handlungsträger dieses Strangs ist. Auch sind diejenigen Konflikte, die sich im Handlungsverlauf ergeben (4.), in der Regel auf irgendeine Art mit dem zentralen Konflikt des Haupt- oder eines Nebenstrangs verbunden. Zumindest sollte es so sein.

In die erste Gruppe fällt natürlich zuallererst ein mit dem Hauptkonflikt einhergehender innerer Konflikt des Protagonisten oder, falls der innere Konflikt im Zentrum steht, mit ihm verbundene oder durch ihn ausgelöste äußere Konflikte. In der Regel wird jeder zentrale Konflikt weitere Konflikte nach sich ziehen.

Vor allem die unter 4. angeführten Konflikte wird man zu diesem Zeitpunkt noch nicht übersehen können. Manche davon gehören letztlich zur Entwicklung der Nebenfiguren, andere werden erst bei der Szenenplanung oder gar im Schreibprozess deutlich.

Wir beschäftigen uns also zu diesem Zeitpunkt vornehmlich mit den ersten drei Gruppen. Klar sollte sein, dass natürlich auch die Nebenkonflikte jeweils durch das Ziel einer Figur und jemanden oder etwas, der/das diesem Ziel im Wege steht, bestimmt werden. Und natürlich trifft auch ansonsten das meiste, was ich zum Hauptkonflikt geschrieben habe, auch auf Nebenkonflikte zu. Weiterführend könnt ihr gern auch meinen Artikel bei „Hilfe für Autoren“ lesen.

(PB-Plotten: Die Liste)

PB-Plotten 9: Grober Plotplan

Zunächst möchte ich noch einmal betonen, dass meine Liste für das Plotten natürlich keine strikten Vorgaben enthält, schon gar nicht die Reihenfolge betreffend. Gerade bei den folgenden Punkten muss jeder selbst die für ihn sinnvollste Vorgehensweise finden. Auch müssen die einzelnen Punkte nicht tatsächlich in dieser Weise voneinander getrennt werden. Dass ich das tue, gilt eher der Übersichtlichkeit.

Wer sich beispielsweise schon während des groben Vorplottens auf die Schlüsselszenen konzentrieren möchte oder wer sich gleichzeitig mit den Nebenkonflikten auch um die direkt mit ihnen verbundenen Nebenfiguren kümmern will, kann das gerne tun. Auch müssen Recherche und Plotten natürlich nicht in voneinander abgetrennten Arbeitsschritten durchgeführt werden. Und natürlich kann man von Beginn an ein ausführlicheres Arbeitsexposé erstellen, dass dann weitgehend dem groben Plotplan entspricht.

Nun will ich aber erklären, an was ich bei dem groben Plotplan gedacht habe.

Man könnte sagen, dass wir uns nun zum ersten Mal die Geschichte, die wir schreiben wollen, in Stichpunkten vor Augen führen. Wir füllen sozusagen die Lücke, die uns die Prämisse auftut. Dabei gehen wir schlicht chronologisch vor. Wir kümmern uns also noch nicht darum, wie wir die Geschichte später arrangieren wollen, was wir als Rückblende erzählen wollen, was als Dialogszene, wo wir zusammenfassen, wo wir szenisch vorgehen wollen.

Manches, was wir uns jetzt noch als Stichpunkt vergegenwärtigen, wird möglicherweise im Manuskript gar nicht auszuführen sein. Andererseits gehen wir bestenfalls ins Detail, wo uns Details schon gegenwärtig sind. Wir beweisen Mut zur Lücke, wo eben noch Lücken sind.

Im Unterschied zum Arbeitsexposé konzentrieren wir uns nicht auf die Eckpunkte des Haupthandlungsstrangs, sondern versuchen uns die Geschichte als Ganzes vor Augen zu führen. Hier werden wir später anknüpfen können, wenn wir mögliche Nebenkonflikte und weitere Handlungsstränge ausarbeiten wollen.

Wir schaffen uns also einen ersten Plotentwurf, der als Basis für die spätere Komposition dient.

Für diejenigen, die nicht ganz ohne Plotten auskommen, die aber auch nicht zu weit gehen wollen, ist der grobe Plotentwurf  ein guter Start für die Manuskriptarbeit, falls da nicht schon das Arbeitsexposé ausreicht.

(PB-Plotten: Die Liste)

PB-Plotten 3: Hauptkonflikt

Möglicherweise habt ihr bei der Entwicklung des Arbeitspitches auch den Hauptkonflikt bereits erarbeitet. Andernfalls sollte das jetzt geschehen.

Auch der Hauptkonflikt ist ein wichtiges Hilfsmittel, um die Strukturen des eigenen Werks zu erkennen und im Auge zu behalten.

Der Hauptkonflikt ist immer der Konflikt des Protagonisten, also der Figur, die absolut im Mittelpunkt des Romans steht. In Ausnahmefällen können das auch zwei oder mehr Figuren sein, die als Gruppe agieren, in der Regel sollte man aber auch dort einen Top-Protagonisten herausfiltern können.

Bei mehreren gleichwertigen Erzählsträngen mit entsprechend vielen Handlungsträgern ist es natürlich möglich, zu jedem einen Konflikt zu notieren. Hier solltet ihr euch aber fragen, ob diese Konflikte tatsächlich für den gesamten Roman gleichwertig bestimmend sind oder ob nicht doch ein Hauptkonflikt letztlich alle Stränge zusammenführt.

Wie schon beim Arbeitspitch angedeutet, setzt sich ein Konflikt folgendermaßen zusammen:

Ein Handlungsträger verfolgt ein Ziel, dem etwas oder jemand im Wege steht.

Letzteres kann ein klassischer Antagonist sein, eine Naturgewalt, die Umstände oder auch bestimmte Eigenschaften des Protagonisten selbst (innerer Konflikt). Ein paar einfache Beispiele:

(1) Peter will den Mount Everest besteigen, aber Thomas will das verhindern.

(2) Peter will den Mount Everest besteigen, aber er gerät in einen Sturm.

(3) Peter will den Mount Everest besteigen, aber ihm fehlt das Geld, sich die Ausrüstung zu kaufen.

(4) Peter will den Mount Everest besteigen, aber er hat von Kindesbeinen an Höhenangst.

Wer sich diese vier einfachen Konflikte ansieht, die sich doch alle im Ziel des Protagonisten gleichen, wird feststellen, dass sie zu vier ganz unterschiedlichen Geschichten führen würden. So bietet sich beispielsweise der Sturm-Konflikt für eine Abenteuergeschichte an, die fast ausschließlich auf den Hängen des Mount Everest spielt. Der Kampf gegen die eigene Höhenangst könnte sich dagegen praktisch ausschließlich weit entfernt des Berges zutragen, wenn Peter Schritt für Schritt seine Angst besiegen will, um schließlich doch noch den Berg zu besteigen (was dann bereits das Ende der Geschichte wäre).

Damit will ich deutlich machen, wie wichtig es ist, sich sehr eindringlich Gedanken über den Konflikt zu machen und ihn ganz exakt zu formulieren. Hier ist sozusagen Schluss mit rumeiern. Spätestens hier wird der Kurs festgelegt.

Was ist also wirklich das Ziel des Protagonisten, das, was er letztlich erreichen will? In unserem Beispiel ist es der Berg. Es mag nicht für jeden nachvollziehbar sein, aber es gibt Menschen, die sich derartige Ziele setzen und denen das so wichtig ist, dass sie alles tun, um sie zu erreichen. Den Mount Everest zu besteigen, die Welt zu umsegeln, die Arktis zu Fuß zu durchwandern (was, wie ich mir habe sagen lassen, mit jedem Jahr leichter wird).

Aber seien wir ehrlich, dieses Ziel eignet sich fast ausschließlich für die Konflikte in den Beispielen 2 – 4. Zwar ist es denkbar, dass Thomas aus Beispiel 1 ein Konkurrent von Peter ist, der ihm den Erfolg nicht gönnt, aber diese Motivation für einen leibhaftigen Antagonisten, Peters Erfolg zu verhindern, muss man schon gut erklären, um sie glaubhaft wirken zu lassen.

Auch ginge es dann schon nicht mehr in erster Linie um die Besteigung des Berges, sondern wir hätten eine etwas andere Sichtweise, nämlich die auf den Erfolg, auf Ruhm und Ehre. Den Berg zu besteigen wäre dann schon eher Mittel zum Zweck. Und darauf will ich hinaus.

Welches Ziel Peter tatsächlich erreichen will, gilt es gründlich zu prüfen. Will er Ruhm und Ehre erlangen, einen Rekord brechen, jemanden (vielleicht die große Liebe) beeindrucken (und die große Liebe für sich gewinnen), eine Wette gewinnen, es allen beweisen oder gar einen auf dem Berg vermuteten Schatz finden?

All diese Ziele bieten deutlich mehr Ansatzpunkte für einen Antagonisten als der einfache Wunsch eines Träumers, einmal vom Mount Everest herunterzuschauen.

So könnte dann also ein solcher Konflikt lauten:

(5) Peter will Lisa für sich gewinnen, aber Thomas will sie auch.

Ein sehr klassischer Konflikt, aber übrigens auch ein sehr schöner, weil er zeigt, dass Protagonist und Antagonist oft (natürlich nicht immer) ein ganz ähnliches oder sogar dasselbe Ziel haben, womit sich sich dann gegenseitig im Wege stehen. Und er zeigt damit auch, dass die Ziele des Antagonisten durchaus nachvollziehbar und sogar berechtigt sein können. Aber ich schweife ab.

Zurück zu unserem Berg. Wo ist der nun geblieben? Der hat in unserem Hauptkonflikt streng genommen nichts mehr zu suchen. Vermutlich haben wir ihn im Pitch erwähnt, womit wir ihn nicht vergessen können („Mount Everest“ erzählt von dem Studenten Peter, der, um seine große Liebe Lisa zu gewinnen, einen Gipfel erklimmen und sich  gegen Thomas behaupten muss).

Der Berg wird damit nicht nur zum Mittel zum Zweck, sondern auch zum Nebenkonflikt, schließlich wird er ja nicht plötzlich zum einfachen Nachmittagsspaziergang. Wir können ihn uns also für Listenpunkt 10 aufheben.

Da wir uns ja aber um Hilfsmittel für die Schreibarbeit bemühen, gibt es natürlich keine Regel, die besagt, dass wir unseren Konflikt literaturwissenschaftlich exakt formulieren müssen. Wenn also der Berg die zentrale Rolle im Konfliktkampf zwischen Peter und Thomas spielt und nicht nur eine kleine von vielen, und wenn uns bewusst bleibt, worum es eigentlich geht, können wir den Berg natürlich wieder in unsere Formulierung aufnehmen:

(6) Peter will Lisa für sich gewinnen, indem er den Mount Everest besteigt, aber Thomas, der Lisa ebenfalls begehrt, will das verhindern.

Es ist sicher Geschmackssache, aber je mehr wir in die Formulierung des Hauptkonflikts übernehmen, desto schwieriger lässt er sich mit einem Blick erfassen. Im Prinzip haben wir stattdessen mit Beispiel 6 wieder einen schönen Pitch.

Zum Abschluss will ich an Beispiel 4 ein weiteres Mal verdeutlichen, wie wichtig ein sauber herausgearbeiteter Konflikt ist. Damit ihr nicht ständig scrollen müsst, hole ich das Beispiel mal nach unten:

(4) Peter will den Mount Everest besteigen, aber er hat von Kindesbeinen an Höhenangst.

Wir haben es hier mit einem inneren Konflikt als Hauptkonflikt zu tun. Die Geschichte ist schnell umrissen: Peter liebt das Abenteuer und die Herausforderung. Er hat schon einiges erlebt, die Arktis zu Fuß durchquert, allein durch die Wildnis der Masuren gepaddelt, Sibirien mit dem Fahrrad erobert, … Sein größter Traum ist es aber, den Mount Everest zu besteigen. Und er geht es an, obwohl ihm dabei ein Gegner im Weg steht, den er mehr fürchtet als alles andere: seine Höhenangst!

Alles klar, schöne Geschichte. Kommen wir aber jetzt zu einem anderen Peter:

(4a) Peter will seine Höhenangst besiegen, darum beschließt er, den Mount Everest zu besteigen.

In Beispiel 4 war den Berg zu überwinden das Ziel, die Höhenangst der Gegner. Jetzt ist es umgekehrt, die Höhenangst zu überwinden ist das Ziel, der Berg steht im Weg.

Es ist nicht so ganz leicht, sich das klar zu machen, weil uns der Berg weniger als Gegner erscheinen mag als als Mittel zum Zweck, was er ja ebenfalls ist. Aber Peter nimmt, um sein Ziel zu erreichen, den Kampf mit dem Berg auf sich. Verliert er diesen, scheitert er auch an seinem Ziel.

Peter 2 ist also jemand, dem seine Höhenangst schon sein Leben lang zu schaffen macht (während Peter 1 möglicherweise bis zum Beginn der Geschichte gar keine Probleme damit hatte). Er hat es mit diversen Therapien versucht, hat sich die unterschiedlichsten Belohnungen erdacht, um sich zu motivieren, aber nichts hat geholfen. Nun denkt er sich: Ganz oder gar nicht. Und er hofft, dass der Aufstieg am Berg zu einem solch reizvollen Erlebnis wird, dass er darüber die Höhenangst überwinden kann.

Weil wir es hier mit einem inneren Konflikt zu tun haben, auch noch ein paar Worte dazu. Mindestens einen inneren Konflikt gibt es praktisch in jeder besseren Geschichte. Oft als Nebenkonflikt, manchmal direkt mit dem Hauptkonflikt verbunden oder eben direkt als Hauptkonflikt.

Wenn also ein innerer und ein äußerer Konflikt Hand in Hand gehen, ist es für den Autor sehr nützlich, sich klar zu machen, auf welchen der beiden er sich fokussiert, welches also der Haupt- und welches der Nebenkonflikt ist. Häufig macht das in der Praxis nur Nuancen im fertigen Text aus, es ist eher eine Frage der Gewichtung innerhalb einer Geschichte, nicht so sehr die Unterscheidung in zwei sehr unterschiedliche Geschichten (was aber möglich ist).

So oder so, trifft man die Entscheidung nicht, wirkt ein Text schnell unentschlossen, weil mal eine Weile auf dem inneren Konflikt herumgeritten wird, er dann aber wieder dem äußeren weichen muss usw.

In unseren Beispielen haben wir die Überwindung der Höhenangst jeweils als inneren Konflikt, in Beispiel 4 als Hauptkonflikt, in Beispiel 4a als Nebenkonflikt. Aber Moment mal, ist es nicht umgekehrt?

Nein! Die Unterscheidung zwischen innerem und äußeren Konflikt ist vom Antagonisten abhängig. Wenn ich einen Konflikt mit mir selbst (bzw. einer bestimmten Eigenschaft/Schwäche von mir) austrage ist es ein innerer Konflikt, wenn mein Gegner jemand oder etwas anderes ist, ist es ein äußerer Konflikt.

In Beispiel 4 ist der Gegner die eigene Höhenangst, daher haben  wir einen inneren Konflikt als Hauptkonflikt. In Beispiel 4a kämpft Peter im Hauptkonflikt aber gegen den Berg, was einen äußeren Konflikt darstellt, während der innere Konflikt, der ja nicht verschwindet, zum Nebenkonflikt wird.

Dass uns der innere Konflikt auch in Beispiel 4a so präsent erscheint, liegt daran, dass seine Überwindung in diesem Fall gleichzeitig Ziel des Hauptkonflikts ist.

Verlassen wir an dieser Stelle mal die Peter-Beispiele und wenden uns einem zu, bei dem wir diese Verschmelzung nicht haben.

(7) Klaus will Marianne erobern, aber sie interessiert sich nicht für ihn.

(8) Klaus will Marianne erobern, aber er ist sehr schüchtern.

In Beispiel 7 haben wir einen klassischen äußeren Konflikt als Hauptkonflikt, in dem Mariannes Desinteresse als Antagonist wirkt, den es zu überwinden gilt.

In Beispiel 8 haben wir einen klassischen inneren Konflikt als Hauptkonflikt, in dem Klaus‘ Schüchternheit als Antagonist wirkt.

Es braucht in beiden Fällen keinen weiteren Konflikt. Der Klaus aus Beispiel 7 kann ein Draufgänger sein, der Hauptkonflikt bleibt bestehen. Die Marianne aus Beispiel 8 könnte durchaus Gefallen an Klaus finden, aber ob seiner Schüchternheit wird sie gar nicht auf ihn aufmerksam. Der Hauptkonflikt bleibt bestehen.

Es ist aber eben auch möglich, dass beide Konflikte gleichzeitig wirken. Klaus ist schüchtern und Marianne desinteressiert. Wenn das der Fall ist, können sich die Geschichten 7 und 8 sehr ähneln. Allerdings sind eben Fokus und Gewichtung jeweils verschoben.

In Beispiel 7 kämpft Klaus gegen Mariannes Desinteresse, was durch seine Schüchternheit erschwert wird. In Beispiel 8 kämpft Klaus gegen seine Schüchternheit, und Mariannes Desinteresse ist dabei alles andere als hilfreich.

Noch wichtiger ist aber jeweils das Ende der Geschichte. In beiden Fällen hat Klaus sein Ziel erreicht, wenn er Marianne erobert hat.

Wenn er dabei seine Schüchternheit nicht überwunden hat, ist er in Beispiel 7 nur in einem Nebenkonflikt gescheitert. Der Hauptkonflikt ist zufriedenstellend gelöst. Happy End! Mehr noch: Im ungelösten Nebenkonflikt schwingt die Botschaft mit, dass es auch der Schüchterne schaffen kann, dass Schüchternheit nicht unbedingt etwas Schlechtes ist.

In Beispiel 8 wäre allerdings der Hauptkonflikt trotz Erreichen des Ziels nicht zufriedenstellend gelöst, wenn Klaus noch weiterhin schüchtern ist. Ganz im Gegenteil könnte man dem Autor vorwerfen eine deus ex machina angewendet zu haben, denn die Lösung des Konflikts wurde nicht herbeigeführt, indem der Prota in seinem Kampf gegen seine Schüchternheit erfolgreich war, sondern weil Marianne auf wundersame Weise einfach ihr Desinteresse verloren hat. Das Happy End wäre also entstanden, weil der Autor den Hauptkonflikt nicht im Griff hatte.

Gleiches gilt natürlich umgekehrt. Wenn Klaus am Ende seine Schüchternheit überwunden hat und Marianne sich mit ihm auf eine Beziehung einlässt, ist nicht unbedingt alles gut. Denn falls Marianne das nicht aus Liebe getan hat, sondern zum Beispiel, weil es ihr sonst irgendwie nützlich ist, sie also an Klaus ansonsten immer noch desinteressiert ist, hat nur der Klaus aus Beispiel 8 seinen Kampf gewonnen, während der aus Beispiel 7 nur scheinbar besser dasteht als zu Beginn. Proklamiert der Autor dies als Happy End, schreit der Kritiker: „Thema verfehlt!“

Um nicht in eine dieser Fallen zu laufen, sollte man sich also klar machen, wo man die Akzente setzt.

Zwischenstopp

Nun haben wir also Ideen und Material gesammelt, unseren Roman gepitcht und den Hauptkonflikt herausgearbeitet. Diese Schritte zumindest würde ich auch ausgesprochenen Bauchschreibern empfehlen. Diese können an dieser Stelle aussteigen, sich den Pitch und den Konflikt über den Bildschirm pappen und losschreiben.

Die anderen lassen den Konflikt, wo er ist, also am besten in der Nähe, denn er ist der Ausgangspunkt für unsere Prämisse.

(PB-Plotten: Die Liste)