Schöne Bescherung

Dieses würde wahrscheinlich das traurigste Weihnachtsfest werden, das ich je erlebt hatte. Es war der 23. Dezember und ich kam soeben von der Post, wo ich die letzten Grußkarten und ein kleines Päckchen für die Familie meiner Tante verschickt hatte. Glücklicherweise waren meine Verwandten daran gewöhnt, die Geschenke von mir erst nach den Feiertagen zu erhalten. Ich dachte heute allerdings sowieso nur noch an mein eigenes Fest.

Es würde in meiner kleinen Zweizimmerwohnung vor dem Fernseher stattfinden. Und das war gut so. Ein gemütliches Familienbeisammensein bei meinen Eltern hätte mir den Rest gegeben. Glücklicherweise verbrachten sie die Festtage in einem kleinen Haus in Dänemark. Das ersparte mir lange Ausreden.

Und das Angebot von Uwe, bei Wein und Kerzenschein noch einmal von vorn zu beginnen, war einfach lächerlich. So sehr ich seine Anwesenheit jetzt auch vermisste, es gab kein Zurück mehr! Seine Pute vom letzten Jahr wäre allerdings sehr willkommen gewesen.

„Ich, … äh, wünsche Ihnen frohe Weihnachten.“
Das war Peter Ernst, mein unangenehmer Nachbar, der mich mal wieder direkt vor meiner Wohnungstür abgefasst hatte.
„Ja, vielen Dank. Dir auch.“ Es widerstrebte mir, einen etwa Gleichaltrigen zu siezen. Eigentlich widerstrebte es mir überhaupt, mit Peter zu sprechen.
„D… danke sehr“, antwortete er und machte sich auf, die Treppe hinabzusteigen, nicht ohne sich unauffällig – wie er meinte – einige Male nach mir umzudrehen. Ich schlüsselte in meinem Schloss herum, das – wie immer – nur mit sehr viel Gefühl aufzubekommen war. Peter hatte mich wahrscheinlich schon vom Fenster aus beobachtet und tat nun so, als müsse er irgendwohin. Jetzt ging er vermutlich einmal langsam um den Block, um dann wieder in seiner Wohnung zu verschwinden. Es war ja seine Zeit, die er auf diese Weise vertrödelte.

Ich hielt es nicht lange zu Hause aus. Bald schon machte ich mich auf den Weg in eine kleine Kneipe, wo ich nach wenigen Wodka-Lemon vor den zudringlichen Stammtischhockern in die nächstbeste Disko flüchtete, die gerade erst ihre Pforten öffnete. Ich verbrachte die Nacht tanzend und mit den Drinks, die irgendwelche Männer mir spendierten, und fiel am frühen Morgen reichlich betäubt in mein Bett.

Am späten Vormittag des Heiligen Abends weckte mich das Telefon. Gemeinsam mit dem Kater, der sich über Nacht in meinem Kopf eingenistet hatte, schlafwandelte ich zu dem unerwarteten Wecker und nahm den Hörer ab.
„Guten Morgen, mein Schatz, habe ich dich geweckt?“
„Nein“, log ich Uwe an, gab mir aber keinerlei Mühe, auch nur annähernd so zu klingen, als sei ich schon seit Stunden auf den Beinen. „Das Schatz kannst du dir sparen.“
„Ach Lischen, sei doch nicht so. Noch könnten wir ein schönes gemeinsames Weihnachtsfest feiern.“
„Ich will aber nicht“, brummte ich, da meine Stimme zu nichts anderem in der Lage war.
„Ich bring Stollen mit, wir trinken schön Kaffee, dann hab ich ein nettes kleines Geschenk für dich …“
„Steck es dir sonst wohin! Hörst du mir immer noch nicht zu? Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!“ Damit knallte ich den Hörer auf.
Er begann noch schlimmer, als ich gedacht hatte, der Heilige Abend. Ein brummiger Kater hinter der Stirn und eine nervige Töle am Telefon.

Ich ging in meine Miniküche, um mir einen Kaffee zu kochen. Dabei stieß ich mir meinen nackten kleinen Zeh am Küchenschränkchen, das immerhin Schrank genug war, einen mächtigen Schmerz hervorzurufen. Ich fühlte mich sogar zum Fluchen zu schwach.
Während ich auf den Kaffee wartete und verträumt dem Abklingen des Schmerzes lauschte, schlummerte ich wieder ein.

Es klingelte an der Tür. Ich schreckte auf, wunderte mich erst, wo ich war, dann, wer das sein könnte, sah nach der Küchenuhr – 17.02 Uhr –, hetzte an einem zerzausten Spiegelbild vorbei und öffnete die Tür nur einen Spalt. Aber da war niemand. Ich tat einen Schritt zur Tür hinaus und stolperte über ein verwaistes, sorgsam in kitschiges Weihnachtspapier eingeschlagenes Päckchen. Nachdem ich mich wieder gefangen hatte, entdeckte ich an einem roten Bändchen einen Umschlag. Wütend hob ich den Stolperstein auf. Konnte Uwe mich nicht in Ruhe lassen?

Nach kurzer Überlegung warf ich das Päckchen doch nicht die Treppe hinunter, sondern nahm es mit in die Wohnung, knallte dafür aber kräftig mit der Tür. Im Wohnzimmer öffnete ich zunächst den Umschlag. Auf einer Weihnachtskarte, die noch kitschiger war als das Papier – unter der Überschrift „Frohes Fest“ streckte mir ein Plüschbär ein rotes Geschenk mit grünem Band entgegen –, standen in einer filigranen Schrift, die unmöglich zu Uwe gehören konnte, die Worte:

„Dem leidenden Herz
das doch wieder einsam
ein Trost seinem Schmerz
zu heilen den Gram.“

Ein wenig schmalzig war es ja. Und doch war ich in diesem Moment seltsam gerührt. Von wem konnte das stammen? Ich öffnete das Päckchen. Es enthielt eine Flasche meines Lieblingsweins, einen Dresdner Stollen, eine Kerze und die neue CD von Maria Mena. Da kannte mich aber jemand gut: Ich fand auch noch die kleine silberne Kette, die ich vor einigen Tagen im Schaufenster bewundert und für zu teuer befunden hatte.

Ich klingelte. Peter öffnete ein wenig verwundert die Tür.
„Das kann ich nicht annehmen“, sagte ich frei heraus.
Peter blickte zu Boden: „W… was können Sie nicht annehmen?“
„Dein Geschenk, das du mir vor die Tür gelegt hast.“
„W… woher wissen Sie?“
„Wer sonst sollte es gewesen sein?“
„I… ich bitte Sie, nehmen Sie es an. Sie würden mir einen großen Gefallen tun.“
Zum ersten Mal sah er mir in die Augen. Sein Blick hatte etwas Flehendes.

Ich betrachtete ihn. Er war wirklich keine Schönheit. Seine Gestalt wirkte ein wenig in sich zusammengesunken, was die schmalen Schultern im Kontrast zu dem nicht gerade schlanken Rest seines Körpers noch unterstrichen. Sein rundes, konturloses Gesicht ähnelte einem ungebräunten Pfannkuchen. Unglaublich, ja geradezu unerhört, dass es Uwe in seinem grenzenlosen Wahn geschafft hatte, sogar auf diesen Mann eifersüchtig zu sein, dessen Blicke für mich ja nur ertragbares Übel gewesen waren. Aber Peter hatte, jetzt, da ich ihn genauer betrachtete, auch etwas Liebes. Etwas Unschuldiges.

„Na gut, ich nehme es an. Wenn es dir so viel bedeutet. Vielen Dank also. Jetzt muss ich aber wieder rüber. Bei dir riecht es, als würdest du Gäste erwarten.“
„Oh nein. Ich mache mir immer an Weihnachten Pute. Darauf will ich nicht verzichten.“
„Na dann. Einen fröhlichen Heiligen Abend noch“, sagte ich, drehte mich um und kreiste um den Gedanken, wer von uns beiden wohl heute einsamer war.

„Sie b… bleiben heute wirklich allein?“, fragte Peter.
„Was geht dich das an?“, wollte ich antworten, besann mich aber des Geschenks. „Ja“, sagte ich stattdessen und ein „leider“ entfuhr mir noch.
„I… ich habe alles schön dekoriert und die Pute ist bald fertig. W… wollen Sie nicht vielleicht zu mir rüberkommen?“
„Nein!“, antwortete ich schnell. „Nicht bevor ich mich ein wenig zurecht gemacht habe. Und nicht, wenn du nicht aufhörst, mich zu siezen.“

Ich ging in mein Badezimmer und freute mich auf einen vielleicht doch nicht so traurigen Heiligen Abend.

Wenn die Verehrer ausgehen

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Wenn die Verehrer ausgehen“, die in der Geschichtenweberanthologie „Mord in jeder Beziehung“ erschienen ist.

Wirklich eine sehr seltsame Familie, in der die Ich-Erzählerin lebt. Und das scheint auch an ihr nicht ganz spurlos vorbeigegangen zu sein.

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Ich legte den Hörer auf, spürte, wie mir die Knie weich wurden, musste mich setzen. Langsam wurde es unheimlich. Sebastian war schon der Dritte. Ich spürte Tränen in mir aufsteigen. Sicher, ich kannte ihn kaum, weshalb mich sein Verschwinden persönlich nicht über die Maßen berühren sollte. Aber mir wuchs die Gesamtsituation über den Kopf.
„Anita! Abendessen!“, rief Mutti aus der Küche.

Heute wollte mir sogar mein Lieblingsgericht, Schmorkohl, nicht richtig schmecken.
„Na, Schatz, ist alles in Ordnung?“, fragte Mutti. „Du isst ja kaum etwas.“
„Ach, es ist nur wegen Sebastian.“
„War das der junge Kerl, mit dem du gestern verabredet warst? Hat er dich gekränkt?“
„Nein, nein. Gestern war alles noch okay. Es war sogar ganz toll. Du hast wohl schon geschlafen, als ich nach Hause kam, aber am liebsten hätte ich dich geweckt und dir erzählt …“
„Das lass mal lieber schön bleiben“, lachte Mutti. „Ein wenig Geduld musst du schon haben, ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Bei euch jungen Leuten mag das anders sein, nicht wahr, Tommi?“
Mein Bruder nickte nur, während er sich eine zweite Portion auftat. Trotzdem war ich sicher, dass er aufmerksam zuhörte. Er war ein Jahr älter als ich, aber anders als die meisten älteren Geschwister, hatte er sich schon immer für alles interessiert, was mit mir zu tun hatte. Muttis Einwurf  ignorierte ich. So alt war sie mit ihren achtunddreißig Jahren ja nun auch wieder nicht.
„Auf jeden Fall war gestern noch alles super. Ich glaube, das hätte wirklich was werden können.“
„Das kann man vorher nie genau wissen“, unterbrach Tommi.
„Darf ich weitererzählen?“ Ich wurde langsam ärgerlich. „Für eure Lebensweisheiten bin ich jetzt absolut nicht in der richtigen Stimmung.“
„Tschuldigung.“
„Heute war Sebastian nicht in der Schule. Ich hatte schon so eine schlimme Vorahnung, deshalb habe ich gleich, als ich wieder zu Hause war, versucht bei seinen Eltern anzurufen. Ich habe sie aber eben erst erreicht und seine Mutter erzählte mir, er sei seit gestern Abend verschwunden.“
„Nein!“, rief Mutti.
„Schon wieder“, ergänzte Tommi.
„Ja, schon das dritte Mal. Und ich bin erst seit zwei Monaten in Rostock.“ Seit Papi gestorben ist, dachte ich.

Mutti und Papi hatten seit einem Jahr getrennt gelebt. Geschieden waren sie nicht. Papi war mit mir in Hamburg geblieben, während Mutti im Auftrag ihrer Firma, eines Pharmakonzerns, mit Tommi nach Rostock gezogen war. Beide hatten Tommi und mir erklärt, sie könnten diese räumliche Trennung gut gebrauchen und wir den anderen jederzeit besuchen. Für mich war das kein Problem gewesen. Ich empfand es als gerecht, so lange wir Kontakt halten konnten. Ich mochte Hamburg und so weit war Rostock ja nicht weg.

„Das tut mir Leid, Schatz. Aber das sind sicher nur dumme Zufälle.“ Mutti stand auf, kam um den Tisch herum und nahm mich in den Arm.
„Zufälle? Findet ihr es nicht ein wenig merkwürdig, dass drei Jungs aus meiner Schule verschwunden sind? Innerhalb eines Monats? Und immer an dem Abend, an dem sie mit mir ausgegangen sind? Langsam frage ich mich, ob ich mich überhaupt noch mit jemandem treffen soll. Irgendwann gehen die Jungs aus. Außerdem würde es  mich nicht wundern, wenn die Polizei mich längst verdächtigt. Ich könnte es ihr nicht verdenken.“
„Ach, sag so was nicht!“ Mutti wirkte für einen Moment hilflos und ängstlich.
Tommi sprang auf, kam zu uns herüber und drückte meine Hand – ein wenig zu fest. „Dafür hat man doch Familie. Niemand wird dich verdächtigen. Und wenn doch, bekommt er es mit mir zu tun!“
Muttis ängstlicher Gesichtsausdruck wich sofort einem Lächeln.
„Hast du nicht einen tollen Bruder? Nicht jeder würde sich so für seine Schwester einsetzen. Er liebt dich wirklich.“
Tommi kicherte verlegen. Als er sich wieder setzte, entging mir nicht die rote Farbe, die sein Gesicht inzwischen angenommen hatte. Bei Mutti zeigten sich einige Tränen der Rührung. Ich hatte das Gefühl, ich sei die einzige, die meine Situation wirklich ernst nahm.
Wir saßen eine Weile am Tisch, ohne zu sprechen. Jetzt erst wurde mir die Musik aus dem Küchenradio bewusst. Ich schaute auf die Uhr. „Müssten jetzt nicht Nachrichten kommen?“
„Ich habe eine CD eingelegt“, antwortete Tommi.
Ich wollte gerade zum Radio eilen, da klingelte es an der Wohnungstür.

Es waren dieselben Beamten wie die letzten Male. Erst nach meinem Anruf war Sebastians Mutter eingefallen, dass wahrscheinlich wieder einmal ich die letzte gewesen war, die das Opfer lebend gesehen hatte. Ich glaubte, die Verdachtsmomente in den Augen der jungen brünetten Kommissarin und ihres dicken, schwitzenden Kollegen zu sehen. Obwohl ich nicht mehr sagen konnte als bei Marco und Timo, wollte Frau Wendell alles bis ins kleinste Detail erfahren, während Herr Ahorn an der Wand meines Zimmers lehnte, einen Schokoriegel in sich hineinstopfte, sich wie beiläufig im Zimmer umsah und mich beobachtete.
Ich erzählte, dass Sebastian, der bereits in der Elften war – er besuchte einige Kurse mit meinem Bruder zusammen, was ich aber verschwieg –, mich vor zwei Tagen angesprochen hatte, dass ich darauf eingegangen und mit ihm am Folgeabend zusammen im Kino gewesen war – Ratatouille, den ich schon kannte, aber darauf kam es ja nicht an. Anschließend waren wir noch im World Club gewesen, Sebastian hatte mich nach Hause begleitet und konnte erst danach verschwunden sein.
Während des Verhörs kam Mutti mit sorgenvoller Miene ins Zimmer gestürzt. „Sie werden doch meine Tochter nicht verdächtigen? Sie ist erst sechzehn! Und nur, weil sie so hübsch ist und ihr alle Jungen nachrennen, trifft sie doch keine Schuld.“
Frau Wendell beruhigte sie und Herr Ahorn schob sie höflich, aber bestimmt zur Tür, wo Tommi stand. Breitbeinig, grimmige Blicke in die Runde werfend, wirkte er zu allem entschlossen.

Ich wusste nun: Ich wollte den Täter finden. Wenn die ganze Sache wirklich mit mir zu tun hatte, konnte ich ihn ködern. Ein etwas schlechtes Gewissen hatte ich schon, aber sollte ich deshalb mit niemandem mehr ausgehen dürfen?

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Glauben Sie, dass die Familie ein Hort unerschöpflicher Liebe und uneingeschränkten Vertrauens ist?
Sind Sie auch der Ansicht, dass Eheleute einander in guten, aber vor allem in schlechten Zeiten beistehen sollten?
Würden Sie auf den freundlichen Nachbarn von nebenan nie etwas kommen lassen?

Mord in jeder Beziehung
Hrsg.: S.E.K. Mordlust, Geschichtenweber
Wurdack Verlag

ISBN: 3-938065-44-0

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