PB-Plotten 7: Hauptfiguren

Für die Figurenentwicklung trifft das Gleiche zu wie für das Plotten insgesamt: Welches für den Autor die beste Methode ist, muss er schon selbst herausfinden. Für manchen wird sich gar herausstellen, dass er seine Figuren am besten während des Schreibens kennenlernt, selbst wenn er dann im Nachhinein oder währenddessen eventuelle Anpassungen im bereits niedergeschriebenen Teil der Geschichte vornehmen muss.

In jedem Fall trifft aber vor allem für die Hauptfiguren zu, dass der Autor so bald wie möglich alles über sie wissen sollte, dass er sie am besten besser kennen sollte als sich selbst.

In der Phase des Plottens lässt sich das auf verschiedene Arten erreichen, für die man sich ruhig ausreichend Zeit nehmen sollte:

  • schreib einen Lebenslauf zu jeder Hauptfigur, ausformuliert oder in griffigen Stichpunkten,
  • fülle für jede Hauptfigur ein Figurenblatt aus, eine mögliche Vorlage im RTF-Format findest du hier,
  • führe mit jeder Figur ein Interview durch, in dem sie auf alltägliche Fragen, aber auch solche zu Extremsituationen antworten soll (Was würdest du an einem freien Tag unternehmen wollen, was schätzt du an einem Freund am meisten, wie gefällt dir der Song, der gerade im Radio läuft, wie würdest du dich verhalten, wenn du eine Schlägerei beobachtest, was würdest du mit einem Lottogewinn anfangen, …?)
  • nimm deine Figur mit in deinen Alltag und überlege, wie sie sich in den auftretenden Situationen verhalten würde.

Wieder gilt, es gibt keine Vorschriften, welche Methode man bevorzugt, ob man sich vielleicht sogar mit mehreren der Figur annähert. Auch wird manche Geschichte erst aus einer faszinierenden Figur heraus entwickelt, während man bei einer anderen schon weiß, wie die Geschichte verlaufen soll, und man dafür nach den passenden Figuren sucht.

Was aus meiner Sicht für jede Hauptfigur die zentralste Frage ist, die daher möglichst von Beginn an  geklärt sein sollte, ist die nach dem, was sie antreibt, und dem, was sie hemmt. Anders gesagt, die nach ihren bestimmenden Zielen und die nach ihren bestimmenden Ängsten.

Ich darf mich hier mal einer Erklärung bedienen, die (in leicht abgewandelter Form) aus einem Vortrag von Lisa-Marie Dickreiter entstammt und wunderbar deutlich macht, worum es geht. Lisa verwendete dazu Techniken aus dem Schauspielunterricht. Die Situation ist eine, die nahezu jeder kennen und nachvollziehen können sollte.

Man stelle sich also vor, man wolle einer anderen Person seine Liebe gestehen. Eine Situation, die durch das Ziel, mit dieser Person eine Beziehung einzugehen, und die Angst vor Zurückweisung bestimmt ist. Einer Angst, die umso existentieller ist, weil wir gezwungen sind, unseren Schutzschild herunterzufahren und uns in all unserer Verletzlichkeit zu präsentieren.

Wir befinden uns in einem inneren Konflikt, der unser Handeln bestimmen wird, der Strategien auslöst, um einen Eindruck nach außen zu tragen, der diesen Konflikt verbirgt. Es werden Gefühle ausgelöst, die wir zum Selbstschutz zu verbergen suchen. Möglicherweise versuchen wir, besonders cool zu wirken, vielleicht versuchen wir, unsere Ängste mit Humor zu überspielen.

So geht es uns aber nicht nur in solchen besonderen Situationen, sondern eigentlich immer. Ob in einem Gespräch, bei einer Party, im Arbeitsprozess – wir befinden uns nahezu immer in einem Zwiespalt zwischen dem, was wir erreichen wollen und entsprechenden Versagensängsten.

Wenn wir unsere Hauptfiguren durch die Geschichte begleiten, werden ihre Handlungen immer auch durch solche gerade aktuellen Konflikte bestimmt sein, vor allem aber verfolgen sie über die gesamte Geschichte ein oder mehrere größere Ziele, die mit entsprechenden (grundlegenden) Ängsten einhergehen, die sie als Charaktere prägen.

Was also unsere Hauptfiguren antreibt und welche Ängste sie hemmen, sollte zu den ersten Fragen gehören, die wir ihnen stellen. Sie werden das Wesentliche unserer Figuren ausmachen und sie außerdem in eine Beziehung zum zentralen Konflikt stellen.

Nicht vergessen wollen wir bei den Hauptfiguren den oder die Antagonisten, so es sie gibt, die  mit gleicher Sorgfalt behandelt werden.

Hinweisen möchte ich außerdem auf die beiden kleinen Artikel, die ich zu dem Thema geschrieben habe:

Von Figuren und Personen

Von Protagonisten und ihren Gegnern

(PB-Plotten: Die Liste)

Wie macht ihr es denn?

Das ist im Prinzip eine in verschiedenen Variationen und zu diversen Themen immer wieder gestellte Frage in Autorenforen.

Welche Musik hört ihr beim Schreiben? Wo nehmt ihr eure Inspiration her? Schreibt ihr morgens, mittags, abends oder vielleicht gar nachts? Wisst ihr, wann eure Figuren Geburtstag haben? Wie macht ihr es denn?

Diese und ähnliche Fragen mögen im Einzelnen tatsächlich ganz interessant sein und den viel gerühmten Blick über die Schulter ermöglichen, aber mit der Zeit beginnt man sie geflissentlich zu überlesen. Zum einen, weil man gelernt hat, dass die Herangehensweisen beinahe so vielfältig sein können wie die Autoren, die sich ihrer bedienen, dass man nur für sich selbst den besten Weg finden kann, zum anderen weil die Häufigkeit solcher Fragen beinahe umgekehrt proportional mit der Erfahrung ihrer Fragesteller steigt.

Vor allem, wenn sie eigentlich nur die äußersten Rahmenbedingungen des Schreibens streifen, kann ich mit derartigen Fragen wenig anfangen. Je mehr sie sich von der Peripherie des Schreibprozesses zentralen Problemen des Handwerks zuwenden, desto eher vermute ich dann doch eine interessante und bereichernde Diskussion.

So wie es gerade bei Montségur geschieht. Hier geht es um die Frage der Vorplanung eines Romans, also des Plottens. Im Besonderen darum, wie viel Vorplanung zu viel ist. Sicher, auch hier gilt, jeder muss das für ihn richtige Maß selber finden, von „ganz ohne“ bis „bis ins kleinste Detail ist alles möglich.

Oder wie es in der Diskussion eine geschätzte Kollegin ausdrückt:

Ich denke, es ist sehr wichtig, den eigenen Erfahrungen zu vertrauen, sich die eigene erprobte Methode zuzugestehen, hier nichts durch Zweifel umzustossen.

Ich denke aber, es ist auch wichtig, offen zu bleiben, Ausschau zu halten und, wenn man etwas entdeckt, das das eigene erweitern, ergaenzen, steigern kann, zuzugreifen.

Der zweite Teil des Zitats nämlich macht die Diskussion im Forum dennoch überaus interessant, wenn teilweise gestandene Autoren ausplaudern, warum sie wie arbeiten, was ihnen hilft und was ihnen im Weg steht.

Wie bringe ich das nur unter?

Wenn man sich als Autor erst einmal mit seinen Figuren beschäftigt hat, mit Details der Handlung oder einer Szene, fällt es manchmal schwer, alles, was man sich da zurechtgelegt hat, auch unterzubringen.

Das ist eigentlich auch gut so, denn nicht alles ist für den Leser zum Verständnis wichtig. Wird ein Detail im Verlauf der Handlung doch noch wichtig oder kann man sich partout nicht davon trennen, sollte man es geschickt einbauen.

Ich bin mir sicher, der Autor, der den folgenden, etwas abgewandelten Textausschnitt geschrieben hat, hatte genau diese Intention:

Herr Freund näherte sich ihrem Tisch. „Darf ich?“
„Natürlich“, sagte Moni zwischen zwei Bissen von ihrem Schnitzel.

Es war ihm wichtig, dem Leser mitzuteilen, was es zum Mittagessen gab. Leider gibt er dem Leser mit dieser Methode weit mehr Informationen als beabsichtigt (da ich den Rest des Textes kenne, kann ich das einschätzen).

Die Art, wie Moni reagiert, vermittelt nämlich, dass sie entweder generell sehr unhöflich ist oder zumindest in dieser Situation. Dabei wollte der Autor nur sagen, dass sie gerade Schnitzel isst.

Es heißt also, sehr vorsichtig zu sein. Man könnte das Schnitzel, wenn man es denn unbedingt braucht, auf diverse Arten in den Text einbringen, nicht zuletzt mit einem einfachen Aussagesatz.