Simons Prüfung

Von nun an wird es auf diesem Blog immer mal wieder Leseproben aus meinen veröffentlichten Werken und Texten geben, um euch ein bisschen auf den Geschmack zu bringen.

Ich beginne mit einer Geschichte aus meinem Sammelband „Des Boten Prüfung“, weil dieser, wie ich vor einigen Wochen berichtete, nur noch bis Januar als Printbuch erhältlich sein wird.

Es handelt sich bei „Simons Prüfung“ um eine lustige Kurzgeschichte, die das Fantasygenre ein bisschen auf die Schippe nimmt. Vor allem der vollkommen überspitzte übermächtige allwissende Erzähler hat mir viel Spaß bereitet.

Los geht’s, viel Spaß:

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Die Spelunke sah nicht gerade einladend aus. Über der Tür prangte in großen, grauen Lettern:
„Z m kr hend n H hn“
Simon vermutete, es sei das männliche Tier gemeint, was aber nichts zur Sache tat. Er war auf seiner langen Reise in dutzenden solcher Absteigen – na eben abgestiegen. Und wie kunstvoll deren Namen auch lauten mochten, im Wesentlichen glichen sie sich alle. Da es zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, in den wenigsten Ortschaften mehr als eine Auswahlmöglichkeit an gastronomischen Einrichtungen gab und sich, auch wenn es einmal so war, die Unterschiede dennoch in Grenzen hielten, dachte Simon über diese Dinge gar nicht weiter nach. Er suchte eine warme Mahlzeit sowie eine Übernachtungsmöglichkeit und beinahe alles war besser, als an den Fingernägeln zu kauen und im Freien zu schlafen, vor allem wenn man den stürmischen Regen bedachte, der seit dem Mittag herniederging und seine ohnehin ärmliche Kleidung in einen Zustand versetzt hatte, der es einem möglichen Zaungast nicht verwunderlich hätte erscheinen lassen, wäre dem triefenden Wanderer mitsamt seinem Stab sogar der Zutritt zum „Kr hend n H hn“ verwehrt worden. Da aber weder der Zaungast noch ein den Eintritt Verwehrender in der Nähe war, trat Simon ein.

Der „H hn“ bestand in der Hauptsache aus einer großen, nahezu quadratischen Gaststube, die vor lauter Qualm aus dem rußenden Kamin und den vielen Tabakspfeifen nur schwer zu überblicken war. Entlang der Wände und im Raum selbst standen etwa neunzehn mit Bänken und Hockern umstellte Tische, die jetzt, kurz vor Sonnenuntergang, zum großen Teil von allerlei Volk bevölkert waren. Simon nahm mit Recht an, dass sich diese mäßig feine Gesellschaft aus Ansässigen des Ortes – wie hieß er noch gleich – richtig: Ort -, Bauern aus den umliegenden Dörfern und Durchreisenden zusammensetzte, wie sich das eben für ein Gasthaus gehörte, welches in einer Ansiedlung errichtet war, die wiederum an einer der größten Handelsstraßen des Landes lag, das übrigens von seinen Bewohnern häufig liebevoll Unserland genannt wurde, während es offiziell und im internationalen Verkehr den bedeutungsvollen Namen Hintermberg trug, den Historiker und Onomastiker gerne auf des Landes geographische Lage zurückführten.

Der größte Teil der Anwesenden waren Menschen – was der heutige Leser wahrscheinlich als Selbstverständlichkeit erachtet – aber es fand sich auch eine Gruppe Zwerge, die gewichtige Reden schwangen und grimmig dreinschauten, derweil ihre kurzen Beine ein ganzes Stück über dem nicht gerade besenreinen Fußboden baumelten. Gleich rechts neben der Tür saßen zwei edle Elben, deren körperlich bedingte Unverträglichkeit von Bier bei gleichzeitigem Genuss desselben für die bereits auf die Tischplatte gesunkenen zarten Häupter verantwortlich war, wobei das zierlich gespitzte Ohr des kleineren drohte, sich in einer ausgedehnten Bierlache aufzulösen. Die beiden Tische in nächster Nähe zum Eingang der Küche – und wohlgemerkt, ich meine die Tische selbst, nicht etwa die umgestoßenen Hocker drum herum – diese beiden Tische also wurden besetzt von einem riesigen Troll und einem trolligen Riesen, die von jeweils einem weiteren Tisch bergeweise alle möglichen Teile von allen möglichen Tieren in sich hineinschaufelten, hier und da gewürzt durch ein kleines Erbschen, Rübchen oder Köhlchen und angereichert durch den einen oder anderen Laib Brot.

Noch weitere absonderliche Gestalten boten sich dem Auge des Betrachters dar, von denen hier nur noch ein behaarter Tartus, zwei übelriechende Gnarfe, eine Horde umherschwirrender Elfen, ein Wurzelgnom, drei krummschnabelige Bolgs, zwei Molche, ein Scriptor Insanus, eine Rumpelhexe, eine aufgeregte Gruppe japanischer Touristen und ein Einhorn – welches hier allerdings ein wenig deplaziert wirkte – genannt sein sollen. Wir vertrauen hierbei auf die Vorstellungskraft des Lesers, da uns zur genaueren Betrachtung die Zeit fehlt, denn eigentlich interessiert uns ja vor allem, wie es Simon weiter erging.

Dieser, von der ihm vertrauten Szenerie völlig unbeeindruckt, nahm, nachdem sich seine wasserblauen Augen an die eher dunklen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, Kurs auf den letzten freien Tisch, der zu seinem Leidwesen gerade gegenüber des Eingangs, nahe der Küche lag, aus der selbst für Hungrige unappetitliche Gerüche kamen. Dazu bahnte er sich den Weg durch den Gestank und den Lärm der Menge, wobei er beinahe eine der Bedienungen umgestoßen hätte, die ihm mit einem Tablett voller überschwappender Bierkrüge entgegenkam. Sie war die Tochter des Gastwirts, was Simon weder wissen konnte noch musste, denn, wie es das launische Schicksal so wollte, waren die Flüche, die sie ihm trotz seiner Entschuldigungen hinterherwarf, die einzigen Worte, die sie je an Simon richten sollte.

Am Tisch angekommen setzte er sich, wie es Leuten seiner Größenordnung geziemt, auf einen der Hocker. Dort wurden er und sein ungehaltenes Rufen nach nur wenig mehr als einer halben Stunde vom Gastwirt höchstpersönlich entdeckt. Dieser war ein stattlicher Mann von etwa 1,52 m sowohl in der Höhe als auch in Breite und Tiefe, dem es nicht einmal halbwegs gelang, das sich daraus ergebende Körpervolumen hinter der fettig befleckten, ehemals weißen Schürze zu verstecken.
„Was willst du?“, fragte er Simon in seiner ausschweifenden Art.
„Man nennt mich Simon Feuerlocke und ich bin auf dem Weg zur Zauberschule in …“
„Ich meine, was willst du hier in meiner Gaststube?“, unterbrach ihn der Wirt zuvorkommend.
„Oh, ich habe Hunger und suche eine Bleibe für die Nacht.“
„Kannst du zahlen?“ Bei dieser Frage warf der Mann einen zweifelnden Blick auf die durchnässte Kleidung und das ausgesprochen kleine Wanderrucksäckchen seines Gastes.
„Natürlich!“
„Das will ich hoffen! Bettler kann ich nicht brauchen! Solltest du nicht zahlen können, werde ich dich erst verprügeln und dann für mich arbeiten lassen!“
Nach diesem ausgiebigen Redeschwall machte er kehrt und verschwand, ohne die Bestellung abzuwarten, in der Küche.

An dieser Stelle hätten wir uns gewünscht, dass sich, wie es in solchen Geschichten durchaus nicht unüblich ist, in der Gaststube eine Person fände, die Fetzen des Gespräches mitgehört und sich nun zu Simon begeben hätte, um ihn als Weggefährten zu identifizieren, ihm Hilfe anzubieten oder wenigstens irgendeinen hinterhältigen Plan auszuhecken, was zu einer Befragung unseres Helden führen und ihn auch dem Leser näher bringen würde. Da sich aber außer uns in dieser dunklen Schenke niemand für den Jungen zu interessieren schien, müssen wir wieder unseren eitlen Erzähler bemühen, der sich ja leider bisher schon kaum zurückgehalten hat.

Wir wissen also bereits, wie Simon hieß und ein wenig über seine ärmliche Kleidung. Auch haben wir erfahren, wo er sich zur erzählten Zeit aufhielt – inzwischen löffelte er ein leckeres Süppchen, welches im Wesentlichen aus leidlich warmem, mit drei Erbsen, riesigen Fettaugen und wenigen Fäden trockenen Fleisches angereichertem Wasser bestand, und prüfte seine Zähne an einer Scheibe steinalten dunklen Brotes. Wo aber kam er her und wo wollte er hin? Und was hatte es mit dem geheimnisvollen Namen Feuerlocke auf sich?
Nun, diesen Namen hatte man dem schmächtigen Sechzehnjährigen in seinem kleinen Heimatdorf Hìrn-Lôs gegeben und spielte damit auf die langen, aus dem blonden Schopf hervortretenden, leuchtend roten Haarspitzen an, die sich über seiner Stirn zu einer Art warnendem Hinweispfeil verbanden, der direkt auf die etwas platte Nase des Jünglings zielte und für Simon im letzten Winter eine völlig neue Bedeutung bekommen hatte. Nachdem seine Eltern direkt nach seiner Geburt verschwunden waren, wuchs der Junge bei seinen Großeltern auf, die ihn mit wenig Essen und viel Arbeit auf ihrem Hof versorgten. Niemand im Dorf konnte die eigentümliche Färbung des Haares erklären, die in Simons Familie bisher noch nie aufgetreten war. Daher wurde er für sonderbar gehalten und ebenso behandelt, was zur Folge hatte, dass er sich bald auch so verhielt und bei der Feldarbeit oder beim Erbsenzählen über die besondere Bedeutung seiner Locke und seiner Person nachgrübelte.

Im letzten Winter aber, sieben Tage nach dem Neujahrsfest, geschah etwas, das Simon für die Antwort auf seine Fragen hielt. Man hatte ihn zum Holzsammeln in den verschneiten Wald nahe dem Dorf geschickt, wo er von einem Rudel grimmiger schwarzgescheckter Waldköter gestellt und eingekreist wurde. Im letzten – oder vorletzten – Moment trat jedoch ein alter Mann zwischen den Bäumen hervor. Er trug einen weiten grauen Umhang, einen Wanderstab, einen kleinen Wanderrucksack und eine lange rote Bommelmütze. In aller Ruhe stellte er sich als der Zauberer Chappi vor – ein Name, der nur dem heutigen Leser seltsam erscheinen mag – und nahm selbstlos den Kampf gegen die wilden Köter auf, während sich Simon auf einen Baum rettete und dankbar dem Schauspiel folgte. Nachdem die Bestien gesättigt und abgezogen waren, griff sich der Junge den verschonten Wanderstab und den Rucksack, in dem sich zu seiner Freude ein echtes Zauberbuch befand, und kehrte fröhlich und sowohl dem Zauberer als auch den Waldkötern dankend zum Dorf zurück. Den Rest des Winters und das ganze Frühjahr übte er sich heimlich in der Zauberei – was zu kleineren und größeren ungeklärten Katastrophen in Hìrn-Lôs führte – und war bald überzeugt, seine Locke sei ein Beweis für sein magisches Talent. Auch beschloss er, seine Fähigkeiten müssten auf der großen Zauberschule nahe Ûnî vèr Cìtî geprüft und geschult werden. So machte er sich am ersten Mai auf, um zunächst den Sparstrumpf seines ungeliebten Großvaters zu stehlen – der nicht gerade unglaubliche Schätze barg, doch reichte es um in den Gasthäusern unterwegs Mahlzeit und Schlafstatt zu begleichen – und dann mitsamt Zauberbuch, Stab, Rucksack und den gelegentlichen Katastrophen in Richtung Ûnî vèr Cìtî aufzubrechen …

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Mit diesem Buch unternehmen Sie mit dem Autor des Romans „Das Lächeln der Kriegerin“ sechs ganz unterschiedlich geartete Reisen in die Fantasywelt. Mal geht es auf einen Sprung ins Lieblingsbuch des Erzählers, dann in die verschneiten Wälder auf der Suche nach dem Eiswolf. Erleben Sie die traurige Geschichte der unglücklichen Cwen und lachen Sie bei den verrückten Abenteuern von Simon Feuerlocke. Diese Sammlung bietet für jeden etwas. Zwei besondere Schmankerl: Die Kurzgeschichte, die die Basis für Bobrowskis Debütroman bildete, und eine, die gewollten Trash verkörpert.

Leseprobe

Des Boten Prüfung: Reisen in die Fantasy
broschiert: 80 Seiten
tredition, Februar 2008
7,49 EUR
ISBN-13: 978-3940921659

Ebook:
1,99 EUR
ISBN: 978-3-940921-60-4

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