Philvent – die vierundzwanzigste Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
© Ramona Heim

Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Es war einmal der Prinz. Der kam auf den Hof und rief: „Wo ist die Prinzessin?“
„Welche Prinzessin?“, wollten die Leute wissen.
„Ich bin ihr vom Ball gefolgt, und sie ist hier auf den Hof geritten“, erklärte der Prinz.
Die Leute lachten. „Hier gibt es keine Prinzessinnen!“
Der Prinz überlegte lange. Doch er hatte sie durch das Tor reiten sehen. „Vielleicht ist sie keine Prinzessin. Führt mir alle jungen Frauen vor, die hier auf dem Hof leben!“
Man tat, wie er verlangte. Bald schon sah er sich viel (mehr oder weniger) holder Weiblichkeit gegenüber. Doch konnte er sich nicht entscheiden, welche diejenige war, die er suchte. Er zog den Schuh hervor und rief: „Ich werde sie an ihrem schlanken Fuß erkennen! Diejenige, der dieser Schuh passt, soll meine Frau werden.“
„Welche Größe?“, rief ein vorlautes Mädchen.
Der Prinz schaute nach. „36.“
Doch gleich mehrere der anwesenden Damen behaupteten, sie trügen Schuhe in genau dieser Größe. Und tatsächlich passte der Schuh jeder von ihnen (abgesehen von einer, die wohl geschummelt hatte, und die trotz abgehackter Zehen mit ihre haarigen Hinterpranken nicht in das Tanzschühchen hineinkam).
„Füße werden ohnehin überbewertet“, sagte der Prinz, wählte einfach das Mädchen, das ihm am besten gefiel und fragte: „Willst du meine Frau werden, Prinzessin an meiner Seite und zukünftige Königin?“
Die Erwählte schaute ihn an und antwortete: „Lieber brödel ich mein Leben lang in der Asche!“
Schöne Bescherung!
„Schöne Bescheeeeerung!“, riefen die Leute.

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Zu Diensten

Autora Auge, Foto: Voronin76
Autora Auge, Foto: Voronin76
© Voronin76

Autora Auge:
Guten Tag, Herr …

Geron:
Geron, Euch zu Diensten.

Autora Auge:
Schön, dass Sie hergefunden haben, Herr Geron. Soweit ich weiß, führen Sie in „Das Lächeln der Kriegerin“ ein Gasthaus.

Geron:
Wenn man es sagt, wird es wohl stimmen.

Autora Auge:
Wenn nun eine Fremde, sagen wir ein junges Mädchen namens Lothiel, in Ihr Haus einkehren und dort die Nacht verbringen würde. Würden Sie sie freundlich behandeln.

Geron:
Sicher. Natürlich. Zu meinen Gästen bin ich immer höflich. Hat sie Geld?

Vom Sach- zum Kinderbuch

Susanne Oswald: Emmis verliebtvermopste WeltGeschichtenweberin und Montsegur-Kollegin Susanne Oswald startete ihre Karriere als Sachbuchautorin. Als Heilprakterin standen bei ihr Heilung und Gesundheit natürlich im Vordergrund.

Nun aber hat sich für sie ein Kindheitstraum erfüllt. Im Juli erscheint ihr erstes Kinderbuch bei Planet Girl (Thienemann). Unter dem gleichermaßen seltsamen wie traumhaften Titel „Emmis verliebtvermopste Welt“ und zart rosa bekleidet, soll das Buch vor allem Mädchen ab 10 Jahren begeistern.

„Vor Emmis Stift ist nichts sicher. Weder ihr Such-Mops Lucky noch ihre Freundin Josi mit den tanzenden Sommersprossen. Und schon gar nicht die meerblauen Augen von Nico. Doch um sein Herz zu erobern, muss Emmi den Zeichenblock gegen die Gitarre tauschen. Und es mit einer rosa Elefanten-Unterhose aufnehmen. Ob das gut geht? Ein Muss für alle Hundefans ab 10 Jahren.“

Der Feuerstern

Eine Leseprobe aus meiner Gerschichte „Der Feuerstern“, die in der Geschichtenweber-Anthologie „Wildes Land“ im Web-Site-Verlag erschienen ist.

Thoron möchte gern ein Held werden, um seine Doriel zu beeindrucken, ein Held wie Eodor, der Sohn des Fürsten. Und schneller, als er denkt, bekommt er die Gelegenheit dazu. Denn auf einem gemeinsamen Ausritt wird Doriel entführt. Nun begiebt sich der Möchtegern allein auf die Suche, die durch tückische Wälder und Sümpfe führt.

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Weit war er nicht gekommen. Er quälte sich bestimmt schon seit einer halben Stunde durch diesen Urwald, ohne wirklich voranzukommen. Nichts deutete auf einen Weg hin und die Füße sanken tief in den Morast. Die Gegend wirkte bedrohlich. Vielleicht entsprachen die Gerüchte über das Westufer des Rim ja doch der Wahrheit.

Er fühlte sich beobachtet. War da nicht ein Rascheln? Hörte er nicht Schritte hinter sich? Sah er dort nicht eine Gestalt hinter dem Gebüsch? Es wurde erstaunlich schnell dunkel, denn die Bäume waren hoch und das Licht der untergehenden Sonne erreichte den Waldboden kaum noch. Es war nicht mehr möglich, einen Weg zwischen Stämmen und Unterholz zu finden, geschweige denn, die Spuren weiterzuverfolgen, die nun erneut flussabwärts führten. Und wieder stand er vor einem der zahlreichen Bäche, die den Rim speisten. Hoffentlich kamen die Entführer auch nicht schneller voran.

Thoron war müde. Müde und hungrig. Und er fror. Getrockneter und nasser Schlamm verkrustete in dicken Schichten seine Stiefel und Unterschenkel. Aber nur gegen die Müdigkeit konnte er etwas unternehmen. Tastend suchte er sich eine dicke Baumwurzel, auf der er – halbwegs vor dem Morast geschützt – die Nacht verbringen wollte.

Trotzdem konnte er zunächst nicht einschlafen. Die Aufregungen des Tages hielten ihn wach. Und er hörte Geräusche: klagende Rufe und spitze Schreie, die er keinem ihm bekannten Tier oder anderen Wesen zuordnen konnte. Sicher hatte selbst Eodor bei seinen Taten nie solche Qualen durchleben müssen. Nein, der ging los und stach seinen Feinden das Schwert in die Brust. Oder er erlegte damit Drachen und befreite holde Jungfrauen. Was allerdings ihm hier zugemutet wurde …

Nun dachte er an seine Dor. Wieder sah er sie mit dem Feuerstern im Haar. Was würde er darum geben, sie schon jetzt wohlbehalten bei sich zu wissen?

Er zog die Beine an und kauerte sich dichter an den Stamm, an dem er lehnte. Dann holte er sein Schwert aus der Scheide und legte es griffbereit über seine Knie. Er versuchte sich auf die Entführer zu konzentrieren, wie immer sie auch aussahen, stellte sich vor, wie er unter ihnen wüten würde, um endlich Doriel wieder in seinen Armen zu halten, ihrer bewundernden Blicke und der Dankbarkeit ihres Vaters gewiss. Mit diesen Gedanken sank er schließlich in einen unruhigen Schlaf.

Er sah Doriel vor sich. Sie stand nicht weit von ihm entfernt. Thoron ließ den Wald hinter sich und lief auf sie zu. Der weiche Boden versuchte ihn aufzuhalten, gab mehr und mehr nach. Immer tiefer versanken die Füße, immer schwerer wurde es, sie aus dem Sumpf zu befreien. Jetzt steckte sein linkes Bein bis zur Hüfte im Morast. Thoron verlagerte sein Gewicht, stützte sich auf das andere Bein, doch auch hier gab der Boden nach. Schon spürte er die Feuchtigkeit sein Hemd aufweichen, der modrige Geruch kroch ihm in die Nase. Er rief Doriel um Hilfe an, aber er bekam nur Gelächter zur Antwort.

Denn es war nicht sein geliebtes Mädchen, das dort stand. Gelbe verfaulte Zähne steckten vereinzelt in einem breit grinsenden Mund ohne Lippen. Eine schiefe, verbeulte Nase bildete – einer knorrigen Wurzel gleich – nur annähernd die Mitte des vernarbten, ledrigen Gesichts. Zwei kleine, schmale Augen versteckten sich hinter den vollen Wangen und den buschigen Brauen, um sich dort über seine verzweifelte Lage zu belustigen. Dünne graubraune Haarsträhnen flüchteten aus dem viel zu großen Kopf, der auf einem schmächtigen, gekrümmten Körper mit kurzen Beinen saß, dessen hervorstechendstes Merkmal ein mächtiger Buckel war.

Thoron erschrak beim Anblick dieses merkwürdigen Wesens, und unter dessen höhnischem Gelächter versuchte er sich freizukämpfen. Doch da war noch etwas anderes. Er sah ein riesiges Maul auf sich zukommen und …

Er erwachte schreiend und sprang auf die Füße. Gerade rechtzeitig, bevor das Maul zuschnappen konnte. Im ersten Dämmerlicht des neuen Tages erblickte er die furchtbare Bestie, die sich in seinen Traum geschlichen hatte. Sie kroch langsam auf ihn zu und er musste rückwärts ausweichen. Der lang gestreckte Körper – Thoron schätzte ihn auf mindestens fünfzehn Fuß – war bis zur Schwanzspitze mit dicken Panzerplatten bedeckt und endete auf der ihm zugewandten Seite in diesem riesigen Maul, das mit unzähligen dolchartigen Zähnen bewaffnet war. Jetzt schob der Drache seinen mächtigen Leib über Thorons Klinge, die bei seinem Aufspringen im Schlamm gelandet war.

Wie oft hatte er davon geträumt, eines Tages einen Drachen zu töten und als Held in Doriels Arme heimzukehren oder seine Geliebte gar aus den Klauen einer solchen Bestie zu befreien. Aber die Wirklichkeit übertraf seine Vorstellungen bei weitem. Sicher, die Untiere seiner Träume waren viel größer gewesen. Schreckliche Gegner, aus deren Mäulern feuriger Atem und donnerndes Brüllen gekommen war. Doch obwohl das Tier, dem er sich jetzt gegenüber sah, keinen Ton von sich gab und keinerlei Anstalten machte, ihn mit brennendem Odem zu überziehen, war er sich sicher, seinem Ende entgegenzusehen. Die kalte Ruhe, mit der sich das Biest auf ihn zu bewegte, brachte eine tödliche Gewissheit mit sich.

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Wildes LandTimo Bader und Jürgen K. Brandner (Hrsg.)
Edition Geschichtenweber: Wildes Land

Paperback, 240 Seiten
Web-Site-Verlag, 2005

Klappentext:

Ein Krieger aus vergessenen Tagen zieht aus, um sich in den Wäldern seiner größten Herausforderung zu stellen … Auf Rügen droht ein Mädchen in einem Sumpfloch zu versinken, als ein Troll zu ihrer Rettung eilt … Eine Elfin muss in den Bergen eine schwere Prüfung bestehen und wagt sich in die Höhle des Drachen … Beim Meditieren auf einer Lichtung im Wald wird ein junger Mann von Nachtelfen in ihr dunkles Reich entführt … In einer Höhle im Sumpf lebt eine verstörte Frau, bis eines Tages ihr ein Spaziergänger begegnet …

Sümpfe, Höhlen, dunkle Wälder – an diesen drei geheimnisvollen Orten spielen die Geschichten der 14 Autorinnen und Autoren der Edition Geschichtenweber. Die Anthologie bietet eine bunte Vielfalt an verschiedenen Genres der Phantastik: von Fantasy bis Dark Fantasy, leichtem Grusel bis Horror, schillernde Geschichten der High- und Epic-Fantasy, düstere Thriller- und Mystery-Tales, romantischen Liebes-Geschichten bis hin zu knisternden Erotik-Storys – und vieles, vieles mehr!

Um die mystischen und märchenhaften Schauplätze der Geschichten auch noch für unsere Nachkommen zu erhalten, spenden die Autoren und Künstler aus dem Erlös der Anthologie 2 EURO pro verkauftem Exemplar an den World Wide Fund For Nature (WWF). Der Schutz der letzten natürlichen Wälder ist eines der Hauptanliegen des WWF.

J.R. Kron: Der Wolf und der Geist
Irmgard Fliedner-Grandke: Albenkind
Jörg Olbrich: Ein Troll auf Rügen
Maike Schneider: Eine Herzenssache
Jürgen K. Brandner: Moordämonennacht
Mandy Schmidt: Das Lied der Weberin
Christine R. Förster: Die Prüfung
Martin Skerhut: Entführt in eine fremde Welt
Timo Bader: Der Fall der Jane J.
Sabrina Eberl: Das Geheimnis der Höhle
Philipp Bobrowski: Der Feuerstern
Nina Horvath: Das Ding in der Höhle
Birgit Käker: Jäger in der Dämmerung
Marion Charlotte Mainka: Das grüne Leuchten

Weitere Informationen, Leseproben und Rezensionen bei den Geschichtenwebern.
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Spannung ohne Sicherheiten oder A Dorn is Born

In Wulf Dorns Debütroman „Trigger“ treffen wir an der Seite der Psychiaterin Ellen Roth auf einen außergewöhnlichen Fall: Eine geschundene und verwahrloste Frau, die sich vom Schwarzen Mann verfolgt fühlt. Mag dies in einer Psychiatrie nicht mehr als ein besonders interessanter Fall sein, wird er in der Folge für Ellen mehr als bedrohlich. Auf unerklärliche Weise verschwindet die Patientin und der Schwarze Mann fordert die Psychiaterin zu einem grausamen Psychospiel.

Dieser Roman bringt alles mit, was ein Psychothriller mitbringen muss und Wulf Dorn wird den Vorschusslorbeeren, die dem Leser auf dem Buchumschlag von den renommierten Kollegen Sebastian Fitzek, Andreas Eschbach und Thomas Thiemeyer entgegenspringen, vollauf gerecht.

Angesiedelt im fiktiven Fahlenberg in Deutschland könnte der Roman dennoch kaum ein exotischeres Setting bieten, denn für die meisten Leser dürfte das Umfeld einer psychiatrischen Klinik allein schon höchst Interessantes und Ungewöhnliches zu bieten haben.

Dabei versteht der Autor sein Handwerk. Er lässt die Orte und Gegebenheiten vor dem inneren Auge des Lesers als Bilder entstehen und zeichnet Figuren, angefangen von der Protagonistin bis hin zu den Nebendarstellern, die für den Leser lebendig werden.

Insgesamt ist die Geschichte stilsicher und routiniert erzählt in einer Sprache, die zum Thriller im Allgemeinen und zu diesem im Besonderen bestens passt. Nur hier und da wünschte sich der Liebhaber eine andere Formulierung oder eine leichte Verknappung.

Genial aber ist die Spannungskurve dieses Thrillers und all die Elemente, die zu dieser beitragen.

Von Beginn an werden Fragen aufgeworfen, die den Leser bei der Stange halten. Schnell nimmt die Geschichte, die sich vermeintlich eng an den Grundkonflikt schmiegt, Fahrt auf und bietet, obgleich scheinbar geradlinig erzählt, einen wendungsreichen Plot.

Allein der Grundkonflikt, der sich dem Leser im ersten Teil präsentiert, ist zwar sicherlich nicht einzigartig, an Spannung und Bedrohlichkeit jedoch kaum zu überbieten: Ein hochintelligenter Psychopath, der es direkt auf die Protagonistin abgesehen hat, ihr immer einen Schritt voraus ist und ihr sowohl physisch als auch psychisch auflauert.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie dicht die Vorahnungen des Lesers an die tatsächliche Entwicklung in der Geschichte heranreichen, denn in jedem Fall bleibt die spannendste Frage die nach dem Motiv und den genaueren Umständen, also die nach dem Warum und dem Wie.

Und wenn die Realitäten immer mehr verschwimmen, taucht die Erzählung in die tiefsten Abgründe menschlicher Psyche hinab.

Fazit:

Wulf Dorns Debüt hält, was andere versprechen. Ein Psychothriller, der zu fesseln weiß, der gleichermaßen echte Spannung und Bedrohung bietet, wie er den Leser in surreale Albträume schickt.

Wulf Dorn: Trigger
Wulf Dorn: Trigger

Wulf Dorn
Trigger
Psychothriller

Taschenbuch
Heyne, 2009
ISBN: 978-3-453-43402-8

Klappentext:

Der Fall einer misshandelten Patientin wird für die Psychiaterin Ellen Roth zum Alptraum: Die Frau behauptet, vom Schwarzen Mann verfolgt zu werden. Kurz darauf verschwindet sie spurlos. Bei ihren Nachforschungen wird auch Ellen zum Ziel des Unbekannten. Er zwingt sie zu einer makaberen Schnitzeljagd um ihr Leben und um das ihrer Patientin. Für Ellen beginnt ein verzweifelter Kampf, bei dem sie niemandem mehr trauen kann. Immer tiefer gerät die Psychiaterin in ein Labyrinth aus Angst, Gewalt und Paranoia. Und das Ultimatum läuft …

Ein nervenzerrender Psychothriller, der seine Leser schonungslos in die Abgründe der menschlichen Psyche zieht.

„Als ob David Lynch einen Roman von Stephen King verfilmt hätte. Großartig!“ (Thomas Thiemeyer)

„Mit Wulf Dorn betritt ein Autor die Bühne, den man einmal einen großen Erzähler nennen wird. Lesen Sie dieses Buch, und Sie werden später einmal sagen können, dass Sie von Anfang an dabei gewesen sind.“ (Andreas Eschbach)

„Ein perfekt recherchiertes Psychothrillerdebüt: Dorn weiß, wie man den Leser an die schweißnasse Hand nimmt und ihn zu den Abgründen der menschlichen Seele entführt. (Sebastian Fitzek)

Leseprobe
Special zum Buch
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Das Buch ist auch als gekürzte, vom Autor gelesene Hörbuchfassung erhältlich.

Wulf Dorn:

copyright by Frank Riederle
copyright by Frank Riederle

Wulf Dorn, Jahrgang 1969, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr. Seine Kurzgeschichten erschienen in Anthologien und Zeitschriften und wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 1994 ist er in einer psychiatrischen Klinik tätig, wo er in der beruflichen Rehabilitation psychisch kranke Menschen beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Mit seiner Frau und einer Glückskatze lebt er in der Nähe von Ulm.

Homepage von Wulf Dorn

Das Lächeln der Kriegerin

Eine kleine Leseprobe aus meinem Roman „Das Lächeln der Kriegerin“:

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Lothiel ritt bis zum Abend mit wenigen Pausen und begegnete niemandem mehr. Das ebene Land wurde zunehmend hügeliger. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen und ihr unendlich lang vorgekommen. Mit jeder Stunde wuchs ihre Sorge, sie könne Iden nicht rechtzeitig erreichen.
Am anderen Morgen aß Lothiel wieder nur wenig. Noch bevor die Sonne sich zeigte, saß sie wieder auf und trieb Carroch ihrem Ziel entgegen. Bald schon erreichte sie die Straße, die sich mit einem leichten Anstieg entlang des Bhal nach Iden schlängelte. Vater hatte ihr erzählt, dass der Fluss bis Iden schiffbar sei und auf ihm Waren aus dem Süden heraufgebracht, während andere aus dem Norden in Iden verladen und in südliche Landesteile oder darüber hinaus verschifft würden. Lothiel hatte noch nie ein Schiff gesehen. In dieser Frühe lag der Fluss still und breit vor ihr. Auch auf der Bhalstraße konnte sie noch keine Reisenden entdecken. Der Weg, auf dem sie gekommen war, überquerte die Straße und führte zu einer Brücke, die sich, gerade breit genug für ein Fuhrwerk, über den Bhal erstreckte. Von Adar wusste sie, dass es bei Iden eine breitere Brücke gab. Oft hatte sie sich vorgestellt, einmal auf ihr über das Wasser zu laufen, doch ihre Aufgabe lag diesseits des Flusses.
Lothiel schaute sich um. Unweit der Wegkreuzung standen einige Bauernkaten und dahinter, auf einem kleinen Hügel, thronte ein Gutshaus. Es war nicht viel größer als manches Haus in der Grenzfeste, lange nicht so riesig wie die Bauten, die dem Grafen dort zu eigen waren, doch mit seinem Graben und der kleinen Zugbrücke, die darüber führte, erschien ihr das teilweise aus Stein erbaute Haus sehr beeindruckend. Sie beschloss, sich direkt an den Freiherrn zu wenden.
Vor der Zugbrücke stand ein Bewaffneter. Er schaute ihr amüsiert entgegen, doch bald ruhte sein Blick auf Carroch und sein Gesicht nahm einen verwunderten Ausdruck an.
„Wohin des Wegs?“, fragte er, als Lothiel vor ihm stehen blieb.
„Ich muss dringend zu Eurem Herrn.“
„Da musst du dich noch gedulden. Zur Audienz ist Herr Ellian erst nach dem Frühstück bereit. Jetzt schläft er noch.“
„Dann weckt ihn!“
„Wer bist du denn, dass ich meinen Herrn für deine Wenigkeit wecken soll?“, fragte der Mann und musste über seine eigenen Worte lachen.
„Mein Name ist Lothiel. Doch geht es nicht darum, wer ich bin, sondern welche Botschaft ich bringe.“
„Dann wird deine Botschaft warten müssen, bis der Herr erwacht ist.“
Lothiel sprang von Carrochs Rücken und stapfte erzürnten Schrittes auf den Wachmann zu. „Ich bringe dringende Botschaft von der Grenzfeste. Ihr müsst mich sofort zu Eurem Herrn lassen!“
„So, so“, antwortete der Bewaffnete wenig beeindruckt. „Von Rimgarth kommst du. Ein weiter Weg für ein kleines Mädchen.“
Lothiel trat noch einen Schritt auf den Mann zu. „Rimgarth wurde überfallen. Seht dieses Pferd! Glaubt ihr wirklich, ich könnte mir ein solches Tier leisten? Es stammt von einem Boten der Grenzfeste, der vom Feind schwer verwundet wurde. Daher bat er mich, sein Pferd zu nehmen und seinen Auftrag zu erfüllen. Und wenn ihr mich länger daran hindert, besteht auch für Iden keine Hoffnung mehr.“
Das Lächeln des Wachmanns schwand dahin. Er befahl ihr zu warten, und ließ nach dem Herrn rufen. Nach einer Weile wurde sie vorgelassen.
Beim Anblick des Ritters keimte in Lothiel neue Hoffnung. Er war groß – sicher einen Kopf größer als Adar – und kräftig. Nicht gerade schön zu nennen, anders als Rochon, eher grobschlächtig. Doch seine Gesichtszüge unter dem braunen Schopf zeigten eine Entschlossenheit, die Lothiel verwunderte. Wie hatte sich jemand in den vielen Jahren des Friedens eine Ausstrahlung von solcher Kampfkraft bewahren können? Ellian hörte sich ihren Bericht mit zunehmender Aufmerksamkeit an. Lothiel spürte, dass er mit jedem Wort ungeduldiger wurde.
„Das sind schlimme Nachrichten“, sagte er, als sie geendet hatte. „Ich muss sofort handeln.“
Er gab einem Diener einige eilige Anweisungen, worauf dieser den kleinen Saal verließ. Dann wendete er sich wieder an Lothiel: „Ich danke dir. Möchtest du dich für deinen weiteren Ritt stärken?“
Lothiel fühlte sich befreit. Und jetzt spürte sie auch, dass ihr Magen knurrte. „Dafür wäre ich Euch sehr dankbar.“
„Kamarling wird dich in die Küche führen. Warte hier nur einen Moment auf ihn. Auch dein Pferd wird versorgt. Doch halte dich nicht zu lange auf, denn bis Arminas ist es noch weit.“ Er klopfte Lothiel auf die Schulter und wandte sich zum Gehen.
Sie hielt ihn zurück. „Aber Herr, ich dachte, ich könne nun nach Hause reiten. Wollt Ihr nicht jemanden zur Königin schicken, dem ich die Botschaften des Hofmarschalls mitgeben kann?“
„Ich brauche jeden Mann, um die Verteidigung Idens zu sichern. Du wirst deinen Auftrag zu Ende führen müssen.“
Lothiel wollte es nicht wahrhaben. „Ich bin nur ein kleines Mädchen, Herr …“
„Hör zu! Es ist Krieg. Da kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Also verschwende nicht meine Zeit und tu, was ich dir befohlen habe.“
Damit ließ er Lothiel endgültig stehen.

Lothiel trottete hinter dem Diener her. Die Küche befand sich in einem gesonderten Gebäude hinter dem Haus. Ein Koch und drei Gehilfen waren hektisch damit beschäftigt, dem Herrn vor seinem überraschenden Aufbruch noch eine Mahlzeit zusammenzustellen. Man gab ihr eine dicke Scheibe Brot und eine Schüssel aufgewärmter Suppe vom Vorabend. Doch in ihrer Enttäuschung aß sie, ohne sich bewusst zu werden, ob ihr das Essen schmeckte. Sie machte sich Vorwürfe. Sie war jetzt sechs Tage von zu Hause fort und Adar und Naneth mussten vor Sorge fast umkommen. Sie konnte doch jetzt nicht noch weiter nach Arminas reiten. Sie musste zurück, was auch immer Ellian befohlen hatte. Schließlich war sie ihm nicht zu Diensten. Sie war die Tochter eines freien Mannes, selbst wenn er nicht von Adel war. Entweder verzichtete Ellian auf einen Mann, der die Botschaft weitertragen könnte, oder es würde sich in Iden jemand finden. Lothiel beschloss, noch einmal mit dem Freiherrn zu sprechen.

Auf dem kleinen Platz vor der Zugbrücke sammelte sich eine Gruppe Bauern und Handwerker. Offenbar hatte Ellian einigen seiner Hörigen befohlen, ihm nach Iden zu folgen. Unter den Männern entdeckte Lothiel auch ein paar junge Burschen. Einen sah sie, der kaum älter sein konnte als Gilborn. Keiner der Männer war ein Krieger. Sicher brauchte Ellian sie für andere Aufgaben als den Kampf in der Schlacht.
Wie ihr der Bewaffnete von der Zugbrücke sagte, war der Freiherr bereits nach Iden aufgebrochen. Also ließ sie sich zu Carroch führen und ritt ihm nach.
Sie musste sich beeilen, wollte sie ihn noch einholen. Zwar konnte sie ihn und zwei weitere Reiter weit vor sich auf der ansteigenden Bhalstraße sehen, doch Ellian ritt schnell und sie musste Carroch zu einem scharfen Galopp antreiben. Den wenigen Menschen, die ihr entgegenkamen, konnte sie ansehen, dass Ellian sie bereits gewarnt hatte. Furcht spiegelte sich in ihren Gesichtern und trieb sie zur Hast. Nach Iden war kaum noch jemand unterwegs. Der Freiherr hatte die Kuppe des Hügels fast erreicht, als Lothiel endlich nah genug war, ihn anzurufen. Die Gruppe hielt und wendete die Pferde. Neben dem Ritter bestand sie aus einem Bewaffneten und einem jungen Knappen, der Ellians Streitross, einen kräftigen Braunen, am Zügel führte.
„Solltest du nicht auf dem Weg nach Arminas sein?“, rief ihr der Ritter entgegen. „Die Brücke bei meinem Dorf wäre der schnellere Weg gewesen.“
„Ich wollte Euch bitten, ob Ihr nicht doch einen anderen schicken könnt.“ Lothiel ritt Ellian weiter entgegen. Sie konnte sehen, wie dem Freiherrn die Zornesröte ins Gesicht stieg.
„Glaubst du wirklich, ich kann mich jetzt noch länger mit deinen Albernheiten befassen? Es gibt Wichtigeres zu tun!“
Lothiel zügelte Carroch. „Ich kann meine Eltern nicht länger …“
Sie wurde durch ein lautes Wiehern unterbrochen. Der Schimmel des Ritters stieg, sodass sein Herr den Halt verlor und zu Boden fiel. Das reiterlose Tier stürmte auf Lothiel zu. Als es an ihr vorbeipreschte, sah sie den Pfeil, der aus seiner Flanke ragte. Der Bewaffnete riss sein Pferd herum. Der Knappe schrie auf und sank kraftlos auf den Nacken seines Tieres. Dabei befreite sich das Streitross und galoppierte dem Reitpferd des Freiherrn nach. Ellian hatte sich inzwischen aufgerichtet und brüllte den Bewaffneten an, er möge ihm seinen Rappen überlassen. Der Mann hob sich bereits aus dem Sattel, blickte dann aber wieder in die Richtung, aus der die Pfeile gekommen sein mussten. Ohne weiter auf seinen fluchenden Herrn zu achten, wendete er sein Pferd zur Flucht.
„Es ist zu spät!“, schrie er Lothiel entgegen. „Bring dich in …“ Sein Kopf schnellte nach vorn. Blut strömte aus seinem Mund, sein Körper erschlaffte und als der Rappe auf Lothiels Höhe war, sah sie den Pfeil in des Mannes Hinterkopf.
Lothiel starrte zu Ellian. Der sah sie an, Wut in seinem fordernden Blick, schien zu überlegen, dann schrie er: „Mach schon! Verschwinde!“
Er drehte sich um und zog sein Schwert. Schon hörte Lothiel das Donnern vieler Hufe. Es kam von Iden den Hügel herauf. Sie erwachte aus ihrer Starre.

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Das Lächeln der Kriegerin
Ein Fantasy-Roman
Hardcover, 217 Seiten
Hinstorff 2008
16,80 EUR
ISBN-10: 3356012355
ISBN-13: 978-3356012354

Zum Inhalt:

Lothiel verlässt die Abgeschiedenheit des elterlichen Hofes, um ihrem Vater zu beweisen, dass sie ihm in schwierigen Zeiten ebenso beistehen kann, wie ein Sohn es könnte. Und doch verstößt sie gegen seinen Willen, als sie einen Weg einschlägt, der sie schließlich zur Kriegerin macht. Sie beschreitet ihn tapfer, wenn auch voller Zweifel. Sie findet Gefährten und Berater, geht dennoch immer ihren eigenen Weg. Sie lacht, sie weint. Sie liebt, sie hasst. Nicht selten stößt sie die vor den Kopf, die ihr nahe stehen.
„Es ist nicht gut, einen Menschen zu töten“, hat ihr Vater zu ihr gesagt. Lothiel aber lernt, mit dem Schwert zu kämpfen. Sie tauscht ihren kleinen Jagdbogen gegen einen Bogen der Macht. Und bald erzählt man sich an den Heerfeuern von einem Mädchen, das auszog, die Nachricht von Naurhir in die Königsstadt zu bringen, von dem Mädchen, das auszog, Rache zu üben, dem Mädchen, das auszog, das Königreich vor dem schrecklichen Feuermeister zu retten.
In diesem spannend erzählten Fantasy-Roman wird eine fremde, magische Welt lebendig, die uns ganz in ihren Bann zieht, da sie in all ihrer Andersartigkeit auch von uns handelt.

weitere Leseprobe
Rezensionen

Der Roman ist über den Buchhandel zu beziehen oder lässt sich u.a. hier bestellen:

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Die Kriegerin auf myStorys:


Tanz mit Spannung

Judith Le Hurray: Tanz mit Spannung
Judith Le Hurray: Tanz mit Spannung

Am 1. Oktober ist das neue Jugendbuch der Geschichtenweberin Judith Le Hurray erschienen. „Tanz mit Spannung“ gliedert sich in die SMS-Reihe des Schenk Verlags. Es ist also eine Starke-Mädchen-Story.
Schon die ersten Sätze machen das auf, wie ich finde, geniale Weise deutlich:

Du wärst gerne reich? Kein Problem. Du kannst meine Mutter haben. Geschenkt. Die ist reich. Und deshalb meint sie, die Welt gehöre ihr.

Und die Mutter ist nicht das einzige Problem:

Die dreizehnjährige Deborah hat große Probleme mit ihrer herrschsüchtigen Mutter. Die darf auch auf keinen Fall erfahren, dass ihre Tochter außer Ballett noch Jazztanz und Hip Hop macht. In Deborahs Jazzgruppe sind zwei Jungs: der hübsche Marco und der unscheinbare Florian. Wer darf mit Marco bei der Vorführung tanzen? Der Pas de deux mit dem Mädchenschwarm führt zu Stress mit Freundin Sarah. Dann taucht auch noch Deborahs Mutter während der Hip Hop-Stunde im Tanzstudio auf. Auch hübsche, reiche Mädchen haben Probleme und sind manchmal arm dran. Darf Deborah bei der Aufführung mittanzen? Kann sie ihre nervige Mutter ändern? Und wird das was mit der ersten Liebe?

Also unbedingt mal in die Leseprobe (1. Kapitel) schnuppern.

Judith Le Huray
Tanz mit Spannung
Schenk Verlag
ISBN 978-3-939337-68-3
176 Seiten, Softcover, 12 x 18,5 cm
SMS-Buch, Band 11.