Publizitiert: Fasziniert

Publizitiert, Foto: EDHAR
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(Foto: © EDHAR)

Bodo Lehrmann saß auf dem geschlossenen Klodeckel in seinem kleinen Badezimmer und schaute fasziniert zu, wie sich die metallene Trommel immer wieder in Bewegung setzte.

Aus: „Saubere Wäsche“ in „Futter für die Bestie

Cover Futter für die Bestie

Sechser im Motto: Kloschüssel

Sechser im Motto, Foto: javarman
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© javarman

Frage:
Wenn du einen Roman mit einem Satz beginnen müsstest, der das Wort „Kloschüssel“ beinhaltet, wie würde dieser erste Satz lauten?

Zoë Beck

An der ganzen Schule gibt es keine einzige Kloschüssel, in die sie mich noch nicht mit dem Kopf getaucht haben.

oder auch schön:
Man will einfach nicht aufwachen und dabei eine Kloschüssel umarmen.

Wulf Dorn

Fassungslos starrte Anna durchs Schlüsselloch ins Badezimmer, wo sich immer weitere Tentakel aus der Kloschüssel wanden und patschend über den Fliesenboden zur Tür tasteten.

Melanie Lahmer

Er blickte aus dem vierten Stock in den Hinterhof und fragte sich, ob das mit der Kloschüssel wirklich richtig gewesen war.

Robert Herbig

Unser Rechtsmediziner Doktor Jürgens hat festgestellt, dass die Todesursache von Jurkan Dostolski auf einen direkten und sehr heftigen Kontakt seines Hinterkopfes mit der Kloschüssel im Wohncontainer der Serben zurückzuführen ist.

Andrea Koßmann

Mit angehaltenem Atem versuche ich lautlos zu pupsen, während ich auf der Toilette sitze, der bestaussehendste Typ der Stadt im Flur (genau vor der verdammten Badezimmertür) hockt, meine Katze streichelt und auf mich wartet, um mich ins Theater auszuführen, als ich merke, dass das mit dem „lautlos“ eine sehr utopische Idee war und sich diese Idee verwandelt in die, mein iPhone aus der Hosentasche zu ziehen und einen Anrufton zu simulieren, der ein eventuelles Geräusch übertönt, als mir das Gerät aus der Hand rutscht und direkt in der Kloschlüssel landet.

Thomas Plischke

Erschöpft legte Robin die Wange auf den rissigen Rand der Kloschüssel.

Warum fängt man so an? Wegen der Aufmerksamkeitslenkung des Lesers. Ein Weg, um Aufmerksamkeit zu wecken, besteht darin, von Anfang an Fragen aufzuwerfen, die der Leser im Fortgang der Erzählung hoffentlich beantwortet sehen möchte.

Sezieren wir doch also rasch diesen ersten Satz: Wir steigen damit mitten in die Handlung ein (für all die, die es einen Hauch schnöseliger ausgedrückt haben möchten: Wir beginnen in medias res), und die Informationsdichte ist verhältnismäßig hoch. Zunächst stellen wir gleich eine handelnde Figur vor, an deren Schicksal der Leser teilhaben kann: Robin. Allein dieser Name lässt genügend Interpretationsspielraum und Deutungsfreiheiten, die dazu beitragen können, die Neugier des Lesers anzustacheln. Ist Robin eine Frau oder ein Mann? Handelt es sich am Ende gar um den berühmtesten Robin der Kulturgeschichte, Robin Hood, den es auf wundersame Weise aus dem Wald von Sherwood an einen Ort und in eine Zeit verschlagen hat, in der es Kloschüsseln gibt und man sich nicht den Hintern mit Blättern abwischt?

Wir erfahren zudem, dass Robin erschöpft ist. Wovon? Die Tatsache, dass er oder sie die Wange auf den Rand der Kloschüssel legen kann, spricht entweder für ein gewisses artistisches, schlangenmenschartiges Geschick (in Annahme einer üblichen Nutzung der Kloschüssel, vulgo: dem Draufsitzen), oder – und dies dürfte wahrscheinlicher sein – für den Umstand, dass Robin vor der Kloschüssel kauert oder kniet. Dies wiederum führt zu gewissen dumpfen Ahnungen hinsichtlich der körperlichen Verfassung Robins.

Daraus lässt sich etwas Wichtiges ableiten, was für den nachfolgenden Text insgesamt gilt (bzw. gelten könnte): In Sachen Darstellung sämtlicher und insbesondere auch unangenehmerer Facetten der menschlichen Existenz wird da von Autorenseite voraussichtlich nicht sonderlich zimperlich zu Werke gegangen werden. Oder anders gesagt: Das dürfte nichts für Zartbesaitete werden, und noch kann man wieder aussteigen, falls man nicht so genau wissen möchte, was sich in der Kloschüssel befindet (das ist im Übrigen keine Schwäche dieses ersten Satzes, sondern eher so etwas wie ein Dienst am Leser).

Apropos Kloschüssel: Über sie erfahren wir, dass sie einen rissigen Rand besitzt (es lebe die Alliteration!). Ein unschuldiges Detail, das dennoch eine Erwartungshaltung bezüglich der Atmosphäre aufbaut, denn Robin hält sich offenbar nicht in einer Toilette auf, in der das Porzellan neu ist (und es beschleicht einen womöglich gar das ungute Gefühl, das hier auch nicht zwingend genau auf Hygiene geachtet wird).

Insgesamt betrachtet eignet sich der Satz als Ausgangspunkt für eine Vielzahl möglicher Geschichten. Er ist gewissermaßen eine Knospe, bei der noch nicht feststeht, wozu sie erblühen wird: von der skurrilen Schilderung einer Zeitreise (siehe oben) bis zur knallharten Milieustudie mit gesellschaftspolitischer Attitüde ist hier noch alles im Bereich des Denkbaren, und das ist auch gut so.

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!