LesBar: „speciale“

LesBar, Foto: Anneka
LesBar, Foto: Anneka
© Anneka

Neulich traf ich einen Freund wieder, der mir erzählte, er habe sich in einem Sternerestaurant als Koch beworben. Ich äußerte meine Verwunderung, da ich von seinen Fähigkeiten am Herd gar nichts gewusst habe. Darauf lud er mich ein, eben diese am kommenden Wochenende selbst zu erschmecken.

Voll Vorfreude und in gespannter Erwartung suchte ich ihn auf und ließ mich an seinem Esstisch nieder. Der etwas seltsame Geruch, der seine Wohnung durchzog, mochte mich irritieren, doch ich bin ein aufgeschlossener Mensch und neige nicht zu vorschnellen Urteilen. Das Antlitz des Gerichts, das mir nun kredenzt wurde, arbeitete jedoch noch konsequenter gegen meinen Appetit. „Spaghetti speciale“, erklärte mir mein Freund auf meinen fragenden Blick.

Ich nahm ein bisschen von dem „speciale“ auf die Gabel und führte es zum Mund, aufmerksam beobachtet vom künftigen Sternekoch. „Ziemlich versalzen, findest du nicht?“, äußerte ich in höflicher Zurückhaltung.
Mit einem milden Lächeln entgegnete er: „Das muss so sein. Ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber man kann es ja nicht jedem recht machen.“
Also versuchte ich die nächste Geschmacksprobe weniger subjektiv zu beurteilen. „Und du meinst, eine Mischung aus aufgewärmtem, mit Ketchup, Mayonaise und Senf versetztem Apfelmus ist eine gut gewählte Soßenbeilage?“
Das Lächeln verschwand. „Ich merke schon, du hast wenig Ahnung von der Cuisine. Kreativität ist gefragt. Das ist es, was zählt. Die Abkehr vom Gewohnten und vom Massengeschmack …“
„Die Spaghetti sind ja total verkocht!“, unterbrach ich ihn.
Er nahm mir den Teller weg. „Das muss ich mir nicht anhören! Nicht von so einem Banausen. Kritik ist ja in Ordnung, wenn sie konstruktiv ist, aber du reitest hier auf Kleinigkeiten rum statt das Gericht als Ganzes zu beurteilen.”

Auf dem Weg nach Hause hatte ich das dumpfe Gefühl, ein Déjà-vu erlebt zu haben. Aber das bildete ich mir wahrscheinlich nur ein.

PB-Plotten: 15 – Recherche 2

Der gesamte Plot ist geplant und hoffentlich noch einmal durchgecheckt, dann kann es ja losgehen mit dem Schreiben. Doch vermutlich wird sich längst noch einiges ergeben haben, was noch zu recherchieren ist. Sollte man das nicht schon nebenher erledigt haben, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Nicht zuletzt, weil es auch noch einmal durchatmen lässt, bevor es losgeht.

Möglicherweise gibt es im Plot mithilfe der Recherche auch noch Löcher zu stopfen. Auch könnte mancher Fehler durch die erneute Recherche erst aufgedeckt werden. Also auch für denjenigen, der als nächstes seine Unterlagen für die Verlags- oder Agenturbewerbung erstellen will, nicht zu verachten.

Ob wir als nächstes mit dem Schreiben der 1. Fassung beginnen oder ein Probekapitel erstellen, die Recherche sollte so umfangreich sein, dass wir mit der Überzeugung ans Schreiben gehen, diesen Prozess nicht mehr für weitere Recherchen unterbrechen zu müssen.

Daher sei noch einmal deutlich gesagt, dass auch die kleinen Dinge zu recherchieren sind: Weiß man etwa, wann für eine Verkäuferin im Supermarkt die Frühschicht beginnt oder wie viel sie in etwa verdient? Lebt ein Hirsch in einer Rotte, einer Herde oder einem Rudel? Gibt es den Golf Baujahr ’95 überhaupt in der Kombination 60 PS und Automatik? Wenn in meiner Geschichte ein übergroßer Tiger von 1,80  Meter Schulterhöhe vorkommen soll, wie lang ist der dann vom Kopf bis zum Schwanz?

Das Problem stellen gerade solche Fragen dar, an die man nicht so einfach denkt. Noch schlimmer sind nur die, von denen man sich sicher ist, man wüsste die Antwort. Wer also immer von einer Herde Hirsche spricht, wird vermutlich gar nicht mehr nachschlagen.

Leider finden sich immer Leser, die es besser wissen. Und die  wenigsten schauen über solch scheinbare Kleinigkeiten großzügig hinweg. Daher sollte man auch das, was man zu wissen glaubt, lieber noch einmal hinterfragen.

(PB-Plotten: Die Liste)

Der lehrreiche Roman

Mancher Autor kann sich offenbar nicht entscheiden: Will er einen Roman, ein Sachbuch oder gar ein Lexikon schreiben. Ist aber kein Problem, die Lösung ist einfach: Schreib alles zusammen!

Da werden dann munter Begriffe erklärt, während einer eher langweiligen Romanpassage die Wissensvorräte zur Tier- und Pflanzenwelt ausgepackt und in eine vielleicht sogar zu spannende Szene wird ein Exkurs in die Modewelt des 17. Jahrhunderts eingebettet.

Schließlich gilt es, nicht allein eine Geschichte zu erzählen, sondern als Autor mal zu zeigen, was man sonst noch so alles auf dem Kasten hat. Und welcher Leser fühlt sich beim Lesen nicht gern auf die Schulbank zurückversetzt?

Ich vermute, selbst die Leser, die dem Lesen neben einem Unterhaltungswert auch ein bildendes Element zubilligen oder gar abverlangen, werden diesem Gattungskreuzer nicht lange folgen. Es wird ihrem Lesevergnügen allzu abträglich sein, wenn die Geschichte ständig von einem besserwisserischen Autor verdeckt wird. Selbst wenn der sie halbwegs damit amüsieren sollte, dass er mit seinem eitel vorgetragenen Wissen unfreiwillig nur seine Wissenslücken auf den Tisch packt.

Zu einer guten Geschichte gehört auch ein gutes Maß an Recherche. Tatsächlich sind es oft viel mehr Kleinigkeiten, die wir vielleicht zunächst glauben, so nebenbei aus dem Ärmel zu schütteln, die dem Leser ins Auge stechen könnten. In jedem Fall dient aber die Recherche, nebst allem Wissen, das schon vorher in uns steckte, der Geschichte und nicht umgekehrt. All die Fakten, die wir uns angeeignet haben, sind das Fundament der Geschichte, nicht das Wohnzimmer. Der Besucher unserer Geschichte soll ihre sichernde Anwesenheit spüren, sie aber nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.

Andernfalls sollten sich Autor und Leser gleich auf das Sachbuch einigen.