LesBar: Ohne Hut

Herr S. hätte nie gedacht, dass der Tag so enden würde.

Dabei war er ganz sicher mit dem richtigen Bein aufgestanden. Auch hatte er den alltäglichen Weg genommen, vom Bett ins Bad, vom Bad an den Küchentisch, vom Küchentisch ins Arbeitszimmer, vom Arbeitszimmer zur Garderobe. Dort hatte er den Hut aufgesetzt und einen letzten Blick in den Spiegel geworfen, bevor er zur Wohnungstür aufgebrochen war, sie geöffnet und wieder geschlossen hatte, um kurz darauf in seinen Wagen zu steigen und ins Büro zu fahren.

Auch auf der Arbeit war alles gewesen wie immer. Er hatte Akten durchgesehen, telefoniert, geschrieben, telefoniert, Akten durchgesehen und wieder telefoniert.

Pünktlich um 16.00 Uhr wollte er dann in den Feierabend gehen, als ihn eine Kollegin aufhielt. Frau N. nahm ihm den Hut vom Kopf und sagte ihm, es müsse sich in jedem Leben einmal etwas ändern.

Frau N. nahm ihn an die Hand und führte ihn aus. In den Park, in ein Restaurant, dann in eine Kneipe, schließlich zu sich nach Hause.

Nun lag er neben ihr und dachte, dass morgen alles anders sein würde. Er würde aus ihrem Bett aufstehen, mit welchem Bein auch immer. Dann würde er in ihr Badezimmer gehen, um an ihrem Tisch zu frühstücken.

Zwar wusste er nicht, ob es am darauffolgenden Tag noch immer so sein würde, doch er beschloss, sich auf jeden Fall von seinem Hut zu trennen.

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© BennoP

Du schreibst so weiblich!

Immer wieder wird sie gestellt, die Frage, ob Frauen anders schreiben als Männer. Abgesehen davon, ob das eine interessante oder gar relevante Frage ist, möchte ich sie hier und heute ein für allemal beantworten. Und zwar mit dem berühmt-berüchtigten klaren Jein.

Nein, denn weder Frauen noch Männer schreiben in der Regel als Gruppe an einem Text, sodass das jeweilige Produkt, der fertige Text, mindestens so individuell ist wie sein Produzent, der jeweilige Autor oder die jeweilige Autorin. Da ein Autor/eine Autorin außerdem gut daran tut, seine/ihre schreiberische Gestaltung durch Auswahl der passenden Stilmittel dem jeweiligen Text und seiner Intention anzupassen, schreibt eine Autorin also nicht einmal immer wie sie selbst, was in gleichem Maße für ihre männlichen Kollegen gilt.

Das bedeutet gleichzeitig ein Ja: Eine Autorin schreibt anders als ein Autor. Wie auch ein Autor anders als ein anderer Autor schreibt.

Wie auch immer. Damit ist letztlich nicht widerlegt, dass es nicht Anzeichen für weibliche Schreibe geben könnte. Ich für meinen Teil möchte nicht abstreiten, dass es auch in anderer Hinsicht Eigenschaften gibt, die bei den Damen dieser Welt mit größerer Regelmäßigkeit anzutreffen sind als bei den Herren. Genau wie umgekehrt. Was keine Ausschließlichkeit bedeutet. Und keine Wertung.

Und möglicherweise gibt es etwas wie eine weibliche Sichtweise auf die Dinge (die ebenso Männern eigen sein kann), die sich im geschriebenen Text wiederspiegeln kann.

Ich habe keine Ahnung und es spielt für mich letztlich keine Rolle. Sowohl als Leser als auch als Lektor haben mich bisher Texte beiderlei Geschlechts beeindrucken können. Am anderen Ende der vielzitierten Fahnenstange gibt es ebenfalls keinen Unterschied: Sowohl Autorinnen als auch Autoren können die gleichen Schwächen in ihre Texte schreiben.

Dennoch freue ich mich, euch ein Fundstück zu präsentieren, das Marc Oliver Bischoff den Montsegúrlern dargebracht hat:

Bei „Das Geschlecht der Literatur“ könnt ihr selbst austesten, ob ihr neun Texte jeweils einem Urheber oder einer Urheberin zuordnen könnt. Ob und welche Schlüsse ihr daraus zieht, sei natürlich ganz euch überlassen.