Die Sonnenfeste

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Die Sonnenfeste“, die in der wirklich großartigen Anthologie „Geschichten eines Krieges“ erschienen ist.

Linnan ist der Sohn des Festungskommandanten und bekommt endlich die Möglichkeit, sich in der Schlacht zu beweisen, seinen Vater stolz zu machen und sich den Namen eines Kriegers zu verdienen. Doch im Krieg gibt es nicht nur Sieger.

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Eindringlinge

Vater verstand es, mir die Sorgen zu nehmen und sie durch Stolz zu ersetzen.
„Bald schon wird Hartos Sohn Herti heißen und Linnan ist für immer vergessen!“
Allein dieser Satz aus seinem Mund sorgte für ein breites Grinsen in meinem Gesicht, obgleich ich mich bemühte, einen grimmigen Ausdruck zu wahren.
„Trink, mein Sohn! Bald schon steht der Feind vor den Toren unserer Sonnenfeste! Bald schon wirst du zum Krieger und zum Manne reifen.“ Er hob seinen Krug und stieß mit mir an. Er trank, stand auf, den Krug erneut hoch erhoben, und rief in die Runde: „Singt, Kameraden, denn große Taten sollen folgen!“
Rundherum sprangen die Männer von ihren Schemeln, streckten die Krüge von sich, stampften den Takt mit den Stiefeln und brüllten:

„Wohlan, ihr Krieger, schärft das Schwert,
im Kampf zeigt sich des Mannes Wert!
Die Waffen scheuen kein Versteck,
auf dass der letzte Feind vereck.

Ob hier, ob dort, ob Troll, ob Ork,
ob früh, ob spät, nur keine Sorg‘,
wir stürmen nieder von den Türmen,
weh dem Gewürm dem wir erst zürnen!

Die Klingen vor, setzt euch in Marsch,
stoßt sie den Feinden in den Arsch!“

Danach lachten und brüllten sie noch lauter und ließen den Festungskommandanten hochleben. Mein Vater verbeugte sich in einer gespielten Geste und setzte sich wieder. Zu mir gewandt sang er noch einmal:

„Die Klingen vor, setzt euch in Marsch,
stoßt sie den Feinden in den Arsch!“

Sein Lachen polterte. Er soff den Krug in einem Zug leer und rief nach dem Wirt. Ich beeilte mich, mit ihm gleichzuziehen. Der Met lief mir aus den Mundwinkeln aufs Hemd. Wie gern hätte ich das Lied jetzt schon mitgegrölt. Nicht heimlich mit den Jungs, sondern hier, ganz offen in der Wirtsstube, gemeinsam mit den gestandenen Kriegern.
„Sie werden schon sehen, was sie davon haben!“, sagte Vater, nachdem der Wirt zwei neue Krüge auf den Tisch gestellt hatte. „Du hast Glück, Linnan, hörst du. Verdammtes Glück!“
Er beugte sich zu mir herüber. „Immerhin schien es seit einigen Jahren, als hätten wir die Orks endgültig aus Manlant vertrieben. Lange schon stießen unsere Jagdtrupps nicht einmal mehr auf vereinzelte Banden. Der Sieg gebührte den freien Völkern. Der Frieden war gut für die Bauern.“
Er beugte sich noch weiter vor. „Doch du und ich, wir sind keine Bauern. Und meine Sorge wuchs, Linnan, du müsstest diesen Namen, den dir deine Mutter gab, noch viele Jahre tragen, weil du dich nicht als Krieger beweisen könntest.“
Er seufzte. Dann fasste er meine Hand und mir wurde warm ums Herz.
„Aber die Orks sind zurückgekehrt!“
Er drückte meine Hand fester. „Irgendwo weit nördlich unserer Grenzen haben sich diese Bestien zusammengerottet und ihre stinkende Brut gezeugt. Morgen werden sie die Sonnenfeste erreicht haben und dann endlich wirst du zeigen, dass dein zukünftiger Name der eines Kriegers sein soll.“
Er lehnte sich zurück. „Sie werden ihre Dreistigkeit bereuen! Hier wird ihr Vormarsch zu Ende sein. Wir werden dafür sorgen, dass dieses Gewürm sich nie wieder in unseren Breiten blicken lässt!“

Ja, das wollte ich! Ich, Linnan, Sohn der Lind, wollte Herti, Sohn des Harto werden.
Jetzt hatten die Schauergeschichten der Kindheit keinen Platz mehr. Ich hatte noch nie einen Ork gesehen. Seit ich denken konnte, war der Krieg bereits weit von der Sonnenfeste entfernt gewesen und schließlich siegreich zu Ende gegangen. Seit ich im letzten Sommer mein sechzehntes Lebensjahr vollendet hatte, war ich zweimal mit den Kriegern aufgebrochen, weil Gerüchte besagten, man habe Orks im Norden gesehen. Beide Male war meine Anspannung umsonst gewesen.
Nun würde ich dem Feind gegenübertreten! Nach dem Lied der Krieger und den Worten meines Vaters sah ich keinen Grund, diese Kreaturen zu fürchten. Sicher, das war kein Kinderspiel mehr, aber ich freute mich darauf, hässliche Orkfratzen zu spalten. Ich würde den Festungskommandanten, meinen Vater, nicht enttäuschen!

Die Abendluft ließ mich erzittern. Ich biss die Zähne zusammen. Ein Krieger konnte schließlich nicht vor der Kälte auf den Festungsmauern kapitulieren. Dabei war es beruhigend, den Wind für die schlotternden Beine verantwortlich zu machen, nicht das Heer von Fackeln, das sich auf den Feldern vor der Feste versammelt hatte. Die Gestalten wirkten winzig, aber es waren so unglaublich viele. Die Gesänge, die aus ihren Kehlen bis zu uns herüberschallten, fraßen an meinem Mut. Die Signalhörner der Feinde zerrten an meinem Verstand. Ihre Trommeln brachten mein Herz aus dem Takt. Zum Warten verdammt. Warten auf den Angriff!

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Dies sind die Geschichten eines Krieges:

Chronisten schreiben über die stolzen Kämpfer, die für Land, Glaube oder König in den Krieg ziehen. Barden besingen ihre Heldentaten in Liedern.

Doch die wahrhaft großen Dinge ereignen sich unbemerkt und in aller Bescheidenheit.

Hier geht es um die Helden, die nicht in vorderster Reihe stehen. Die Wesen, die durch den Krieg gezwungen werden, oft sehr unkonventionelle Wege zu beschreiten und die mit viel List um ihr Leben und um das ihrer Angehörigen kämpfen.

Egal ob Mensch, Elf oder Monster, all diese Kreaturen haben ein gemeinsames Ziel: Überleben!

Lesen Sie selbst, über die Helden, die nie als Helden besungen wurden …

Drachenkinder (Hrsg.)
Geschichten eines Krieges
broschiert, 384 Seiten
vph-Verlag 2008
ISBN 978-3-937544-08-3

Auf der Internetseite zum Buch findet ihr auch eine Leseprobe aus „Das Glockenspiel“ von Andreas Wölfle.

26 Autoren haben zu diesem spannenden Thema Geschichten beigetragen.

Andreas Wölfle
Birgit Erwin
Klaus Mundt
Bianca Plate
Robert Heracles
Thomas Krings
Eva Fenslage
Tom Cohel
Philipp Bobrowski
Stefanie Behm
Nina Horvath
Nora Strasser
Isabella Schuler
Karin Kehrer
Peter Hohmann
Stefan Warnecke
Carsten Zehm
Esther Schmidt
Christel Scheja
K. D. Sopha
Lars Neger
Arno Endler
Maximilian Weigl
Nathalie Gnann
Friederike Stein
Torsten Scheib


Der BuCon war zu kurz

Mit etwas Verspätung will ich nun noch vom Samstag in Frankfurt, genauer in Dreieich, berichten.
Im dortigen Bürgerhaus findet alljährlich parallel zur Buchmesse der / die Buchmesse Con statt. Das ist sozusagen eine (stark) verkleinerte Ausgabe der Buchmesse, die sich speziell an Freunde der phantastischen Literatur richtet. Und es ist der jährliche Haupttreffpunkt der Geschichtenweber geworden.

Kurz nach 11.00 Uhr lenkte ich meine brave Karre auf den Parkplatz des Bürgerhauses. Nachdem ich mir am Einlass das übliche Tütchen mit kleinen Präsenten und Werbeprospekten abgeholt hatte, fand ich mich unter den ersten Frühconventlern, zu denen leider weder ein Geschichtenweber noch eine mir sonst irgendwie bekannte Person gehörte.

Also nach einer kleinen Inforunde erst einmal zurück an die frische Luft und rauchenderweise auf bekannte Ankömmlinge warten. Als erstes tauchte Nina Horvath auf, quasi direkt aus dem Liegewagen des Zugs aus Wien. Wir gingen gemeinsam wieder in den großen Saal, setzten uns mit zwei Käffchen an einen freien Tisch und harrten der Geschichtenweber, die da noch kommen sollten.

Jörg Olbrich: Das Erbe des Antipatros
Jörg Olbrich: Das Erbe des Antipatros

Das wurden schließlich eine ganze Menge. Rund 40 Forenkollegen und -kolleginnen trudelten im Laufe des Tages ein. Unser Stand wurde direkt neben dem des Scratch-Verlags mit Büchern und Naschereien drapiert. Natürlich musste ich mir beim Nachbarn gleich den Debütroman von Geschichtenweberadmin Jörg Olbrich anschauen, „Das Erbe des Antipatros„, von dem ich mir später auch ein signiertes Exemplar mitnehmen durfte.

Sehnsüchtig erwartet wurde Timo Bader, nicht zuletzt, weil er die neuen Geschichtenweber-T-Shirts mit sich führte. Bald darauf wurde es viel leichter, Geschichtenweber von Nicht-Geschichtenweber zu unterscheiden. Dennoch gab es Geschichtenweber in allen Farben zu sehen, ein recht butes Treiben.

Die GW-Shirts (Foto: Nina Horvath)
Die GW-Shirts (Foto: Nina Horvath)

Natürlich gab es nicht nur Geschichtenweber auf der Con. Einige der Conbesucher hatte ich schon am Vortag auf der Buchmesse oder beim Galaktischen Forum getroffen, mit anderen gab es ein exclusives Wiedersehen in Dreieich.

Und natürlich fiel es wieder schwer, sich einerseits zwischen den vielfältigen Programmpunkten, andererseits zwischen Programm und Gesprächen zu entscheiden. Ich besuchte schließlich die Lesungen von Christoph Hardebusch und Thomas Finn und konnte mich freuen, dass ich Markus Heitz stattdessen am gestrigen Mittwoch bei seiner Lesung in Rostock besuchen durfte (dazu mehr an anderer Stelle).
Sehr interessant auch die Podiumsdiskussion zum Thema, ob sich in der Zukunft der Fantasyliteratur die angeblich guten Autoren endgültig gegen den angeblichen Trash des Genres durchsetzen werden.

Schließlich stand noch die Verleihung des Deutschen Phantastikpreises an, der in diversen Kategorien vergeben wurde. Während Markus Heitz in der Kategorie Bester deutschsprachiger Roman gleich mal den zweiten und den ersten Platz belegte, wurde die Anthologie „Die Unterirdischen“ der Geschichtenweber auf Platz 2 in der Kategorie Beste deutschsprachige Anthologie gewebt. Auch in der Anthologie, die es auf Platz 3 schaffte, Drachenkinder: „Geschichten eines Krieges“, bin ich mit einer Geschichte vertreten.

Die beiden Höhepunkte des Tages (jedenmfalls für mich) sollten jedoch erst noch folgen.
Zunächst gleich im Anschluss an die Preisverleihung die Lesung der Geschichtenweber! Trotz vorgerückter Stunde füllte sich das sogenannte Hangardeck, in dem sechs Geschichtenweber von vorn und einer aus dem Publikum die aktuellen Veröffentlichungen vorstellten sowie einen Ausblick auf die Zukunft gaben. Das Alles im fünften Bestehensjahr der Autorengruppe.

Lesung der Geschichtenweber (Foto: Simone Edelberg)
Lesung der Geschichtenweber (Foto: Simone Edelberg)

Den Anfang machte Timo Bader, der nach der Vorstellung ein paar Worte zu „Darwins Schildkröte“ verlor, um dann einen Ausschnitt  seiner Geschichte daraus vorzutragen. Zur Verstärkung hatte er sich einen zweiten Leser auf die Bühne geholt: mich! Warum er mir den Text nicht vorher schon in die Hand gedrückt hatte, wurde mir allerdings erst jetzt klar: Ich las die Rolle eines überaus hässlichen, haarigen 200-Kilo-Außerirdischen!
Nachdem das sowohl im Publikum als auch am Lesetisch für viel Belustigung gesorgt hatte, stellte Wolfgang Schroeder quasi inkokgnito aus den Reihen der Zuschauer die Krimianthologie „Mord in jeder Beziehung“ vor, aus der Berta Berger (wieder von vorne) mit einer Probe ihres Beitrags sicher auch den ein oder anderen eingefleischten Phantastik-Freak neugierig machen konnte.
Nina Horvaths Begeisterung allein sollte Überzeugung genug gewesen sein, als sie mit strahlendem Lächeln die druckfrischen „Metamorphosen“ präsentierte und mit noch strahlenderem aus ihrer Geschichte las.
Schließlich erfuhren die Anwesenden von Tatjana Stöckler noch alles Wissenswerte zur fast schon erschienenen Anthologie „Spukhaus zu vermieten“ und Maike Schneider bot mit ihrer Geschichte einen eindrucksvollen Vorgeschmack.

Geschmack war auch das Stichwort für den zweiten persönlichen Höhepunkt, das alljährliche gemeinsame Abendessen der Geschichtenweber nach der Con. Das Restaurant Alt Sprendlingen bot beim „Lendchenabend“ auch diesmal wieder leckeres Essen und gemütliche Atmosphäre für einen gelungenen Abschluss der viel zu kurzen Veranstaltung.

Weitere Bilder und Berichte gibt es unter anderem von der großartigen Simone Edelberg hier und hier sowie vom Freund eines Freundes hier.