Die Statistik für Glaubwürdigkeit

© Semisatch
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Des Autors Pflicht ist es, auf die Glaubwürdigkeit seiner Figuren zu achten. Ich bin mit Sicherheit wenigstens der Vorvorletzte, der das bestreiten würde. Doch der Autor kann sich in dieser Hinsicht so viel Mühe geben, wie er will, bei manchen wird er dennoch auf die Schnauze fallen.

Ja, manchen Leser wird man nie und nimmer überzeugen (es sei denn man, schreibt eine neue Geschichte mit neuen Figuren).

Ein Beipiel las ich gerade auf einer Internetseite (die mir schon in anderer Hinsicht aufgefallen war). Dort wurde die Glaubwürdigkeit einer Figur bezweifelt, die sich diese Zweifel allein aufgrund der Tatsache zuzog, dass sie eine weibliche Serienmörderin war. Die Statistik beweise schließlich, dass nur einer von zehn Serienmördern eine Frau sei. Zudem ginge diese eine dann weniger brutal vor als ihre männlichen Berufskollegen, täte dies außerdem aus anderen Motiven.

Morden ist wie Fußball spielen

Die Statistik dürfte nicht einmal falsch sein. Wie auch eine Statistik, die belegt, dass deutlich weniger Frauen Fußball spielen als Männer. Eine Fußballerin als Protagonistin wird dadurch nicht unglaubwürdig, selbst dann nicht, wenn sie aus extrem ungewöhnlichen Motiven Fußball spielt. Entscheidend ist, dass für den Leser eben diese Motive nachvollziehbar sind, wenn er sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass Fußball spielende Frauen keine vollkommene Unmöglichkeit darstellen.

Doch zurück zur Serienmörderin: Selbst wenn die Motive, die sie zu ihren Verbrechen trieben, nachgewiesenermaßen noch bei keiner Frau vorgekommen wären, ja, sogar dann, wenn Psychologen erklären würden, diese Motivation entspräche nicht dem realistischen Denken einer Täterin, bliebe der Gradmesser für die Glaubwürdigkeit dieser Figur einer, der sich nur innerhalb des von der Fiktion vorgegebenen Rahmens ansetzen ließe.

Statistik ist also ein seltsamer Beweis für fehlende Glaubwürdigkeit. Kaum weniger seltsam als der, der das eigene Verhalten als Ansatzpunkt nimmt. Wenn Herr Schmidt dem Autor erklärt, er würde sich anders verhalten haben als die Figur, dann darf der Autor gern antworten, dass er das berücksichtigen würde, sobald er einmal das Bedürfnis hätte, eine Geschichte über Herrn Schmidt zu schreiben.

Ein Kinderbuch über den Tod?

Der Hinstorff Verlag hat sicher nicht so viele Auszeichnungen und Preise gerade im Kinderbuchbereich bekommen, weil er ganz gewöhnliche Bücher für die Kleinen publiziert.

Dennoch musste ich bei der folgenden Pressemitteilung zunächt ein bisschen schlucken. Wie macht man ein gutes Kinderbuch über den Tod? Ist das überhaupt ein Thema für ein Kinderbuch? Und kann man es möglicheweise auch noch skurril angehen?

Aber mich persönlich hat die Pressemitteilung überzeugt. Ja, vielleicht ist es gerade dieses Buch, das bisher auf dem Kinderbuchmarkt gefehlt hat.

Daher für euch die ungekürzte Pressemitteilung:

Hinstorff mit einem etwas anderen Kinderbuch:

Der Mann, der lieber tot sein wollte

Von einem Mann, der ohne seine Frau lieber tot sein wollte

Ein Mann legt sich in seine Wohnung und hält die Luft an, weil er keine Lust zum Leben mehr hat — das ist ein wenig eigenartig. Ein Mann, der sogar ausprobiert, in welchem Sarg es sich am besten liegt und am Ende in einer Wäschetruhe auf seinen Tod wartet — das ist sehr ungewöhnlich. Skurril und liebevoll zugleich, voller Wärme und Humor erzählt Thomas Rosenlöcher in seinem bei Hinstorff erschienenen Kinderbuch „Der Mann, der lieber tot sein wollte“, wie bei aller Trauer fast zwangsläufig immer wieder die Fragen des Lebens bestimmend werden.

Schimpfkäse heißt er, der außergewöhnliche Mann. Er trauert, weil ihn seine Frau verlassen hat und zu einem anderen Mann gegangen ist. So ohne seine Frau und ihre Nudelsuppe will er nicht mehr leben und legt sich auf den Wohnzimmerteppich, um zu sterben. Doch Herr Schimpfkäse findet keine Ruhe, die „letzte Ruhe“ schon gar nicht: Erst rettet er eine halbtote Fliege, dann wird er von den Kindern im Hof zum Fußballspielen eingeladen. Schließlich geht er zum Bestattungsinstitut, denn „erst im Sarg hatte der Mensch seine Ruhe“, denkt sich Herr Schimpfkäse. Doch weit gefehlt, die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung …

Jacky Gleich illustriert erfrischend, nimmt Rosenlöchers Humor auf, schafft aber zugleich auch eine weitere Ebene: Überall finden sich Fußbälle. Deuten diese an, warum Herr Schimpfkäse von seiner Frau verlassen wurde? War ihm vielleicht Fußball wichtiger als die Frau? Oder hat die Frau nicht erkannt, dass sie mindestens genauso wichtig war für ihren Mann?

Ein warmherziges Buch für warmherzige Menschen ab fünf Jahren, die wissen, wie schön das Leben sein kann. Und auch ein Buch für diejenigen, die gerade mal traurig sind und nicht so recht wissen, was sie wissen sollten …

Bibliografische Angaben:
Thomas Rosenlöcher (Text) / Jacky Gleich (Illustrationen)
Der Mann, der lieber tot sein wollte
Hinstorff Verlag, 12,90 Euro / sFr 23,00
24 Seiten, Hardcover, ab 5 Jahren
ISBN 978-3-356-01389-4

Autor:
Thomas Rosenlöcher, geboren 1947 in Dresden, lebt heute vor allem im Erzgebirge. Er schreibt Gedichte, Essays, Reisebeschreibungen und Texte für Kinder. Im Hinstorff Verlag erschienen von ihm die bereits mehrfach ausgezeichneten Bilderbücher „Das langgestreckte Wunder“ und „Der Mann, der noch an den Klapperstorch glaubte“.

Illustratorin:
Jacky Gleich, geboren 1964 in Darmstadt, lebt mit ihrer Familie in Mecklenburg. Zu ihren mittlerweile über 60 Büchern, die sie mit ihren Zeichnungen ausstattete, zählen Bände von James Krüss, Günter Grass, Friedrich Schiller, Doris Dörrie, Amelie Fried und David Grossmann. „Der Mann, der lieber tot sein wollte“ ist das achte von Jacky Gleich illustrierte Kinderbuch im Hinstorff Verlag. Alle ihre bisher hier veröffentlichten Titel erhielten Auszeichnungen.