Klassiker vor Gericht

Der Mörderin fehlt scheinbar jedes Motiv. Ihr Opfer: ein ihr völlig fremder Mann. Des Rätsels Lösung findet sich erst durch eine weitere Frau. Die beiden haben sich bei einer Zugfahrt kennengelernt und sich ihr Leid geklagt. Beide waren ihrer Ehemänner überdrüssig und vereinbarten, jeweils den der anderen zu ermorden, um sich gegenseitig mit dem perfekten Mord ihrer Sorgen zu entledigen.

Ein junger Mann wird von einem reichen Herrn beauftragt, dessen Sohn nach Hause zurückzuholen, der sich auf Kosten des Vaters im Ausland amüsiert, statt sich seinen Verpflichtungen daheim zu stellen. Die Suche gestaltet sich erfolgreich, doch der Gesuchte überzeugt den jungen Mann, es sich gemeinsam mit ihm gut gehen zu lassen und die Jugend zu genießen. Fasziniert von Leben und Wohlstand des Berufssohns, versucht der Mann schließlich den Gesuchten zu ermorden und sich als er auszugeben.

Klar, weiß jeder sofort, von welchen beiden „Fällen“ ich spreche. Letzterer wurde von Fernsehrichter Alexander Holt verhandelt, ersterer ist schon etwas länger her und mein etwas löchriges Gedächtnis erinnert sich nicht mehr, ob auch Holt oder eine(r) seiner Kollegen/innen den Vorsitz hatte.

Wie, ein Roman? Ein Film? Na so was. Das wäre ja seltsam.

Da soll es doch Leute geben, die noch immer glauben, Sat.1 stelle ein paar Kameras in einen echten Gerichtssaal während einer echten Verhandlung. Und die Kameraleute seien zufällig auch immer dabei, wenn etwas Aufregendes im Flur, der Garage oder auf dem Klo passiert. Oder zumindest seien es echte Fälle, die von den Produzenten nachgestellt würden.

Nun müssen also selbst die, die zähneknirschend akzeptiert haben, dass die ach so authentischen Fälle aus der Feder von Skriptautoren stammen, die sich ihrerseits mit der meist diletantischen schauspielerischen Umsetzung ihrer Drehbücher abgefunden haben, mit dem Gedanken leben, dass eben diesen Autoren ihre Ideen manchmal auf seltsamen Kanälen zufliegen und sie sich nicht einmal die Mühe machen, dies nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

Nennt man das Inspiration? Nun ja, es reicht jedenfalls, um sich in der Mittagspause die Werbeunterbrechungen bei „Two and a Half Man“ auf ähnlich amüsante Weise zu vertreiben.

Bleibt nur die Frage, ob dieses Phänomen für den Realismus der Vorlagen spricht oder ob sich die Fernsehmacher um eben diesen Realismus einen Dreck scheren.

Das Über-Ich

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Das Über-Ich“, die in der Geschichtenweber-Anthologie „Optatio Onyx – Wünsche des Verderbens“ im Web-Site-Verlag erschienen ist.

Adrian fehlen vor allem zwei Dinge: Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus glänzt er nur durch Schüchternheit. Als er sich durch ein Kaufhaus in Frankfurt schleicht, um die Bedürfnisse seiner geschenksüchtigen Frau zu befriedigen, wird er fast von einem Mann überrannt, der vor einer Rockerbande flüchtet.
Adrian findet einen geheimnisvollen Armreif, den vermutlich der Verfolgte verloren hat. Von nun an wird sich sein Leben gründlich ändern.

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Adrian begann den Haufen nutzlosen Krams zu durchsuchen, der sich zu Schleuderpreisen vor ihm auftürmte: bunte Kämme, grüne und rote Plastikbecher, Haarspangen in allen Farben … Nichts davon taugte auch nur annähernd für den erwarteten Liebesbeweis. Dann sah er diesen schwarzen Stein zwischen der Billigware glänzen. Er griff danach und zog einen Armreif hervor. Das war es wohl, was dem armen Mann vom Handgelenk gefallen war. Er sah ein wenig zu wertvoll aus für einen Wühltisch: ein schwarzer halbmondförmiger Stein mit weißen Verzierungen. Adrian kannte sich mit Schmuck nicht aus und hatte keine Ahnung, um welche Art Stein es sich handeln könnte. Nur wusste er, dass er ihn eigentlich seinem Besitzer zurückbringen müsste. Als er an den Verfolgten dachte, fröstelte ihn.

Er strich mit dem Finger über den Reif und ein leichtes Kribbeln breitete sich in seiner Hand und dann in seinem Arm aus. Vielleicht sollte er erst einmal sicher gehen, ob der Armreif nicht doch schon hier gelegen hatte. Er ging zur nächstgelegenen Kasse und stellte sich ans Ende der Schlange.

»Entschuldigung?«
Die Kassiererin hatte sich, als er an der Reihe war, zu einer Kollegin umgedreht und begonnen über ein Telefonat mit ihrem Liebsten zu erzählen. Jetzt drehte sie sich zu ihm um und musterte ihn genervt.
»Entschuldigen Sie bitte, ich will wirklich nicht lange stören. Ich wollte nur fragen, ob dies hier«, er zeigte den Armreif vor, »zu Ihrem Sortiment gehört.«
»Wo haben Sie es denn gefunden?«
»Dort auf dem Wühltisch.«
Die Kassiererin zögerte einen Moment, ließ den Blick ihrer rehbraunen Augen noch einmal an Adrian heruntergleiten, strich dann ihr blond gefärbtes Haar zurück und sagte: »Natürlich gehört das zu unserem Sortiment.«
»Es ist nur, weil kein Preisschild dran war.« Seine Stimme wurde immer leiser. Er fingerte am Gestell seiner Brille herum. »Und dann war da dieser Mann, der …«
»29,99.«
»Wie bitte?«
»Es kostet neunundzwanzig Euro und neunundneunzig Cent.«
Die Kollegin der Kassiererin versuchte ein Kichern zu unterdrücken.
»Sind Sie sicher?«
»Wollen Sie es nun kaufen oder nicht?« Die Verkäuferin machte Anstalten, sich wieder umzudrehen.
»Hier wollen auch noch andere Leute einkaufen«, hörte Adrian eine keifende Stimme hinter sich. Er drehte sich gar nicht erst nach ihrer Besitzerin um, kramte das Portemonnaie aus der Innentasche und zählte dreißig Euro auf den Kassentisch. »Stimmt so, vielen Dank.«

Warum war er nur immer so ein Weichei? Er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als wenigstens ein bisschen selbstbewusster zu sein. Er blieb stehen, drehte sich um, ging zurück. Diesmal stellte er sich nicht an. Und er sprach so laut, dass es die gesamte untere Etage hören musste.
»Wissen Sie, Sie können das Geld behalten. Kaufen Sie sich etwas Schönes dafür. Aber denken Sie nicht, ich hätte nicht bemerkt, dass Sie mich verarscht haben. Was sind Sie nur für eine erbärmliche Kreatur. Glücklicherweise komme ich nicht aus Frankfurt, denn bei Ihnen wollte ich sicher nicht noch einmal einkaufen!«

Er fühlte sich gut, fühlte sich … so hatte er sich noch nie gefühlt. Sicher, irgendwie. Stark, ein bisschen. Er störte sich nicht daran, was die Kaufhausangestellte jetzt von ihm dachte. Ihn störten auch die Blicke der anderen Kunden nicht, die ja nicht wissen konnten, warum er gerade so laut geworden war. Ja, er war laut geworden. Wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben. Und er konnte sich gar nicht erklären, warum.

Jedenfalls hatte er jetzt die richtige Kleinigkeit für Isabell. Natürlich wusste er, dass der Armreif eigentlich dem armen Verfolgten gehören musste. Doch selbst um den wollte er sich jetzt nicht weiter kümmern. Was ging ihn das Leid des Fremden an? Adrian hatte keine Lust, weiter durch Frankfurts Einkaufszentren zu latschen. Außerdem war er gerade dreißig Euro für den Armreif des Mannes losgeworden. Er hatte ihn also rechtmäßig erworben. Und er musste zum Bahnhof.

Er hatte eine Platzkarte für einen Sitz im Nichtraucherabteil am Fenster in Fahrtrichtung. Es war nicht ungewöhnlich, dass es Menschen gab, die darauf keine Rücksicht nahmen. Schon auf der Hinfahrt am Freitag hatte er seinen Platz einer dicken Frau überlassen müssen, weil er es einfach nicht übers Herz gebracht hatte, seinen Anspruch geltend zu machen. Diesmal saß ihm ein junger Mann etwa in seinem Alter im Weg und rauchte. Alle anderen Plätze waren noch frei, schließlich fuhr der Zug erst in knapp zwanzig Minuten.
»Guten Tag. Sie sitzen auf meinem Platz.«
Der Raucher blickte ihn amüsiert an. »Das tut mir leid. Aber vielleicht könnten Sie sich woanders hinsetzen? Es ist ja alles frei. Und mir wird schlecht, wenn ich nicht am Fenster sitzen kann«, sagte er, und als er dem Blick Adrians zum zweiten Fensterplatz folgte, fügte er noch hinzu: »In Fahrtrichtung.«
Adrian war ganz ruhig. »Sehen Sie, guter Mann: Eigentlich ist es mir scheißegal, ob Ihnen von Ihrem Platz oder Ihrer Zigarette schlecht wird. Solange es nicht auf dem Platz geschieht, den ich reserviert habe. Da sitze nämlich ich. Sie dürfen also aufstehen, das Fenster öffnen, Ihren Glimmstängel dort hinauswerfen, Ihre Sachen packen und sich einen anderen Fensterplatz in Fahrtrichtung suchen.«
Sein Gegenüber öffnete den Mund, fragte dann aber nicht einmal nach dem Beweis für die Reservierung und tat – in der vorgegebenen Reihenfolge – wie ihm geheißen.
Adrian war selbst verwundert über seine Worte. Doch er fühlte sich dabei sehr wohl. Wie schön wäre es, dachte er, wenn ich das Abteil bis Marburg für mich hätte.

Das war freilich sehr unwahrscheinlich, denn an der Reservierungstafel konnte er ablesen, dass auch die anderen fünf Plätze ab Frankfurt belegt waren. Immerhin schienen das auch die Fahrgäste zu akzeptieren, die sich nun in immer kürzeren Abständen an der Abteiltür vorbeischleppten. Doch als der Zug endlich anruckte, selbst als er den Frankfurter Bahnhof schon eine Weile verlassen hatte, waren die anderen Plätze noch immer nicht besetzt. Vielleicht sind meine Mitreisenden krank geworden, mutmaßte Adrian. Oder verstorben. Das nenne ich Glück. So lässt es sich reisen.

Tatsächlich blieb er bis Marburg allein. So ließ es sich auch verschmerzen, dass er überhaupt mit dem Zug fahren musste. Isabell hatte das Auto gebraucht, weil sie gestern Abend ihre Freundin Marla in Cölbe besuchen wollte. Cölbe! Dahin hätte sie auch zu Fuß gehen können. Während er zur Weiterbildung nach Frankfurt in den überfüllten Zug steigen musste, reiste sie die paar Kilometer in seinem Passat. Aber er ließ ihr ja immer ihren Willen, riss sich den Arsch auf für Madame. Doch damit sollte jetzt Schluss sein.

Bisher hatte er sich eingeredet, er könne froh sein, überhaupt eine solche Traumfrau geehelicht zu haben, und müsse ihr, allein um sie zu halten, jeden Wunsch von den Augen ablesen. Er war aus allen Wolken gefallen, als sie ihm – wenn auch ein bisschen beschwipst – vor genau zwei Jahren und zweihunderteinundzwanzig Tagen ihre Liebe eingestanden hatte, war er doch noch einen Tag zuvor im Glauben gewesen, er sei in der Herrenboutique des Lebens der Ladenhüter schlechthin.

Jetzt war er sich sicher, dass er sich bis heute eindeutig unter Wert verkauft hatte. War nicht Isabell der beste Beweis dafür, dass er gar nicht so ein unattraktiver Kerl sein konnte? Musste sie nicht eigentlich froh sein, jemanden wie ihn ergattert zu haben?

Der Zug fuhr auf dem Marburger Bahnhof ein. Adrian wartete nicht wie üblich, bis sich alle anderen Fahrgäste, die hier aussteigen wollten, an seinem Abteil vorbeigedrängt hatten. Als er seine Sachen beisammen hatte, öffnete er die Tür zum Gang und schob sich direkt vor einer älteren Dame hinaus.
»Müssen Sie so drängeln, junger Mann? Haben Sie denn keine Achtung vor dem Alter?«
»Apropos Alter«, antwortete Adrian. »Wo wollen Sie denn in Ihrem Alter noch so eilig hin? Die Endstation erreichen Sie doch noch früh genug.«
Das ungläubige Kopfschütteln der Oma brachte ihn zum Lachen. Überhaupt fühlte er sich prächtig. Er war ein ganz neuer Mensch, seit … ja, seit er diesen merkwürdigen Armreif gekauft hatte.

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Optatio OnyxTimo Bader (Hrsg.)
Geschichtenweber: Optatio Onyx – Wünsche des Verderbens
Hardcover, 240 Seiten
Web-Site-Verlag, 2005

Klappentext:

Ein Armreif aus Onyx, beseelt von einer bösen Macht …

Ruhelos, von einem dunklen Fluch vorangetrieben, wandert er durch die Welt. Weder die Tiefen des Meeres noch der raue Wind in den Bergen werden ihn jemals aufhalten können, einen Träger zu finden, der seinem Bann erliegen wird. Wenn sein dunkler, geheimnisvoller Glanz ruft, kann niemand an ihm vorüber gehen.

Vor vielen Jahrhunderten gerieten Worte in Vergessenheit, die unsere Urahnen einst in ihrem Herzen trugen:

»Sei gewarnt, Fremder, ihn an dich zu nehmen und mit einem unbedachten Wunsch zum Leben zu erwecken! Denn dann beginnt das finstere Spiel … Plötzlich wird das Undenkbare Wirklichkeit, und kein Verlangen ist zu bizarr, als dass du es vor ihm verbergen könntest … Prüfe deinen Wunsch, Unglücksseliger, denn er könnte in Erfüllung gehen! Verflucht ist er und verflucht sei deine Arroganz, ihn für ein Geschenk der Erde zu halten – den Stein der Egoisten. Verlasse dich nicht auf das Glück, das er dir schenken wird – hast du doch ebenso das Unglück heraufbeschworen …«

Dunkel ist der Fluch, den der Armreif birgt. Jeder Wunsch erfährt eine schreckliche Entstellung. Und jeder Traum, den er erfüllt, führt den Träumenden einen Schritt näher zum Abgrund …

Timo Bader: Das Erbe des Schlangenkönigs
Philipp Bobrowski: Das Über-Ich
Marion Charlotte Mainka: Und kein Makel ist an ihr
Claudia Hornung: Im Zeichen des dunklen Herrschers
Joachim Ranc: Die Zeit der schwarzen Tränen
Mandy Schmidt: Im Reich der Tukona
Claudia Donno: Der perfekte Mann
Ruth Borcherding-Witzke: Sisyphus
Marlies Eifert: Till, der Maler
Jörg Olbrich: Der Dicke und das Biest

Weitere Informationen, Leseproben und Rezensionen bei den Geschichtenwebern.
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Jungfräulich …

… oder Lügen haben kurze Beine

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Jungfräulich oder Lügen haben kurze Beine“, die in der Anthologie „Der Tod aus der Teekiste“ im Schreiblust-Verlag erschienen ist.

Bruno hat sich für diesen einen Moment aufgespart. Den Moment, in dem er mit einer Frau schlafen wird, die er wirklich liebt und die auch ihn wirklich liebt. Entsprechend überwältigt ist er, als es wirklich geschehen soll. Beim Anblick der nackten Nicole fällt ihm die Kinnlade herunter. Das scheint seiner Angebeteten allerdings weniger gut zu gefallen.

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Nicole hatte Herz und Verstand. Jetzt schaute sie ihn allerdings etwas verstört an, bevor sie sich wegdrehte. Bruno konnte den Blick kaum von ihr abwenden, als er mit den Händen die Bettdecke abtastete. Ihr nackter Körper war makellos, versprach ein Leben in Erfüllung. Bruno versuchte sich zu kontrollieren, zwang seine Augen, die Hände bei der Suche zu unterstützen.

„Was ist mit dir los?“ Nicole schien ein Schluchzen zu unterdrücken.
„Es tut mir leid, mein Schatz.“ Er war selbst überrascht, dass er sich in dieser Situation halbwegs verständlich ausdrücken konnte, obwohl seine Stimme ihren Bass verloren hatte. Sie klang leer und offen. Er lallte ein wenig. „Es ist mir zum ersten Mal passiert. Dein Anblick war zu viel für mich, nach all den Jahren der Enthaltung.“
Nicole drehte sich nicht um.
„Vielleicht könntest du mir suchen helfen.“ In dem schummrigen Kerzenlicht war auf der dunklen Bettdecke nichts auszumachen. Er schaltete die Nachttischlampe ein.
„Das kannst du mir nicht antun“, antwortete Nicole. „Sag Bescheid, wenn du sie gefunden hast.“ Sie griff sich ihre Klamotten und verließ das Schlafzimmer.

Bruno sprang aus dem Bett und begann es zu durchwühlen. Er ärgerte sich. Wieso musste ihm das passieren? Ihm, der sich sein Leben lang für diesen Abend aufgespart hatte? Mit fünfundzwanzig hatten andere Männer – selbst die, die es mit den Frauen weit schwerer hatten als er – bereits viele Jahre sexueller Erfahrungen hinter sich.

Bruno spürte einen beißenden Schmerz in seiner rechten Hand. Er zog sie zurück und lutschte das Blut von seinem Zeigefinger. Doch er fühlte sich erleichtert.
„Ich glaube, ich hab sie!“, rief er durch die offene Schlafzimmertür. Er riss die Bettdecke zurück. Da lag sie. Die rosafarbene Innenseite schaute ihn unschuldig an.

Eine saubere Trennung. Bruno war ein wenig verwundert. Er fasste vorsichtig an den Kehlkopf. Alles wie immer. Langsam tasteten sich seine Finger nach oben. Eine Zehntelsekunde schwebten sie in der Luft, dann befühlten sie die fleischige Unterseite der Zunge.

„Hast du was anderes erwartet?“, dachte Bruno. „Der Rest liegt schließlich vor dir.“ Er griff nach seiner Kinnlade, vorsichtiger jetzt, um sich nicht wieder an seinen Schneidezähnen zu verletzen. Er hob den Unterkiefer auf, ging mit ihm zum Schlafzimmerspiegel. „Kein Wunder, dass Nicole schockiert war“, dachte er, als er sich im Spiegel betrachtete. „Ich sehe ja reichlich blöd aus. Wahrscheinlich wäre es noch schlimmer, wenn ich nicht ohnehin ein fliehendes Kinn hätte.“ Er musste ein wenig kichern, wobei ihm sein Unterkiefer beinah aus der Hand gefallen wäre. Er packte ihn fester und versuchte ihn wieder in seine angestammte Position zu bringen. Er schob, drückte, wackelte, drehte und fummelte – ohne Erfolg. „Natürlich! Kaputtgehen ist leicht, aber für die Reparatur braucht man einen Spezialisten.“

Bruno war zu ungeduldig. Er legte sein Kinn auf den Nachttisch und zog sich an. Dann lief er Nicole nach. „Ich hab das Kinn gefunden. Aber ich krieg es nicht mehr dran. Nicole?“

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Der Tod aus der TeekisteAndreas Schroeter (Hrsg.):
Der Tod aus der Teekiste
… und 30 andere abgedrehte Geschichten

Taschenbuch, 230 Seiten
Schreiblust-Verlag
ISBN: 3-9808278-8-7

„Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen.“ So lautet der Klappentext unseren Buches „Der Tod aus der Teekiste“. Und dieser knappe Rückseiten-Text sagt im Grunde alles aus – wir haben uns für dieses Buch auf die Suche nach originellen Geschichten gemacht, weil wir glauben, dass es schon genug Einheitsbrei gibt. Wieder haben uns – wie schon für unsere Krimi-Anthologie „Madrigal für einen Mörder“ – knapp 400 Geschichten zum Thema erreicht. 31 von ihnen haben den Sprung in dieses Buch geschafft.

Da gibt es einen Mann, der sich auf eine sehr seltsame Beziehung mit seinem Papagei einlässt, eine völlig verkorkste Bewerbungsfahrt oder den „Club der Hässlichen“, um nur einige Beispiele zu nennen. Sogar Jesus kommt vor. Aber lesen Sie selbst …

„Der Tod aus der Teekiste“ ist ein originelle, frische und sehr abwechlungsreiche Anthologie geworden, bei der man vielleicht auf Seite 99 noch lauthals lacht, um direkt nach dem Umblättern einen entsetzten Gesichtsausdruck zu bekommen: Achterbahnfahrt statt Kinderkarussell.

Viele Autoren sind erstmals in einem Buch des Schreiblust-Verlags vertreten. Aber auch einige bekannte Namen, die die Leser schon aus unseren früheren Büchern kennen, sind wieder dabei. Andreas Gruber, Andrea Tillmanns oder Philipp Bobrowski gehören zu ihnen.
Das Cover hat der Dortmunder Grafiker Michael Henke gemacht.

Übrigens, falls Sie den Titel irgendwie seltsam finden sollten: Wir hatten keine Wahl. Und das kam so: Es war einmal eine Assam-Teekiste, die über ein Gewässer schipperte. Aus ihr stiegen ein paar ziemlich kleine, aber bösartige Monster. Und die haben uns befohlen, das Buch so und nicht anders zu nennen … Was sollten wir machen? Aber wir verraten schon wieder zu viel.

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Konrad Reich: Autor, Verleger, Mentor

Wie heute bekannt wurde, ist gestern Konrad Reich mit 81 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Der Verleger, Herausgeber, Buchhändler und Autor, der sich ganz der Literatur verschrieben hatte, der auch mein Mentor war und in dessen Edition mein Debütroman, „Das Lächeln der Kriegerin“ , erschienen ist, hinterlässt eine große Lücke im Literaturbetrieb.

An dieser Stelle möchte ich ihm für alles danken, was er für mich getan hat. Mein herzliches Beileid gilt seiner Frau, Gefährtin und Freundin Lydia Reich.

Besonders möchte ich meinen Bloglesern diesen schönen Artikel aus der heutigen Ausgabe der Ostsee-Zeitung ans Herz legen, der unter dem Titel „Besonnener Verleger mit Haltung und Herzensbildung“ erschienen ist (zum Vergrößern, das Vorschaubild anklicken):

Konrad Reich gestorben

OZ Online

NDR Online

Ostseeblick Nienhagen

Wikipedia

Spannung ohne Sicherheiten oder A Dorn is Born

In Wulf Dorns Debütroman „Trigger“ treffen wir an der Seite der Psychiaterin Ellen Roth auf einen außergewöhnlichen Fall: Eine geschundene und verwahrloste Frau, die sich vom Schwarzen Mann verfolgt fühlt. Mag dies in einer Psychiatrie nicht mehr als ein besonders interessanter Fall sein, wird er in der Folge für Ellen mehr als bedrohlich. Auf unerklärliche Weise verschwindet die Patientin und der Schwarze Mann fordert die Psychiaterin zu einem grausamen Psychospiel.

Dieser Roman bringt alles mit, was ein Psychothriller mitbringen muss und Wulf Dorn wird den Vorschusslorbeeren, die dem Leser auf dem Buchumschlag von den renommierten Kollegen Sebastian Fitzek, Andreas Eschbach und Thomas Thiemeyer entgegenspringen, vollauf gerecht.

Angesiedelt im fiktiven Fahlenberg in Deutschland könnte der Roman dennoch kaum ein exotischeres Setting bieten, denn für die meisten Leser dürfte das Umfeld einer psychiatrischen Klinik allein schon höchst Interessantes und Ungewöhnliches zu bieten haben.

Dabei versteht der Autor sein Handwerk. Er lässt die Orte und Gegebenheiten vor dem inneren Auge des Lesers als Bilder entstehen und zeichnet Figuren, angefangen von der Protagonistin bis hin zu den Nebendarstellern, die für den Leser lebendig werden.

Insgesamt ist die Geschichte stilsicher und routiniert erzählt in einer Sprache, die zum Thriller im Allgemeinen und zu diesem im Besonderen bestens passt. Nur hier und da wünschte sich der Liebhaber eine andere Formulierung oder eine leichte Verknappung.

Genial aber ist die Spannungskurve dieses Thrillers und all die Elemente, die zu dieser beitragen.

Von Beginn an werden Fragen aufgeworfen, die den Leser bei der Stange halten. Schnell nimmt die Geschichte, die sich vermeintlich eng an den Grundkonflikt schmiegt, Fahrt auf und bietet, obgleich scheinbar geradlinig erzählt, einen wendungsreichen Plot.

Allein der Grundkonflikt, der sich dem Leser im ersten Teil präsentiert, ist zwar sicherlich nicht einzigartig, an Spannung und Bedrohlichkeit jedoch kaum zu überbieten: Ein hochintelligenter Psychopath, der es direkt auf die Protagonistin abgesehen hat, ihr immer einen Schritt voraus ist und ihr sowohl physisch als auch psychisch auflauert.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie dicht die Vorahnungen des Lesers an die tatsächliche Entwicklung in der Geschichte heranreichen, denn in jedem Fall bleibt die spannendste Frage die nach dem Motiv und den genaueren Umständen, also die nach dem Warum und dem Wie.

Und wenn die Realitäten immer mehr verschwimmen, taucht die Erzählung in die tiefsten Abgründe menschlicher Psyche hinab.

Fazit:

Wulf Dorns Debüt hält, was andere versprechen. Ein Psychothriller, der zu fesseln weiß, der gleichermaßen echte Spannung und Bedrohung bietet, wie er den Leser in surreale Albträume schickt.

Wulf Dorn: Trigger
Wulf Dorn: Trigger

Wulf Dorn
Trigger
Psychothriller

Taschenbuch
Heyne, 2009
ISBN: 978-3-453-43402-8

Klappentext:

Der Fall einer misshandelten Patientin wird für die Psychiaterin Ellen Roth zum Alptraum: Die Frau behauptet, vom Schwarzen Mann verfolgt zu werden. Kurz darauf verschwindet sie spurlos. Bei ihren Nachforschungen wird auch Ellen zum Ziel des Unbekannten. Er zwingt sie zu einer makaberen Schnitzeljagd um ihr Leben und um das ihrer Patientin. Für Ellen beginnt ein verzweifelter Kampf, bei dem sie niemandem mehr trauen kann. Immer tiefer gerät die Psychiaterin in ein Labyrinth aus Angst, Gewalt und Paranoia. Und das Ultimatum läuft …

Ein nervenzerrender Psychothriller, der seine Leser schonungslos in die Abgründe der menschlichen Psyche zieht.

„Als ob David Lynch einen Roman von Stephen King verfilmt hätte. Großartig!“ (Thomas Thiemeyer)

„Mit Wulf Dorn betritt ein Autor die Bühne, den man einmal einen großen Erzähler nennen wird. Lesen Sie dieses Buch, und Sie werden später einmal sagen können, dass Sie von Anfang an dabei gewesen sind.“ (Andreas Eschbach)

„Ein perfekt recherchiertes Psychothrillerdebüt: Dorn weiß, wie man den Leser an die schweißnasse Hand nimmt und ihn zu den Abgründen der menschlichen Seele entführt. (Sebastian Fitzek)

Leseprobe
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Das Buch ist auch als gekürzte, vom Autor gelesene Hörbuchfassung erhältlich.

Wulf Dorn:

copyright by Frank Riederle
copyright by Frank Riederle

Wulf Dorn, Jahrgang 1969, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr. Seine Kurzgeschichten erschienen in Anthologien und Zeitschriften und wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 1994 ist er in einer psychiatrischen Klinik tätig, wo er in der beruflichen Rehabilitation psychisch kranke Menschen beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Mit seiner Frau und einer Glückskatze lebt er in der Nähe von Ulm.

Homepage von Wulf Dorn

Kalte Krieger

Thomas Pliscjke: Kalte Krieger
Thomas Pliscjke: Kalte Krieger

Nach „Die Zwerge von Amboss“ und „Die Ordenskrieger von Goldberg“ gibt es nun einen weiteren Roman des Hamburgers Thomas Plischke im Piper-Verlag: „Kalte Krieger“.

Im Verlagstext heißt es dazu:

„In Portland verschwindet eine junge Frau spurlos, Menschen erfrieren im Hochsommer – als die Psychologiestudentin Amy Marsden dort ihr Pflichtpraktikum absolvieren will, gerät sie in eine Verschwörung von unüberschaubarem Ausmaß. Gemeinsam mit dem Psychologen Michael Beaumont findet sie heraus, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügt. Denn es gibt sie wirklich: Menschen mit Superkräften! Und sie leben mitten unter uns. Amy muss sich entscheiden, ob sie auf der Seite der Guten oder der Bösen stehen will.

Der fesselnde neue Thriller von Thomas Plischke.“

Der Roman soll offiziell am 21.11.2009 erscheinen. Wer schon mal hineinschnuppern will, findet hier eine packende Leseprobe: Lesen.

Wolf ins Märchen

Demnächst soll mein schon etwas älteres Märchen „Der Wolf und seine Frau“ neben vielen anderen in einem kleinen Märchenbuch erscheinen.

 

Das Buch mit dem Titel „Zauberhafte Herzen“ erscheint im kleinen  und jungen Sperling-Verlag und ist recht kindlich aufgemacht. Dennoch soll es auch erwachsene Märchenliebhaber ansprechen.

Wer schon mal auf den Geschmack kommen möchte, kann mein Märchen auch online lesen. Es ist die wahre Geschichte vom bösen Wolf, der eigentlich ein guter war: