LesBar: Fiktografiert

LesBar, Foto: Anneka
LesBar, Foto: Anneka
LesBar
(Foto: © Anneka)

Gewiss erzähle ich euch nichts Neues, wenn ich sage, Fotografien seien Fiktion. Dass Fotos die Wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden, ist nun wirklich ein alter Hut. Farben werden verfälscht dargestellt, der gewählte Bildausschnitt beeinflusst unsere Wahrnehmung, mit dem Licht, mit der Brennweite und anderen Tricks können wir Effekte erzielen, die mit bloßem Auge niemals sichtbar würden, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, die die nachträgliche Bildbearbeitung liefert. Und obwohl wir das alles wissen, sind wir doch immer wieder überrascht, wenn es uns bewusst wird.

Mir ist es gerade vor einigen Tagen auf besondere Weise klar geworden, als unter anderen das folgende Foto entstanden ist:

Jaguar
© Benno P.

Es ist nahezu unbearbeitet, bis auf die verschwindend geringe Anhebung von Kontrast und Farbsättigung. Denn um Nachbearbeitung soll es jetzt nicht in erster Linie gehen. Überhaupt sind weniger die Hilfsmittel zur Fiktion in meinem Fokus als eben die Fiktion selbst, wie auch immer man sie im Einzelnen erreicht.

Das Foto zeigt einen Jaguar, vielleicht in einer Art natürlichem Versteck, jedenfalls teilweise hinter Pflanzen verborgen. Eine Nahaufnahme, wir könnten die einzelnen Schnurrhaare zählen, die zu sehen sind.

Nun, man ahnt es schon, ich war nicht so nah dran, sondern habe den Amazonas-Jäger mit extremer Brennweite fotografiert. Warum? Um eben diesen Eindruck zu erzielen, als wären ich bzw. der Betrachter des Fotos ganz nah dran an der Raubkatze. Denn ist es nicht genau das, was wir uns immer wünschen? Ganz nah dran zu sein an so einem wunderschönen Tier? Drängeln sich Zoobesucher, allen voran die mit den Fotoapparaten, nicht immer an den Gehegen, um so nah wie möglich an die Tiere heranzukommen? Das hat natürlich den Grund, dass man Einzelheiten aus der Nähe einfach besser erkennt. Ein bisschen Abenteurerdrang ist doch aber ganz sicher auch dabei, oder?

Bei diesem Jaguar ganz sicher! So ganz ohne schützende Gehegebegrenzung zwischen Mensch und Tier … Natürlich auch nur eine Folge der Brennweite, der gelingt, was das Auge vergeblich versucht: die engen Maschen des Zauns so in die Unschärfe zu rücken, dass sie auf dem fertigen Bild kaum noch erkennbar sind. Der Zaun verschwindet, in der Fiktion des Bildes wird die Großkatze zum frei lebenden Jaguar.

Seltsam, oder? Auch damit bin ich nicht allein. Mit dieser Sehnsucht, die Zootiere zu befreien. Und ich denke dabei noch gar nicht an diejenigen, die glauben, nur in Freiheit könnten Zootiere ein lebenswertes Leben führen. Ganz unabhängig von dieser Meinung scheint nämlich jeder Zoobesucher ständig auf der Suche nach dem unverstellten Blick zu sein. Wieder auch und vor allem, wenn es ums Foto geht. Und ja, wieder erkennt man in der Regel das Tier besser, wenn kein Zaun stört, selbst wenn der noch so unscheinbar ist (Zoos sind ja durchaus daran interessiert, ihren Besuchern diesen unverstellten Blick, wenn es irgend geht, zu ermöglichen).

Vor allem aber geht es darum, diese Fiktion zu erreichten, auch wenn jeder die Wahrheit kennt.

Der Tod lauert zwischen den Bäumen

Ursula Poznanski: SaeculumWieder ist es ein Spiel. Und wieder eines, das harmlos beginnt und böse endet. Doch diesmal lauert der Tod zwischen den Bäumen. Ursula Poznanskis „Saeculum“ ist noch mörderischer als ihr Megaerfolg „Erebos“.

Mit ihrem Jugendthriller „Erebos“ hat Ursula Poznanski einen Überraschungshit gelandet, der nicht nur Jung, sondern auch Älter und Alt in seinen Bann zog. Vollkommen zu Recht gewann sie dafür im vergangenen Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury. In „Erebos“ geriet Nick in die Fänge eines heimtückischen Computerspiels, in „Saeculum“, vom Verlag in ein beeindruckendes Cover gehüllt, ist es Bastian, für den ein Spiel zur bitteren Realität wird. Seine neue Freundin lockt den angehenden Mediziner aus der biederen Enge des Studierzimmers zu einem Live-Rollenspiel in einem Waldstück fernab der Zivilisation. Doch dort wartet nicht nur Mittelalterromantik auf die Spieler, sondern auch der Tod. Ein Serienkiller? Oder doch der jahrhundertealte Fluch, der auf diesem Gebiet lasten soll? Bastian weiß schon bald nicht mehr, was er glauben soll. Zu allem Überfluss scheint es, als treibe auch seine Freundin ein falsches Spiel mit ihm.

Erwartungen nicht enttäuscht

Nach einem Buch wie „Erebos“ kann es keiner Autorin leichtfallen, dem Erwartungsdruck, der sich ohne Zweifel für den Nachfolger aufbaut, standzuhalten. Tatsächlich ist „Saeculum“ ein anderes Buch, das den Leser zunächst sanfter an die Hand nimmt. Die Sogwirkung, die der Vorgänger von der ersten Seite an aufbaute, lässt im direkten Vergleich hier ein wenig auf sich warten. Das ist nicht verwunderlich, braucht die Geschichte doch einfach mehr Zeit, um die verschiedenen Figuren vorzustellen und sie überhaupt erst an den Handlungsort zu bringen. Mit Iris gibt es außerdem eine zweite Perspektivträgerin, deren Sicht zusätzlichen Raum einnimmt. Dennoch zählt gerade diese zweite Perspektive zu den vielen gelungenen Kniffen der Autorin, die Spannungsschraube schnell anzuziehen. Denn Iris umgibt ein Geheimnis, das gleich weiteren offenen Fragen darauf drängt, gelüftet zu werden, wodurch der Leser auch bei diesem Thriller bald schon die Buchseiten zum Fliegen bringt.

Hat das Spiel erst begonnen, baut Ursula Poznanski meisterhaft eine Spannungskulisse auf, die den Wolkenbergen der immer wieder herannahenden Gewitter am Spielort ähnelt und an Bedrohlichkeit kaum zu überbieten ist. Meisterhaft auch deshalb, weil der Leser zunehmend geneigt ist, am Verstand des Protagonisten zu zweifeln, nicht etwa, weil dieser an einen Fluch glaubt, sondern gerade weil er sich so standhaft dagegen wehrt, das Übernatürliche als real zu akzeptieren. Wenn Tote aus ihren Gräbern steigen, Madenplagen die frischen Vorräte befallen und Schmerzensschreie durch die Nacht gellen, verliert selbst die Fantasie des Lesers den Boden unter den Füßen. Ganz abgesehen davon, dass ein Rollenspieler nach dem anderen verlustigt geht. Bis es schließlich nur noch eine letzte Hoffnung auf Rettung gibt. Für alle außer Bastian!

Besser geht’s nicht

Es scheint kaum vorstellbar, dass einer Autorin gleich zweimal hintereinander der große Wurf gelingt. Der Wienerin Poznanski ist das gelungen. Wenn jemand zwei Bücher schreibt, von denen jedes für sich besser kaum vorstellbar ist, bleibt es schließlich dem persönlichen Geschmack des Lesers überlassen, einem von beiden den Vorzug zu geben. Glücklicherweise gibt es gar keinen Grund dafür, sich zu entscheiden.

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Ursula Poznanski
Saeculum
Jugendthriller

Klappenbroschur
Loewe 2011
ISBN: 978-3-7855-7028-9

Klappentext:

Fünf Tage im tiefsten Wald, die nächste Ortschaft kilometerweit entfernt, leben wie im Mittelalter – ohne Strom, ohne Handy -, normalerweise wäre das nichts für Bastian. Dass er dennoch mitmacht bei dieser Reise in die Vergangenheit, liegt einzig und allein an Sandra.
Als kurz vor der Abfahrt das Geheimnis um den Spielort gelüftet wird, fällt ein erster Schatten auf das Unternehmen: Das abgelegene Waldstück, in dem das Abenteuer stattfindet, soll verflucht sein.
Was zunächst niemand ernst nimmt, scheint sich jedoch zu bewahrheiten, denn aus dem harmlosen Live-Rollenspiel wird plötzlich ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit.
Liegt tatsächlich ein Fluch auf dem Wald?

Verlagsseite
Leseprobe
Homepage der Autorin

Im Sog von „Erebos“

Ursula Poznanski: Erebos
Ursula Poznanski: Erebos

Ursula Poznanski erhielt auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt für ihren Debütroman „Erebos“ den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 der Jugendjury. Und das, wie ich finde, vollkommen zu Recht.

Das Buch erzählt die Geschichte des sechzehnjährigen Nick, der in den Sog eines Computerspiels gerät, das an seiner Londoner Schule mit viel Geheimniskrämerei herumgereicht wird. Erebos aber ist kein Spiel wie jedes andere. Die Regeln sind streng, die Aufgaben schwer und sie finden zum Teil in der Realität statt. Was Nick noch nicht weiß: Das Spiel verfolgt ein Ziel. Ein böses Ziel!

Der Leser und Nick

Dem Leser, ja, ich bin sicher, nahezu jedem, der das Buch zu lesen beginnt, geht es nicht anders als Nick: Er gerät in einen unnachgiebigen Sog. „Erebos“ entwickelt als Buch dasselbe Suchtpotential wie das Spiel, von dem es erzählt. Das gelingt Ursula Poznanski durch einen ebenso einfachen wie genialen Trick: Sie lässt den Leser ganz und ausschließlich mit Nick miterleben.

Dabei ist Nick ein ganz gewöhnlicher Junge. Er wird uns weder als in irgendeiner Weise besonders heldenhaft vorgestellt noch braucht er unser Mitleid. Er ist bei weitem kein Heiliger. Wenn da auch hin und wieder ein Gespür für Ungerechtigkeiten aufblitzt, ein aktiver „Gutmensch“ ist Nick nicht. Auch leidet er nicht, kann mit seinem Leben im Großen und Ganzen zufrieden sein, ist in keinster Weise einer der Außenseiter, die dem Leser schon allein deshalb ans Herz gehen, weil er ihnen wünscht, sich im Laufe der Geschichte aus dieser unterprivilegierten Rolle herauszukämpfen. Nein, Nick ist sicherlich ganz sympathisch, aber auch nicht mehr.

Rätsel und Bedrohung

Dass dieser Protagonist den Leser dennoch sofort ganz bei sich hat, liegt an dem Unwissen, das beide, Nick und der Leser, gleich zu Beginn der Geschichte teilen. Irgendetwas stimmt nicht. Vor allem mit Colin, einem guten Freund Nicks, der sich seltsam verhält, was offenbar mit merkwürdigen Päckchen zu tun hat, die an der Schule verteilt werden, über die aber niemand etwas verraten will. Und Nick hat noch keines dieser Päckchen, womit er in dieser Hinsicht doch zu einem Ausgeschlossenen wird, der das Rätsel um seine eingeweihten Mitschüler unbedingt lösen will.

Auch im Fortgang der Handlung trägt das Rätselhafte rund um Erebos ganz entscheidend zum rasanten Spannungsbogen bei. Denn Erebos zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Interaktion mit dem Spieler aus, kann wahrlich als intelligentes Spiel bezeichnet werden, weiß alles und lässt sich nicht täuschen, weder im Spiel noch in der Realität. So kommt zum Rätselhaften noch die stets präsente Bedrohung, die den Leser durch die Seiten preschen lässt, um zu einem originellen und überraschenden Ende zu gelangen.

Ein Buch für jeden

Nicht nur versierte Computerspieler werden mit Nick mitfiebern, froh darüber, dass die Autorin zu keiner Zeit einen moralischen Zeigefinger in die Höhe hebt, „Erebos“ kann Leser weit über die anvisierte Zielgruppe hinaus in seinen Bann ziehen. Das gilt auch für das Alter. Dieser Jugendthriller ist im besten Sinne des Wortes all age.

Viel Lob für ein Buch, das mir die Luft für Detailkritik genommen hat. Sie wäre ohnehin nur Erbsenzählerei.

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Ursula Poznanski
Erebos
Jugendthriller

Taschenbuch
Loewe 2010
ISBN: 978-3-7855-7361-7

Klappentext:

In einer Londoner Schule wird ein Computerspiel herumgereicht – Erebos. Wer es startet, kommt nicht mehr davon los. Dabei sind die Regeln äußerst streng: Jeder hat nur eine Chance. Er darf mit niemandem darüber reden und muss immer allein spielen. Und wer gegen die Regeln verstößt oder seine Aufgaben nicht erfüllt, fliegt raus und kann Erebos auch nicht mehr starten.

Erebos lässt Fiktion und Wirklichkeit auf irritierende Weise verschwimmen: Die Aufgaben, die das Spiel stellt, müssen in der realen Welt ausgeführt werden.

Auch Nick ist süchtig nach Erebos – bis es ihm befiehlt, einen Menschen umzubringen …

Auszeichnungen:

  • Deutscher Jugendliteraturpreis 2011 (Jugendjury)
  • Ulmer Unke 2010
  • Buch des Monats März 2010 (Jubu-Crew Göttingen)

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Die Statistik für Glaubwürdigkeit

© Semisatch
© Semisatch

Des Autors Pflicht ist es, auf die Glaubwürdigkeit seiner Figuren zu achten. Ich bin mit Sicherheit wenigstens der Vorvorletzte, der das bestreiten würde. Doch der Autor kann sich in dieser Hinsicht so viel Mühe geben, wie er will, bei manchen wird er dennoch auf die Schnauze fallen.

Ja, manchen Leser wird man nie und nimmer überzeugen (es sei denn man, schreibt eine neue Geschichte mit neuen Figuren).

Ein Beipiel las ich gerade auf einer Internetseite (die mir schon in anderer Hinsicht aufgefallen war). Dort wurde die Glaubwürdigkeit einer Figur bezweifelt, die sich diese Zweifel allein aufgrund der Tatsache zuzog, dass sie eine weibliche Serienmörderin war. Die Statistik beweise schließlich, dass nur einer von zehn Serienmördern eine Frau sei. Zudem ginge diese eine dann weniger brutal vor als ihre männlichen Berufskollegen, täte dies außerdem aus anderen Motiven.

Morden ist wie Fußball spielen

Die Statistik dürfte nicht einmal falsch sein. Wie auch eine Statistik, die belegt, dass deutlich weniger Frauen Fußball spielen als Männer. Eine Fußballerin als Protagonistin wird dadurch nicht unglaubwürdig, selbst dann nicht, wenn sie aus extrem ungewöhnlichen Motiven Fußball spielt. Entscheidend ist, dass für den Leser eben diese Motive nachvollziehbar sind, wenn er sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass Fußball spielende Frauen keine vollkommene Unmöglichkeit darstellen.

Doch zurück zur Serienmörderin: Selbst wenn die Motive, die sie zu ihren Verbrechen trieben, nachgewiesenermaßen noch bei keiner Frau vorgekommen wären, ja, sogar dann, wenn Psychologen erklären würden, diese Motivation entspräche nicht dem realistischen Denken einer Täterin, bliebe der Gradmesser für die Glaubwürdigkeit dieser Figur einer, der sich nur innerhalb des von der Fiktion vorgegebenen Rahmens ansetzen ließe.

Statistik ist also ein seltsamer Beweis für fehlende Glaubwürdigkeit. Kaum weniger seltsam als der, der das eigene Verhalten als Ansatzpunkt nimmt. Wenn Herr Schmidt dem Autor erklärt, er würde sich anders verhalten haben als die Figur, dann darf der Autor gern antworten, dass er das berücksichtigen würde, sobald er einmal das Bedürfnis hätte, eine Geschichte über Herrn Schmidt zu schreiben.

Die Grenze überschritten?

© SAT.1

Am Montagabend war es also so weit: Der erste Teil des Zweiteilers „Die Grenze“ flimmerte über den Bildschirm. Blieb es ein Flimmern oder hat das „TV-Event“ überzeugt?

Der Spion berichtete bereits am 26. Januar über die seltsamen Ereignisse, die am 15. März Mecklenburg-Vorpommern, ganz Deutschland und die Welt erschüttern sollten. Wenn auch nur im Privatfernsehen im Zweiteiler „Die Grenze“.

Nun stecken wir mittendrin in den Ereignissen, haben aber genug gesehen, um eine erste Einschätzung zu wagen. Schließlich wird das Thema schon seit einer guten Woche auch von den Spionen heftig diskutiert.

Logik ist vorhanden

Trotz der vielfältigen Besprechungen im Vorfeld fragte man sich doch gespannt, wie Regisseur Suso Richter im Film eine Situation schaffen wollte, die die folgenden Vorgänge halbwegs glaubwürdig machen würde.

Zwar hatte man in den Zusammenfassungen von Terroranschlägen, explodierenden Benzinpreisen und Wirtschaftskrise gelesen, dennoch klang das alles noch so, dass man erwarten konnte, die Vorstellung wegen akutem Hirnriss noch weit vor dem Ende zu verlassen.

Doch gerade zu Beginn des Films kann das Gedankenexperiment durchaus fesseln. Reale Ängste in unserer Gesellschaft werden auf die Spitze getrieben, wenn es Terroristen gelingt, die sieben wichtigsten Ölraffinerien der Welt gleichzeitig zu vernichten. Die drastischen Benzinpreiserhöhungen und die folgende Krise erscheinen damit als logische Folge.

Bigger than life

Erste Schwierigkeiten bekommt der Realitätssinn mit der Geschwindikeit der weiteren Entwicklung. Verzeihlich, bedenkt man die filmischen Möglichkeiten des Zweiteilers.

„Es ist ein Programm, das provozieren soll“, sagt Produzent Nico Hofmann. Joachim Kosack, Leiter Deutsche Fiction bei Sat.1 sieht die Eigenproduktion in der „Bigger Than Life“-Tradition von Filmen wie „Ausnahmezustand“ und „Der Staatsfeind Nr. 1“.

Diese Voraussetzungen erlauben dann auch die rasante Entwicklung zum vollständigen und allumfassenden Chaos sowie die offenbar bestens vorbereitete und organisierte Vorgehensweise der fiktiven rechtsextremen Partei DNS unter Führung des Milliardärs Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann), für den der Name Programm ist.

Bürgerkrieg in Mecklenburg-Vorpommern

Schlucken muss man dann doch, wenn mitten in Rostock bewaffnete Kräfte der DNS aufmarschieren und sich mit Linken Straßenschlachten liefern, sogar einen Teil der Hansestadt zum besetzten Gebiet erklären, während sich die Einsatzkräfte der Polizei duldend zurückziehen und die Kämpfenden im Widerspruch zu Grundgesetz und Verfassung ungehindert gewähren lassen.

Überhaupt darf man sich fragen, warum Mecklenburg-Vorpommern, warum Rostock. Der Rest der Welt und Deutschlands spielt im Film trotz der weltweiten Terroramschläge schon bald keine Rolle mehr.

Begründet wird das im Film vor allem durch die vergleichsweise schwache Wirtschaft des Bundeslandes und das angebliche Potential seiner Einwohnerschaft, sich in Krisenzeiten fast ausschließlich radikalen Lagern zuzuwenden.

Auch kann man während des Films schnell den Eindruck gewinnen, in Rostock lebten vor allem solche Menschen, die sich mit ganzem Herzen in die DDR zurückwünschen. (Überhaupt scheint Rostock im Wesentlichen aus Fischern und ihren Kuttern zu bestehen.)

Wenn Schwäche in Gewalt umschlägt

Gerade die wirtschaftliche Abhängigkeit des nordöstlichsten Bundeslands würde aber sowohl bei politischen Führern als auch bei deren anhängigen Bürgern eine gehörige Portion an Naivität voraussetzen, wenn sie glaubten, sie könnten sich von der Bundesrepublik abspalten, um sich auf eigene (sozialistische) Füße stellen.

Auch darf man sich fragen, ob die geschilderte Krise ein wirtschaftlich starkes Bundesland mit seiner vom Benzinpreis abhängigen Industrie nicht in ein viel tieferes Loch stürzen würde als das industriearme Mecklenburg-Vorpommern.

Nicht zuletzt sind ernsthafte Zweifel erlaubt, ob das revolutionäre Potential im Norden seit der Wende derart zugenommen hat, dass Rostock plötzlich die Vorreiterrolle in der Republik spielt.

Der Wunsch nach der Mauer

Am Montag berichtete der Spion über Umfrageergebnisse, die die Thesen des Films „Die Grenze“ zu stützen scheinen. Jeder Vierte wünsche sich zumindest manchmal die Mauer zurück. Auch auf der Homepage zum Film fallen die Ergebnisse zu diversen provokanten Fragen so aus, dass man vermuten könnte, die Stimmung in der Bevölkerung nähere sich der des Films an.

Und auch bei der am Montag gestarteten Spion-Umfrage sprechen sich aktuell weniger als die Hälfte der Teilnehmer entschieden gegen eine Wiedererrichtung der Mauer aus.

Will M-V den Sozialismus zurück?

Zeigen die Umfragen also, dass in und um Rostock und Schwerin wirklich lauter ewig Gestrige leben? Wäre dem so, würden die Umfragen dieses Bild für die gesamte Bundesrepublik zeigen.

In Wirklichkeit dürften die Antworten aber aus völlig unterschiedlichen Motivationen heraus geboren sein. Und selbst in den neuen Ländern kann man wohl kaum davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Antwortenden damit ein eindeutiges Bekenntnis zum Sozialismus in seiner Gesamtheit ausdrücken möchte.

Trotzdem gute Unterhaltung

Unabhängig davon, wie realistisch man das Szenario nun einschätzt, in einem Film geht es auch einfach um gute Unterhaltung. Und allein das Gedankenspiel basiert auf spannenden Fragen.

Auch scheinen nach etwa der Hälfte des ersten Teils hinsichtlich der Glaubwürdigkeit die wichtigsten Hürden genommen und die Handlung konzentriert sich von da an vor allem auf rasante Action und individuelle Schicksale.

Damit fühlt man sich wirklich gut unterhalten und kann sich schon auf die Fortsetzung am heutigen Abend freuen.

(Artikel zuerst erschienen auf deutschland-spion.de)

Von Arsen bis Zielfahndung

So heißt „Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige“ (Untertitel) von Manfred Büttner und Christine Lehmann, das im Argument Verlag erschienen ist. Mit dem Untetitel ist die Zielgruppe dieses Buchs auch ebensogut umrissen, wie sie sich begeistert zeigen dürfte.

Begeistert, weil sich dieser Leitfaden durch das literarische, filmische und natürlich reale Verbrechen spannend liest und dabei überaus informativ ist. Ob man einfach mal prüfen will, wieviel Realitätsnähe der letzte gelesene oder gesehene Krimi mit sich brachte, oder ob man die Rechercheanforderungen für das eigene Werk bündeln will, mit diesem Handbuch ist man gut beraten.

Gefunden haben sich für dieses Buch mit Manfred Büttner ein Steuerfahnder, der unter anderem als Dozent an der Hochschule der Polizei des Landes Baden-Würtemberg tätig ist, und mit Christine Lehmann eine Politikredakteurin beim SWR, die neben verschiedenen Essays auch hochgelobte Kriminalromane und -hörspiele (Lisa-Nerz-Krimis) geschrieben hat.

„Keineswegs fordern wir, dass Autorinnen sich nun stets von der Wahrscheinlichkeit des Realistischen gängeln lassen und jegliche Fantastik im menschlichen Verhalten aus unseren Krimis verbannt sein muss. Wir denken nur: Die dichterische Freiheit endet dort, wo der Rechtsstaat beginnt, vor allem dann, wenn wir über Unrecht schreiben.“

In diesem Sinne ist es dem Buch wichtig, vor allem dort Unsinn zu deklarieren, wo in der Fiktion gern mal die persönlichen Freiheitsrechte des Einzelnen großzügig ausgelegt oder gar übersehen werden (z.B. in der oft fälschlich als Verhör bezeichneten Vernehmung).

Aber auch sonst lässt es kein Thema aus. Vom Mordmotiv bis zum Mord selbst, von der Leiche bis zu den Ermittlern, von den Ermittlungen bis zur Festnahme wird alles Wichtige angesprochen. Auch die obligatorische Giftkunde fehlt nicht.

Natürlich kann das Buch allein eine gründliche Recherche nicht ersetzen, aber zum einen gibt es dem Autor manchen Hinweis, worauf überhaupt zu achten ist, zum anderen ist es die optimale Basis, um sich ein Grundwissen aufzubauen, von dem man sich bestens spezialisieren kann. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Literaturhinweisen am Ende des Buches.

Ich kann das Buch also jedem empfehlen, der sich als Einsteiger in der Kriminalliteratur versuchen will, aber auch jedem, der seine Krimis möglicherweise zukünftig realitätsnäher gestalten will. Und natürlich bleibt auch nach dem Genuss des Buches Luft für die künstlerische Freiheit.

Von Arsen bis ZielfahndungManfred Büttner und Christine Lehmann
Von Arsen bis Ziehlfahndung
Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
Ariadne[Leit]faden
Argument Verlag, 2009
ISBN 978-3-88619-720-0

Klappentext:

Leichen, Kripo, Asservate …

Wie genau verläuft eigentlich eine Obduktion? Wer stellt Haftbefehle aus? Wofür ist eine Staatsanwältin zuständig? Welches Gift wirkt wie?

Antworten auf solche und viele weitere Fragen liefert dieses aktuelle Handbuch für Schreibende und Wissbegierige. Es enthält unverzichtbares Arbeitsmaterial für Autorinnen und solche, die es werden wollen. Und für Fans morbider Einzelheiten ergibt sich ein spannender Streifzug durch die ermittlerische Wirklichkeit, der keine Neugier ungestillt lässt.

Lisa-Nerz-Schöpferin Christine Lehmann und Fahnder Manfred Büttner vermitteln Sachverstand im kriminalistischen Detail. Von der korrekten Art, Funksprüche abzusetzen, über eine Auflis­tung, welche Abteilung wann am Tatort eintrifft, bis zur Besoldung der einzelnen Dienstränge stellen sie ein einmaliges Arsenal an Fakten zur Verfügung, das den Sinn fürs Realistische gründlich schärft und dabei noch unterhält: Mit Witz und Verve befreien sie die Krimiwelt von Unfug, Märchen und Vorurteilen. Ihr Handbuch bietet zuverlässig recherchierte, griffig aufbereitete Fakten, übersichtlich präsentiert und garniert mit Beispielen aus Buch und Film.

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