LesBar: Keiner da!

LesBar, Foto: Anneka
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© Anneka

Heute war es anders.
Timo war selbst überrascht, hatte er doch geglaubt, sich längst an die Dunkelheit gewöhnt zu haben. Einen Moment lauschte er zu der Stahltür des kleinen Tankstellenhäuschens. Stille.
Eigentlich sollte er sich auf den Feierabend freuen. So gelegen ihm der Nebenjob in der kleinen Billigtanke gekommen war … ein Job ist ein Job.
Aber jetzt war er versucht, den Schlüssel zurückzudrehen, um die Lichtanlage wieder einzuschalten.

„Reiß dich zusammen! Es ist nichts. Nur ein blödes Gefühl.”
Timo zwang sich zu den zwei Schritten bis zur Tür. Er öffnete sie einen Spalt. Sofort wurde er etwas ruhiger. Nichts. Keiner da. Keiner wartete mit einer Sense oder einem Fleischerhaken auf ihn. Und bis zum noch immer hell beleuchteten Einkaufszentrum waren es nur ein paar Hundert Meter.
Eigentlich war Timo rundum versorgt. Aber vielleicht sollte er noch eben einen kleinen Abstecher machen, ein bisschen durch die Läden schlendern und sich endgültig beruhigen.
Er schloss die Tür hinter sich ab, steckte den Schlüssel in die Jackentasche, kramte nach dem Fahrradschlüssel und ging zur Hinterseite des Kassenhäuschens.

Nichts! Keiner da! Auch sein Fahrrad nicht! Das dicke Sicherheitsschloss … in Fetzen!
Timos Herz brachte seinen gesamten Körper zum Zittern, pochte in Brust, Hals und Schläfen gleichzeitig. Er drehte sich um sich selbst, ratlos, was er nun tun sollte. Erstmal zurück ins Häuschen. Seine Hand fand den Weg in die Jackentasche nicht.
„Konzentrier dich!”
Die Schlüssel klimperten, als er sie endlich aus der Tasche zog. Er suchte nach dem für die Tür. Das Bund fiel ihm aus der Hand. Timo fluchte.
Endlich! Er bekam die Tür auf. Einen Schritt noch …

Etwas packte nach ihm, riss ihn zurück! Ein letzter Blick zum Einkaufszentrum, dann war auch dieses Licht verschwunden.

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© Ben Philipp

LesBar: Ohne Hut

Herr S. hätte nie gedacht, dass der Tag so enden würde.

Dabei war er ganz sicher mit dem richtigen Bein aufgestanden. Auch hatte er den alltäglichen Weg genommen, vom Bett ins Bad, vom Bad an den Küchentisch, vom Küchentisch ins Arbeitszimmer, vom Arbeitszimmer zur Garderobe. Dort hatte er den Hut aufgesetzt und einen letzten Blick in den Spiegel geworfen, bevor er zur Wohnungstür aufgebrochen war, sie geöffnet und wieder geschlossen hatte, um kurz darauf in seinen Wagen zu steigen und ins Büro zu fahren.

Auch auf der Arbeit war alles gewesen wie immer. Er hatte Akten durchgesehen, telefoniert, geschrieben, telefoniert, Akten durchgesehen und wieder telefoniert.

Pünktlich um 16.00 Uhr wollte er dann in den Feierabend gehen, als ihn eine Kollegin aufhielt. Frau N. nahm ihm den Hut vom Kopf und sagte ihm, es müsse sich in jedem Leben einmal etwas ändern.

Frau N. nahm ihn an die Hand und führte ihn aus. In den Park, in ein Restaurant, dann in eine Kneipe, schließlich zu sich nach Hause.

Nun lag er neben ihr und dachte, dass morgen alles anders sein würde. Er würde aus ihrem Bett aufstehen, mit welchem Bein auch immer. Dann würde er in ihr Badezimmer gehen, um an ihrem Tisch zu frühstücken.

Zwar wusste er nicht, ob es am darauffolgenden Tag noch immer so sein würde, doch er beschloss, sich auf jeden Fall von seinem Hut zu trennen.

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© BennoP