Das werte Befinden

Autora Auge, Foto: Voronin76
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© Voronin76

Autora Auge:
Guten Tag, Frau Lichter. Darf ich Sie Simone nennen?

Simone Lichter:
Nein!

Autora Auge:
Nun gut. Wie geht es Ihnen, Frau Lichter?

Simone Lichter:
Wie soll es mir gehen, verdammt, haben Sie „Muscheln, Möwen, Morde“ denn nicht gelesen?

Autora Auge:
Entschuldigung.

Warnemünde

Autora Auge, Foto: Voronin76
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Autora Auge:
Guten Tag, Frau Brand. Wie ich hörte, ermittelten Sie in ihrem letzten Fall, der wahrscheinlich schon ab diesem Monat in der Anthologie „Muscheln, Möwen, Morde“ nachzulesen ist, in Warnemünde. Was verbinden Sie mit diesem wunderschönen Ort an der Ostseeküste?

Rosi Brand:
Touris!

Biografische Unterstützung in Dialogen

Heute geht es um einen eher speziellen Fall, mit dem ich selbst gerade zu tun hatte, der aber möglicherweise vielen Schreibenden schon untergekommen ist.

Stellen wir uns vor, wir brüten gerade über einer Szene, die eigentlich ein klares Ziel hat und zu der uns dennoch nicht so richtig etwas einfallen will. Das Problem ist der Dialog.

Ein ganz konkretes Beispiel: Sagen wir, wir haben einen Prota, der vor einiger Zeit von seiner Freundin verlassen wurde. Nun hat er ein Date mit einer anderen.

Wir wollen im Verlauf der Szene zeigen, dass der Prota allen guten Vorsätzen zum Trotz noch immer an seiner Ex hängt. Etwa indem er seine Datepartnerin ständig mit ihr vergleicht, im Gespräch immer wieder an vergangene Situationen mit der Ex denken muss usw.

Schön und gut. Klar ist, das Ziel, das wir mit der Szene verfolgen, ist vollkommen losgelöst vom Dialog, den die beiden führen werden. Denn in der Regel wird sich der Prota mit seinem Date nicht über seine Ex unterhalten. Schon gar nicht mit dem Ziel, gemeinsam Klarheit über seine Gefühle zu erhalten. Dieses Ziel ist ein unterschwelliges, das an den Leser gerichtet ist.

Worüber aber werden sich die beiden unterhalten? Da sitzt man als Autor dann manchmal, will einen pointierten Dialog schreiben, überlegt, worüber man sich selbst denn so bei ersten Dates unterhalten hat, sucht nach Möglichkeiten, dabei das Ziel der Szene nicht aus den Augen zu verlieren usw.

Der Leser soll sich ja nicht bei irgendeinem belanglosem Flirtgeplänkel langweilen.

Hier (und in anderen Szenen, bei denen man dasselbe Problem hat) ist die Biografie der Figuren ein guter Schlüssel zum Erfolg. Ob es die berufliche Karriere, besondere Erlebnisse, die Familie oder Wünsche und Vorhaben sind – solche Dinge eignen sich hervorragend für ein Gesprächsthema.

Natürlich wählt man solche Dinge aus, die auch für den Leser neu und hoffentlich von Interesse sind. Gut lassen sich hier Infos streuen, die später noch von Bedeutung sind.

Allerdings muss man dennoch vorsichtig sein. Es droht der Infodump! Ein solcher Dialog muss mit viel Fingerspitzengefühl gestaltet werden, damit er einerseits den Anschein der Natürlichkeit wahrt, andererseits im Sinne des Szenenziels von Bedeutung bleibt.

Also immer das eigentliche Ziel im Hinterkopf haben und so weit als möglich mit jedem Satz, jedem Wortwechsel auf dieses Ziel hinarbeiten. Anders gesagt, die Entwicklung des Szenenkonflikts hat weiter absolute Priorität.

Warum fragst du mich eigentlich?

Nicht der erste, aber ein besonders schöner Fall seiner Art:

Da bekommt man eine Anfrage, ob man sich mal das Exposé und eine Leseprobe eines Romans ansehen könnte, möglicherweise zwecks Endlektorat (der Text sei bereits gründlich vorlektoriert), Beratung, Austausch und Verlagsvermittlung.

Ich nehme beides in Augenschein, verweise in der Antwort jedoch darauf, dass ich (wie auf der Lektoratshomepage ersichtlich) momentan keine Kapazitäten frei habe. Freundlich erläutere ich, dass ich vom Exposé und der Leseprobe ausgehend den Roman noch nicht für veröffentlichungsreif halte, empfehle eine Manuskriptbetreuung (mit entsprechenden Links).

Außerdem erkläre ich, dass die Verlagsvermittlung Sache einer Agentur wäre und gebe auch hier einen Link zur Übersicht bei Uschtrin.

Beinahe erwartungsgemäß werde ich um ein Telefonat gebeten. Und natürlich soll ich die Kritikpunkte nennen, die mich zu dem Urteil gebracht haben, das Manuskript sei noch nicht reif für eine Veröffentlichung.

Ich beginne mit der Kritik am Exposé und bekomme zur Antwort, der eine sage dies, der andere jenes. Also die Leseprobe. Auch hier scheint der „Nicht-Kunde“ nicht mit meinen Ausführungen zufrieden, unterbricht mich recht bald und meint, er habe jetzt eigentlich etwas anderes erwartet.

Ein wenig neugierig frage ich, was er denn erwartet habe. Er bezieht sich auf mein Studium und meint, er habe von mir eine eher literaturwissenschaftliche Analyse erwartet und keine Meinung, wie die vielen , die er schon bekommen habe.

Man könnte es auch anders formulieren und daher bitte ich doch (wiederum höflichst) darum, dass diejenigen, die letztlich nur eine Selbstbestätigung suchen, besser mit ihrem Spiegelbild kommunizieren sollten.

Noch mehr Tee?

Anni Bürkl: AusgetanztEin gleichermaßen außer- wie ungewöhnlicher Teegenuss wurde mir bereits beschert, wie hier nachzulesen ist. Im Roman „Schwarztee“ von Anni Bürkl versorgte uns Hauptfigur Berenike Roither nicht nur mit den verschiedensten Teesorten, sondern auch mit einem spannenden Kriminalfall in ländlicher Umgebung und eigenwilliger Erzählweise.

Nun steht Berenikes zweiter Fall in den Startlöchern und die Autorin veranstaltet zu Ehren der Teelady ein Gewinnspiel, bei dem es den im Juli erscheinenden Roman „Ausgetanzt“ gleich fünf mal zu gewinnen gibt.

Alle Infos und die mittels Leseprobe leicht zu beantwortende Gewinnfrage findet ihr auf Annis Blog.

Klassiker vor Gericht

Der Mörderin fehlt scheinbar jedes Motiv. Ihr Opfer: ein ihr völlig fremder Mann. Des Rätsels Lösung findet sich erst durch eine weitere Frau. Die beiden haben sich bei einer Zugfahrt kennengelernt und sich ihr Leid geklagt. Beide waren ihrer Ehemänner überdrüssig und vereinbarten, jeweils den der anderen zu ermorden, um sich gegenseitig mit dem perfekten Mord ihrer Sorgen zu entledigen.

Ein junger Mann wird von einem reichen Herrn beauftragt, dessen Sohn nach Hause zurückzuholen, der sich auf Kosten des Vaters im Ausland amüsiert, statt sich seinen Verpflichtungen daheim zu stellen. Die Suche gestaltet sich erfolgreich, doch der Gesuchte überzeugt den jungen Mann, es sich gemeinsam mit ihm gut gehen zu lassen und die Jugend zu genießen. Fasziniert von Leben und Wohlstand des Berufssohns, versucht der Mann schließlich den Gesuchten zu ermorden und sich als er auszugeben.

Klar, weiß jeder sofort, von welchen beiden „Fällen“ ich spreche. Letzterer wurde von Fernsehrichter Alexander Holt verhandelt, ersterer ist schon etwas länger her und mein etwas löchriges Gedächtnis erinnert sich nicht mehr, ob auch Holt oder eine(r) seiner Kollegen/innen den Vorsitz hatte.

Wie, ein Roman? Ein Film? Na so was. Das wäre ja seltsam.

Da soll es doch Leute geben, die noch immer glauben, Sat.1 stelle ein paar Kameras in einen echten Gerichtssaal während einer echten Verhandlung. Und die Kameraleute seien zufällig auch immer dabei, wenn etwas Aufregendes im Flur, der Garage oder auf dem Klo passiert. Oder zumindest seien es echte Fälle, die von den Produzenten nachgestellt würden.

Nun müssen also selbst die, die zähneknirschend akzeptiert haben, dass die ach so authentischen Fälle aus der Feder von Skriptautoren stammen, die sich ihrerseits mit der meist diletantischen schauspielerischen Umsetzung ihrer Drehbücher abgefunden haben, mit dem Gedanken leben, dass eben diesen Autoren ihre Ideen manchmal auf seltsamen Kanälen zufliegen und sie sich nicht einmal die Mühe machen, dies nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

Nennt man das Inspiration? Nun ja, es reicht jedenfalls, um sich in der Mittagspause die Werbeunterbrechungen bei „Two and a Half Man“ auf ähnlich amüsante Weise zu vertreiben.

Bleibt nur die Frage, ob dieses Phänomen für den Realismus der Vorlagen spricht oder ob sich die Fernsehmacher um eben diesen Realismus einen Dreck scheren.

Spannung ohne Sicherheiten oder A Dorn is Born

In Wulf Dorns Debütroman „Trigger“ treffen wir an der Seite der Psychiaterin Ellen Roth auf einen außergewöhnlichen Fall: Eine geschundene und verwahrloste Frau, die sich vom Schwarzen Mann verfolgt fühlt. Mag dies in einer Psychiatrie nicht mehr als ein besonders interessanter Fall sein, wird er in der Folge für Ellen mehr als bedrohlich. Auf unerklärliche Weise verschwindet die Patientin und der Schwarze Mann fordert die Psychiaterin zu einem grausamen Psychospiel.

Dieser Roman bringt alles mit, was ein Psychothriller mitbringen muss und Wulf Dorn wird den Vorschusslorbeeren, die dem Leser auf dem Buchumschlag von den renommierten Kollegen Sebastian Fitzek, Andreas Eschbach und Thomas Thiemeyer entgegenspringen, vollauf gerecht.

Angesiedelt im fiktiven Fahlenberg in Deutschland könnte der Roman dennoch kaum ein exotischeres Setting bieten, denn für die meisten Leser dürfte das Umfeld einer psychiatrischen Klinik allein schon höchst Interessantes und Ungewöhnliches zu bieten haben.

Dabei versteht der Autor sein Handwerk. Er lässt die Orte und Gegebenheiten vor dem inneren Auge des Lesers als Bilder entstehen und zeichnet Figuren, angefangen von der Protagonistin bis hin zu den Nebendarstellern, die für den Leser lebendig werden.

Insgesamt ist die Geschichte stilsicher und routiniert erzählt in einer Sprache, die zum Thriller im Allgemeinen und zu diesem im Besonderen bestens passt. Nur hier und da wünschte sich der Liebhaber eine andere Formulierung oder eine leichte Verknappung.

Genial aber ist die Spannungskurve dieses Thrillers und all die Elemente, die zu dieser beitragen.

Von Beginn an werden Fragen aufgeworfen, die den Leser bei der Stange halten. Schnell nimmt die Geschichte, die sich vermeintlich eng an den Grundkonflikt schmiegt, Fahrt auf und bietet, obgleich scheinbar geradlinig erzählt, einen wendungsreichen Plot.

Allein der Grundkonflikt, der sich dem Leser im ersten Teil präsentiert, ist zwar sicherlich nicht einzigartig, an Spannung und Bedrohlichkeit jedoch kaum zu überbieten: Ein hochintelligenter Psychopath, der es direkt auf die Protagonistin abgesehen hat, ihr immer einen Schritt voraus ist und ihr sowohl physisch als auch psychisch auflauert.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie dicht die Vorahnungen des Lesers an die tatsächliche Entwicklung in der Geschichte heranreichen, denn in jedem Fall bleibt die spannendste Frage die nach dem Motiv und den genaueren Umständen, also die nach dem Warum und dem Wie.

Und wenn die Realitäten immer mehr verschwimmen, taucht die Erzählung in die tiefsten Abgründe menschlicher Psyche hinab.

Fazit:

Wulf Dorns Debüt hält, was andere versprechen. Ein Psychothriller, der zu fesseln weiß, der gleichermaßen echte Spannung und Bedrohung bietet, wie er den Leser in surreale Albträume schickt.

Wulf Dorn: Trigger
Wulf Dorn: Trigger

Wulf Dorn
Trigger
Psychothriller

Taschenbuch
Heyne, 2009
ISBN: 978-3-453-43402-8

Klappentext:

Der Fall einer misshandelten Patientin wird für die Psychiaterin Ellen Roth zum Alptraum: Die Frau behauptet, vom Schwarzen Mann verfolgt zu werden. Kurz darauf verschwindet sie spurlos. Bei ihren Nachforschungen wird auch Ellen zum Ziel des Unbekannten. Er zwingt sie zu einer makaberen Schnitzeljagd um ihr Leben und um das ihrer Patientin. Für Ellen beginnt ein verzweifelter Kampf, bei dem sie niemandem mehr trauen kann. Immer tiefer gerät die Psychiaterin in ein Labyrinth aus Angst, Gewalt und Paranoia. Und das Ultimatum läuft …

Ein nervenzerrender Psychothriller, der seine Leser schonungslos in die Abgründe der menschlichen Psyche zieht.

„Als ob David Lynch einen Roman von Stephen King verfilmt hätte. Großartig!“ (Thomas Thiemeyer)

„Mit Wulf Dorn betritt ein Autor die Bühne, den man einmal einen großen Erzähler nennen wird. Lesen Sie dieses Buch, und Sie werden später einmal sagen können, dass Sie von Anfang an dabei gewesen sind.“ (Andreas Eschbach)

„Ein perfekt recherchiertes Psychothrillerdebüt: Dorn weiß, wie man den Leser an die schweißnasse Hand nimmt und ihn zu den Abgründen der menschlichen Seele entführt. (Sebastian Fitzek)

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Das Buch ist auch als gekürzte, vom Autor gelesene Hörbuchfassung erhältlich.

Wulf Dorn:

copyright by Frank Riederle
copyright by Frank Riederle

Wulf Dorn, Jahrgang 1969, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr. Seine Kurzgeschichten erschienen in Anthologien und Zeitschriften und wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 1994 ist er in einer psychiatrischen Klinik tätig, wo er in der beruflichen Rehabilitation psychisch kranke Menschen beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Mit seiner Frau und einer Glückskatze lebt er in der Nähe von Ulm.

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