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Entern, Foto: Patryk Kosmider
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© Patryk Kosmider

Ein Absatz ist rein formal gesehen ein Abschnitt eines Textes, der durch Zeilenumbrüche eingegrenzt und damit optisch hervorgehoben wird. Er beginnt nach einem Zeilenumbruch und endet mit einem Zeilenumbruch. Er kann zusätzlich kenntlich gemacht werden, indem, wie in diesem Blog, vor und/oder nach einem Absatz (also mit dem einmaligen Betätigen der Entertaste) ein größerer Zeilenabstand erzeugt wird. Außerdem wird der Absatz häufig durch Einrückung der ersten Zeile zusätzlich markiert. Beide Formatierungen sind allerdings von den meisten Verlagen in Manuskripten nicht erwünscht.

Gut, das alles ist noch recht simpel. Schwierig wird es, wenn wir uns fragen, wann denn nun der Zeitpunkt gekommen ist, einen Absatz abzuschließen und einen neuen zu beginnen. Von der Szene wissen wir, dass sie (im Idealfall) einen eigenen Spannungsbogen besitzt, ist das beim Absatz auch so? Nein, von Spannungsbögen kann man bei solch kleinen Abschnitten wahrlich nicht sprechen. Eher von Sinneinheiten. Und die können nun mal recht unterschiedlich geprägt sein und sind obendrein individuell interpretierbar. Manchmal wird man sich dabei eher auf sein Gefühl verlassen. Feststehende Regeln gibt es nicht, weshalb ich einfach mal an einer Szene aus meinem Ben-Philipp-Roman „Kampf um jeden Meter“ ein paar Möglichkeiten demonstrieren will.

Er schüttelte Lucas die Hand.
„Danke, Sebastian. Tut mir leid für dich.“
„Ach was“, wehrte er ab. „Die Hauptsache ist doch, dass dir nichts weiter passiert ist.“ Er hoffte, dass es genauso glaubhaft klang wie Lucas’ Bedauern. Gerade noch rechtzeitig besann er sich. „Ich wünsch dir viel Glück in der Quali.“
Lucas bedankte sich und setzte den Helm auf. Er würde als einer der ersten auf die Strecke gehen.

Die Szene beginnt mit einem Dialog. Den Sprecherwechsel, den der nächste Artikel genauer behandelt, rechnen wir trotz Zeilenumbruch nicht als einzelne Absätze. Der gesamte Dialog bildet also einen Absatz. Das nach dem Dialog etwas Neues beginnt, was einen neuen Absatz nahelegt, ist, denke ich, recht nachvollziehbar.

Obwohl Sebastian noch immer enttäuscht war, spürte er ein Kribbeln, als sei er es selbst, der nun das Team in eine gute Startposition bringen musste. Es verstärkte sich noch, als der Motor aufheulte und Lucas den Wagen aus der Box fuhr.

Der zweite Absatz ist recht kurz, weshalb man überlegen könnte, ihn an den vorherigen anzubinden. Allerdings gibt es eben einen inhaltlichen Schnitt: Das Gespräch ist vorbei, Lucas fährt aus der Box, weshalb offenbar auch ein bisschen Zeit zwischen Absatz 1 und Absatz 2 vergangen sein muss, wenn auch nur einige Minuten. Eine deutliche inhaltliche Zäsur gibt es auch zum folgenden Absatz.

Sebastian schaute zur Box von Christian. Auch er machte sich bereit. Als eines der neuen Teams musste Virgo erst einmal eine sichere Zeit fahren, konnte sich das Risiko nicht leisten, erst am Ende des Turns auf die Strecke zu gehen.

Wieder ein kurzer Absatz, und wieder könnte man diskutieren, ob man ihn  nicht diesmal mit dem folgenden Absatz zusammenlegen will. Es spricht wenig dagegen. In beiden Absätzen schaut sich Sebastian in der Box um, allerdings fällt im folgenden Absatz der Blick auf die Frau, die im Spannungsbogen der gesamten Szene für den Konflikt sorgt, sie ist hier die Antagonistin. Daher habe ich mich entschieden, das mit einem neuen Absatz zu würdigen.

Im hinteren Teil von Christians Box sah er eine junge Frau. Die Bügel ihrer schwarzen Sonnenbrille verschwanden in den schulterlangen blonden Haaren. Bevor Sebastian richtig begriffen hatte, wen er da anstarrte, winkte sie ihm. Er konnte sich eben noch zurückhalten, schnell zu Boden zu sehen oder sich gar wegzudrehen. Er hob leicht die Hand und nickte Hanna zu. Warum konnte er sich jetzt nicht einfach abwenden?

Der Absatz endet, weil hier die zumindest theoretische Möglichkeit aufgezeigt wird, der drohenden Konfrontation noch zu entgehen. Der erste Satz des folgenden Absatzes macht genau diese Hoffnung zunichte. Die Teufelin kommt!

Sie kam auf ihn zu. Ihr lässig schwingender Gang in den engen Jeans verbreitete einen Hauch von Hollywood. Sie nahm die Sonnenbrille ab, und nun wurde sie zu einem frühreifen Mädchen, gerade neunzehn Jahre alt. Doch als sie vor ihm stand und ihn zwang, in ihre blaugrünen Augen zu schauen, wirkte sie so abgebrüht, als habe sie schon alles gesehen. So kannte er sie. So hatte sie ihn schon immer fasziniert. Obwohl er nun wusste, dass der Schein keineswegs trog.

Nun folgt der Absatz, der den zentralen Dialog der Szene enthält. Den Konflikt zwischen Sebastian, der nur Ersatzfahrer ist, und seiner Ex, die inzwischen mit Christian, dem Stammfahrer des Teams, zusammen ist. Der Absatz zieht sich bis zum Ende der Szene, ist also deutlich länger als die bisherigen, aber inhaltlich in  sich geschlossen. Wollt ihr ihn noch lesen? Na gut.

„Hi, Sebastian! Freut mich echt, dich zu sehen.“
„Hallo.“
„Wer hätte das gedacht, dass wir so bald schon wieder in einem Team sind.“ Sie lächelte.
Sebastian kam es vor wie das Grinsen des Teufels. „Sehr witzig!“
„Nein, mal im Ernst. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ein Jahr? Oder länger? Warst du nicht vor zwei Jahren bei Christians Meisterschaftsfeier? Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.“ Sie machte eine Pause, hielt ihn aber mit ihrem Blick gefangen. „Wie ist es dir nach dem Unfall ergangen? Alle Wunden verheilt?“
Sebastian wollte schreien. Sie anschreien. Vielleicht noch mehr. „Es geht mir gut!“ Es gelang ihm nicht einmal, den bestimmenden Tonfall, der das Gespräch hätte beenden sollen, in seine zitternde Stimme zu legen.
„Natürlich! Da fällt mir ein, dass ich dir noch gratulieren muss. Zu deinem Einstand in der Formel 1. Ich hätte ja nicht gedacht, dass du es noch so weit bringst.“
„Tja, da siehst du mal!“ In dem Moment, in dem er es sagte, fiel ihm auf, wie lächerlich das klang. Umso wütender fuhr er fort: „Und, wie ist es mit Christian? Dass du nach seiner verkackten Saison letztes Jahr noch bei ihm bist, wundert mich wirklich.“ Nach diesem Treffer wollte er sich besser fühlen.
Aber Hanna kannte keine Gnade. Keine Sekunde ließ sie ihn an einen Triumph glauben, grinste stattdessen nur noch breiter. „Das, mein Süßer, ist Liebe!“
„Wer soll dir das denn glauben?“, versuchte er zu kontern. „Und jetzt halte mich nicht von der Arbeit ab!“
Sie lachte. „Ja, sicher! Du kannst dich heute vor Arbeit wahrscheinlich kaum retten. Mit welchem Auto gehst du denn heute ins Qualifying? Oder brauchen die Streckenposten noch Hilfe?“
Er ballte die Fäuste. Steckte sie in die Taschen seines Overalls, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Warum bohrte sie noch in der Wunde? Schlimmer noch: Warum ließ sie ihm nicht die geringste Chance für einen halbwegs würdevollen Abgang?
„Sebastian!“
Er drehte sich um. Es war Frank. Wahrscheinlich stand er da schon eine Weile.
„Kommst du mal? Wir haben da gleich noch einen Interviewtermin, hast du das vergessen?“
Obwohl er nichts von einem derartigen Termin wusste, nickte er. „Richtig. Weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“ Er wandte sich an Hanna. „Tut mir leid, meine Liebe, aber du musst dir jetzt leider jemand anderen für ein nettes Gespräch suchen.“
„Natürlich, kein Problem“, antwortete sie mit einem Grinsen. „Grüß die interessierte Presse von mir.“ Sie winkte Frank und ließ Sebastian stehen.

Wir sehen, Absätze können unterschiedlich lang sein und aufgrund verschiedener Kriterien Sinneinheiten bilden, die obendrein der individuellen Interpretation und Wirkungsabsicht des Autors folgen. Dialoge, Erinnerungen, Gedankenmonologe, eine Reihe von miteinander verbundenen Handlungen, Landschafts-, Figuren- und andere Beschreibungen, Erzählerkommentare, … – das alles können Sinneinheiten sein, die in einem Absatz zusammengefasst werden. Theoretisch könnte man so jedem Absatz eine kleine Überschrift geben: A denkt über die nächsten Schritte nach. B unterhält sich mit C. D erinnert sich an seine Kindheit. E baut die Waffe zusammen. F betrachtet die Landschaft vor dem Fenster. G beobachtet den Neuankömmling. Der Erzähler spricht über Tante Berta.

Es empfiehlt sich außerdem, immer einen halben Blick auf die Länge der Absätze zu haben. Wenn gute Gründe dafür sprechen, ist ab und an ein sehr kurzer Absatz weniger schlimm als ein zu langer. Denn lange Absätze strengen den Leser an und wirken unübersichtlich. Viele kurze Absätze sorgen stattdessen für ein zerpflücktes, unruhiges Textbild. Keinesfalls ist aber die Länge das dominante Kriterium, um das ideale Ende für einen Absatz zu finden.

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Heute neu im Kino

Filmplakat "Sherlock Holmes"
© Warner Bros. Pictures

Die Filmstarts: „Sherlock Holmes“ erwacht zu neuem Leben, Liebeserklärungen in „New York, I Love You“, Kristin Scott Thomas hat „Die Affäre“, Krieg und Frieden herrscht in „Ein russischer Sommer“ und „Die Frau mit den 5 Elefanten“ kommt ganz ohne Dickhäuter aus.

„Sherlock Holmes“ ist zurück und hat sich neu erfunden. Besser gesagt, Regisseur Guy Ritchie (ja, der Ex von Madonna) hat ihn neu erfunden. Wer den alten Sherlock kannte, wird ihn in diesem Actionkrimi, bei dem die Betonung eben auf Action liegt, nicht wiedererkennen.

Aus dem traditionellen Holmes ist ein Verschnitt aus James Bond und Indiana Jones geworden. Was den Puristen abschrecken mag, wird dem Freund actionreichen, schnellen und ironischen Abenteuerkinos durchaus entgegenkommen.

Holmes zeigt Muskeln

Im London von 1890 scheint ein Killer aus dem Jenseits sein mörderisches Unwesen zu treiben. Der hingerichtete Lord Blackwood (Mark Strong) ist von den Toten auferstanden. Einzig Holmes (Robert Downey Jr.) glaubt nicht an Übernatürliches. Klar, dass ihn auf der Suche nach des Rätsels Lösung sein Freund Watson (Jude Law) unterstützt. Dabei müssen beide, anders als im Original, des Öfteren auch die Muskeln spielen lassen, was gerade dem weiblichen Kinopublikum gefallen dürfte.

„Mag die Story manchmal so holprig sein wie das Londoner Straßenpflaster, der flotte Actionkrimi macht Spaß …“ (TV Spielfilm). Und oppulent ausgestattet ist er obendrein.

Überraschend, skurril und anrührend

„Paris, je t‘ aime“ wird fortgesetzt, origineller und charmanter, wie Kritiker behaupten, und diesmal in New York. Im Episodenfilm „New York, I Love You“ erklären elf Regisseure aus aller Welt, darunter Brett Ratner („Rush Hour“), Allen Hughes („From Hell“) und der Deutsche Fatih Akin („Gegen die Wand“), New York die Liebe.

Im zweiten Teil der Reihe „Cities of Love“ buhlen unter anderem zwei Taschendiebe (Hayden Christensen, Andy Garcia) um die Hand einer schönen Frau (Rachel Bilson), ein Inder (Irrfan Khan) und eine Jüdin (Natalie Portman) tragen einen religiösen Streit aus und zwei Raucher (Chris Cooper, Robin Wright Penn) treffen sich zu einem erotischen Smalltalk vor einem Restaurant.

„Wenn der Film nach 100 Minuten endet, haben die beteiligten Filmemacher etwas geschafft, was im Kino selten gelingt: Diesem Liebesreigen hätte man noch stundenlang zuschauen können.“ (TV Spielfilm)

Verhängnisvolle Affäre ohne Kompromisse

Im Drama „Die Affäre“ verliebt sich Suzanne (Kristin Scott Thomas) in einen Arbeiter, der bereits vorbestraft ist. Obwohl sie mit einem Arzt verheiratet ist, will sie die Affäre mit allen Mitteln durchziehen – koste es, was es wolle. Für die Liason mit dem mittellosen Spanier ist sie sogar bereit, ihr komfortables Leben aufzugeben.

Das scheint nicht sehr lebensnah, doch Kristin Scott Thomas spielt ihre Rolle mit einer Verletzlichkeit, die ihre Wirkung beim Zuschauer nicht verfehlt. „Intensiv gelpielt, aber nicht besonders glaubwürdig“, urteilt TV Spielfilm.

Kampf um Tolstois Erbe

Die großartige Helen Mirren spielt Sofia, die Ehefrau des gefeierten Autors Leo Tolstoi („Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“). Sie streitet nach dem Tod ihres Mannes mit dem intriganten Tschertkow (Paul Giamatti) um die Rechte am Werk ihres Gatten. Beide Widersacher versuchen dabei Tolstois jungen Sekretär (James Mc Avoy) für ihre Zwecke einzuspannen.

„Michael Hoffman („Tage wie dieser …“) ist es glungen, sein relativ biederes Drehbuch in ein bewegendes Drama über die komplexen und bittersüßen Eigenheiten der Liebe zu verwandeln. Was er vor allem seinen großartigen Schauspielern zu verdanken hat.“ (TV Spielfilm)

Noch mehr Literatur in Form von Elefanten

In „Die Frau mit den 5 Elefanten“ geht es nicht wirklich um Dickhäuter, wohl aber um leicht angegraute Riesen. Die großen Romane des russischen Literaten Dostojewski („Der Idiot“, „Schuld und Sühne“) nämlich. Ins Deutsche übertragen wurden diese von Swetlana Geier. Der Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko begleitet die Übersetzerin, die heute 86 Jahre alt ist, auf einer Reise in ihre ukrainische Heimat.

Während Geiers Vater den Säuberungen Stalins zum Opfer fiel, wurde ihre beste Freundin von der SS ermordet.

Schöne Bescherung

Dieses würde wahrscheinlich das traurigste Weihnachtsfest werden, das ich je erlebt hatte. Es war der 23. Dezember und ich kam soeben von der Post, wo ich die letzten Grußkarten und ein kleines Päckchen für die Familie meiner Tante verschickt hatte. Glücklicherweise waren meine Verwandten daran gewöhnt, die Geschenke von mir erst nach den Feiertagen zu erhalten. Ich dachte heute allerdings sowieso nur noch an mein eigenes Fest.

Es würde in meiner kleinen Zweizimmerwohnung vor dem Fernseher stattfinden. Und das war gut so. Ein gemütliches Familienbeisammensein bei meinen Eltern hätte mir den Rest gegeben. Glücklicherweise verbrachten sie die Festtage in einem kleinen Haus in Dänemark. Das ersparte mir lange Ausreden.

Und das Angebot von Uwe, bei Wein und Kerzenschein noch einmal von vorn zu beginnen, war einfach lächerlich. So sehr ich seine Anwesenheit jetzt auch vermisste, es gab kein Zurück mehr! Seine Pute vom letzten Jahr wäre allerdings sehr willkommen gewesen.

„Ich, … äh, wünsche Ihnen frohe Weihnachten.“
Das war Peter Ernst, mein unangenehmer Nachbar, der mich mal wieder direkt vor meiner Wohnungstür abgefasst hatte.
„Ja, vielen Dank. Dir auch.“ Es widerstrebte mir, einen etwa Gleichaltrigen zu siezen. Eigentlich widerstrebte es mir überhaupt, mit Peter zu sprechen.
„D… danke sehr“, antwortete er und machte sich auf, die Treppe hinabzusteigen, nicht ohne sich unauffällig – wie er meinte – einige Male nach mir umzudrehen. Ich schlüsselte in meinem Schloss herum, das – wie immer – nur mit sehr viel Gefühl aufzubekommen war. Peter hatte mich wahrscheinlich schon vom Fenster aus beobachtet und tat nun so, als müsse er irgendwohin. Jetzt ging er vermutlich einmal langsam um den Block, um dann wieder in seiner Wohnung zu verschwinden. Es war ja seine Zeit, die er auf diese Weise vertrödelte.

Ich hielt es nicht lange zu Hause aus. Bald schon machte ich mich auf den Weg in eine kleine Kneipe, wo ich nach wenigen Wodka-Lemon vor den zudringlichen Stammtischhockern in die nächstbeste Disko flüchtete, die gerade erst ihre Pforten öffnete. Ich verbrachte die Nacht tanzend und mit den Drinks, die irgendwelche Männer mir spendierten, und fiel am frühen Morgen reichlich betäubt in mein Bett.

Am späten Vormittag des Heiligen Abends weckte mich das Telefon. Gemeinsam mit dem Kater, der sich über Nacht in meinem Kopf eingenistet hatte, schlafwandelte ich zu dem unerwarteten Wecker und nahm den Hörer ab.
„Guten Morgen, mein Schatz, habe ich dich geweckt?“
„Nein“, log ich Uwe an, gab mir aber keinerlei Mühe, auch nur annähernd so zu klingen, als sei ich schon seit Stunden auf den Beinen. „Das Schatz kannst du dir sparen.“
„Ach Lischen, sei doch nicht so. Noch könnten wir ein schönes gemeinsames Weihnachtsfest feiern.“
„Ich will aber nicht“, brummte ich, da meine Stimme zu nichts anderem in der Lage war.
„Ich bring Stollen mit, wir trinken schön Kaffee, dann hab ich ein nettes kleines Geschenk für dich …“
„Steck es dir sonst wohin! Hörst du mir immer noch nicht zu? Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!“ Damit knallte ich den Hörer auf.
Er begann noch schlimmer, als ich gedacht hatte, der Heilige Abend. Ein brummiger Kater hinter der Stirn und eine nervige Töle am Telefon.

Ich ging in meine Miniküche, um mir einen Kaffee zu kochen. Dabei stieß ich mir meinen nackten kleinen Zeh am Küchenschränkchen, das immerhin Schrank genug war, einen mächtigen Schmerz hervorzurufen. Ich fühlte mich sogar zum Fluchen zu schwach.
Während ich auf den Kaffee wartete und verträumt dem Abklingen des Schmerzes lauschte, schlummerte ich wieder ein.

Es klingelte an der Tür. Ich schreckte auf, wunderte mich erst, wo ich war, dann, wer das sein könnte, sah nach der Küchenuhr – 17.02 Uhr –, hetzte an einem zerzausten Spiegelbild vorbei und öffnete die Tür nur einen Spalt. Aber da war niemand. Ich tat einen Schritt zur Tür hinaus und stolperte über ein verwaistes, sorgsam in kitschiges Weihnachtspapier eingeschlagenes Päckchen. Nachdem ich mich wieder gefangen hatte, entdeckte ich an einem roten Bändchen einen Umschlag. Wütend hob ich den Stolperstein auf. Konnte Uwe mich nicht in Ruhe lassen?

Nach kurzer Überlegung warf ich das Päckchen doch nicht die Treppe hinunter, sondern nahm es mit in die Wohnung, knallte dafür aber kräftig mit der Tür. Im Wohnzimmer öffnete ich zunächst den Umschlag. Auf einer Weihnachtskarte, die noch kitschiger war als das Papier – unter der Überschrift „Frohes Fest“ streckte mir ein Plüschbär ein rotes Geschenk mit grünem Band entgegen –, standen in einer filigranen Schrift, die unmöglich zu Uwe gehören konnte, die Worte:

„Dem leidenden Herz
das doch wieder einsam
ein Trost seinem Schmerz
zu heilen den Gram.“

Ein wenig schmalzig war es ja. Und doch war ich in diesem Moment seltsam gerührt. Von wem konnte das stammen? Ich öffnete das Päckchen. Es enthielt eine Flasche meines Lieblingsweins, einen Dresdner Stollen, eine Kerze und die neue CD von Maria Mena. Da kannte mich aber jemand gut: Ich fand auch noch die kleine silberne Kette, die ich vor einigen Tagen im Schaufenster bewundert und für zu teuer befunden hatte.

Ich klingelte. Peter öffnete ein wenig verwundert die Tür.
„Das kann ich nicht annehmen“, sagte ich frei heraus.
Peter blickte zu Boden: „W… was können Sie nicht annehmen?“
„Dein Geschenk, das du mir vor die Tür gelegt hast.“
„W… woher wissen Sie?“
„Wer sonst sollte es gewesen sein?“
„I… ich bitte Sie, nehmen Sie es an. Sie würden mir einen großen Gefallen tun.“
Zum ersten Mal sah er mir in die Augen. Sein Blick hatte etwas Flehendes.

Ich betrachtete ihn. Er war wirklich keine Schönheit. Seine Gestalt wirkte ein wenig in sich zusammengesunken, was die schmalen Schultern im Kontrast zu dem nicht gerade schlanken Rest seines Körpers noch unterstrichen. Sein rundes, konturloses Gesicht ähnelte einem ungebräunten Pfannkuchen. Unglaublich, ja geradezu unerhört, dass es Uwe in seinem grenzenlosen Wahn geschafft hatte, sogar auf diesen Mann eifersüchtig zu sein, dessen Blicke für mich ja nur ertragbares Übel gewesen waren. Aber Peter hatte, jetzt, da ich ihn genauer betrachtete, auch etwas Liebes. Etwas Unschuldiges.

„Na gut, ich nehme es an. Wenn es dir so viel bedeutet. Vielen Dank also. Jetzt muss ich aber wieder rüber. Bei dir riecht es, als würdest du Gäste erwarten.“
„Oh nein. Ich mache mir immer an Weihnachten Pute. Darauf will ich nicht verzichten.“
„Na dann. Einen fröhlichen Heiligen Abend noch“, sagte ich, drehte mich um und kreiste um den Gedanken, wer von uns beiden wohl heute einsamer war.

„Sie b… bleiben heute wirklich allein?“, fragte Peter.
„Was geht dich das an?“, wollte ich antworten, besann mich aber des Geschenks. „Ja“, sagte ich stattdessen und ein „leider“ entfuhr mir noch.
„I… ich habe alles schön dekoriert und die Pute ist bald fertig. W… wollen Sie nicht vielleicht zu mir rüberkommen?“
„Nein!“, antwortete ich schnell. „Nicht bevor ich mich ein wenig zurecht gemacht habe. Und nicht, wenn du nicht aufhörst, mich zu siezen.“

Ich ging in mein Badezimmer und freute mich auf einen vielleicht doch nicht so traurigen Heiligen Abend.