Entern: In Szene setzen

Entern, Foto: Patryk Kosmider
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© Patryk Kosmider

Ob wir unsere Geschichte nun in Kapitel unterteilt haben oder nicht, der nächstbeste Grund, die Entertaste zu betätigen, ist das Ende einer Szene. Denn in einem gut strukturierten Text werden Szenenwechsel der Übersicht wegen häufig mindestens durch eine Leerzeile sichtbar gemacht. Da ich zu Szenen unter anderm hier schon Artikel verfasst habe, versuche ich mich in diesem Blogbeitrag auf das Wesentliche zu beschränken (was nicht unbedingt meine Stärke ist).

Spricht man von einer Szene, kann man Verschiedenes meinen. Da dieser Beitrag vor allem die Frage behandelt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, eine Szene mithilfe der Entertaste abzuschließen und eine neue zu beginnen, steht nicht nur die Szene im (str)engeren Sinne zur Debatte. Den Aspekt des szenischen Erzählens klammern wir hier demnach aus, betrachten stattdessen Textpassagen hinsichtlich der Merkmale, die sie zu einer in sich geschlossenen Einheit werden lassen.

Klassischerweise sind das vor allem drei:

  • Handlungsort
  • Handlungszeitraum
  • handelndes Personal

Diese drei Kriterien werden auch heute noch gern herangezogen, um einen Szenenwechsel zu identifizieren. Und in der Regel klappt das auch ganz gut. Vor allem Ort und Zeit sind sehr hilfreich, denn praktisch immer, wenn die Handlung von einem Ort zu einem anderen wechselt oder in der Zeit springt, kann man davon ausgehen, dass auch von einer in die andere Szene (hier ganz eindeutig auch im Sinne von Szenerie) gesprungen wird.

Stellen wir uns vor, wir wollen die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin erzählen, der mit dem Zauberer Gandalf und 13 Zwergen aufbricht, den Drachen Smaug zu besiegen. Wir beginnen die Geschichte damit, dass Bilbo vor seiner Hobbithöhle von Gandalf in ein Gespräch verwickelt wird.

1. Szene:

  • Ort: Vor der Hobbithöhle
  • Zeit: Dienstagmorgen
  • Personal: Bilbo, Gandalf

Wenn die beiden ihr Gespräch abgeschlossen haben, geht Bilbo in seine Höhle (oder genauer: Bilbo beendet das Gespräch, indem er sich in die Höhle zurückzieht). Die nächste Szene könnte also direkt im Anschluss in der Höhle spielen.

2. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Dienstagmorgen
  • Personal: Bilbo

Tatsächlich passiert aber für unsere Geschichte am Dienstagmorgen nichts wirklich Wichtiges mehr. Wir lassen daher Bilbo lieber den Rest des Tages und die Nacht über allein und schauen erst am nächsten Tag wieder bei ihm vorbei, wenn etwas geschieht, das unsere Geschichte voranbringt, die Ankunft der 13 Zwerge nämlich.

2. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Mittwochnachmittag (zum Tee)
  • Personal: Bilbo, 13 Zwerge, Gandalf

Der Wechsel von der ersten zur zweiten Szene ist also gekennzeichnet durch Orts-, Zeit- und Personalwechsel. Die Szenerie ändert sich nun für eine ganze Weile nicht, denn die ganze große Gemeinschaft bleibt bis zum Abend in Bilbos Höhle. Natürlich läuft die Zeit weiter, aber einen Zeitsprung gibt es nicht. Den markiert dann erst die Nachtruhe, wenn sich alle zu Bett begeben, und die Geschichte erst wieder am folgenden Vormittag aufgegriffen wird. Zwar bleiben wir vorerst in der Hobbithöhle, aber neben der Zeit hat sich auch die Personalsituation geändert.

3. Szene:

  • Ort: In der Hobbithöhle
  • Zeit: Donnerstagmorgen
  • Personal: Bilbo

Ich denke, das Prinzip ist klar. Mindestens eines der genannten Kriterien ändert sich (wobei in der Regel nur deutliche Veränderungen von Bedeutung sind) und wir erkennen einen Szenenwechsel.

Wer die Geschichte kennt, merkt aber vielleicht schon, dass zumindest die Personalsituation nicht immer so deutlich ist. Wären wir streng, müssten wir die zweite Szene in viele bedeutend kürzere aufteilen, denn Bilbos Besucher kommen nicht alle auf einmal, sondern in kleinen Grüppchen. Auch beginnt die Szene natürlich nicht unmittelbar mit dem Eintreffen der Zwerge. Und wer Bilbos Geschichte nicht nur aus dem Kino kennt, weiß außerdem, dass sich in der Buchvorlage die Personalsituation in der von mir so benannten 3. Szene schnell ändert, weil Gandalf den Hobbit schon nach weniger als einer Buchseite wieder aufsucht. Ganz abgesehen von den einleitenden Worten, die unserer 1. Szene vorangehen. Ganz so einfach ist es also doch nicht.

Halten wir erst einmal fest, dass Orts-, Zeit- und Personalwechsel eher eine grobe Orientierung darstellen. Zum einen, weil es Ein- und Überleitungen gibt, die Szenen in einen Kontext stellen, also dafür sorgen, dass es keine Brüche vor, nach und zwischen den Szenen gibt, die den Leser möglicherweise verwirren könnten. Zum anderen, weil diese Szeneriemerkmale eher als Hilfsmittel anzusehen sind.

Wir könnten uns eine – zugegebenermaßen ungewöhnliche – Geschichte vorstellen, in der immer dieselben Figuren anwesend sind, in der es keine Zeitsprünge gibt und der Handlungsort nicht wechselt. Etwa eine Art Kammerspiel mit einem Ehepaar, das ausschließlich in der Küche der beiden spielt und in einem Zeitrahmen von drei Stunden abläuft. Besteht die Geschichte dann nur aus einer Szene? Oder werden dann einfach beispielsweise sehr kurze Zeitsprünge bedeutsam? Sie lassen sich sicher finden und können Anhaltspunkte sein. Vor allem wird aber nun deutlich, wie sich Szenen tatsächlich voneinander abgrenzen.

Schauen wir uns noch einmal Bilbos Geschichte an. Was passiert da eigentlich inhaltlich, also auf der Handlungsebene? In der ersten Szene wird Bilbo von Gandalf in ein Gespräch verwickelt, in dem der Zauberer ihm erklärt, er wolle zu einem Abenteuer aufbrechen und den Hobbit mitnehmen. Bilbo wird von Gandalf in seiner Ruhe gestört und sogar dazu aufgefordert, diese Ruhe für lange Zeit, vielleicht für immer aufzugeben. Bilbo will davon nichts wissen und den Zauberer loswerden. Er ficht einen Konflikt aus, den er schließlich beendet, indem er in seine Höhle verschwindet, so schnell es die Höflichkeit eben erlaubt. Damit ist auch die Szene zu Ende.

Die Szene beginnt also mit einer Ausganssituation, in die ein Ereignis hereinbricht (Gandalf taucht auf und quatscht den Hobbit zu), das einen Konflikt auslöst. Und die Szene endet, wenn der Konflikt zumindest vorläufig gelöst wird (nicht selten wird hier ein Konflikt zum Schwelen beiseite geschoben). Das bedeutet, die Szene besitzt einen Spannungsbogen. Das wiederum bedeutet, die Szene stellt einen in sich geschlossenen Handlungsabschnitt dar.

Auch die zweite Szene besitzt einen Spannungsbogen: Bilbo, schon im Glauben, er könne den Vorfall des Vortags vergessen, wird erneut überfallen. Und diesmal drängen die noch aufdringlicheren Zwerge auf eine Entscheidung. In Bilbo beginnt eine Stimme lauter zu werden, die sich doch nach einem Abenteuer sehnt. Er fällt schließlich tatsächlich eine Entscheidung (die in Film und Buch unterschiedlich ausfällt). Das Ende der Szene bestärkt dem Eindruck, diese Entscheidung sei endgültig.

Szenen sind also in sich geschlossene Handlungsabschnitte, die im Idealfall dem Prinzip eines Spannungsbogens folgen. Das gilt ganz besonders für solche Szenen, die tatsächlich auch szenisch inszeniert sind. Aber auch narrative Szenen und solche Abschnitte, die eher eine zusammenfassende Überleitung darstellen (etwa eine weitgehend ereignislose Reise von einem Handlungsort zum nächsten) haben häufig einen Spannungsbogen, wenn auch möglicherweise einen recht flachen (Konflikt: Der Protagonist muss von A nach B kommen; Lösung: Der Protagonist hat B erreicht).

Dass sich der Szenenwechsel häufig an Ort, Zeit und Personal ablesen lässt, hängt einfach damit zusammen, dass die Szenenkonflikte, die die Szenenspannungsbögen bestimmen, von jeweils ganz bestimmten Figuren ausgetragen werden, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort aufhalten. Rückt eine neue Szene einen neuen (oder wieder aufgeneommenen) Konflikt in den Fokus, ändern sich dementsprechend auch die konfliktbestimmten Parameter.

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Entern: Kapitel oder Kapitulation?

Entern, Foto: Patryk Kosmider
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© Patryk Kosmider

Viele Autoren – und nicht nur solche, die sich noch am Anfang ihrer Schreibkarriere sehen – haben mit diesem Kapitel der Schreiberei so ihre Schwierigkeiten. Die Frage, wo man die Entertaste drückt und eventuell sogar einen Seitenumbruch einfügt, um im Anschluss ein neues Kapitel zu starten, lässt so manchen unsicher werden, einige verzweifeln und diesen oder jene sogar kapitulieren. Kein Wunder, dass in eben dieser Frage so oft Rat gesucht wird, meist in der Hoffnung, es gäbe Regeln, die die Entscheidung erleichtern oder gar abnehmen. Diese Hoffnung muss ich dem werten Leser dieses Artikels leider gleich wieder nehmen. Regeln für die Kapiteleinteilung gibt es nicht (es sei denn, ein Auftraggeber gibt sie vor). Außer einer vielleicht – aber nein, auch das geht, wenn der Autor es so möchte:

Philipp schrieb …

KAPITEL 2

… das Kapitel zu Ende. Er ließ sich durch angebliche Regeln nicht verwirren.

Dem kreativen Autor sind also letztlich keine Grenzen gesetzt, was ja nichts Schlechtes ist. Was dieser Artikel leisten kann, ist, die Furcht, Fehler zu begehen, nehmen und einige Anregungen geben. Das werde ich hier ein wenig zusammenfassend tun, denn an anderer Stelle bin ich bereits ausführlicher darauf eingegangen.

Zunächst – das lässt sich eigentlich schon ableiten – ergeben sich Kapitel in aller Regel nicht notwendigerweise aus der Entfaltung der Geschichte, des Plots bzw. des Spannungsbogens. Soll heißen, anders als etwa Szenen sind Kapitel nicht grundlegender Bestandteil der Erzählstruktur, wir benötigen sie nicht bei der Planung einer Geschichte, und die Geschichte lässt sich auch ohne Kapitel erzählen. Anders gesagt, Kapitel sind im Grunde genommen nicht wichtig, richten sich lediglich nach dem Bedürfnis des Lesers, große Textmengen weiter zu unterteilen, ihnen eine zusätzliche Strukturierung aufzuerlegen, nicht zuletzt, um Atem holen und Lesepausen einlegen zu können. So wie wir uns auch besser zurechtfinden, wenn wie unsere Bücher, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Dokumente usw. nicht einfach in riesigen Kisten lagern, sondern sie bestimmten Ordnungsprinzipien folgend in Regale, Schränke, Kühlschränke und Schubladen sortieren.

In unserem Falle der Kapitel ist es der Autor, der das Ordnungsprinzp vorgibt. Und da haben wir dann, wenn auch keine Regel, so zumindest eine Richtlinie: Wenn sich in der Wahl der Kapitelbegrenzung (wenigstens mit gutem Willen) eine absichtsvolle Struktur erkennen lässt, kann das zumindest nicht schaden.

Damit sollte auch klar sein, dass Aussagen über die Länge der Kapitel wie „etwa zwanzig Seiten, keinesfalls mehr als dreißig, mindestens aber zehn“ allesamt nicht haltbar sind. Bestimmend für die Länge jedes einzelnen Kapitels ist letztlich das vom Autor gewählte Prinzip, das der Strukturierung zugrunde liegt. Richtig ist, dass es unterschiedliche Geschmäcker gibt, was die Kapitellänge angeht und für diese kann ein Kapitel zu lang, zu kurz oder genau richtig sein. Wenn es die gewählte Struktur zulässt, kann man also darauf achten, eher ein gesundes Mittelmaß anzustreben. Ob dabei relativ gleich lange Kapitel herauskommen oder aber das eine zwei, das andere 75 Seiten hat, ist wiederum der gewählten Struktur zu verdanken.

Wie man strukturieren kann, hängt schließlich von der Geschichte ab, die man erzählt. Wie sollte es auch anders sein. Denn natürlich ist es wenig sinnvoll, eine Geschichte, deren Handlung keine oder nur wenige Ortswechsel beinhaltet, ortsgebunden zu strukturieren. Die folgenden Möglichkeiten der Kapiteleinteilung werden also jeweils nur zu bestimmten Geschichten passen, sind ohnehin nur eine naheliegende Auswahl und daher nur zur Anregung gedacht.

Vorher sei noch angemerkt: Manche dieser Einteilungen legen nahe, Kapitelüberschriften zu verwenden. Generell ist auch das Geschmackssache. Der (zumindest gefühlte) Trend zur einfachen Nummerierung dürfte vor allem dem Bestreben geschuldet sein, dem Leser auch nicht den geringsten Vorausblick auf den Kapitelinhalt zu gewähren.

  • Die Einteilung kann sich an der Dramaturgie orientieren, indem sie beispielsweise bestimmte wichtige Ereignisse in den Mittelpunkt jedes Kapitels stellt (das Kapitel, in dem der Mord geschieht, in dem der Protagonist seine alte Liebe wiedertrifft, in dem die Gefährten sich im Wald verirren, in dem das Heer des Königs in die Schlacht zieht, in dem die Konferenz stattfindet, in dem die Situation zwischen der Protagonistin und ihrem Partner eskaliert, …).
    Es geht dabei nicht darum, pro Kapitel nur ein Ereignis ablaufen zu lassen, es geht um ein zentrales Ereignis, auf das die Dramaturgie zuläuft (Kapitel 1 berichtet von allen Ereignissen, bis der Mord den Fall für den Protagonisten ins Rollen bringt, Kapitel 2 von all den Ereignissen, die folgen, bis dem Protagonisten erste Zweifel an der Schuld des bisherigen Verdächtigen kommen, …). Darin liegt nämlich häufig das Problem begründet, wenn Autoren das Gefühl bekommen, die eigene Dramaturgie gebe ihnen ausgesprochen kurze (und viele) Kapitel vor.
  • Hat man mehrere Handlungsstränge, ist eventuell eine Kapitelunterteilung möglich, die sich an diesen orientiert. Sind die Wechsel zwischen den (Haupt-) Handlungssträngen nicht zu häufig (sehr kurze Kapitel), kann jeder Wechsel ein neues Kapitel markieren. Denkbar ist aber auch, dass pro Kapitel alle Stränge einmal an der Reihe sind.
  • Spielt die Romanhandlung an mehreren verschiedenen Handlungsorten oder wechselt regelmäßig zwischen einigen Orten hin und her, kann auch das Anlass zum Kapitelwechsel sein.
  • Macht die Romanhandlung häufig Zeitsprünge oder spielt Zeit auf andere Art und Weise eine wichtige Rolle im Roman (etwa ein Countdown) kann natürlich auch die Kapiteleinteilung dieser zeitlichen Strukturierung folgen und sich etwa an Uhrzeiten, Wochentagen, Datumsangaben, Monaten, Jahreszeiten oder Jahreszahlen orientiern.

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Der Minitipp: Domino der Erzählens

Domino, Foto: pzAxe
Domino, Foto: pzAxe
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Wer sich nicht sicher ist, wie er seine Geschichte ins Rollen bringt, dem hilft es vielleicht, sich klarzumachen, dass die meisten Geschichten aus Ereignisketten bestehen, die man mit dem Dominospiel vergleichen kann.

Ein erstes Ereignis gibt den Anstoß und setzt die Kette in Gang. Doch anders als beim Domino braucht es zwischen den Ereignissen immer wieder ein Bindeglied: den Helden, der auf das eine Ereignis reagiert und damit das nächste auslöst.

Die verkannte Novelle

Hartnäckig hat sich die Auffassung durchgesetzt, eine Novelle sei eine Erzählform, die im wesentlichen durch ihre Länge bestimmt wird. Sie sei eben ein Zwischending, das zwischen Roman und Kurzgeschichte angesiedelt ist.

Nun liegt man ja so falsch damit nicht, denn tatsächlich ist die Novelle in der Regel weniger umfangreich als ein Roman, doch eben auch länger als die durchschnittliche Kurzgeschichte. Damit überschneidet sie sich mit der Erzählung im engeren Sinn (also nicht als übergeordneter Begriff).

Im ursprünglichen Sinn zeichnet sich die Novelle aber durch eben die namensgebende Neuigkeit aus, die nicht besonders dramatisch sein muss, aber den Protagonisten aus seinem gewohnten Lebensumfeld zieht und eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt.

Während Kurzgeschichten und Romane auf einem zentralen Konflikt basieren und dem Ziel, diesen Konflikt zu lösen, ist die Neuigkeit in der Novelle eher ein Aufhänger, der Anlass für den Prota, an seinem bisherigen Leben etwas zu ändern. Einen echten zentralen Konflikt muss es nicht geben, die Novelle strebt nicht auf eine Lösung zu, sondern von einem Ausgangspunkt weg.

So könnte ein Gespräch mit einem Weltenbummler einen eher sesshaft veranlagten Protagonisten zum Träumen bringen. Immer deutlicher fühlt er in seiner Heimat ein Unwohlsein, bis er schließliche einfach seine Koffer packt, um eine Weltreise zu unternehmen.

Für die Novelle ist also wichtiger, wie das auslösende Ereignis auf den Prota wirkt und welche Folgen es nach sich zieht, als die Frage, ob und wie er ein essentielles Ziel erreicht.

Wenn Peter von seiner Frau verlassen wird, kann das einen Konflikt in ihm auslösen. Er will nicht einsam sein und sie zurückerobern. Die Kurzgeschichte oder der Roman erzählen, wie Peter versucht, diesen Konflikt zu lösen, wie er also seine Frau zurückgewinnen will und ob und wie das funktioniert. Am Ende hat Peter seine Frau entweder zurückerobert oder hat sie endgültig verloren.

In der Novelle aber würde diese Neuigkeit in Peters Leben ihn zum Nachdenken über sein bisheriges Leben anregen und Konsequenzen nach sich ziehen. Er würde sich kein Ziel stellen, sondern einfach etwas verändern. Zum Beispiel all die Träume verwirklichen wollen, die er bisher zugunsten der Ehe nie in Erwägung gezogen hat. Vielleicht kauft er sich endlich das Modellflugzeug, das er immer nur im Geschäft bewundert hat. Je häufiger er damit spielt, desto mehr wünscht er sich, einen echten Flieger zu pilotieren. Er nimmt Flugstunden …

Eine typische Ausgangslage für eine Novelle finden wir recht häufig in Filmen: Der Protagonist erfährt von heute auf morgen, dass er unheilbar an einer tödlichen Krankheit erkrankt ist. Natürlich ist das an sich ein dramatischer Konflikt, aber keiner, der sich als zentraler Konflikt, den es zu lösen gilt, anbietet. Der Tod des Protas ist vorgezeichnet. Die Nachricht davon eignet sich also gerade deshalb sehr gut für eine Novelle.

Besonders fein gesponnen sind meiner Meinung nach aber die Novellen, deren Neuigkeit eine scheinbar unbedeutende ist und bei der die Veränderungen, die sie bewirkt, sich schleichend einstellen.

PB-Plotten 12: Szenenplanung/Zeittafel

Mit diesem Schritt schließen wir die eigentliche Plotarbeit im Prinzip ab. Soll heißen, dass am Ende der Szenenplanung jede Szene, die im späteren Manuskript auftaucht, geplant ist. Und zwar auch hinsichtlich der endgültigen Reihenfolge der Szenen, also entsprechend dem beabsichtigten Spannungsbogen und mit allen Handlungssträngen des Romans.

„Endgültig“ bedeutet, dass wir am Ende der Szenenplanung davon überzeugt sein sollten, der Roman werde genau in dieser Form funktionieren. Ob wir später dennoch Korrekturen vornehmen müssen, wird sich schließlich erst später herausstellen. Und natürlich zählt auch hier: Wer sich gern noch einiges offen lässt, soll das tun.

Ob man die Szenen zu diesem Zeitpunkt schon Kapiteln zuordnen kann, ob man die Kapitel möglicherweise vorziehen will oder sie, wie in meinem Modell, bestimmt, wenn alle Szenen geplant sind, bleibt ebenso jedem selbst überlassen.

Der Szenenplanung (Storyboard) kann, wenn nötig, eine Zeittafel zugefügt werden, die sich am besten gemeinsam mit dem Storyboard entwickeln lässt. Je nach Roman kann sich beides entsprechen.

Der Unterschied liegt aber normalerweise darin, dass die Zeittafel sich streng an die chronologische Abfolge der Ereignisse hält. Da sie dem Autor dazu dient, die Übersicht über alle Abläufe zu behalten, kann sie auch solche Ereignisse aufnehmen, die im Roman gar nicht oder nur angedeutet vorkommen. So kann sie etwa die Bewegungen feindlicher Truppen datieren, die Unternehmungen des Mörders oder eines Assistenten des Ermittlers festhalten oder historische Ereignisse verzeichnen.

Das Storyboard hält sich stattdessen, wie schon gesagt, genau an die Dramaturgie des Romans.

Ebenso wie bei den Schlüsselszenen, die natürlich im Szenenplan erneut auftauchen, reicht dem einen ein prägnanter Satz pro Szene, der andere spendiert jeder Szene ein Exposé. Hier spielt auch die Übersichtlichkeit eine Rolle. Wer keine Autorensoftware benutzt, kann sich mit Tabellen oder Links in HTML-Dokumenten weiterhelfen. So könnte etwa eine verlinkte Szenenüberschrift zu den Details der Szene führen.

(PB-Plotten: Die Liste)

PB-Plotten 4: Prämisse

Mit der Prämisse kommen wir zu einem Thema, das in Autorenkreisen wohl zu den umstrittensten überhaupt gehört. Einerseits hinsichtlich der richtigen Definition dieses Dings, das sich da Prämisse nennen will, andererseits hinsichtlich der Nützlichkeit desselben.

Wer jetzt schon keine Lust mehr hat, sich damit zu befassen, dem sei gesagt, dass er, so er sich den Hauptkonflikt seiner Geschichte erarbeitet hat und dem Projekt vielleicht sogar einen Pitch vorangestellt hat, schon ganz gut aufgestellt ist. Letztlich erweitert die Prämisse den notierten Konflikt nur um einen, wenn auch nicht ganz unwesentlichen Aspekt.

Die Prämisse setzt nicht nur den Anfangs-, sondern auch den Endpunkt unserer Geschichte. James N. Frey definiert sie in seinem Schreibratgeber „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ folgendermaßen:

Die Prämisse einer Geschichte ist einfach eine Feststellung dessen, was mit den Figuren als Ergebnis des zentralen Konflikts der Geschichte passiert.*

Ich habe durch Frey zum Verständnis der Prämisse gefunden, empfinde aber diese Definition als ungenau formuliert, zumindest dann, wenn man es sehr genau nimmt. Auch seine Beispiele sind übrigens nicht immer treffsicher.

Wollten wir die Definition Freys beim Wort nehmen, wäre die Festellung: „Verbrecher Toni muss ins Gefängnis“, für die entsprechende Geschichte eine Prämisse. Sie stellt fest, was mit Toni als Ergebnis des zentralen Konflikts dieser Geschichte passiert.

Klar, die Prämisse sollte nicht nur das Ergebnis des zentralen Konflikts feststellen, sondern den zentralen Konflikt selbst ebenso:

Verbrecher Toni begeht einen Mord, der ihn schließlich ins Gefängnis bringt.

Mit dem Mord gerät Toni in einen Konflikt, der am Ende der Geschichte dazu führt, dass er eingelocht wird.

Und auch wenn es mit dem zentralen Konflikt bereits angedeutet ist, soll noch einmal betont werden, dass auch die Prämisse sich nicht auf irgendwelche Figuren bezieht, sondern auf den oder die Protagonisten.

Die Prämisse einer Geschichte ist  eine Feststellung des zentralen Konflikts der Geschichte und dessen, was mit dem  oder den Protagonisten als Ergebnis dieses Konflikts passiert.

Oder einfacher ausgedrückt:

Die Prämisse stellt dem zentralen Konflikt einer Geschichte seine Lösung gegenüber.

Das erscheint doch wirklich simpel. Und das ist es im Prinzip auch, schließlich haben wir den zentralen Konflikt (also den Hauptkonflikt) schon herausgearbeitet.

Wenn wir also einen Protagonisten namens Peter haben, der sich in Lisa verliebt, die allerdings diese Liebe nicht erwidert, dann haben wir Peters Konflikt, der seine Geschichte antreibt. Da Peter der Protagonist ist, ist sein Konflikt folgerichtig der zentrale Konflikt. Fehlt demnach nur noch die Lösung des Konflikts.

Je nachdem, was wir uns als Ende unserer Geschichte wünschen, könnte Peter schließlich doch die Liebe Lisas erringen, sein Ringen um sie könnte aber auch vergebens sein und ihn ins Unglück stürzen, ihn vielleicht in den Selbstmord treiben.

Unsere Prämisse könnte also lauten:

Peter verliebt sich in Lisa, die ihn nicht liebt, doch am Ende kann er ihre Liebe erringen und wird glücklich mit ihr.

Oder:

Peter verliebt sich in Lisa, die ihn nicht liebt, was ihn am Ende in den Selbstmord treibt.

Dass uns die Prämissen in diesen Beispielen noch ziemlich wenig über den jeweiligen Verlauf der Geschichte sagen, wollen wir zunächst einmal nicht weiter beachten.

Wer schon ein bisschen was über Prämissen gehört oder gelesen hat, wird vor allem feststellen, dass diese in der Regel deutlich kürzer, vor allem aber abstrakter formuliert werden. Nämlich etwa so:

Unglückliche Liebe führt ins vollkommene Glück.

Unglückliche Liebe führt in den Selbstmord.

Damit sehen wir schon, wo das erste Problem für viele Autoren liegt. Derart formuliert klingt die Prämisse wie die „Moral von der Geschicht“, wie eine allgemeine Weisheit, eine Botschaft, die noch dazu in vielen Fällen als äußerst fragwürdig einzustufen wäre.

Nichts davon ist die Prämisse, wie auch immer sie formuliert wird. Es geht ihr nicht darum, der Welt etwas fundamental Wichtiges mitzuteilen, es geht ihr überhaupt nicht darum, der Welt etwas mitzuteilen. Die Prämisse ist einzig ein Werkzeug, ein Hilfsmittel für den Autor, das ihm beim Plotten seiner Geschichte als Leitfaden dienen soll.

Und obwohl sie in dieser scheinbar allgemeingültigen Weise formuliert ist, ja obwohl sie so für viele Geschichten als Prämisse dienen könnte, dient sie immer nur der einen, für die sie erstellt wurde. Sie benennt den Ausgangspunkt der Geschichte, der in jeder spannenden Geschichte durch den zentralen Konflikt hergestellt wird, und den Endpunkt der Geschichte, der der Lösung des Konflikts entspricht.

Warum wird die Prämisse dann so allgemein formuliert und nicht in der Weise, wie wir sie zuerst und ganz konkret erarbeitet haben? Nun dafür mag es viele Gründe geben. Möglicherweise klingt es einfach gewichtiger. Mir jedenfalls leuchtete das lange nicht ein.

Doch ich fand inzwischen zwei Gründe, die miteinander zusammenhängen und für mich durchaus nachvollziehbar sind:

  1. Für denjenigen, der die Prämisse wirklich als solche begreift und der sich vollkommen frei von jedem (pseudo-) moralischen Überbau machen kann, ist sie einfach kürzer, übersichtlicher und damit griffiger.
  2. In dieser Form an den Bildschirm geheftet, gemahnt sie den Autor eher an ein ehernes Gesetz, dem er sein Schreiben unterwerfen muss. Wie eine Anleitung, eine Aufgabenstellung thront die Prämisse damit über dem Schreibprozess, schnell zu erfassen und stets gegenwärtig. Ein Spruch, den man sich für die Dauer seiner Arbeit leicht merken kann.

Gerade Punkt 2 deutet ein weiteres Problem an, die Frage nämlich, ob die Prämisse nicht schädlich für die Kreativität des Autors sein kann. Auch diese Frage schieben wir noch zurück.

Bleiben wir zunächst noch bei dieser unsäglich verallgemeinerten Formulierung, bei der es manchem Autor einfach nicht gelingen will, das Moralische aus dem Kopf zu bekommen. Nun, trotz der genannten Vorteile ist niemand gezwungen, seine Prämisse genau so und nicht anders zu formulieren. Sie ist ein Werkzeug für den Autor, der darüber niemandem Rechenschaft ablegen muss.

Zwei Vorschläge für diejenigen, denen es so ergeht. Da wäre zum einen die Möglichkeit, sich auch durch schriftliche Niederlegung den konkreten Bezug zur eigenen Geschichte stets zu verdeutlichen:

In meiner Geschichte führt unglückliche Liebe ins vollkommene Glück.

In meiner Geschichte führt unglückliche Liebe in den Selbstmord.

Problem gelöst! Niemand wird anzweifeln, dass es in einer bestimmten Geschichte jenseits aller Moral möglich ist, dass eine unglückliche Liebe am Ende glücklich ausgeht, während sie in eines anderern Geschichte zum Selbstmord des Protas führen kann.

Zum anderen kann man natürlich auch einfach eine je nach Geschmack etwas verkürzte Variante unserer allerersten Version wählen, die den konkreten Bezug zu unserem Protagonisten herstellt:

Der unglücklich verliebte Peter findet am Ende das Glück/zu seiner Liebe.

Der unglücklich verliebte Peter bringt sich am Ende um.

Oft liest man Prämissen wie „Mut führt zu Reichtum“, „Ehrgeiz führt ins Unglück“ oder „Selbstzweifel machen berühmt“. Ich stehe derartigen Prämissen, wie sie leider auch Frey als Beispiele anführt, sehr skeptisch gegenüber. Sie gehen nämlich von einer Charaktereigenschaft aus. Zum einen sind sie damit noch anfälliger daür, dass man sich nicht von einer moralischen Interpretation befreien kann, zum anderen sagen sie damit in der Regel nichts über den zentralen Konflikt aus.

Mir scheint es eher, als sei auch Frey damit in  eine Art Prämissenfalle getappt, die vor allem dann aufschnappt, wenn man bereits geschriebenen literarischen Werken eine Prämisse aufdrücken will. Das dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass dem Leser häufig die hervorstechenden Eigenschaften, mit denen ein Protagonist seinen Konflikt angeht, besser im Gedächtnis bleiben als der Konflikt selbst.

So unterstellt Frey Hemmingways „Der alte Mann und das Meer“ die Prämisse „Mut führt zur Erlösung“.** Dass der alte Mann zweifellos mutig ist, will ich nicht bestreiten. Aber er ist ebenso ehrgeizig. Und es mag Leser geben, die sich von einer anderen seiner Charaktereigenschaften besonders angesprochen fühlen oder jene etwas anders benennen würden.

Was soll ich als Autor aber mit einer Prämisse, bei der ich mir mehr oder weniger beliebig eine besonders hervorstechende Eigenschaft meiner Figur herauspicke, um sie als (allein ursächlich) für die Lösung des zentralen Konflikts hinzustellen.

Auch verwischt eine solche Vorgehensweise den tatsächlichen Ausgangspunkt einer Geschichte. Eine sauber konstruierte Geschichte beginnt in dem Moment, wenn die Hauptfigur mit dem zentralen Konflikt konfrontiert wird. Alles, was bis dahin geschieht, ist Vorbereitung der Geschichte, also Vorgeschichte, alles was im Anschluss passiert ist Folge des eingetretenen Konflikts, also die Entwicklung des Konflikts bis zu seinem Höhepunkt und seiner schlussendlichen Lösung.

Wenn ich mir nun relativ willkürlich einen Punkt auf dieser Entwicklungslinie für meine Prämisse wählen würde, könnte ich den eigentlichen Konflikt schnell aus den Augen verlieren. Und natürlich sagt das auch Frey. Doch er hält sich seltsamerweise des Öfteren nicht daran.

Denn natürlich reagiert der alte Mann aus Hemmingways Geschichte nur mit seinem Mut (der Verzweiflung) auf seinen Konflikt, der in Wirklichkeit der ist, dass er langsam aber sicher zu alt fürs Fischen wird (weshalb der Erfolg ausbleibt, der einerseits seine Lebensgrundlage andererseits seinen Stolz ausmacht***).

Meiner Meinung nach sollte man also sehr darauf achten, dass eine Prämisse als Ausgangspunkt immer den zentralen Konflikt wählt. Würde man mich zwingen, für „Der alte Mann und das Meer“ eine Prämisse zu formulieren, würde sie nach meinen drei Formulierungsvorschlägen etwa lauten:

Altersbedingte Erfolglosigkeit führt zu bedingtem Erfolg.

In Hemmingways Geschichte führt altersbedingte Erfolglosigkeit zu bedingtem Erfolg.

Santiago ist im Alter beim Fischen erfolglos, bringt aber am Ende die Überreste eines riesigen Fischs ein, den er nur an die Haie verloren hat.

Wenn wir uns die erste Formulierung noch einmal anschauen, scheint die rein logisch überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Erfolglosigkeit führt zum Erfolg! Wie blöde ist das denn?

Tja, da sind wir gleich beim nächsten Problem, das den Autor mit der Prämisse plagt. Eines, das im Prinzip unserem ersten (dem mit der Moral) sehr ähnlich ist. Denn genau wie wir uns klar machen müssen, dass die Prämisse frei von moralischen Ansprüchen ist, müssen wir uns auch klar machen, dass sie für sich genommen keinen Sinn ergibt.

Die Prämisse ist ein Werkzeug, kein Ergebnis. Wir müssen sie durch unsere Geschichte erst mit Sinn erfüllen, Frey spricht davon, dass wir sie beweisen müssen und da gebe ich ihm recht.

Die Prämisse gibt uns nur den Anfangs- und den Endpunkt unserer Geschichte vor (die wir ja in Wirklichkeit selbst bestimmen). Den Weg von A nach Z müssen wir erst noch finden. Er stellt unsere Geschichte dar. Und er besteht aus einer logischen Folge von Ursache und Wirkung, die bei A (dem Ausgangspunkt, der in der Prämisse festgelegt wurde) beginnt und bei Z (dem in der Prämisse genannten Endpunkt) endet.

Gerade die scheinbare Unlogik der Prämisse macht das deutlich, zwingt uns, wie weiter oben bereits angedeutet, sie als Aufforderung zu verstehen, diese logische Verknüpfung herzustellen. Es ist, als würden uns (von uns selbst) einige Zutaten bereitgestellt. Dazu bekommen wir (wieder von uns selbst) die Anweisung, dass am Ende ein Pflaumenkuchen auf dem Tisch stehen soll.

Oder begreifen wir unseren Roman als ein göttliches Experiment. Dazu nehmen wir uns einen Protagonisten und stellen ihn in eine Konfliktsituation. Außerdem geben wir vor, wie er aus diesem Konflikt hervorgehen soll. Wir geben ihm noch ein paar Stärken und Schwächen an die Hand und schauen, wie er es schaffen wird, den Konflikt damit so zu meistern, wie wir es uns wünschen.

Und damit sind wir jetzt endlich bei der Frage nach der Kreativität. Ist es nicht so, dass die Vorgabe der Prämisse uns in unserer Kreativität einschränken kann? Eindeutig: Ja! Sie kann es, weil es auch das Plotten als Ganzes kann.

Wie unter anderem schon in der Einführung geschrieben, ist es stark von der Autorenpersönlichkeit abhängig, ob einem durch Plotten geholfen ist oder nicht. Und manche hemmt es sogar. Das gilt gleichermaßen für die Prämisse, die ja nichts anderes ist, als ein Mittel zum Plotten.

Vor allem betrifft das diejenigen, die sich im Schreibprozess durch die eigene Neugier angestachelt fühlen, weil sie bis nahezu zum Schluss des Schreibprozesses nicht wissen, wie ihre Geschichte nun enden wird. Bei denen also, bei denen das eine grundlegende Vorraussetzung zum Schreiben darstellt, wäre es geradezu fatal, ihnen eine Prämisse aufzwingen zu wollen, zu der ja nun gerade gehört, dass man frühzeitig den Ausgang der Geschichte bestimmt.

Wie auch schon geschrieben, ist es für diejenigen nur wichtig, im Nachhinein zu prüfen, ob ihre Geschichte einem roten Faden folgt, ob und wie viel es unter diesem Gesichtspunkt umzuarbeiten oder sogar zu streichen gilt. Auch dann kann man im Übrigen mit einer rückwirkend aufgestellten Prämisse manches finden, was gar nicht zur Geschichte gehört, falls man nicht feststellen muss, dass man gar keine Geschichte erzählt hat.

Und mancher hat beim Versuch schon festgestellt, dass er nur dem Glauben verfallen war, er könne es nur mit dem reinen Bauchschreiben.

Denn, um aus einer Prämisse einen vollständigen Plot zu entwickeln, braucht es durchaus einiges an Kreativität. Denn nun will ich abschließend noch dazu kommen, wie uns denn die Prämisse eigentlich nützen soll, wie wir sie anwenden. In gewisser Weise schon ein Vorausblick auf die folgenden Punkte der Liste und eine Zusammenfassung der bisherigen.

Sagen wir, wir kennen jemanden, der schon seit Jahren darunter leidet, dass er unglücklich verliebt ist. Er bemüht sich vergeblich seine Liebe zu erringen, mit der er häufigen Umgang hat, aber weder kommt er ihr auf die gewünschte Weise näher, noch gelingt es ihm sich einer anderen zuzuwenden. Man könnte sagen, er ist äußerst beharrlich.

Nun haben wir schon oft gedacht, wie dem armen Kerl zu helfen wäre, denn es gibt eigentlich niemanden, der glaubt, sein Problem könne sich irgendwann zum Guten wenden.

Daraus entwickelt sich die Idee, einen Roman zu schreiben, in dem der Protagonist, nennen wir ihn Peter, ebenso unglücklich verliebt ist wie unser Bekannter.

Wir können die Idee zuerst pitchen:

Der Roman erzählt die Geschichte von Peter, der sich unsterblich in Lisa verliebt, die jedoch seine Gefühle nicht erwidert.

In diesem Pitch ist der zentrale Konflikt schon enthalten (was nicht immer so sein muss). Schließlich ist die Geschichte für sich genommen auch erst einmal reichlich unkompliziert.

Formulieren wir den Konflikt dennoch noch einmal in abgespeckter Form:

Peter liebt Lisa, aber Lisa liebt ihn nicht.

Nun formulieren wir die Prämisse. Dazu brauchen wir die Essenz unseres zentralen Konflikts und die Lösung desselbsn, um die wir uns bisher noch gar nicht gekümmert haben.

Unsere Idee ist es, dass Peter am Ende der Geschichte sein Liebsglück findet. Schon damit können wir die Prämisse formulieren, jeder auf die Art, die ihm am hilfreichsten erscheint, gern auch nach dem Vorbild eines der von mir gebrachten Vorschläge. Also zum Beispiel:

In diesem Roman führt eine unglückliche Liebe zum Liebesglück.

Nun müssen wir diese Prämisse mit Sinn füllen bzw. beweisen. Enstehen wird so entweder schon ein grober Plotumriss oder eben unser Arbeitsexposé.

Dahin führt uns eine Art Brainstorming, wie wir vom einen Ende der Prämisse zum anderen kommen. Vielen hilft es, sich vom Ende zum Anfang zurückzuarbeiten.

Am Ende unserer Geschichte könnte zum Beispiel stehen, dass sich Peter in Tonia verliebt, die schon lange heimlich in Peter verliebt war, weshalb beide ein glückliches Paar werden.

Unsere Prämisse gemahnt uns jetzt allerdings, dass diese Lösung mit dem Konflikt in Zusammenhang stehen muss, ja dass sie Folge des Konflikts sein muss. Peter muss sich also in Tonia verlieben, gerade weil er bisher unglücklich in Lisa verliebt war.

Also hat er Tonia bei seinen Bemühungen um Lisa kennen und schätzen gelernt. Weil es für ihn lange kein anderes Thema gab als Lisa, hat sie sogar versucht, ihm dabei beizustehen, weil sie nicht wusste, wie sie sonst seine Aufmerkdsamkeit hätte erringen sollen. Gerade diese (scheinbar) selbstlose Hilfsbereitschaft lässt Peter schließlich erkennen, dass auch er sich zu Tonia hingezogen fühlt.

Unsere Geschichte beginnt also damit, dass Peter auf einer Party Lisa kennenlernt und sehr von ihr fasziniert ist. Er spricht sie an und es entwickelt sich ein nettes Gespräch, nach dem Peter davon überzeugt ist, dass Lisa die ideale Frau für ihn wäre, nicht zuletzt, weil sie ebenfalls Single ist. Es gelingt ihm sogar, sich mit ihr zu verabreden.

Bei ihrem Treffen versucht er, noch mehr über sie herauszubekommen und erfährt, dass sie ein leidenschaftlicher Fußballfan ist. Er selbst interessiert sich eigentlich nicht für Fußball, aber er hofft sie öfter zu treffen und erklärt, es wäre schön, fortan gemeinsam ins Stadion zu gehen.

Gesagt getan, er schließt sich Lisa an, lernt dabei ihre Kumpels, darunter Lisas beste Freundin Tonia, kennen. Bei den Treffen im Stadion und den anschließenden Kneipenbesuchen, bemüht sich Peter sehr um Lisa, findet aber nicht den rechten Weg.

Eines Tages trinkt er sich schließlich Mut an und gesteht Lisa seine Liebe. Sie findet das süß, nimmt ihn aber nicht wirklich ernst. Ohne Böses dabei zu denken, macht sie den niedlichen Antrag publik. Alle bis auf Tonia glauben an einen Scherz.

Peter ist niedergeschlagen und bleibt dem nächsten Treffen fern. Daraufhin steht Tonia bei ihm vor der Tür und fragt, ob alles in Ordnung sei. Er klagt ihr in einem langen Gespräch sein Leid. Tonia will ihn trösten und sagt, es läge sicher nur daran, dass Lisa nicht verstanden habe, dass er es ernst meint. Er solle nicht aufgeben und beim nächsten „Antrag“ etwas weniger trinken.

Und so weiter. Ich hoffe, mit dieser (nicht gerade originellen) Plotentwicklung konnte ich zeigen, wie wir anhand der Prämisse Orientierung in der Entwicklung des Konflikts hin zu seiner Lösung erhalten.

Sie macht uns stets präsent, worum es geht und in welche Richtung es sich entwickeln soll. So vergessen wir etwa nicht, Tonia in ihrer Rolle einzuführen und sie zunmehmend in den Vordergrund zu schieben, während wir dabei gleichzeitig daruf achten, dass sich der Konflikt zwischen Peter und Lisa immer weiter zuspitzt.

Vor allem aber umgehen wir es, Szenen einzubauen, die mit dem Konflikt, seiner Entwicklung und seiner Lösung nichts zu tun haben. Dass Peter zum Fußball geht, hat mit seinem Bestreben zu tun, Lisa nahe zu sein. Es ist also Teil seines Konflikts. Da Lisa nicht gerne liest, könnte es erwähnenswert sein, dass Peter zur Buchmesse fährt, um anzudeuten, dass Peter eigentlich ganz andere Interessen hat als seine Angebetete. Den Besuch bei der Buchmesse allerdings als eigene Szene zu gestalten, dürfte wenig vorteilhaft sein, denn er trägt zur Entwicklung des Konflikts nichts bei, ist demnach auch nicht Teil der Prämisse.

Die Prämisse gibt uns also Ausgangspunkt und Ziel vor. Sie sagt: „Hier läuft der Protagonist los, da ist Rom. Finde für ihn den geradesten Weg!“

Gerade heißt in diesem Fall nicht nur ohne Schlenker und Umwege, sondern auch folgerichtig und nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip. Der zentrale Konflikt löst eine Kette von Ereignissen aus, von denen eines das nächste bedingt,  die letztlich zu dem Ergebnis führen, dass die Prämisse vorgibt.

In unserem Beispiel heißt das letztlich nichts anderes als: Hätte Peter sich nicht unglücklich in Lisa verliebt, wäre er nicht mit Tonia zusammengekommen. Wenn dieser Satz am Ende nicht zutrifft, haben wir die Prämisse nicht bewiesen.

Zum Schluss noch einmal ein paar Worte zum Unterschied zwischen Pitch und Prämisse.

Wir haben schon festgestellt, dass der Pitch ursprünglich zur Präsentation des Manuskripts oder des fertigen Buches dient. Zum Werkzeug für den Autor wurde er, weil man erkannte, dass er auch als solches gute Dienste leisten kann.

Die Prämisse ist und bleibt Prämisse. Eine Präsentationsprämisse gibt es nicht. Niemand würde auf die Frage, worum es in wenigen Sätzen in „Der alte Mann und das Meer“ geht, antworten:

In dem Roman führt altersbedingte Erfolglosigkeit zu bedingtem Erfolg.

Stattdessen würde man pitchen, etwa:

Der alte Santiago, der schon lange keinen Fisch mehr eingebracht hat, will sich in einem Kampf gegen einen riesigen Schwertfisch beweisen, dass er noch immer ein guter Fischer ist.

Selbst die ausführliche Prämisse ähnelt dem nur bedingt:

Santiago ist im Alter beim Fischen erfolglos, bringt aber am Ende die Überreste eines riesigen Fischs ein, den er nur an die Haie verloren hat.

Der Pitch antwortet letztlich auf die Frage: Worum geht es? Damit wäre auch die Antwort: „Um einen alten Mann, der einen Fisch fängt“, schon ein Pitch. Den Pitch können wir also relativ frei gestalten. Zwei Möglichkeiten habe ich ja im entsprechenden Artikel genannt. Dabei geht es letztlich auch darum, ein Gefühl für die Geschichte zu entwickeln und sich vor Augen zu halten, wie der Roman beim Leser ankommen soll.

So könnte der Pitch auch den Aspekt des Kampfes besonders betonen: „In ‚Der alte Mann und das Meer‘ geht es um einen Kampf um Leben und Tod zwischen dem alten Santiago und einem Fisch.“

Die Prämisse antwortet auf die Fragen: Was ist der zentrale Konflikt? Wie löst sich dieser Konflikt auf?

Die Prämisse ist die Landkarte, auf der wir den Weg abstecken und darauf achten, dass wir uns nicht verlaufen.

Der Pitch ist als Arbeitspitch der Reiseführer, der uns einen Eindruck davon vermittelt, wie die Gegenden aussehen, die wir durchstreifen werden.

(PB-Plotten: Die Liste)

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*James N. Frey, Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, Köln 2002, S. 74

**ebd.

***Zugegebenermaßen bin ich mir mit der Lebensgrundlage nicht mehr ganz sicher, weil es lange her ist, dass ich die Geschichte gelesen habe. Immerhin ist der alte Mann Fischer, was sehr dafür spricht, dass er vom Fischen lebt.

Beeindruckend

Das weitaus beeindruckendste Ereignis der letzten Woche hatte nur indirekt mit meinem Schreiben zu tun. Es waren die vielen Menschen, die meinem Verleger und Mentor Konrad Reich in der Nikolaikirche die letzte Ehre erwiesen.

Trauerfeier Konrad Reich