Beruf Erzähler: Ich nenn mich nicht!

Neben dem Ich-Erzähler kennen wir noch den sogenannten  Er-Erzähler oder Erzähler in der dritten Person. Wieder sind die Bezeichnungen irreführend. Während der Ich-Erzähler von einem Ich erzählt, erzählt der Erzähler in der dritten Person von einer dritten Person.

Die Bezeichnung des Erzählers bezieht sich also nicht auf den Erzähler selbst, sondern auf die Figur, von der er erzählt (die im Übrigen genauso gut eine Sie sein kann, ebenso ein Es oder ein Plural). Wir müssten also unterscheiden in einen Erzähler, der in der ersten Person erzählt, und einem Erzähler, der in der dritten Person erzählt. Oder noch deutlicher, einen, der von einem Ich erzählt, und einen, der von einer dritten Person (bzw. einer anderen Figur als sich selbst) erzählt.

Wer nun meinen vorhergehenden Artikel der Reihe gelesen hat, wird schon ahnen, dass damit noch immer nicht alles passt. Dort wurde nämlich in ein erzählendes und ein handelndes Ich unterteilt. Und es gab den Fall, dass ein erzählendes Ich von einer dritten Person erzählt.

Ein bisschen System

Es wird also kompliziert. Im Grunde gibt es die folgenden Möglichkeiten, sich einer Systematisierung zu nähern:

  1. Mit den klassischen Begriffen sagen wir, es zählt, von wem erzählt wird. Wir konzentrieren uns dabei auf die Haupthandlung. Wird die von einem Ich bestritten, sprechen wir von einem Ich-Erzähler, wird sie von einer anderen Figur bestritten, nennen wir den Erzähler Erzähler in der dritten Person. Auch dann, wenn es ein erzählendes Ich gibt, dass sich in auktorialen Einschüben oder gar in einer Rahmen- oder Nebenhandlung zu Wort meldet, indem es sich selbst benennt. Genauer müsste man sogar von der Figur sprechen, die im Fokus des Erzählens steht und an der Haupthandlung beteiligt ist (Dr. Watson vs. Sherlock Holmes).
  2. Wir gehen von denselben Begriffen aus, konzentrieren uns aber nicht allein auf die Haupthandlung. Falls notwendig, können wir dann von einer Geschichte sprechen, die in bestimmten Passagen von einem Ich-Erzähler erzählt wird, in anderen von einem Erzähler in der dritten Person. Etwa wenn ein erzählendes Ich, das in der Haupthandlung von einer anderen Figur erzählt, immer wieder auch auf sich selbst reflektiert. In einem solchen Fall würde derselbe Erzähler einnmal als Ich-Erzähler auftreten, dann wieder als Erzähler in der dritten Person.
  3. Wir entfernen uns von den klassischen Begriffen, legen den Fokus auf die Figur des Erzählers. Wir gelangen dann wieder zum erzählenden Ich, das die Möglichkeit hat, sich selbst zu benennen oder es eben bleiben zu lassen. Das gilt auch dann, wenn das erzählende Ich nicht von einer dritten Person erzählt, sondern von einem handelnden Ich. Dann kann es sich nämlich als erzählendes Ich ebenso völlig heraushalten und nur als handelndes Ich auftreten. Tritt es weder als das eine noch als das andere auf, haben wir die Erzählsituation des klassischen Erzählers in der dritten Person.

Das fehlende Ich

Wenn der Erzähler sich also nicht selbst benennt, weder als handelndes noch als erzählendes Ich, reden wir im Allgemeinen vom Erzähler in der dritten Person. Die Schwierigkeiten des Begriffs habe ich nun hoffentlich darstellen können.

Viel mehr gibt es zu diesem Erzähler an dieser Stelle nicht zu sagen. Vieles zur Erzählsituation wurde schon gesagt, mit anderem würde ich vorgreifen.

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Beruf Erzähler: Mit Haltung und Perspektive

Wenn wir den Erzähler als eine (fiktive) Figur ansehen, die wie jede andere von sich selbst als Ich spricht, wird es etwas seltsam, wenn wir ihn einmal Ich-Erzähler, dann wieder Er-Erzähler nennen. In Wirklichkeit ist er doch immer derselbe. Er ist auch nicht einmal personaler, dann wieder auktorialer Erzähler. Nein, es ändert sich nur seine Perspektive. Oder war es seine Haltung? Oder doch sein Verhalten? Vielleicht einfach sein Standort?

Darum soll es in diesem kleinen Artikel gehen: um die Begriffe Erzählsituation, Erzählstandort, Erzählperspektive, Erzählverhalten und Erzählhaltung.

Gleich vorweg: Kaum einer, der sich nicht wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzt, wird diese Begriffe sauber voneinander trennen können. Und wie das in der Literaturwissenschaft so ist, werden auch dort Begriffe nicht immer einheitlich verwendet.

Erzählsituation

In der Regel fassen Autoren (auch ich) einfach alles als Erzählperspektive zusammen, was den Erzähler einer Geschichte ausmacht. Oder sie verwenden die Begriffe synonym. Und das reicht für den Schreibenden auch. Wer also an der Theorie (die ich ohnehin in diesem Rahmen bestenfalls grob anreißen kann) kein Interesse hat, kann getrost an dieser Stelle wieder aussteigen, ohne etwas fundamental Wichtiges für sein zukünftiges Schreiben zu verpassen. Ihm sollte nur klar sein, dass die Erzählsituation eines Textes durch mehrere Bedingungen bestimmt ist, die der Autor variieren kann, um seine jeweilige Geschichte optimal an den Leser zu bringen.

Jürgen Schutte sagt über die Erzählsituation Folgendes:

Erzählsituation meint also die (aus dem Text erschließbare) Gesamtheit jener Bedingungen, unter denen erzählt wird.

(Jürgen Schutte, Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart 1990, S.132)

Erzählstandort, Erzählperspektive, Erzählverhalten und Erzählhaltung sind vier dieser Bedingungen, die die Erzählsituation ausmachen. Nicht die einzigen, aber die aus meiner Sicht für den Autor wichtigsten.

Ich halte mich dabei weiter an die Begrifflichkeiten Schuttes, betone aber ein weiteres Mal, dass die Verwendung der Begriffe nicht einheitlich ist.

Erzählstandort

Der Erzählstandort beschreibt die Distanz des Erzählers zu den Figuren und dem Geschehen. Wie eine Kamera kann der Erzähler seinen Standort in großer zeitlicher und/oder räumlicher Entfernung zum Geschehen und den beteiligten Figuren wählen, um etwa einen allgemeinen Überblick zu behalten, oder einen Standort nahe an Geschehen und Figuren einnehmen (heranzoomen), sich eventuell direkt an eine Figur binden, die er fortan begleitet.

Oft wird der Erzähler seinen Standort innerhalb der fortschreitenden Geschichte immer wieder verändern, er kann ihn aber auch weitgehend beibehalten. Im Beispiel nimmt er erst eine große Distanz ein und zoomt dann heran, um Herrn Nahganz zu betrachten:

Der dunkle Himmel drängte die Bürger Fernburgs dazu, ihre Geschäfte so bald als möglich zu erledigen, um in die Sicherheit ihrer Häuser zurückkehren zu können. Jeder auf den Straßen der kleinen Stadt schien in höchster Eile. Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung und betrachtete das Geschehen mit einem Blick, als beneide er diejenigen, die vor dem drohenden Unwetter flüchteten.

Erzählperspektive

Die Erzählperspektive ist mit dem Erzählstandort eng verbunden, aber nicht gleichzusetzen. Die Frage nach dem Standort klärt nur die Frage, wo der Erzähler steht und was er von dort aus sehen kann. Im entsprechenden Beispiel oben ist der Erzähler am Ende ziemlich nah bei Herrn Nahganz, aber er betrachtet ihn immer noch aus einer Außenperspektive.

Er könnte nun auch von der Außen- in eine Innenperspektive wechseln, die inneren Vorgänge der Figur, ihre Gedanken und Gefühle betrachten.

Die Erzählperspektive in diesem engeren Sinn sagt also lediglich aus, ob der Erzähler seine Figur(en) nur von außen betrachtet, so wie es eine Kamera tut, oder ob er auch das Innenleben der Figur(en) offenbart.

Ein Erzähler, der dem Leser auch die Innenperspektive zur Verfügung stellt, hätte also folgendermaßen erzählen können:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung, betrachtete das Geschehen auf der Straße und dachte daran, wie gern er mit diesen Menschen getauscht hätte.

Spätestens jetzt werden die feinen Unterschiede deutlich. Denn eine Innenperspektive ist nicht automatisch eine personale. Auch ein Erzähler, der sich auktorial verhält, kann natürich Innenperspektiven verwenden (auktorial und personal werden noch in einem eigenen Artikel behandelt).

Erzählverhalten

Ob ein Erzähler personal oder auktorial erzählt, klärt nach Schutte (ebd., S.135 f.) demnach das Erzählverhalten. Der Erzähler verhält sich also auktorial oder personal. Das bedeutet im ersten Fall, dass der Erzähler die Erzählersicht beibehält, ob nun in der Außen- oder der Innenperspektive, während er im zweiten Fall aus Sicht der Figur erzählt.

Den Unterschied will ich wieder an Beispielen deutlich machen:

Erzählersicht (auktorial), Außenperspektive:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung und betrachtete das Geschehen mit einem Blick, als beneide er diejenigen, die vor dem drohenden Unwetter flüchteten.

Erzählersicht (auktorial), Innenperspektive:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung, betrachtete das Geschehen auf der Straße und dachte daran, wie gern er mit diesen Menschen getauscht hätte.

Figurensicht (personal):

Er stand am Fenster. Die Menschen auf der Straße beeilten sich, dem Unwetter zu entkommen. Wie gern wäre er an ihrer Stelle, hätte die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Für ihn gab es nur das Drinnen, ob es draußen stürmte oder die Sonne schien.

Erzählhaltung

Bleibt schließlich noch die Erzählhaltung. Sie beschreibt die Einstellung des Erzählers zum Erzählten. Am deutlichsten wird sie natürlich, wenn der Erzähler explizit einen bestimmten Tonfall einschlägt, etwa einen ironischen, einen pathetischen, einen kritischen oder einen affirmativen.

Solche expliziten Mittel sind dabei weitgehend Teil auktorialen Erzählverhaltens, doch die Erzählhaltung drückt sich auch implizit in den sprachlichen und erzählerischen Mitteln der Darstellung aus, etwa der Auswahl dessen, was erzählt wird, der Gewichtung innerhalb des Erzählten, der Entscheidung zwischen szenischem oder narrativem Erzählen, der Wahl der Perspektive und des Erzählverhaltens, der Wortwahl, der Auswahl der Metaphern usw.

Sofern sich der Schreiber all dieser Möglichkeiten bewusst bleibt, macht es natürlich gar nichts, wenn er sie begrifflich nicht voneinander trennt.

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Beruf: Erzähler

Ähnlich wie bei PB-Plotten will ich mich in nächster Zeit in einzelnen Artikeln mit den Erzählertypen beschäftigen, die Autoren so verwenden können.

Dass es davon mehrere gibt, dürfte keine große Neuigkeit sein. Vom Ich-Erzähler und dem Er-Erzähler hat wohl jeder schon gehört oder gelesen. Denjenigen, die sich schon ein bisschen damit beschäftigt haben, dürften außerdem Begriffe wie personaler, auktorialer, allwissender, unsichtbarer oder unzuverlässiger Erzähler bekannt sein. Was sich hinter solchen Begriffen verbirgt, soll diese Artikelserie klären.

Dabei liegt der Fokus darauf, euch den Erzähler als Figur bewusst zu machen. Als Dienstleister, der vom Autor den Auftrag empfängt, eine bestimmte Geschichte in der gewünschten Art und Weise zu erzählen.

Die einzelnen Artikel werden zukünftig in diesem Beitrag verlinkt.

Die einzelnen Beiträge:

  1. Ich, ich, ich! (Der Erzähler als Figur)
  2. Ätsch, unsichtbar
  3. Mit Haltung und Perspektive
  4. Die Verträge
  5. Das bin ich
  6. Ich nenn mich nicht!
  7. Wissensbeschränkung
  8. Zurückhaltung
  9. Sich etablieren
  10. Die Qual der Wahl