Beruf Erzähler: Wissensbeschränkung

Als guter Dienstleister wird der Erzähler sich beim Erzählen genau so verhalten, wie es der Auftrag des Autors vorsieht. Um die Geschichte überhaupt erzählen zu können, muss der Erzähler sie natürlich vom Autor erfahren. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob der Autor dem Erzähler alles verrät, was er über die Geschichte weiß, oder ob er dieses Wissen von vornherein  beschränkt. Viel wichtiger ist, dass der Erzähler genau instruiert wird, wie er sich mit seinem Wissen dem Leser gegenüber verhalten soll.

Die erste Entscheidung, die bezüglich des Erzählverhaltens zu treffen ist, lässt ganz genau zwei Alternativen zu: personal oder auktorial. Diese Entscheidung ist gleichzeitig eine Entscheidung über den Erzählstandort und die Erzählperspektive (was war das noch?).

Das Grundsätzliche

Sagt der Autor dem Erzähler, er soll personal erzählen, ist alles geklärt. Bestenfalls sind noch ein paar Kleinigkeiten abzusprechen. Doch der Auftrag ist weitgehend eindeutig:

  • Dein Erzählstandort ist ausschließlich beim jeweiligen Perspektivträger!
  • Du nimmst die Innenperspektive des Perspektivträgers ein!
  • Du trittst dabei nicht als Erzähler in Erscheinung und nimmst ausschließlich die Figurensicht des jeweiligen Perspektivträgers ein!
  • Damit ist das Wissen, das du dem Leser vermitteln darfst, auf das des jeweiligen Perspektivträgers beschränkt.

Erlaubt der Autor dem Erzähler auktoriale Freiheiten, ist damit zunächst nur festgelegt, dass die Regularien des personalen Erzählverhaltens nicht zwingend sind. Wie weit der Erzähler dabei gehen kann, wie er sich genau und im Einzelfall zu verhalten hat, wird nun noch zu besprechen sein. Das bedeutet auch, dass zu klären ist, wie sehr der Erzähler mit seinem auktorialen Wissen, also dem Wissen, das dem des Autors gleichkommt, beim Leser hausieren darf.

Das personale und das auktoriale Erzählverhalten wird in den nächsten beiden Artikeln noch genauer beleuchtet.

Hier will ich aber noch Folgendes klarstellen:

Die Unterscheidung personal – auktorial bedeutet eigentlich: „aus Sicht der Figur“ vs. „aus Sicht des Autors“. Der Erzähler mit auktorialem Erzählverhalten verhält sich also wie der Autor. Er hat dasselbe Wissen wie der Autor und tritt mit diesem Wissen in Erscheinung. Das bedeutet im Extremfall auch, dass er als Erzählerfigur auftritt und damit auf die Ebene des Erzählens Bezug nimmt (auf die Gegenwart des Erzählers, mehr dazu hier).

Zwischen den Extremen

Man könnte also auch eine Achse eröffnen, an deren einen Ende personales Erzählverhalten situiert ist, am anderen auktoriales. Der Erzähler könnte sich überall zwischen diesen Extremen positionieren, wobei er tendentiell eher personal oder eher auktorial erzählen würde. Befände er sich genau auf einem der Endpunkte, würde er rein personal beziehungsweise rein auktorial erzählen.

Während aber – wie oben angeführt – rein personales Erzählverhalten ganz klar und eindeutig charakterisiert ist, gibt es solche Regeln für rein auktoriales Erzählen nicht. Es bedeutet einfach eine Erzählsituation, in der alle erzählerischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden können. Da sich schlecht ein Grad der optimalen Ausschöpfung festlegen lässt, ist es relativ sinnlos von einem reinen auktorialen Erzählverhalten zu sprechen. Der eine Erzähler verhält sich auktorialer als der andere, aber beide schöpfen aus den Möglichkeiten auktorialen Erzählens.

Daher bevorzuge ich ein Modell, das den einen Punkt personalen Erzählverhaltens festlegt. Sobald man sich auch nur ein Stück von diesem Punkt wegbewegt, betritt man das Terrain auktorialen Erzählens.

Bleibt noch zu sagen, dass der Auftrag des Autors natürlich auch für unterschiedliche Abschnitte oder Erzählstränge unterschiedlich ausfallen kann. Anders gesagt: Der Autor kann den Erzähler beauftragen, seine auktorialen Möglichkeiten innerhalb einer Geschichte unterschiedlich auszureizen, möglicherweise stellenweise ganz auf sie zu verzichten.

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Beruf Erzähler: Ich nenn mich nicht!

Neben dem Ich-Erzähler kennen wir noch den sogenannten  Er-Erzähler oder Erzähler in der dritten Person. Wieder sind die Bezeichnungen irreführend. Während der Ich-Erzähler von einem Ich erzählt, erzählt der Erzähler in der dritten Person von einer dritten Person.

Die Bezeichnung des Erzählers bezieht sich also nicht auf den Erzähler selbst, sondern auf die Figur, von der er erzählt (die im Übrigen genauso gut eine Sie sein kann, ebenso ein Es oder ein Plural). Wir müssten also unterscheiden in einen Erzähler, der in der ersten Person erzählt, und einem Erzähler, der in der dritten Person erzählt. Oder noch deutlicher, einen, der von einem Ich erzählt, und einen, der von einer dritten Person (bzw. einer anderen Figur als sich selbst) erzählt.

Wer nun meinen vorhergehenden Artikel der Reihe gelesen hat, wird schon ahnen, dass damit noch immer nicht alles passt. Dort wurde nämlich in ein erzählendes und ein handelndes Ich unterteilt. Und es gab den Fall, dass ein erzählendes Ich von einer dritten Person erzählt.

Ein bisschen System

Es wird also kompliziert. Im Grunde gibt es die folgenden Möglichkeiten, sich einer Systematisierung zu nähern:

  1. Mit den klassischen Begriffen sagen wir, es zählt, von wem erzählt wird. Wir konzentrieren uns dabei auf die Haupthandlung. Wird die von einem Ich bestritten, sprechen wir von einem Ich-Erzähler, wird sie von einer anderen Figur bestritten, nennen wir den Erzähler Erzähler in der dritten Person. Auch dann, wenn es ein erzählendes Ich gibt, dass sich in auktorialen Einschüben oder gar in einer Rahmen- oder Nebenhandlung zu Wort meldet, indem es sich selbst benennt. Genauer müsste man sogar von der Figur sprechen, die im Fokus des Erzählens steht und an der Haupthandlung beteiligt ist (Dr. Watson vs. Sherlock Holmes).
  2. Wir gehen von denselben Begriffen aus, konzentrieren uns aber nicht allein auf die Haupthandlung. Falls notwendig, können wir dann von einer Geschichte sprechen, die in bestimmten Passagen von einem Ich-Erzähler erzählt wird, in anderen von einem Erzähler in der dritten Person. Etwa wenn ein erzählendes Ich, das in der Haupthandlung von einer anderen Figur erzählt, immer wieder auch auf sich selbst reflektiert. In einem solchen Fall würde derselbe Erzähler einnmal als Ich-Erzähler auftreten, dann wieder als Erzähler in der dritten Person.
  3. Wir entfernen uns von den klassischen Begriffen, legen den Fokus auf die Figur des Erzählers. Wir gelangen dann wieder zum erzählenden Ich, das die Möglichkeit hat, sich selbst zu benennen oder es eben bleiben zu lassen. Das gilt auch dann, wenn das erzählende Ich nicht von einer dritten Person erzählt, sondern von einem handelnden Ich. Dann kann es sich nämlich als erzählendes Ich ebenso völlig heraushalten und nur als handelndes Ich auftreten. Tritt es weder als das eine noch als das andere auf, haben wir die Erzählsituation des klassischen Erzählers in der dritten Person.

Das fehlende Ich

Wenn der Erzähler sich also nicht selbst benennt, weder als handelndes noch als erzählendes Ich, reden wir im Allgemeinen vom Erzähler in der dritten Person. Die Schwierigkeiten des Begriffs habe ich nun hoffentlich darstellen können.

Viel mehr gibt es zu diesem Erzähler an dieser Stelle nicht zu sagen. Vieles zur Erzählsituation wurde schon gesagt, mit anderem würde ich vorgreifen.

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Beruf Erzähler: Das bin ich

Wenn der Erzähler einer Geschichte sich selbst benennt, also als Ich in der Erzählung auftaucht, dann spricht man von einem Ich-Erzähler. Der Auftritt des Ich-Erzählers kann aber ganz unterschiedlich vonstatten gehen.

Grundsätzlich lässt sich zwischen demjenigen unterscheiden, der als handelnde Figur in Erscheinung tritt, und dem, der das nicht tut. Anders gesagt: Der Ich-Erzähler kann als erzählendes Ich und/oder als handelndes Ich auftreten.

Das handelnde Ich

Der Ich-Erzähler, an den man vermutlich als Erstes denkt, weil er heutzutage ganz sicher am häufigsten anzutreffen ist, ist witzigerweise der, der als Erzähler gar nicht in Erscheinung treten will. Das erzählende Ich tritt, so weit es eben möglich ist, hinter das handelnde Ich zurück.

Das Ich zeigt sich also gar nicht als Erzählerfigur, sondern nur als Figur innerhalb der Erzählung, ist demnach Teil der Kernhandlung. Dabei nimmt es entweder die Rolle des Protagonisten oder die eines (ständigen) Begleiters des Protagonisten ein.

Ich war froh, als ich endlich aufbrechen konnte. Nichts gegen die freundlichen Bauersleute, doch ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.

Spätestens wenn man in dem Beispieltext das Ich durch einen beliebigen Figurennamen ersetzt, bemerkt man, dass es sich im Grunde einfach um einen personalen Erzähler handelt, in dem das Ich eine Figurenrolle übernommen hat:

Peter war froh, als er endlich aufbrechen konnte. Nichts gegen die freundlichen Bauersleute, doch er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Er verabschiedete sich und machte sich auf den Weg.

Im Unterschied zu den folgenden Ich-Erzählern tritt das Ich hier immer nur auf der Handlungsebene auf, die die Kernhandlung darstellt. Eine weitere Ebene gibt es nicht. Mit einer Ausnahme:

Peter lehnte sich zurück und schaute seine Zuhörer an. Es herrschte gespannte Stille.
Schließlich hielt es Monika nicht mehr aus. „Erzähl doch weiter! Du bist doch sicher nicht lange auf dem Gut der Hensons geblieben.“
„Natürlich nicht“, antwortete Peter, steckte sich aber erst noch eine Zigarette an, bevor er weitererzählte:

Ich war froh, als ich endlich aufbrechen konnte. Nichts gegen die freundlichen Bauersleute, doch ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.

Vorausgesetzt die Geschichte, die Peter hier seinen Zuhörern erzählt, ist die Kernhandlung einer Erzählung, in der die Umstände, unter denen Peter erzählt, Teil einer Rahmenhandlung sind, tritt das handelnde Ich hier praktisch innerhalb einer umfangreichen wörtlichen Rede, eines durch Monolog geprägten Dialogs auf.

Dieser Kunstgriff gibt nun wieder verschiedenen Erzählverhalten Raum. So kann das Ich innerhalb der Kernhandlung rein personal erzählen, also ausschließlich handelndes Ich bleiben. Referenzen zur Ebene des Erzählens gibt es dann nur über die Rahmenhandlung.

Das Ich kann aber auch als erzählendes Ich auftreten und so zusätzlich auf die Ebene des Erzählens referieren:

Peter lehnte sich zurück und schaute seine Zuhörer an. Es herrschte gespannte Stille.
Schließlich hielt es Monika nicht mehr aus. „Erzähl doch weiter! Du bist doch sicher nicht lange auf dem Gut der Hensons geblieben.“
„Natürlich nicht“, antwortete Peter, steckte sich aber erst noch eine Zigarette an, bevor er weitererzählte:

Ich war froh, als ich endlich aufbrechen konnte. Gegen die freundlichen Bauersleute gab es nichts einzuwenden und ich habe mir später oft gewünscht, ich hätte noch bleiben können, doch damals musste ich eine Aufgabe erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.

Das erzählende und das handelnde Ich

Im letzten Beispiel haben wir es bereits: Das erzählende und das handelnde Ich. Wir können die Rahmenhandlung rund um Peter einfach weglassen und finden dennoch Hinweise auf den Erzähler. Da ist nicht nur das Ich, mit dem der Leser miterlebt, was damals geschah, sondern auch das Ich, das diese Erlebnisse erzählt, das sie bewerten und kommentieren kann.

Es ist hilfreich, sich klarzumachen, dass dies zwei unterschiedlieche Figuren der Erzählung sind. Die handelnde Figur (in diesem Fall der Protagonist) und die Erzählerfigur. Letztere erzählt über erstere, wenn auch beide ein und dieselbe Person sind. Das Ich (Peter) aus dem Jahr 2010 erzählt über das Ich (ebenfalls Peter) aus dem Jahr 1978. Beide haben einen sehr unterschiedlichen Erfahrungshorizont und sind sich möglicherweise auch in anderen Eigenschaften längst nicht mehr gleich.

Im Beispiel zeigt sich dieses erzählende Ich in dem Satz „… ich habe mir später oft gewünscht, ich hätte noch bleiben können …“ und im „damals“ im Folgesatz. Natürlich kann es auch deutlicher hervortreten, entweder, indem es selbst Teil einer Rahmenhandlung wird, oder, indem es den Leser direkt anspricht:

Lieber Leser, ich will dir heute eine Geschichte erzählen, die so unglaublich ist, dass auch ich sie in das Reich der Märchen verbannen würde, hätte ich sie nicht selbst erlebt. Ja, es ist meine Geschichte.

Ich war damals gerade fünzehn Jahre alt geworden, als mein Großvater mir diesen seltsamen Stein schenkte.

Das erzählende Ich

Hat man nun einmal das erzählende vom handelnden Ich getrennt, ist es ein Katzensprung zum erzählenden Ich, das nicht mehr von einem handelnden Ich erzählt, sondern von einer dritten Figur, die eben nicht dieses Ich ist.

Häufig wird sich dieses erzählende Ich gleich zu Beginn der Geschichte deutlich positionieren, allein schon, um sein Verhältnis zu der Figur, deren Geschichte erzählt wird, zu erklären und sich damit als Erzähler zu legitimieren:

Lieber Leser, ich will dir heute eine Geschichte erzählen, die so unglaublich ist, dass auch ich sie in das Reich der Märchen verbannen würde, hätte sie mir nicht mein Freund Peter erzählt, der in seiner Wahrhaftigkeit über jeden Zweifel erhaben ist.

Peter war damals gerade fünzehn Jahre alt geworden, als sein Großvater ihm diesen seltsamen Stein schenkte.

Die im zweiten Absatz beginnende Kernhandlung wird nun so erzählt, wie man es klassischerweise vom Erzähler in der dritten Person kennt, auktorial oder personal, wobei ein personales Erzählverhalten in diesem Fall den Vertrag mit dem Leser stark strapazieren würde.

Dabei kann sich das erzählende Ich regelmäßig zu Wort melden, kommentieren und bewerten oder fortan ganz hinter die Erzählung zurücktreten.

Und natürlich kann das erzählende Ich die einleitenden Worte (oder eine Rahmenhandlung) auch ganz beiseite lassen und nur durch Kommentare und Wertungen auf sich aufmerksam machen:

Peter war gerade fünzehn Jahre alt geworden, als sein Großvater ihm den Stein der Weißen schenkte. Dem Jungen war gar nicht bewusst, welch außergewöhnliche Ehre ihm da zuteil wurde. Ich habe seit frühester Jugend von einem solch machtvollen Besitz geträumt und noch heute wünschte ich, einmal die Möglichkeiten eines solchen Artefakts nutzen zu können. Peter aber, unwissend wie er war, brachte es kaum fertig, seinem Großvater Dankbarkeit vorzuspielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, es wäre präziser, von einer Ich-Figur und einem Ich-Erzähler zu sprechen. Oder eben vom handelnden und vom erzählenden Ich. Aber man muss ja nicht pingelig werden.

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