LesBar: Käse

LesBar, Foto: Anneka
LesBar, Foto: Anneka
LesBar
(Foto: © Anneka)

Herr P. sagt zu Frau P.: „Dein Gedächtnis ist wie dieser Käse!”

Er tippt mit dem Zeigefinger auf eines der vielen Löcher.
„Ich weiß”, sagt sie.
„Woher weißt du?”, fragt er.
„Du hast es mir schon gestern gesagt.”
Herr P. runzelt die Stirn. „Gestern?”
„Und vorgestern.”
„Vorgestern auch schon?” Herr P. ist überrascht.
„Du sagst es mir jeden Tag.”
„Jeden Tag?”
„Immer wenn du diesen Käse isst.” Nun tippt Frau P. auf den Käse.
Herr P. kratzt sich am Kinn. „Esse ich diesen Käse denn jeden Tag?”
Sie nickt. „Jeden Tag.”
Herr P. schüttelt verwundert den Kopf. Dann fragt er: „Was denkst du, werde ich morgen zu dir sagen?”
„Dein Gedächtnis ist wie dieser Käse.” Frau P.s Antwort klingt sehr überzeugt, wenn auch gelangweilt. Sie räumt den Tisch ab.
Herr P. lächelt plötzlich. „Nun, dir muss man das eben öfter sagen.” Er tippt auf den Löcherkäse. „Denn dein Gedächtnis ist wie dieser Käse.”

__________

© BennoP

Rollenverteilung

Premierenlesung "Naschmarkt"

Premierenlesung "Naschmarkt"Mal wieder Lust auf eine Übung? Nein, dieses mal ausnahmsweise keine Schreibübung, denn zum Autorendasein gehört ja mehr als schreiben. Lesen zum Beispiel. Vorlesen, um genau zu sein. Wie wäre es also mal mit einer Leseübung?

Gerade erst habe ich mich mit Claudia wieder über die Auswahl der richtigen Textstellen für eine Lesung unterhalten, und wir sind uns einig, dass es richtige und falsche gibt. Denn für die meisten Menschen ist die Aufnahmefähigkeit beim Zuhören geringer als beim Lesen. Daher sind vor allem solche Stellen empfehlenswert, die auf irgendeine Art besonders pointiert sind (und zwar in sich, nicht nur im Gesamtzusammenhang). Ja, du denkst jetzt ganz zu recht an Humor. Das ist mit Sicherheit die Nummer 1 unter den Lesungsgewinnern. Pointiert kann sich aber auch auf Spannungsmomente beziehen, oder solche, die in ihrer Tragik ganz besonders ans Herz gehen.

Klar, wenn wir solche pointierten Stellen aus unseren Geschichten vorlesen wollen, sollten wir sie vorher entsprechend geschrieben haben. Und das gilt auch für die, um die es jetzt gehen sollen: Dialoge! Es gibt wahrscheinlich kaum dankbarere Vortragstexte als pointierte und damit knackige Dialoge – wenn man es schafft, sie auch so vorzutragen.

Also, versuch es doch einmal! Such dir aus einer deiner Geschichten oder auch einem deiner Lieblingsbücher eine längere Dialogpassage und lies sie laut (nicht nur einmal, es ist ja eine Übung). In dieser Übung geht es vor allem darum, den Figuren unterschiedliche Stimmen zu geben. Am besten natürlich solche, die in deiner Vorstellung zu ihnen passen. Achte dabei auf Folgendes:

  • Optimal für diese Übung sind drei Gesprächspartner. Du kannst ja nach einer Weile aufstocken, indem du dir eine weitere Textpassage mit mehr Dialogteilnehmern suchst.
  • Die Stimmen, die du den Figuren gibst, sollten für einen Zuhörer klar unterscheidbar sein. Übertreib es ruhig und verteile ungewöhnliche, vielleicht sogar extreme Stimmen.
  • Beim Lautlesen liegt die Betonung auf laut, also lies auch laut! Selbst eine Figur, die flüstert, muss noch gut zu verstehen sein.
  • Weil du es ja laut und mir verschiedenen Stimmen vorliest, kannst du Dialogkommentare (Inquits) wie „sagte Linda“ weglassen. Auch „schrie Linda“ brauchst du nicht, wenn du die entsprechende Aussage schreist.
  • Beachte also auch die „Regieanweisungen“ im Text, die du in deinen Vortrag einbauen kannst (lachen, räuspern usw.). Aber halt! Bleib sitzen! Es sei denn, du willst gleich noch für deine Schauspielkarriere üben.

Ein bisschen Inspiration gefällig?

Weitere Schreibübungen

Entern: Sprecher wechseln

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Kommen wir zum nächsten Kapitel in der Reihe, die sich mit dem Einsatz der Entertaste in der Literatur beschäftigt. Diesmal geht es, wie der Titel schon verrät, um Dialoge.

Eine generelle Regel, wie Dialoge formal auszusehen haben, gibt es nicht. Sie können theoretisch auch ganz ohne Entertaste auskommen:

„Wenn ich A bin, musst du wohl B sein“, sagte A. „Okay“, antwortete B. „Fein“, sagte A, „dann sag ich jetzt A.“ „Okay“, erwiderte B.

Weil das schnell unübersichtlich werden kann, kommt die Entertaste dann doch zum Einsatz. Und zwar trotz der fehlenden Regel relativ einheitlich. Man richtet sich nämlich nach dem Sprecherwechsel:

„Wenn ich A sage, musst du B sagen“, erklärte A.
„Wieso?“, fragte B.
„Es heißt doch: Wer A sagt, muss auch B sagen.“
„Dann müsstest du aber B sagen.“
„Jetzt, wo du es sagst …“
„Und?“
„B.“

Wir sehen schon, wo der Vorteil liegt: Jede Aussage eines Sprechers bekommt eine neue Zeile. Damit unterstützt die Form den Inhalt sogar so weit, dass man zumindest bei lediglich zwei Dialogpartnern, wurden diese einmal eingeführt, erkennen kann, welche Aussage A und welche B zuzuordnen ist. Damit lässt sich beispielsweise mancher Dialogkommentar (Inquit) einsparen. Natürlich hilft es, bei längeren Dialogpassagen das Gedächtnis des Lesers immer mal wieder aufzufrischen.

So weit zur Einheitlichkeit, jetzt das Relative. Denn natürlich sind Dialoge im Gesamttext eingebunden und damit nicht immer so freistehend wie im obigen Beispiel. Und dann ist man schnell ratlos, wie man das mit dem Sprecherwechsel nun umsetzen soll. Meiner Meinung und Erfahrung nach ist es das Beste, den Sprecherwechsel weiterhin als oberstes Gebot zu betrachten, in Textpassagen, in denen Dialog dominiert, also zunächst zu schauen, dass der Sprecherwechsel eingehalten wird, was noch immer oft genug zu Unsicherheiten führen wird.

Ich will an einigen Beispielen zeigen, wie ich es handhaben würde:

Handlungen, die ein Dialogpartner während des Gesprächs ausführt, gehören zum Sprecherwechsel:

„Das hast du schön gesagt“, sagte B. Er setzte sich und lächelte zufrieden.
A kratzte sich am Kopf.
B goss sich Wein ein.
„Findest du nicht, du solltest auch etwas sagen?“
B schaute A verwundert an. „Aber ich habe doch schon ganz schön viel gesagt.“

Wenn also B etwas sagt und anschließend etwas tut, gehört das zusammen. Die Entertaste hält sich raus. Im Anschluss antwortet A nicht, indem er etwas sagt, seine Antwort besteht in einer Reaktion, er kratzt sich am Kopf. Da könnte auch stehen: A schwieg. As Reaktion entspricht also einem Sprecherwechsel, zack, Entertaste. Und so geht es weiter:

B tut etwas.
A fragt etwas.
B tut etwas. B sagt etwas.

Gleiches gilt natürlich für Gedanken (hier mal fett gekennzeichnet), auch die unterliegen dem Sprecherwechsel:

„Aber nichts Gewichtiges, so wie ich.“
B schaute immer noch verwundert.
Ist der blöd? Versteht der mich nicht?
„Ach, du meinst, A zu sagen und B folgen zu lassen, war etwas Gewichtiges?“
Na endlich! „Genau.“
B dachte einen Moment nach, lehnte sich zurück und sagte: „C.“

Das Ganze funktioniert so lange gut, solange der Erzähler die Sprecher so schön abwechselnd auf seine Sätze verteilt. Kommen beide Sprecher im selben Satz zu Wort oder zum Handeln, müssen wir wohl oder übel den Sprecherwechsel Sprecherwechsel sein lassen, denn innerhalb eines Satzes können wir (mit ganz wenigen Ausnahmen, die vor allem der Doppelpunkt herbeiführen kann, was aber hier nichts zur Sache tut) nicht die Entertaste drücken:

A schaute B an, der sich lächelnd in seinem Sessel räkelte.

Aber wie nun weiter? Der Letzte, der in diesem Satz etwas getan hat, war B. Wenn A nun etwas tut oder sagt, gehört er dann in die nächste Zeile? Andererseits war A in seinem Hauptsatz derjenige, auf dessen Handlung die Betonung lag, dass B sich räkelte, wurde nur ergänzend im Nebensatz beigefügt.

Hier wird es also kompliziert. Natürlich hat es der Autor erst einmal in der Hand, solche Schwierigkeiten einfach zu vermeiden.

A schaute B an.
Der räkelte sich lächelnd in seinem Sessel.

Problem gelöst. Aber die Aussagen entsprechen in der Gewichtung jetzt nicht mehr dem, was der Autor ursprünglich wollte. Geht also nicht immer. Wäre ja auch noch schöner, wenn wir uns unsere Sätze von der möglichst übersichtlichen Darstellung des Sprecherwechsels diktieren lassen würden. Ich sage es so deutlich, wie es ist: Spätestens in solchen Fällen wird die Entscheidung letztlich eine Geschmacksfrage sein. Empfehlenswert ist nur, es möglichst einheitlich zu tun. So mache ich es:

A schaute B an, der sich lächelnd in seinem Sessel räkelte. Der überlegene Ausdruck in seinen Augen ging ihm mächtig auf den Keks. „Wer C sagt, muss auch D sagen.“
„Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Da kann ich doch nichts dafür.“ A lief im Zimmer auf und ab.
B richtete sich ein wenig auf, schüttelte den Kopf und sagte: „Okay. Wenn es dir so wichtig ist: D!“
„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel, aber B erhob sich und verließ das Zimmer. „Blödmann!“

Während ich also hier:

A schaute B an, der sich lächelnd in seinem Sessel räkelte. Der überlegene Ausdruck in seinen Augen ging ihm mächtig auf den Keks. „Wer C sagt, muss auch D sagen“,

keinen Sprecherwechsel annehme (A schaut, A geht etwas auf den Keks, A sagt etwas), weil B in seinem Nebensatz (B lächelt und räkelt) das Zepter nicht wirklich an sich reißen kann, gehe ich hier:

„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel, aber B erhob sich und verließ das Zimmer. „Blödmann!“,

durchaus von einem Sprecherwechsel aus. A sagt etwas und setzt sich, dann aber geht der Fokus auf B über, der mit seinen zwei Hauptsätzen (B erhebt sich, B verlässt das Zimmer) nun das Zepter für sich beansprucht, weshalb er fortan den Dialogpart für sich beanspruchen kann. Zum Vergleich:

„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel.
Aber B erhob sich und verließ das Zimmer. „Blödmann!“

„Geht doch.“ A setzte sich in den zweiten Sessel, worauf B sich erhob.
B verließ das Zimmer. „Blödmann!“

Wie gesagt, eine eindeutige Lösung gibt es nicht. Ganz ähnlich sieht es beim Übergang in einen Dialogpart aus, ebenso beim Übergang von einem Dialogpart in Erzählerkommentar. Das liegt letztlich daran, dass hier die eben geschilderten Probleme auch auftreten. Denn im normalen Text bekommt eben nicht jede Figur ihren eigenen Absatz. Das folgende und abschließende Beispiel wechselt mehrfach zwischen Erzählerkommentar und Dialogabschnitten, wobei es sich dabei nach meinen bis hierhin gemachten Empfehlungen richtet:

A stand auf und folgte B. Der stand in der Küche und schmierte sich einen Toast. A beobachtete ihn dabei. Mehrfach wollte er etwas sagen, wusste aber nicht, was. B setzte sich an den Küchentisch und biss in den Toast. A blieb neben der Spüle stehen. „Bist du sauer?“
„Würdest du mir mein Weinglas aus dem Wohnzimmer holen?“
A nickte. Einen Moment überlegte er noch, dann setzte er sich in Bewegung. Als er mit dem Wein zurückkam, schmierte B bereits ein weiteres Toast. A reichte ihm den Wein.
„Danke“, sagte B.
„Tut mir leid. Du darfst natürlich sagen, was du willst.“
B lächelte A an. Gar nicht sauer. Eher ein freundliches Grinsen. „CD“, sagte er und lachte.
A stimmte ein, und sie schmierten noch mehr Brote, setzten sich wieder ins Wohnzimmer, aßen und tranken Wein bei ihren Lieblings-CDs.

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Sechser im Motto: Werkzeugtasche

Sechser im Motto, Foto: javarman
Sechser im Motto, Foto: javarman
© javarman

Aufgabe:
Im folgenden Dialog fehlt nicht mehr und nicht weniger als der vermutlich wichtigste Teil von Hedwigs Antwort. Kannst du ihn bitte ergänzen?

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
„Ganz einfach: …“
„Ach so, alles klar.“

Antje Szillat

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
„Ganz einfach: Mein Kater ist auf den Baum geklettert und da er unter schlimmer Höhenangst leidet, traut er sich nun nicht mehr runter. Ich bin aber nicht gerade die Gelenkigste, was das Klettern betrifft. Also habe ich mir die Akkubohrmaschine meines Nachbarn ausgeliehen, um damit Löcher in den Baumstamm zu bohren. In diese Löcher werde ich dicke Zweige stecken, und sie quasi als natürliche Tritte verwenden. So schaffe ich es – trotz meiner Ungelenkigkeit – auf den Baum und kann meinen armen, leider etwas schusseligen Kater, herunterholen.
Jetzt möchtest du bestimmt auch noch erfahren, warum ich die Bohrmaschine in meine Handtasche gesteckt habe?! Ebenfalls ganz einfach: Mein Nachbar hat sie letzte Woche bei Hagebau gekauft. Was soweit nicht dramatisch oder ungewöhnlich ist. Aber es ist seine zehnte Akkubohrmaschine – er hat wohl einen ausgeprägten Akkubohrmaschinentick – und seine Frau ist nach der neunten schon stinksauer auf ihn gewesen, weil das Werkzeugregal im Keller schon überquillt. Also hat er sie heimlich gekauft. Deshalb hat er mich gebeten, die Maschine in meiner Handtasche zu verbergen, damit seine Frau nicht sieht, wie ich damit aus dem Haus komme, um im Garten Löcher in den Baumstamm zu bohren, damit ich Tritt-Zweige hineinstecken kann, um meinen feigen Kater vom Baum zu holen. So war es, ich schwöre!“
„Ach so, alles klar.“

Hans Peter Röntgen

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
„Ganz einfach: Ich komm heute unangemeldet zu meinem Mann ins Büro, und was meinst du, wen der auf seinem Schreibtisch gerade poppt? Nein, nicht die Sekretärin, diese Schlampe, sondern die Gräfin von Arentow, seine Klientin, und die ist schon weit über sechzig. Na, und jetzt hab ich seine Bohrmaschine geholt, gehe zurück zu seinem Büro und werde seinen Porsche ein wenig löchern, den liebt er nämlich wirklich, und dann hat der in Zukunft auch genug Löcher, in die das Schwein seinen Schwanz reinstecken kann.“
„Ach so, alles klar.“

Claudia Winter

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
Sie wirkte ein wenig blass um die Nase, während sie mit fliegenden Fingern den Reißverschluss der Tasche schloss. Ihr Blick rasterte das vollbesetzte Café, im Quadrat über die Köpfe hinweg, in jede Ecke hinein, ehe ihre Augen zu Ludwig zurückkehrten. „Das ist kompliziert“, murmelte sie und kniff den Mund zu einer bleistiftgeraden Linie zusammen.
Ludwig fragte sich unwillkürlich, wo die lächelnden Lippen seiner Exfrau geblieben waren, die ihn stets an einen Minidonut mit rosa Zuckerguss erinnert hatten. „Erklär es mir.“ Er sagte es nebenbei, und während er die Tageszeitung aufschlug, damit er nicht allzu neugierig wirkte. Der Leitartikel sprang ihm förmlich ins Auge.
Weiberfastnacht: Banküberfall in der Sparkassenfiliale in der Dürener Straße. Bankräuber bohrten seelenruhig Tresor auf, während Bankbelegschaft Karnevalslieder grölte. Polizei fahndet nach zwei Personen in Bauarbeiterkostüm.
Ludwig räusperte sich und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Schwarz mit drei Löffel Zucker. Hedwig trank Schnaps, ein ungewohnter Anblick. Offensichtlich hatte nur seine Welt aufgehört, sich zu drehen. Stumm musterte er Hedwigs Blaumann. Stand ihr außerordentlich gut, auch wenn er einige Nummern zu groß war.
War das die Chance, auf die er seit fünf Jahren wartete? Sehr langsam faltete Ludwig die Zeitung zusammen und schob sie zurück in den Zeitschriftenständer. Dann griff er nach der Hand, die zitternd und kalt vor ihm auf dem Tisch lag, als gehörte sie nicht zu dem Rest der Frau, die er noch immer liebte. „Was hältst du von einem gemütlichen Abendessen bei Giovannis? Du bist früher gern dorthin gegangen.“
Ihr Blick löste sich von der Eingangstür. Las er Erleichterung darin? Freude? Oder Widerwillen?
„Das wäre … nett.“
„Fände ich auch. Aber in Anbetracht der neuesten Entwicklung …“
„Ja?“ Jetzt guckt sie ängstlich.
Ludwig lehnt sich entspannt – sehr entspannt – zurück und lächelt. „… fände ich es passend, wenn Du die Rechnung übernimmst.“

Roland Spranger

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
„Ganz einfach: Ich bin Zahnärztin.“
„Ach so, alles klar.“

Stephanie Fey

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
„Ganz einfach: Die trägt mein Mann immer bei sich, ich hab sie
 vergessen rauszutun, bevor ich den schweren, alten Sack entsorge.“

„Ach so, alles klar.“

Michael Schmid

„Hedwig, warum hast du eine Bohrmaschine in deiner Handtasche?“
„Ganz einfach: Weil ich mir nach jedem Essen die Zähne putze.“
„Ach so, alles klar.“

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Entern: Absetzen

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Ein Absatz ist rein formal gesehen ein Abschnitt eines Textes, der durch Zeilenumbrüche eingegrenzt und damit optisch hervorgehoben wird. Er beginnt nach einem Zeilenumbruch und endet mit einem Zeilenumbruch. Er kann zusätzlich kenntlich gemacht werden, indem, wie in diesem Blog, vor und/oder nach einem Absatz (also mit dem einmaligen Betätigen der Entertaste) ein größerer Zeilenabstand erzeugt wird. Außerdem wird der Absatz häufig durch Einrückung der ersten Zeile zusätzlich markiert. Beide Formatierungen sind allerdings von den meisten Verlagen in Manuskripten nicht erwünscht.

Gut, das alles ist noch recht simpel. Schwierig wird es, wenn wir uns fragen, wann denn nun der Zeitpunkt gekommen ist, einen Absatz abzuschließen und einen neuen zu beginnen. Von der Szene wissen wir, dass sie (im Idealfall) einen eigenen Spannungsbogen besitzt, ist das beim Absatz auch so? Nein, von Spannungsbögen kann man bei solch kleinen Abschnitten wahrlich nicht sprechen. Eher von Sinneinheiten. Und die können nun mal recht unterschiedlich geprägt sein und sind obendrein individuell interpretierbar. Manchmal wird man sich dabei eher auf sein Gefühl verlassen. Feststehende Regeln gibt es nicht, weshalb ich einfach mal an einer Szene aus meinem Ben-Philipp-Roman „Kampf um jeden Meter“ ein paar Möglichkeiten demonstrieren will.

Er schüttelte Lucas die Hand.
„Danke, Sebastian. Tut mir leid für dich.“
„Ach was“, wehrte er ab. „Die Hauptsache ist doch, dass dir nichts weiter passiert ist.“ Er hoffte, dass es genauso glaubhaft klang wie Lucas’ Bedauern. Gerade noch rechtzeitig besann er sich. „Ich wünsch dir viel Glück in der Quali.“
Lucas bedankte sich und setzte den Helm auf. Er würde als einer der ersten auf die Strecke gehen.

Die Szene beginnt mit einem Dialog. Den Sprecherwechsel, den der nächste Artikel genauer behandelt, rechnen wir trotz Zeilenumbruch nicht als einzelne Absätze. Der gesamte Dialog bildet also einen Absatz. Das nach dem Dialog etwas Neues beginnt, was einen neuen Absatz nahelegt, ist, denke ich, recht nachvollziehbar.

Obwohl Sebastian noch immer enttäuscht war, spürte er ein Kribbeln, als sei er es selbst, der nun das Team in eine gute Startposition bringen musste. Es verstärkte sich noch, als der Motor aufheulte und Lucas den Wagen aus der Box fuhr.

Der zweite Absatz ist recht kurz, weshalb man überlegen könnte, ihn an den vorherigen anzubinden. Allerdings gibt es eben einen inhaltlichen Schnitt: Das Gespräch ist vorbei, Lucas fährt aus der Box, weshalb offenbar auch ein bisschen Zeit zwischen Absatz 1 und Absatz 2 vergangen sein muss, wenn auch nur einige Minuten. Eine deutliche inhaltliche Zäsur gibt es auch zum folgenden Absatz.

Sebastian schaute zur Box von Christian. Auch er machte sich bereit. Als eines der neuen Teams musste Virgo erst einmal eine sichere Zeit fahren, konnte sich das Risiko nicht leisten, erst am Ende des Turns auf die Strecke zu gehen.

Wieder ein kurzer Absatz, und wieder könnte man diskutieren, ob man ihn  nicht diesmal mit dem folgenden Absatz zusammenlegen will. Es spricht wenig dagegen. In beiden Absätzen schaut sich Sebastian in der Box um, allerdings fällt im folgenden Absatz der Blick auf die Frau, die im Spannungsbogen der gesamten Szene für den Konflikt sorgt, sie ist hier die Antagonistin. Daher habe ich mich entschieden, das mit einem neuen Absatz zu würdigen.

Im hinteren Teil von Christians Box sah er eine junge Frau. Die Bügel ihrer schwarzen Sonnenbrille verschwanden in den schulterlangen blonden Haaren. Bevor Sebastian richtig begriffen hatte, wen er da anstarrte, winkte sie ihm. Er konnte sich eben noch zurückhalten, schnell zu Boden zu sehen oder sich gar wegzudrehen. Er hob leicht die Hand und nickte Hanna zu. Warum konnte er sich jetzt nicht einfach abwenden?

Der Absatz endet, weil hier die zumindest theoretische Möglichkeit aufgezeigt wird, der drohenden Konfrontation noch zu entgehen. Der erste Satz des folgenden Absatzes macht genau diese Hoffnung zunichte. Die Teufelin kommt!

Sie kam auf ihn zu. Ihr lässig schwingender Gang in den engen Jeans verbreitete einen Hauch von Hollywood. Sie nahm die Sonnenbrille ab, und nun wurde sie zu einem frühreifen Mädchen, gerade neunzehn Jahre alt. Doch als sie vor ihm stand und ihn zwang, in ihre blaugrünen Augen zu schauen, wirkte sie so abgebrüht, als habe sie schon alles gesehen. So kannte er sie. So hatte sie ihn schon immer fasziniert. Obwohl er nun wusste, dass der Schein keineswegs trog.

Nun folgt der Absatz, der den zentralen Dialog der Szene enthält. Den Konflikt zwischen Sebastian, der nur Ersatzfahrer ist, und seiner Ex, die inzwischen mit Christian, dem Stammfahrer des Teams, zusammen ist. Der Absatz zieht sich bis zum Ende der Szene, ist also deutlich länger als die bisherigen, aber inhaltlich in  sich geschlossen. Wollt ihr ihn noch lesen? Na gut.

„Hi, Sebastian! Freut mich echt, dich zu sehen.“
„Hallo.“
„Wer hätte das gedacht, dass wir so bald schon wieder in einem Team sind.“ Sie lächelte.
Sebastian kam es vor wie das Grinsen des Teufels. „Sehr witzig!“
„Nein, mal im Ernst. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ein Jahr? Oder länger? Warst du nicht vor zwei Jahren bei Christians Meisterschaftsfeier? Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.“ Sie machte eine Pause, hielt ihn aber mit ihrem Blick gefangen. „Wie ist es dir nach dem Unfall ergangen? Alle Wunden verheilt?“
Sebastian wollte schreien. Sie anschreien. Vielleicht noch mehr. „Es geht mir gut!“ Es gelang ihm nicht einmal, den bestimmenden Tonfall, der das Gespräch hätte beenden sollen, in seine zitternde Stimme zu legen.
„Natürlich! Da fällt mir ein, dass ich dir noch gratulieren muss. Zu deinem Einstand in der Formel 1. Ich hätte ja nicht gedacht, dass du es noch so weit bringst.“
„Tja, da siehst du mal!“ In dem Moment, in dem er es sagte, fiel ihm auf, wie lächerlich das klang. Umso wütender fuhr er fort: „Und, wie ist es mit Christian? Dass du nach seiner verkackten Saison letztes Jahr noch bei ihm bist, wundert mich wirklich.“ Nach diesem Treffer wollte er sich besser fühlen.
Aber Hanna kannte keine Gnade. Keine Sekunde ließ sie ihn an einen Triumph glauben, grinste stattdessen nur noch breiter. „Das, mein Süßer, ist Liebe!“
„Wer soll dir das denn glauben?“, versuchte er zu kontern. „Und jetzt halte mich nicht von der Arbeit ab!“
Sie lachte. „Ja, sicher! Du kannst dich heute vor Arbeit wahrscheinlich kaum retten. Mit welchem Auto gehst du denn heute ins Qualifying? Oder brauchen die Streckenposten noch Hilfe?“
Er ballte die Fäuste. Steckte sie in die Taschen seines Overalls, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Warum bohrte sie noch in der Wunde? Schlimmer noch: Warum ließ sie ihm nicht die geringste Chance für einen halbwegs würdevollen Abgang?
„Sebastian!“
Er drehte sich um. Es war Frank. Wahrscheinlich stand er da schon eine Weile.
„Kommst du mal? Wir haben da gleich noch einen Interviewtermin, hast du das vergessen?“
Obwohl er nichts von einem derartigen Termin wusste, nickte er. „Richtig. Weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“ Er wandte sich an Hanna. „Tut mir leid, meine Liebe, aber du musst dir jetzt leider jemand anderen für ein nettes Gespräch suchen.“
„Natürlich, kein Problem“, antwortete sie mit einem Grinsen. „Grüß die interessierte Presse von mir.“ Sie winkte Frank und ließ Sebastian stehen.

Wir sehen, Absätze können unterschiedlich lang sein und aufgrund verschiedener Kriterien Sinneinheiten bilden, die obendrein der individuellen Interpretation und Wirkungsabsicht des Autors folgen. Dialoge, Erinnerungen, Gedankenmonologe, eine Reihe von miteinander verbundenen Handlungen, Landschafts-, Figuren- und andere Beschreibungen, Erzählerkommentare, … – das alles können Sinneinheiten sein, die in einem Absatz zusammengefasst werden. Theoretisch könnte man so jedem Absatz eine kleine Überschrift geben: A denkt über die nächsten Schritte nach. B unterhält sich mit C. D erinnert sich an seine Kindheit. E baut die Waffe zusammen. F betrachtet die Landschaft vor dem Fenster. G beobachtet den Neuankömmling. Der Erzähler spricht über Tante Berta.

Es empfiehlt sich außerdem, immer einen halben Blick auf die Länge der Absätze zu haben. Wenn gute Gründe dafür sprechen, ist ab und an ein sehr kurzer Absatz weniger schlimm als ein zu langer. Denn lange Absätze strengen den Leser an und wirken unübersichtlich. Viele kurze Absätze sorgen stattdessen für ein zerpflücktes, unruhiges Textbild. Keinesfalls ist aber die Länge das dominante Kriterium, um das ideale Ende für einen Absatz zu finden.

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Sechser im Motto: So, Frau Engel, fertig

Sechser im Motto, Foto: javarman
Sechser im Motto, Foto: javarman
© javarman

Aufgabe:
Ich möchte dich bitten, den folgenden Dialog fortzuführen:

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“

Du kannst den Dialog so lang oder so kurz weiterführen, wie du möchtest. Einzige Bedingung: Der folgende Satz muss den Dialog (vorzugsweise in irgendeiner Weise logisch) abschließen:

„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Eva Lirot

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Da darf man nicht lange fackeln, meine Liebe. Ich habe den Rosendorn in Ihrer Hand sowie das eventuell in Mitleidenschaft betroffene Gewebe großflächig entfernt. Da wird es keine Restlasten geben. Schauen Sie nur, hier haben wir ihn, den kleinen Racker.“ Stolz hielt ihr Dr. Hütte eine kleine Schüssel aus Messing hin. Darin enthalten: ihr rechter Zeigefinger. Sauber amputiert.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Michael Borlik

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Die Wirkung setzt schneller ein, als ich erwartet hätte.“ Er lächelte.
„Ist das ein gutes Zeichen?“, fragte sie.
„In der Tat.“
„Werde ich wieder gesund?“
Dr. Hütte nickte. „Das sind Sie bereits.“
„Aber …“
„Kein aber, Frau Engel, freuen Sie sich doch!“
„Aber …“
Dr. Hüttes Lächeln verschwand. „Es reicht, Frau Engel. Sie sind gesund und das waren Sie auch schon vorher. Seit Monaten kommen Sie fast täglich in meine Praxis und belästigen mich mit Ihren Hirngespinsten.“ Sein Blick wurde hart. „Sehen Sie, ich habe Ihnen vorhin ein Placebo gespritzt, trotzdem behaupten Sie, eine Wirkung zu spüren.“
Stefanie kniff die Lippen zusammen. Sie sah aus, als wollte sie Dr. Hütte an die Gurgel springen.
„Ich muss Sie jetzt bitten, zu gehen, Frau Engel. Draußen warten Patienten, die wirklich meine Hilfe benötigen.“
Sie erhob sich so ungestüm, dass der Stuhl nach hinten fortkippte. „Das werden Sie bereuen!“
„Das bezweifle ich“, erwiderte Dr. Hütte und dachte an das angebliche Placebo. Niemand würde ihm etwas nachweisen können.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor, hören Sie? VERKLAGEN!“ Damit drehte sich Stefanie um und rauschte aus dem Zimmer.

Christine Spindler

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“ Sie streichelte den Bauch ihrer Katze, die von der Narkose noch leicht benommen auf dem Behandlungstisch lag. „Minka schnurrt sogar wieder.“
Der junge Tierarzt hob die getigerte rote Katze vorsichtig hoch und bugsierte sie in die Transportbox.
„Jetzt hat sie sicher noch ein paar schöne Jahre vor sich, oder?“, fragte Stefanie besorgt.
Lächelnd streifte Dr. Hütte die blutverschmierten Latexhandschuhe ab. „Es würde mich nicht wundern, wenn sie bald wieder herumspringt wie ein Kätzchen.“
Stefanie nahm die Box am Henkel. „Vielen Dank.“
Nachdem sie am Empfangstresen die Behandlung bezahlt und den Transportkorb auf dem Rücksitz festgeschnallt hatte, saß sie eine Weile da und atmete tief durch. Sie hatte eine entsetzliche Zeit hinter sich. Ihr Mann hatte sie mit den Drillingen sitzen lassen, weil eine jüngere Frau ihn angeblich glücklicher machte. Und heute dieser entsetzliche Schock, als sie und ihre neunjährigen Jungs mitansehen mussten, wie ihre geliebte Katze durch die Luft geschleudert wurde.
Aber das Schicksal ging seltsame Wege. Hätte ihr Mann sie nicht verlassen, wüsste sie jetzt nicht, wer der verrückte Raser gewesen war.
Daheim angekommen, machte sie gleich den Anruf, der ihr auf der Seele brannte.
„Rechtsanwaltskanzlei Menzel und Stein. Fräulein Kramer am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“
„Stefanie Engel hier.“
„Ach, hallo. Herr Stein sagte, die Scheidungsunterlagen wären bereits auf dem Weg zu Ihnen“, versicherte Fräulein Kramer.
„Darum geht es nicht. Ich würde diesmal gern Herrn Wenzel sprechen.“
„Augenblick, ich stelle Sie durch.“
„Dr. Wenzel“, meldete sich kurz darauf eine forsche Stimme.
„Stefanie Engel. Sie sind vor zwei Stunden mit Ihrem Angeberporsche mit gut achtzig Sachen durch unsere Dreißigerzone gerast.“
„Was Sie nicht sagen.“
„Und haben wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, dass Sie meine Katze angefahren haben.“
„Das müssen Sie mir erst mal beweisen.“
„Es gibt drei Augenzeugen.“ Sie lauschte dem leisen Schnurren hinter sich und ergänzte kämpferisch: „Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Wolfgang Schröder

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Und das ist nur der kleinste Teil, Frau Engel! Sie müssten jetzt bereits fühlen, wie sich die phantastischen Bilder und wunderbaren Inspirationen, die Sie so lange vermisst haben, Ihr Gehirn zurückerobern.“
„Ja, aber warum …“
Warum da noch niemand vorher drauf gekommen ist? Keine Ahnung. Doch stellen Sie sich nur die Möglichkeiten vor: Jeder Mensch, der eine besondere Fähigkeit besitzt, kann diese mit unserer Methode potenzieren! Einfach die Funktionen der weniger genutzten Gehirnhälfte ‚kurzschließen‘ und die dadurch gewonnene Kapazität der anderen Hälfte zuschlagen.“
„Das mag sein. Ich weiß nur nicht …“
„Sie wissen nicht, wie Sie mir danken sollen? Ihr nächstes Buch ist mir Lohn genug, Frau Engel. Sie haben endlich Ihr Leben zurück. Nie wieder werden lästige Schreibblockaden Sie in die Verzweiflung treiben können!
Gut, Sie werden Ihre nächste Betriebskostenabrechnung nicht mehr kapieren … aber das ist doch ein mehr als akzeptabler Preis für schier unbegrenzte Kreativität und Phantasie.“
„Ist es nicht, Dr. Hütte!“
„Aber genau so wollten Sie es doch. Endlich wieder Estefania Engel, die erfolgreiche Schriftstellerin, sein.“
„Nein! Ich wollte Stefanie Engel sein, die weltberühmte Mathematikerin!“
„Bitte?“
„Wissen Sie was, Dr. Hütte? Ich werde Sie verklagen! Auf jeden verdammten Cent, den Sie besitzen. Und auch wenn ich dann mit den vielen Zahlen auf meinem Kontoauszug nichts mehr anfangen kann, so verfüge ich ja jetzt über genug Kreativität, um Ihr Geld möglichst phantasievoll auszugeben. Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Emilia Jones

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
Mit den Fingerspitzen tastete sie über ihre rechte Stirnseite, die sich weich und zart, schlichtweg wundervoll, anfühlte.
Noch vor wenigen Augenblicken war genau diese Stelle aufgeschürft und blutig gewesen. Sie hatte ein unerträgliches Dröhnen in Stefanies Schädel verursacht. Wie gut, dass ihre Freundin Alexa gleich nach dem Unfall da gewesen war und ihr Herrn Wunderdoktor Hütte empfohlen hatte.
Da gab es nur eine Sache, die sie jetzt noch interessierte. Sie sah sich in dem Behandlungsraum um. „Haben Sie denn hier nirgends einen Spiegel?“
Dr. Hütte verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, warum?“, entgegnete er mit brummigem Unterton.
„Ich würde gerne sehen, ob es genauso gut aussieht, wie es sich anfühlt.“
„In der Tat.“ Er nickte.
„Herr Doktor, bitte“, sagte Stefanie. Sie stand auf und streckte ihre Hand fordernd aus, um ihre Worte zu unterstreichen.
Endlich erhob sich Dr. Hütte von seinem Stuhl, tat dabei allerdings so, als wären seine Glieder schwer wie Blei. Irgendetwas schien ihm nicht zu passen, das konnte Stefanie ganz deutlich spüren. Aus einer Schublade holte er einen Handspiegel hervor. Es dauerte jedoch eine gefühlte Ewigkeit, ehe er ihr das Utensil reichte.
Stefanie schnappte mit der Rechten nach dem Spiegel und blickte ohne zu zögern hinein. Im gleichen Moment erschrak sie beinahe zu Tode. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem abscheulichen Ergebnis.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Falko Löffler

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Was? Das kann nicht sein. Ich hab Ihnen doch eine Schmerztablette gegeben.“
„Ja, ich weiß. Sie wirkt.“
„Offenbar nicht. Ich sagte SCHMERZTABLETTE.“
„Und?“
„Die Schmerzen lassen wirklich nach?“
„Ja, es wird besser. Das ist doch gut.“
„Das ist nicht gut. Irgendwas stimmt hier nicht.“
„Oh … jetzt werden die Schmerzen wieder schlimmer. Viel schlimmer …“
„Na also! Geht doch!“
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Sechser im Motto: Spezial Schreibexil

Sechser im Motto, Foto: javarman
Sechser im Motto, Foto: javarman
© javarman

Im Mai haben sich mehrere Autoren zum Schreibexil in Leogang (Österreich) zusammengefunden. Dort entstand die Idee zu einem „Sechser im Motto“-Spezial, an dem sich mit meiner Wenigkeit sieben Autoren beteiligt haben.

Aufgabe:
Schreibe einen Dialog, in dem du versuchst, deinen beim Wichteln gezogenen Schreibexil-Kollegen zu überzeugen, die Arbeit ruhen zu lassen!

Mascha Vassena

Dialog im Schreibhaus: Glamouröses Autorendasein

Früher Nachmittag. Im Garten hinter dem Haus. C. Im Liegestuhl, Lockenwickler im Haar, das Laptop auf dem Schoß. M. kommt aus dem Haus, eine Flasche Prosecco und zwei Gläser in der Hand.

M.: Komm, wir trinken was, wir sind ja nicht nur zum Arbeiten hier.
C.: Du ich bin erst vor eine halben Stunde aufgestanden. Letzte Nacht hab ich bis drei geschrieben, damit ich den Abgabetermin einhalten kann.
M.: Und, lief es gut? Dann können wir ja darauf anstoßen! (beginnt, die Flasche zu öffnen).
C.: Ich muss aber heute noch 20 Seiten schaffen, meine Lektorin schreibt mir schon stündlich E-Mails und fragt, wo die Leseprobe bleibt.
M.: Genau deswegen brauchst du ein Glas Prosecco! Erfolgreiche Chick-Lit-Autorinnen schwören drauf, mit Schwips zu schreiben. Da kommen einem die besten Ideen.
C.: Ach, deswegen wird in den Büchern so viel getrunken! Ich hab jetzt aber wirklich keine Zeit. Wenn aus dem Buch nichts wird, muss ich die Katze ins Tierheim geben, weil ich mir das Futter nicht mehr leisten kann.
Korken knallt, Prosecco schäumt aus der Flasche und tropft ins Gras, M. füllt die Gläser.
M.: Los jetzt! Du bist deinen Leserinnen einen gewissen Lebensstil schuldig. Stell dir mal vor, eine Frauenzeitschrift macht eine Homestory und du entpuppst dich als total unglamourös. Das hat doch null Unterhaltungswert! Ohne das passende Image verkaufen sich deine Bücher nicht, das gehört heutzutage einfach dazu. Denk an die Katze!
C.: Gerade macht aber keiner eine Homestory über mich, und die Lektorin wartet auf die Leseprobe. (wendet sich wieder dem Laptop zu)
M.: Wenn du jetzt nicht mit mir anstösst, poste ich auf Facebook, dass du täglich mehrere Stunden am Rechner sitzt und arbeitest.
C.: O Gott, bloß nicht! (greift nach dem Glas)
M.: Na also, der Marktwert steigt! Prost!

Claudia Toman

Philipp: (sitzt mit dem Computer auf der Couch und starrt konzentriert auf den Bildschirm. Ebenfalls anwesend: Eine leere Flasche Cola, Nora, der Hund, und Kollegin Schlederer, die ihre Uhr sucht)
Ich: Arbeitest du, Schatz?
Philipp: Hmm hmm.
Ich: Gehst du mit mir zum Bach, Fische fangen?
Philipp: (starrt konzentriert auf den Bildschirm und betätigt die Leertaste, was später noch wichtig wird!)
Ich: Schatz?
Philipp: Hmmmm.
Frau Schlederer: Hat jemand meine Uhr gesehen?
Ich: Wir könnten sie mit meinem Haarnetz aus dem Bach fischen und Sushi draus machen.
Frau Schlederer: (empört) Was? Das ist eine Vintage-Uhr. Die verträgt sich nicht mit Ingwer und Wasabi.
Philipp: (ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen) Wir haben Tiefkühl-Fisch, Mäuschen. Und ich wette, im Bach ist überhaupt kein Fisch. Außerdem mag ich lieber gebackenen Fisch mit brutzelnden, goldenen Bratkartoffeln dazu.
Ich: Das täte dir so passen! Meinen netten Fisch verderben. Fisch muss man roh essen. Und deine Bratkartoffeln kannst du behalten! Bäh!
Philipp: (antwortet nicht, betätigt stattdessen ein zweites Mal die Leertaste)
Ich: (mit Klagemiene) Sogar der Hund hat mehr für Fischfang übrig als du.
Nora, der Hund, winselt zustimmend und gähnt.
Ich: Was machst du überhaupt?
Philipp: Ich bereite den Blogbeitrag vor. Sechser im Motto. Haben wir Gurkensalat?
Ich: Wie kommst du jetzt auf Gurkensalat? Ich habe dich gefragt, ob wir fischen gehen.
Philipp: Das macht mich hungrig.
Ich: (triumphierend) Dann lass uns was zu Essen besorgen!
Nora, der Hund, bellt begeistert.
Frau Schlederer: Essen? Das klingt gut. Wo lebt denn der Mikrowellenherd?
Philipp: Ich muss arbeiten!
Ich: Aber deine Cola ist alle. (lauernd) Brauchst du nicht eine neue, mein Schaaatz?
Philipp: Nö. (kratzt sich nachdenklich am Kinn)
Ich: (mit bebender Stimme) Du hast jetzt genau drei Leerzeichen geschrieben. Das ist nicht arbeiten, das ist leerer Datenverkehr. Wenn du deine Prioritäten nicht ordnest, wandere ich nach Japan aus und heirate einen Hochseefischer!
Frau Schlederer: Ich esse keinen Fisch. Ich esse überhaupt nichts, das mal Augen hatte. Hat irgendwer meine Uhr gesehen???
Ich: Den ganzen Tag hast du nur Augen für das Netbook, starrst den Bildschirm an und kümmerst dich null um meine Fischbedürfnisse. Da müssen sich einem ja die Schuppen aufstellen. Vermutlich wär es dir auch wurscht, wenn ich mich in den Bach stürze und im Bachbett ersäufe.
Frau Schlederer: Also ich geh jetzt ins Bett! Ich bin schrecklich gestresst.
Philipp: (betätigt ein drittes Mal die Leertaste, klappt das Netbook zu und steht auf)
Ich: (begeistert in die Hände klatschend) Kommst du jetzt endlich mit mir ins Bachbett?
Philipp: Ich geh eine rauchen.

Philipp Bobrowski

Philipp: Kommst du?
Victoria: …
Philipp: Victoria?
Victoria: Du geruhst, mich zu meinen? Wohin, wenn mir die Frage gestattet ist?
Philipp: Hier ist sonst keiner. Zur Kartbahn.
Victoria (lacht, lacht und lacht, was Philipp veranlasst, ungeduldig auf die Uhr zu schauen): Ist es deinereiner möglich, sich meinereiner in einem derartigen Gefährt vorzustellen?
Philipp: Du guckst doch auch Formel 1.
Victoria: Dem ist wohl so. Es soll aber, wie mancher munkelt, auch Leute geben, deren Vergnügen das Lesen, gleichwohl in keiner Weise das Schreiben ist.
Philipp: Versteh ich nicht.
Victoria (unmerklich seufzend): Mir fehlt es an der notwendigen Zeit, da ich erst siebenundvierzig Seiten eines angestrebten Tagespensums von neunundachtzig bewerkstelligt habe.
Philipp (zuckt mit den Schultern, brüllt im Hinausgehen): Claudiaaaaa! Thoooomaaaaas! Wir können los!

Victoria Schlederer

Ort und Zeit der Handlung: ein mehrere Jahrhunderte alter Gutshof in tiefster Provinz, für die Dauer von zwei Wochen zum Schreibexil erhoben. Mai 2012.

Die besondere Herausforderung, welche der Umgang mit Persönlichkeiten von der charakterlichen Disposition eines Thomas M. darstellen, sollte ganz und gar nicht unterschätzt werden: Denn man merke auf und staune, wir haben es hier mit einem Parade-Exemplar der zusehends rarer werdenden Spezies „Gentleman“ zu tun; einem Menschen also, der, wie die Heldin unseres kleinen Schwanks schon des öfteren festzustellen die Ehre hatte, seinem Freundeskreis großmütig und ohne mit einer Wimper zu zucken, Ohren, Nerven, und Zeit opfert.
Nun, oben genannte Herausforderung wird sich vermutlich mittlerweile nicht mehr allzu schwer erahnen lassen: So es sich nicht um dramatische Wendungen des Schicksals oder Angelegenheiten, die keinerlei Aufschub dulden, handelt, wird Dame oder Herr von Welt (ersteres, in unserem Fall) einem Thomas M. Anliegen mit äußerster Subtiltät vortragen, ganz besonders wenn er sich, wie soeben, in einer intensiven Schreibphase befindet, und ihn keineswegs mit einer offenen Bitte konfrontieren.

Dabei kann es geschehen, dass sich ein Dialog wie folgender entspinnt:

Unsere Heldin: hat soeben drei der viereinhalb Normseiten, die ihre bisherige schreiberische Tagesproduktion darstellten, wieder gelöscht, und befindet sich nun auf der dringenden Suche nach Ablenkung, Zerstreuung, und einer Plauderei.
Bewusster Thomas M: bis vor kurzem tiefversunken schreibend, blickt auf.
Die Heldin: „Stör ich Dich eh nicht? Das heißt, wenn ich Dich stör‘, dann entschuldige ich mich schon einmal vorbeugend, aber …“ (Sie merkt, dass sie offensichtlich sehr stört, und das schlechte Gewissen erwacht.)
Thomas M: hält im Tippen inne. Das obligatorische „nein“ entweicht seinen Lippen, er rundet es mit einem „aber sicher nicht“ ab.
Die Heldin: ist indessen zu der Conclusio gekommen, dass „… aber ich habe mich gerade in eine Ecke geschrieben und würde Dir jetzt gerne eine Dreiviertelstunde lang irgendwelchen Unfug über historische Details zu meinem Projekt vormonologisieren“ keine korrekte Weiterführung des Satzes ist – zumindestens nicht, wenn sie Tage später in einem Blogeintrag eines Mitexilanten nicht als ausgeprägte Egozentrikerin herüberkommen will.
Thomas M: missdeutet das pointierte Schweigen, das ihm entgegenschlägt. „Geht’s Dir gut? Ist alles in Ordnung?“
Die Heldin: überdenkt ihre Optionen; mit „nein“ zu antworten, und detailliert das schreiberische Missgeschick (inklusive historischer Abschweifungen) darzulegen, scheint ihr zu egoistisch; die Variante, zu bejahen und sich ihrerseits nach dem Fortschritt des ThomaM’schen Werk zu erkundigen, in jenem Moment zu grausam. (Wer will Schreibende schon vor die schwierige Wahl stellen, eine Kreativphase auszunutzen, oder dem Drang nachzugeben, über das eigene Projekt zu konversieren?) Sie entscheidet sich für den dritten Weg und tritt mit der Erklärung, die im Garten geparkten Haflinger heillos mit Karrotten überfüttern zu müssen, den Rückzug an.
Thomas M: von der Heldin erratischem Verhalten leise beunruhigt, bietet seine Gesellschaft an und erfährt somit (da unsere Heldin zur sprunghaften Gesprächsführung neigt) letztlich doch weit mehr über die gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 1907, als er – oder irgendein anderer Mensch – jemals wissen wollte.
Die Haflinger: überfressen sich indessen an Karrotten und Ärmeln.

Thomas Mühlfellner

Ich: „Gabi?“
Gabi: „Ja?“
Ich: „Gabi?’
Gabi (leicht genervt): „Jaaa?“
Ich: „Gabi, was machst du hier?“
Gabi: „Ich schreibe.“
Ich: „Und, kommst du voran?“
Gabi (sieht Ich von unten an): „Jetzt nicht mehr so gut.“
Ich: „Warum gehen wir dann nicht mal kurz spazieren. Kopf auslüften und so.“
Gabi: „Das ist nicht nötig, es wird wieder besser gehen, wenn du mich arbeiten lässt.“
Ich: „Ach so.“
Kurze Pause. Ich trippelt unschlüssig um den Gartentisch herum, während Gabi wieder auf ihren Laptop starrt.
Ich: „Gabi?“
Gabi: „Was?“
Ich: „Pebo geht vielleicht auch mit.“
Gabi: „Pebo bleibt hier!“
Ich: „Aber wenn er mitgehen will?“
Gabi: „Er bleibt hier!“
Ich: „Na gut.“
Zweite Runde von Ich um den Gartentisch. Nervös blickt Gabi über ihre Schulter.
Ich: „Du? Gabi?“
Gabi: „Herrgottnochmal, was?“
Ich: „Wollen wir eine Runde Badminton spielen?“
Gabi: „Ich kann das nicht.“
Ich: „Ich zeig’s dir. Ist echt leicht.“
Gabi: „Ich habe keine Lust. Ich will arbeiten.“
Ich: „Okay …“
Ich schleicht wieder um den Gartentisch herum, mittlerweile argwöhnisch von Gabi beobachtet.
Ich: „Gabi?“
Gabi: „WAS IST?“
Ich: „Ich habe Nudeln aufgesetzt.“
Gabi: „Und?“
Ich: „Wann sind die fertig?“
Gabi: „Wenn sie durch sind.“
Ich: „Ja schon, aber wann merke ich das? Kannst du nicht vielleicht mal kurz mitkommen und prüfen, ob die Nudeln fertig sind?“
Gabi: „Das ist nicht dein Ernst?“
Ich (überlegt kurz, scheint aber Gabis Blick richtig zu deuten): „Eh nicht …“
Und wieder kreist Ich um den Tisch, starrt auf den plätschernden Bach. Gabi funkelt Ich aus den Augenwinkeln an.
Ich: „Gabi?“
Gabi: „Herrschaftszeiten, jetzt reicht’s aber!“
Ich: „Tschuldigung. Aber du kannst doch so toll Tarot-Karten legen. Kannst du mir nicht die Karten für meine Zukunft legen?“
Gabi: „Deine Zukunft? Ich zeig dir deine Zukunft!“
Ruckartig steht sie auf, der Gartenstuhl kippt nach hinten, sie stürmt zur Scheune, reißt das Scheunentor auf und ergreift die Axt.

Gabriele Gfrerer

Wie schaffe ich es, Steffi vom Schreiben abzuhalten? Der Versuch eines Dialogs …

Ich (über einen Schülertext gebeugt – auf der Suche nach einer Ausrede, das Korrigieren unterbrechen zu können): Steffi, an was schreibst du grad?
Steffi (zerrt einen sperrigen Liegestuhl auf die Sonnenwiese): Ah ja, Schreiben  … ja, klar! Schreiben … ich bin grad beim Überarbeiten … beim zweiten Kapitel  … Nora! Hierher! Hat irgendwer das kleine Monster gesehen? … also, das zweite Kapitel  ist echt ein Hund! … Nora! Aus! Lass den Igel in Ruhe! (lässt die Liegenbestandteile fallen, sprintet zu einem Laubhaufen am Ende des Gartens) … da haben wir wieder was gefunden, was, kleines Monster? (über die Schulter) Dem Igel kann sie ja nicht wirklich was tun, aber wenn da Babys sind … Nora! Geh jetzt weg da! …
Ich (immer noch auf der Suche nach einem Break zum dritten Mal den ersten Satz des Schüler-Krimikapitels lesend – interessiert): Echt? Hat der Igel Babys?
Steffi (im technischen Clinch mit dem Klappstuhlgestell): So dick wie der ist, würde mich das jetzt nicht wundern … wir hatten ja mal einen Igel in der Praxis – versuch mal, einem Igel eine Spritze zu geben! (lacht) – Nadeln hätt der ja selber genug! (springt rechtzeitig vom Sessel weg, bevor er unkontrolliert zusammenklappt) … ja, das zweite Kapitel macht mich echt fertig! Dieser Brief … was haltet ihr von dem Brief? Kann ich den mal vorlesen? … Nora! Schluss jetzt! Mit dem Igel darfst du nicht spielen! (zwischen Stuhl und Hund hin und hergerissen)  Ich brauch jetzt irgendwas Süßes! (verschwindet im Haus, kommt aber unerwartet schnell wieder zurück). Die Nora, das Dummerchen! (lacht und befreit das zappelnde Tier aus einem Kabel, in das es sich mit den Hinterpfoten verstrickt hat). Da sind wir heute mit der Nase in den Stromkreis gekommen, gell, kleines Monster? Da haben wir dann einen schlimmen Schreck gekriegt (patscht Nora auf den Kopf) …
Ich (erfreut über die Hochspannung versprechende Neuigkeit): Ach, haben wir …?
Steffi (kichert):  Wir sind halt immer so schrecklich neugierig! (zerrt am Gestell, das endlich einem Liegestuhl ähnlich zu sehen beginnt) Da fällt mir ein, ich soll ja noch einen Text schreiben! Oh Mann! Voll vergessen. Ich bin ja so a Depp. Ich hab schon was angefangen, aber des muss ich definitiv nochmal überarbeiten … (lässt sich in die Liege plumpsen und greift nach dem Laptop) Nora! Der Müllwagen tut dir schon nix! Ja, is ja fein! Tust uns bewachen, gell? (springt auf, verschwindet ins Haus) Ich hab in letzter Zeit so viel Gusto auf ungesundes Zeugs! (aus dem off – wahrscheinlich aus der Küche) und ihr seids schuld (lacht hell und ansteckend).
Ich (resigniert wieder über den Schülertext gebeugt): Sorry, aber ich kann Steffi unmöglich vom Arbeiten abhalten … (seufzt) Das schafft sie schon ganz von allein …

Stephanie Schmitt

Schriftstellerische Ausreden

Ich: Lass uns irgendetwas machen.
Tanja: Ich mach schon irgendwas. Schreiben.
Ich: Die ganze Woche bist du auf Berge gerannt bzw. gefahren. Hast dich in der Infrarotkabine geräkelt und sonstigen Blödsinn gemacht, der mit allem zu tun hatte, nur nicht mit Schreiben und kaum …
Tanja: Ich habe geplottet.
Ich: Ja, ja, geplottet. DIE Ausrede eines jeden Schriftstellers, sobald er was macht, das nicht an Schreiben erinnert. Dann heißt es nicht mehr: Ich war Bergwandern, sondern ich musste herausfinden wie lang meine Helden von A nach B brauchen. Und wenn man im Drogenrausch von der Polizei verhaftet wird, dann hat man nur recherchiert.
Tanja: Klingt als wär dir das mal passiert.
Ich: Mir? Ich weiß noch nicht mal wie Drogen aussehen.
Tanja: Warum schaust du dann auf einmal so nervös zum Fenster raus?
Ich: Hab mich nur gewundert, dass das Wetter auf einmal so umgeschlagen hat.
Tanja: Weißt du was? Ich habe in meinem Roman eine Laudanum-Szene. Da könnte ich noch ein paar Informationen zu gebrauchen. Wie das Zeug so wirkt. Und wie man sich so fühlt. Du würdest mir da doch sicher helfen.
Ich: Na gut. Ich geb’s zu. Ein paar Erfahrungen habe ich ja. Dann lass uns mal rausgehen. So ein bisschen in die Berge rein. Muss ja nicht jeder mitbekommen.

Nach einer Viertelstunde irgendwo im Wald.

Tanja: Jetzt schieß schon los.
Ich: Womit?
Tanja: Den Drogen.
Ich: Ich glaub, ich war nicht ganz ehrlich. Ich hab keine praktischen Erfahrungen mit Drogen.
Tanja: Du wolltest mich also nur vom Schreibtisch weglocken.
Ich: Hat doch geklappt. Aber bevor du sauer wirst: Ich weiß wie man aus Pilzen Drogen herstellt. Also lass uns ein wenig wandern und Pilze suchen.
Tanja: Dann können wir heute nach dem Abendessen die Wirkung ausprobieren.
Ich: Und gegebenenfalls halt auch die Folgewirkungen wie das mit Notruf und so weiter funktioniert. Erstbehandlung im Krankenhaus. Verhaftung. Anklage. Und Verhandlung.
Tanja: Alles im Sinne der Recherche!
Ich: Was denn sonst?

SSFCTV (Special Schreibforce: Claudia, Thomas, Victoria)

Mascha sitzt im Schneidersitz auf der Couch und schreibt.
Claudia (platzt herein): Duhu, Mascha? Hast du grad Zeit?
Mascha: Nein. Ich schreibe.
Claudia: Sehr gut. (schweigt lautstark)
Mascha: (sieht vom Computer auf) Warum?
Claudia: Ich brauche eine kotzende Katze.
Mascha: (während sie etwas auf ihrer Tastatur tippt) Dann fütter ihr den Rest vom Curry!
Claudia: (hungrig) Ist noch was da?
Mascha: Wenn du was übrig gelassen hast … Aber gib der Katze was ab!
Claudia: Die kotzt doch nicht wegen dem Curry, sondern wegen dem Orakel.
Mascha: (ansatzweise ist Ironie zu erkennen) Klar, warum bin ich nicht gleich drauf gekommen?
Claudia: Also, bist du so lieb, Mascha? Bitteee!
Mascha: (ungeduldig) Nachher. Ich muss dringend das Kapitel fertigschreiben.
Claudia: Du bist ein Schatz!

Claudia verschwindet eilig Richtung Küche. Mascha schüttelt den Kopf und tippt drei Wörter, als Thomas die Tür mit einem dramatischen Schrei aufreißt.

Thomas: Mascha?
Mascha (ohne aufzublicken): Ich schreibe.
Thomas: Maaaaascha?
Mascha: Was?
Thomas: Kannst du mir mal die Welt zerstören?
Mascha (blickt interessiert hoch): Wenn ich dafür eine kotzende Katze verwenden kann?
Thomas: Ähm … Was?
Mascha: Egal. Aber was willst du wirklich?
Thomas: Das Weltende, die Apokalypse, Armageddon. Das Übliche eben. Feuer, Rauch, Schwefel, Meteoriten, was halt dazugehört.
Mascha: Das ist ein bisschen viel. Was bietest du an?
Thomas: Ich ess den Rest vom Curry?
Mascha: Du gehst mit Gionata in den Prater, wenn wir in Wien sind.
Thomas: Okay. Ich erzähl ihm dann mehr von meinem Plot …
Mascha (mit Blitzen in den Augen): Untersteh dich!

Thomas zieht mit einem selbstgefälligen Grinsen von dannen. Victoria kommt aus dem Garten und murmelt ungläubig.

Victoria: *Gemacht ja zwo Dresden
Mascha: (weniger irritiert als es nach nämlicher Äußerung zu erwarten wäre, blickt schicksalsergeben von ihrem Plot auf) Wie meinen?
V: Sorry, sorry, bloß Zwistigkeiten mit dem Telefon. Aber, wenn wir doch gerade schon plaudern …
Mascha: (schnaubt)
V: … Was hältst Du von Haremszenem in fin de siecle Erotika?
Mascha: (staubtrocken) Zugegebenermaßen nicht unbedingt eine Frage, die sich mir im Leben schon gestellt hätte.
V: (mit charakteristischer Bereitschaft, sich über Gebühr für das Thema zu begeistern) Die waren anno dazumals vollkommen besessen von dem Zeug. (Es folgt: Ein längerer, ausladender Monolog über k&k-Pornographie in sämtlichen Ausprägungen, welcher der geneigten Leserschaft an dieser Stelle erspart wird, um selbige nicht zu antagonisieren)
Mascha: (deren Weltgewandtheit sie davor bewahrt, der Sprecherin mit blankem Entsetzen zu begegnen) Faszinierend! (sie widersteht der Versuchung, sich in der passenden Spock-Augenbraue zu ergehen.)
V: (enthusiastisch) Also, machst du’s?
Mascha: Was? Curry?
V: Eine fin de siecle Haremsszene, natürlich!
Mascha: Mit oder ohne apokalyptisch kotzenden Katzen?
V: (in Gedanken schon wieder gen 1900 entfleucht) Ganz wie Du magst! (entschwindet)

Mascha blickt ihr lange nach, klappt den Computer zu, zückt ihr Notizbuch und beginnt, wild darin herumzukritzeln.  Philipp betritt das Wohnzimmer mit Zigaretten und Feuerzeug und schaut ihr interessiert über die Schulter.
Philipp: Huch, Mascha, hast du wirklich gezeichnet, was ich glaube, das du gezeichnet hast?
Mascha: (mit flackerndem Blick und wirrem Haar) Was? Was???
Philipp: Eine leicht geschürzte orientalische Warrior Cat kotzt ins Fegefeuer?
Mascha: (lacht irre) Genau!
Philipp: (schiebt sich eine Zigarette in den Mundwinkel) Hey, klasse Plot! Du solltest das schreiben!

Mascha bricht in Tränen aus.

Schreibexil

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Entern

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
© Patryk Kosmider

Nein, in dieser neuen Reihe geht es nicht um Piraten. Weder die, die die Gesetze umschiffen, noch die, die  … na ja, sagen wir, die Segel setzen. Stattdessen gibt das Artikelbild einen – zugegeben vagen – Hinweis, worum es geht: Um die verschiedenen Situationen, in denen der Autor die Entertaste nutzen wird. Ums Entern eben. Oder anders ausgedrückt, um strukturelle Unterbrechungen des Leseflusses im Werk des Autors.

Absätze fallen da als Erstes ein. Und sie sind es letztlich auch, die den Anlass zu dieser Reihe gaben, denn immer wieder entdecke ich Fragen zur Absatzgestaltung. Aber auch die richtige Kapitellänge ist regelmäßig Thema.

Ich habe mich entschieden, vom Großen zum Kleinen vorzugehen, weshalb das (vorläufige) Inhaltsverzeichnis zu dieser Reihe folgendermaßen aussieht:

  1. In Reihe
  2. In Serie
  3. Band für Band
  4. Bücher im Buch
  5. Kapitel oder Kapitulation?
  6. In Szene setzen
  7. Absetzen
  8. Sprecher wechseln
  9. Strophilieren
  10. Zeilen dichten

Ja, ich bin selbst gespannt, was mir dazu einfallt. Wir werden sehen. Demnächst auf diesem Schiff!

Kein Gequatsche

Kein Gequatsche
© Blaj Gabriel

„Schmeckts?“
„Was?“
„Der Kaffee.“
„Der Kaffee?“
„Ja, der Kaffee.“
„Na ja …“
„Sag schon, schmeckt der Kaffee?“
„Nein, er schmeckt nicht.“

Lust, diesen Dialog noch einmal zu lesen? Oder ihn gar fortzuführen? Nein? Wie wäre es mit diesem:

„Schmeckts?“
„Blöde Frage.“
„Selbst schuld!“
„Scheiß Kaffeemaschine.“
„Du tust ja nie, worum ich dich bitte.“

Schon besser? Dann schreib diesen Dialog weiter! Achte auf den Konflikt und strebe danach, jede Antwort so indirekt und originell wie möglich zu gestalten! Mehr dazu findest du im Artikel „Redselig – Figuren im Gespräch“ .

Weitere Schreibübungen

Stumme Helden

Stumme Helden
© jayfish

Das wird eine schwere Übung, das sei gleich vorausgeschickt. Aber vielleicht hast du trotzdem Lust, dich an ihr zu versuchen.

Stell dir ein Ehepaar vor, das schon lange Probleme hat. Einer der Partner verzweifelt am Verhalten des anderen.

Schreibe die Szene, in der das Fass überläuft. Der verzweifelte Partner soll am Ende der Szene den anderen verlassen.

Der Haken: Keine Dialoge! Die beiden Figuren sprechen in der ganzen Szene nicht miteinander. Sie agieren nur (oder eben nicht). Ihr Handeln, ihre Gestik und Mimik, mehr steht dir nicht zur Verfügung, um diese stumme Auseinandersetzung zu inszenieren.

Weitere Schreibübungen

LesBar: Auf Nachfrage

Auf einer Party in Chemnitz fragte eine Rostockerin ihren Gesprächspartner, in welchem Ort er denn beheimatet sei. „Oederan“ antwortete dieser mit so starkem sächsischen Akzent, dass die Rostockerin noch einmal nachfragen musste. Daraufhin antwortete sie: „Klingt irgendwie norddeutsch.“

__________

© Ben Philipp

Beruf: Erzähler: Ich, ich, ich!

Wer sich schon an dieser Stelle Informationen zum klassischen Ich-Erzähler erhofft, der sei auf einen späteren Artikel vertröstet. Hier bleiben wir noch viel allgemeiner.

Denn wenn wir uns einen Erzähler als eine Figur vorstellen wollen, wie in der Einleitung angedeutet, dann wird er von sich selbst, wie jede andere Figur auch, in der ersten Person sprechen. Da diese Vorstellung es schon voraussetzt, muss ich hier nicht zusätzlich betonen, dass der Erzähler nicht der Autor ist.

Der Unterschied zwischen dem Ich des Erzählers und dem Ich einer anderen Figur ist nur, dass letzteres nur in wörtlicher (direkter) Rede auftritt. Genauer gesagt, dass nur die wörtliche Rede der Figur als solche gekennzeichnet wird (in welcher Form auch immer, manche Texte verlassen sich dabei nur auf den Kontext). Demzufolge erkennt der Leser jedes Ich, das außerhalb der als wörtliche Rede gekennzeichneten Textstellen auftritt, als das des Erzählers.

Aber Moment! Es gibt doch unzählige Texte, in  denen der Erzähler nie „ich“ sagt. Kein Problem. Eine Figur muss ja in der Geschichte nicht zum Sprechen kommen. Beinahe jede Geschichte führt Figuren mit sich, die mangels Dialogpassagen nicht ein einziges Mal die Möglichkeit dazu bekommen.

Der Erzähler bleibt allerdings auch dann, wenn er sich nicht direkt zu Wort meldet, eine der wichtigsten Figuren des Textes. Dazu mehr im nächsten Artikel.

Zuletzt aber noch einmal eine Veranschaulichung des bisher Geschriebenen:

Rosie trennte sich im Mai von ihrem Freund. Sie hatte nur einen Verdacht, aber der reichte ihr, um die Hochzeit abzublasen. Ihre Freundin Sabine unterstützte sie bei der Entscheidung. Und sie half ihr, auf andere Gedanken zu kommen. „Lass uns ans Meer fahren“, forderte sie Rosie gleich nach der Trennung auf. Noch am selben Abend fanden sich beide in einem Hotel in Warnemünde wieder.

Hier haben wir es ja wohl mit einem Erzähler zu tun, der sich weitgehend aus allem heraushält und der in der dritten Person erzählt. Das kann natürlich den ganzen Roman so weitergehen, ohne dass sich der Erzähler ein einziges Mal als „Ich“ zu erkennen gibt. Was aber, wenn es folgendermaßen weitergeht?

Rosie trennte sich im Mai von ihrem Freund. Sie hatte nur einen Verdacht, aber der reichte ihr, um die Hochzeit abzublasen. Ihre Freundin Sabine unterstützte sie bei der Entscheidung. Und sie half ihr, auf andere Gedanken zu kommen. „Lass uns ans Meer fahren“, forderte sie Rosie gleich nach der Trennung auf. Noch am selben Abend fanden sich beide in einem Hotel in Warnemünde wieder.

Am nächsten Morgen lernte ich sie kennen.

Da ist er plötzlich, unser Erzähler. Und so könnte er sich theoretisch in jedem Roman zu jeder Zeit von eben auf gleich zu Wort melden, obwohl das natürlich nicht empfehlenswert ist, wenn es nicht zur grundsätzlichen Struktur der Erzählung gehört.

Das aber will dieser Artikel deutlich machen: Betrachten wir den Erzähler als Figur, gehört zu ihm immer ein Ich, ob wir es im Verlauf der Geschichte kennenlernen oder nicht.

Zur Übersicht

Der Minitipp: Sprecherwechsel

Damit der Leser im Dialog die Übersicht behält, sollte man den Sprecherwechsel kenntlich machen: neuer Sprecher – neue Zeile.

Das gilt übrigens auch, wenn der Sprecher gar nicht spricht, sondern nur schweigt oder sich am Kopf kratzt.

Hilfe für Autoren im Januar

Wegen des Abgabetermins reichlich spät sind jetzt endlich beide Januarartikel für Hilfe für Autoren online. Diesmal geht es um Dialoge und verschiedene Erzählweisen:

Nächsten Monat geht es dann zurück zu den Anfängen. Und ich werde euch eine Szene machen. 🙂

Auch dieses Jahr freue ich mich, wenn ihr Anregungen habt, welche Themen rund ums Schreiben und Veröffentlichen ihr gern behandelt wüsstet.

Biografische Unterstützung in Dialogen

Heute geht es um einen eher speziellen Fall, mit dem ich selbst gerade zu tun hatte, der aber möglicherweise vielen Schreibenden schon untergekommen ist.

Stellen wir uns vor, wir brüten gerade über einer Szene, die eigentlich ein klares Ziel hat und zu der uns dennoch nicht so richtig etwas einfallen will. Das Problem ist der Dialog.

Ein ganz konkretes Beispiel: Sagen wir, wir haben einen Prota, der vor einiger Zeit von seiner Freundin verlassen wurde. Nun hat er ein Date mit einer anderen.

Wir wollen im Verlauf der Szene zeigen, dass der Prota allen guten Vorsätzen zum Trotz noch immer an seiner Ex hängt. Etwa indem er seine Datepartnerin ständig mit ihr vergleicht, im Gespräch immer wieder an vergangene Situationen mit der Ex denken muss usw.

Schön und gut. Klar ist, das Ziel, das wir mit der Szene verfolgen, ist vollkommen losgelöst vom Dialog, den die beiden führen werden. Denn in der Regel wird sich der Prota mit seinem Date nicht über seine Ex unterhalten. Schon gar nicht mit dem Ziel, gemeinsam Klarheit über seine Gefühle zu erhalten. Dieses Ziel ist ein unterschwelliges, das an den Leser gerichtet ist.

Worüber aber werden sich die beiden unterhalten? Da sitzt man als Autor dann manchmal, will einen pointierten Dialog schreiben, überlegt, worüber man sich selbst denn so bei ersten Dates unterhalten hat, sucht nach Möglichkeiten, dabei das Ziel der Szene nicht aus den Augen zu verlieren usw.

Der Leser soll sich ja nicht bei irgendeinem belanglosem Flirtgeplänkel langweilen.

Hier (und in anderen Szenen, bei denen man dasselbe Problem hat) ist die Biografie der Figuren ein guter Schlüssel zum Erfolg. Ob es die berufliche Karriere, besondere Erlebnisse, die Familie oder Wünsche und Vorhaben sind – solche Dinge eignen sich hervorragend für ein Gesprächsthema.

Natürlich wählt man solche Dinge aus, die auch für den Leser neu und hoffentlich von Interesse sind. Gut lassen sich hier Infos streuen, die später noch von Bedeutung sind.

Allerdings muss man dennoch vorsichtig sein. Es droht der Infodump! Ein solcher Dialog muss mit viel Fingerspitzengefühl gestaltet werden, damit er einerseits den Anschein der Natürlichkeit wahrt, andererseits im Sinne des Szenenziels von Bedeutung bleibt.

Also immer das eigentliche Ziel im Hinterkopf haben und so weit als möglich mit jedem Satz, jedem Wortwechsel auf dieses Ziel hinarbeiten. Anders gesagt, die Entwicklung des Szenenkonflikts hat weiter absolute Priorität.