LesBar: Blutweg

LesBar, Foto: Anneka
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© Anneka

Jacky schaute ihn herausfordernd an. “Na, immer noch die große Klappe?”
Martin blickte sich um. “Ist doch schön hier.”
“Warte, gleich geht die Sonne unter.” Sie setzte sich auf einen großen Baumstumpf.

Martin blickte sich um. Schon jetzt war er sich nicht mehr ganz sicher, ob an den Gruselgeschichten, die Jacky ihm erzählt hatte, nicht doch etwas dran war. Der Monsterwald! Er hatte Jacky ausgelacht, als sie behauptete, das sei nicht nur so ein Name. Gab es hier vielleicht wirklich unheimliche Wesen? So ein Quatsch! Immerhin wies ein Weg darauf hin, dass sehr wohl Menschen unter den Bäumen spazierten. Und er sah aus wie jeder andere Weg auch. Der Blutweg! Von wegen.
Er bemerkte das Lächeln Jackys, mit dem sie ihn beobachtete. Mit einem Schulterzucken setzte er sich neben sie. “Ich kann nichts Besonderes entdecken.” Er gab seiner Stimme einen betont gelangweilten Ausdruck. Dabei sorgte allein die Tatsache, dass er hier neben Jacky saß, für ein Kribbeln in der Bauchgegend.
“Schau!”, sagte sie nur und zeigte nach oben.
Es war ein großartiges Schauspiel. Wie in Zeitlupe entflammte der Himmel und die Wolken sogen sich mit roter Farbe voll.
“Schau!”, sagte Jacky wieder, doch dieses Mal zeigte sie direkt vor sich. “Der Blutweg!”
Jetzt verstand Martin. Von einem Moment zum anderen hatte sich alles verwandelt. Die Bäume hüllten sich in eine Dunkelheit, als sei die Sonne bereits vollständig untergegangen. In den Kronen rauschte ein Wind, der hier unten nicht zu spüren war. Der Weg aber schimmerte in einem dunklen Rot. Und als wolle er den Wanderer über sein Ziel verunsichern, verschwand er nach nur wenigen Metern zwischen den Bäumen. Keine zehn Pferde würden Martin dazu bringen, diesem Weg zu folgen.

“Habe ich es doch gewusst. Du bist ein Schisser wie alle anderen.” Jacky musste seine Gedanken gelesen haben.
“Nein, bin ich nicht.” Es überzeugte ihn selbst nicht. Gab es keine Möglichkeit, aus dieser Situation heil rauszukommen? Er war so froh gewesen, als Jacky endlich ein bisschen Interesse für ihn gezeigt hatte. Endlich bekam der Umzug in dieses Kaff einen Sinn. Doch jetzt stellte sie ihn auf eine harte Probe. Er war sich sicher, würde er jetzt kneifen, hätte er alle Chancen bei ihr verspielt. “Lass uns gehen!”

Mit jedem Schritt bereute er seine Entscheidung mehr. Und mit jedem Schritt stieg seine Bewunderung für Jacky. Wenn sie von derselben Angst heimgesucht wurde wie er, ließ sie es sich nicht anmerken. Trotzdem. Mit diesem Wald stimmte irgendetwas nicht. Unter den Bäumen war es kühl. Und obwohl die Sonne längst untergegangen war, warfen die Bäume lange Schatten. Dass es nicht völlig dunkel war, lag einzig an dem merkwürdigen Weg, der auch jetzt noch rot schimmerte, als habe die verschwundene Sonne seinen Akku für die gesamte Nacht aufgeladen. Und je weiter sie kamen, desto sicherer war Martin, dass er sich den Geruch von Blut nicht nur einbildete.
Wenn er sich wenigstens durch ein Gespräch mit seiner hübschen Begleiterin ablenken könnte. Doch er wusste nicht, was er sagen sollte, und fürchtete, seine Stimme nicht kontrollieren zu können. Sein Mund war trocken, seine Kehle rau. Um sich die Lippen zu befeuchten, musste er seine Zunge vom Gaumen losreißen. Es war sowieso nur ein Reflex, denn die Zunge war selbst nicht wirklich feucht.
Jacky wirkte dagegen wie Alice im Wunderland. Mit ihren großen Augen sog sie die verzerrten Bilder auf, die die Lichtkegel der Taschenlampen erzeugten, als ginge sie durch einen Freizeitpark. Martin hätte die ewig gleichen Eindrücke wahrscheinlich als gähnend langweilig empfunden, wäre da nicht dieser eine, der alles dominierte: Der Wald wurde immer feindseliger, die Nacht immer dunkler und die Stille immer drückender.

Nach etwa einer Stunde hielt er es nicht mehr aus. “Hattest du nicht gesagt, der Wald sei klein?” Es war nur ein Flüstern, aber er hatte plötzlich das Gefühl, er habe den Monsterwald jetzt erst richtig auf sich aufmerksam gemacht.
“Ist er ja auch. Vielleicht noch eine viertel Stunde, dann hast du es hinter dir, du Schisser.”
“Ich bin kein …” Ein Knacken brachte ihn zum Schweigen.
Auch Jacky blieb stehen. Mit der Taschenlampe suchte sie ein dichtes Gebüsch ab, während das Licht aus Martins Stablampe zwischen den Stämmen hin und her zitterte.
“Was war das?”, keuchte er.
“Psssst!”
Es raschelte genau dort, wo Jacky hinleuchtete. Mit einem kräftigen Klopfer, setzte Martins Herzschlag aus. Wieder krachte es im Unterholz, dann brach sich etwas einen Weg durch die Zweige.

Martin rannte! Sein Herz schien die Sekunden, die es sich frei genommen hatte, doppelt und dreifach nachholen zu wollen. Und es verstopfte ihm die Kehle. Doch er rannte immer weiter. Das Monster war direkt hinter ihm. Er konnte seinen keuchenden Atem hören.

Martin schaute nicht zurück, sah kaum den schimmernden Weg vor sich. Er bemerkte nicht einmal, wie er die Bäume hinter sich ließ, und es dauerte noch mal eine Weile, bis ihm klar wurde, dass ihn niemand mehr verfolgte. Er blieb stehen, stützte die Hände auf die Knie und versuchte, seine Atmung in den Griff zu bekommen. Dabei lauschte er angestrengt auf etwaige Geräusche.

Der Mond tauchte die Felder in fahles Licht und den Weg in ein silbriges Blau. Langsam drehte Martin sich um. Noch immer wirkte der Wald bedrohlich. Martin richtete sich kerzengerade auf, als er eine Bewegung wahrnahm. Täuschte er sich? Nein, da kam eine Gestalt den Weg herauf. Martin spannte die Muskeln an. Ein Licht flammte auf. Das Licht einer Taschenlampe. Es war Jacky, die ihm zuwinkte.

Als sie bei ihm war, gab sie ihm seine Stablampe. “Hier, die hast du fallenlassen.”
“Danke”, flüsterte er.
“Schisser!”
“Ich bin …”
“Läuft vor einem Vogel davon!” Sie schüttelte den Kopf.
“Ein Vogel?”
“Aber schnell und ausdauernd bist du, das muss man dir lassen. Ich bin die Schnellste in der Klasse. Aber am Waldrand hab ich aufgegeben.”
“Du?”
Sie nickte.
“Meinetwegen, bin ich eben ein Schisser. Mir egal, wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Aber ich geh nicht wieder durch diesen Wald. Wenn du auf demselben Weg zurückgehen möchtest, dann ohne mich!”
Jacky lachte. “Komm, da drüben ist gleich die Straße. Meine Güte, mit dir erlebt man Abenteuer.” Sie klopfte ihm auf die Schulter.

Martin ärgerte sich über sich selbst. Ein Vogel! Konnte das wahr sein? Er betrachtete Jacky verstohlen von der Seite, als sie das Dorf erreichten. Und im Licht einer Straßenlaterne sah er die Tränen, die ihr über die schönen Wangen liefen.

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© Ben Philipp

Verrückte Sätze: Der Antrag

Der Antrag
Der Antrag
© Olga Vladimirova

In der Kategorie „Verrückte Sätze“ geht es um Sätze, die aus einem Zusammenhang herausgerückt wurden, den ihr erst herstellen sollt. Schreibt eine kurze Szene, in der die Sätze vorkommen. Sie müssen nicht von zentraler Bedeutung für die Szene sein, dürfen einem Leser aber auch nicht fehl am Platz vorkommen. Versucht die Szene möglichst kurz zu gestalten, sagen wir etwa zehn Sätze.

Die heutige Szene dürft ihr so frei gestalten, wie ihr möchtet. Voraussetzung ist allerdings, dass die Szene mit Satz 1 beginnt und mit Satz 2 endet. Je näher ihr die beiden Sätze zusammenbringt, je kürzer also die Szene wird, ohne dass sie unlogisch oder gar unverständlich erscheint, desto besser.

1. Sein überraschender Heiratsantrag trieb mir die Freudentränen in die Augen.

2. Zufrieden wischte ich sein Blut von dem Messer, mit dem ich seinem Leben ein Ende gesetzt hatte.

Weitere Schreibübungen

So weit die Falkenaugen reichen …

Petra Hartmann: Die letzte FalkinBei Arcanum Fantasy ist der dritte Teil von „Aegirs Flotte“ erschienen. Geschrieben hat ihn Geschichtenweberin Petra Hartmann. Der Reihe entsprechend führt der Heftroman mit dem Titel „Die letzte Falkin“ zurück in die Zeit germanischer Legenden.

Im Verlagstext heißt es:

Blut und Tod, so weit die Falkenaugen reichen: So hatte sich Valkrys ihren ersten Flug als Walküre nicht vorgestellt. Ragnarök, die Endzeit-Schlacht, ist geschlagen. Die Götter tot, die Welt ein Flammenmeer, das Götterreich Asgard droht, in die Tiefe zu stürzen.
Einzig Vidar, den Sohn und Erben Odins, kann die Walküre retten. Doch der neue Götterkönig schweigt sich über seine Ziele aus …

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Petras Homepage

Rette sich, wer kann

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Rette sich, wer kann“, die in der Geschichtenweberanthologie „Die Unterirdischen“ erschienen ist.

Kobolde sind schon ein eigenes Völkchen. Und Grant ist ein besonders hervorstechendes Exemplar. Oder besser: Ein Kobold, wie ein Kobold sein muss. Seiner Meinung nach.

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Grant wurde erwartet.
Drine stand im Eingang zur Wohnhöhle. Als sie ihn kommen sah, schüttelte sie den plärrenden Kinderhaufen ab und wieselte ihm entgegen. „Und, und, und?“
„Nichts!“ Grant drängte sich an seiner Frau vorbei in die Wohnhöhle. „Schaff die Gören weg!“ Die konnte er nun gerade noch ertragen. Durfte ein Koboldvater nicht ein bisschen Ruhe erwarten, wenn er von einer derart deprimierenden Mission zurückkehrte?
„Ab in die Aufzuchthöhle!“, befahl Drine den Bälgern.
Einer der Großen kam ihr zu Hilfe und trieb die Jährlinge vor sich her. Grant stieß einen tiefen Seufzer aus, als er sich auf die Strohmatten plumpsen ließ. Drine brachte ihm einen Wurzeltee.
„Mit Schuss?“, fragte Grant.
„Natürlich. Ich kenn dich doch.“ Sie setzte sich ihm gegenüber und wartete, bis er gewillt war zu sprechen.
Grant versuchte sie unter gesenkten Augenlidern hervor zu beobachten. War sie wirklich so geduldig oder unterdrückte sie ihre Neugier nur? Er fand keine Antwort. Beinahe war er geneigt, sich darüber zu ärgern, dass er sich so selten darin versucht hatte, in Drines Gesichtszügen zu lesen. Aber es gab für einen richtigen Kobold schließlich Wichtigeres, als die Frauen zu verstehen.
Er nahm noch einen tiefen Schluck. Der Rum gab ihm ein wohliges Gefühl. Wie lange würde es in seiner Höhle noch diese wichtigste Zutat für seinen Wurzeltee geben?
„Es gibt keinen Weg nach oben.“
Drine stöhnte. „Bist du sicher?“
„Was denkst du denn? Glaubst du, ich bin die letzten Tage aus reinem Vergnügen durch die Gegend gekrochen?“
Drine blickte zu Boden. „Entschuldige. Ich meine ja nur, ob du dich auch in der Nachbarschaft umgehört hast.“
„Ich hab es nicht gern getan, das kannst du mir glauben.“ Allein der Gedanke an die Nachbarn verleitete Grant zu einem verächtlichen Schnauben. „Aber was blieb mir übrig?“
„Niemand hat einen Weg nach oben gefunden?“
„Niemand!“
„Auch Ernt nicht?“
„Was willst du immer mit Ernt?“, brüllte Grant. Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. „Ich habe nichts gefunden! Niemand hat etwas gefunden!“
Drine duckte sich. „Ich dachte ja nur, weil seine Höhle die größte ist. Er lebt schon so lange hier, vielleicht …“
„Sicher“, unterbrach er sie, „der alte Sack hat die größte Höhle. Aber das wird nicht immer so sein! Und dann steh ich bereit!“
Drine sprang auf und stampfte mit dem Fuß auf. Grant zuckte erschrocken zurück. So hatte er seine Frau noch nie …
„Natürlich! Dieser verdammte Teufelssturm schneidet uns von der Oberfläche ab, wir sehen dem Hungertod ins Auge, und der feine Herr Grant weiß nichts Besseres, als sich über die Nachbarschaft aufzuregen, ganz besonders über seinen eigenen Vater!“
Grant überlegte, ob diese Frechheit nicht heftiger Widerworte und einer Klarstellung der Machtverhältnisse bedurfte, aber als er Drine in die Augen schaute, entschied er sich dagegen. „Ich weiß doch auch nicht, was zu tun ist.“ Er hob kraftlos die Schultern, um sie gleich darauf mit einem weiteren tiefen Seufzer wieder fallen zu lassen.
„Aber wir müssen etwas tun!“, sagte Drine und wendete sich einem Gewaltmarsch durch die kleine Wohnhöhle zu.
Grant schaute wie gebannt auf ihren Zeigefinger, der bei jedem ihrer Worte die Luft im Raum in ein Links und ein Rechts zerschnitt.
„Unsere Vorratshöhlen sind bald leer! Unsere Kinder müssen essen, wir müssen essen. Wenn es keinen Weg nach oben gibt …“
„Es gibt keinen.“ Grant war unwohl bei dem Gedanken, sich das Heft völlig aus der Hand nehmen zu lassen.
„… dann muss es eben einen nach unten geben!“
„Waaas?“ Grant sprang auf und lief seiner Frau hinterher, die nicht müde wurde, den Raum mit großen Schritten zu durchmessen. „Nach unten? Bin ich lebensmüde? Da hausen Monster, Elfen, Trolle und was weiß ich noch für grausame Kreaturen. Wir Kobolde taten immer gut daran, denen nicht in die Quere zu kommen!“
Drine machte auf der Ferse kehrt, und Grant konnte nicht rechtzeitig stoppen. Doch seine Frau stand wie eine Eiche.
„Willst du uns verhungern lassen?“
Selbst wenn Grant ein Ja hätte irgendwie als vernünftige Antwort werten können, er hätte sich nicht getraut, es auszusprechen.

Endlich war Grant wieder der Mann in der Höhle. Mit all seiner Erfahrung hatte er den Platz ausfindig gemacht, der ihm für eine Grabung in die Tiefe am erfolgversprechendsten schien. Schließlich hatte er die Gänge und Räume erschaffen, in denen er nun mit seiner Frau und dem dritten und vierten Wurf lebte. Und hier, einige wenige Schritte vor der fünften Beutekammer, dem tiefsten Punkt ihres Höhlensystems, hatte er den Gang nach unten befestigen müssen, weil er damals beim Graben an einer Stelle durchgebrochen war. Eine schweißtreibende Arbeit, die ihn viele Tage beschäftigt hatte. Getreu der Koboldweisheit: „Wer zu tief gräbt, schaufelt sich sein Grab“, war er sehr gründlich gewesen, als er das Loch zugeschüttet hatte.
Und jetzt zerstörten er und die Jungen aus seinem dritten Wurf dieses Schutzwerk, indem sie sich mit Schaufeln und Hacken einen Weg ins Dunkel kämpften. Drine hielt sich mit den Mädchen und den Jährlingen im Hintergrund. Solange sie bei der Arbeit nicht störten, sollten sie ruhig sehen, welch tüchtigen und mutigen Vater sie hatten, und wie sicher er die Jungs anleitete.
Er legte sich mächtig ins Zeug. Die Anstrengung tat gut und verdrängte die Gedanken an das, was ihm noch bevorstand. Jetzt, wo er wieder das Kommando übernommen hatte, erschien es ihm auch weit weniger bedrohlich. Er, der große Grant, hatte sich schließlich nicht umsonst den Ruf als draufgängerischer Beutejäger erworben. Kein Hof der Menschen auf der Oberfläche war vor ihm sicher gewesen, und nie gab es eine Zeit, in der seine Vorratskammern nicht gut gefüllt waren, bis vor zehn Tagen dieses seltsame Sturmgetöse aus der Oberwelt alles verändert hatte.

Grant taumelte. Beinahe wäre er seiner Schaufel hinterhergefallen, die vom Prasseln der rutschenden Erde mitgerissen wurde und in der Tiefe verschwand. Für den Bruchteil einer Sekunde klammerte er sich an einem seiner Söhne fest, dann stand er wieder aufrecht.
„Wir sind durch!“, sagte er. „Jetzt eine kleine Stärkung, ein bisschen Ruhe, dann mache ich mich auf den Weg.“
„Allein?“, fragte Drine.
Grant war sich nicht sicher, aber er glaubte Sorge in ihrer Stimme zu spüren. Vielleicht war es der Ton, den er auch gehört hatte, als sie ihn bei seinen ersten Beutezügen verabschiedet hatte. Aber was machte er sich bloß für seltsame Gedanken? „Natürlich allein. Bevor ich mich nicht auskenne, brauche ich niemanden, der mir im Weg rumsteht.“
„Nimm einen der Jungs mit. Nur zur Sicherheit.“
„Sicherheit, Sicherheit. Darum geht es ja.“
„Ein paar haben dich doch schon an die Oberfläche begleitet. Such denjenigen aus, der sich am besten gemacht hat.“ Drine wartete keine Antwort ab, wählte zielsicher drei aus dem Haufen der Älteren aus und schob sie Grant entgegen.
Wie viele Kinder hatte er eigentlich? Zwanzig, dreißig? Waren es in den vorangegangenen Jahren auch schon so viele gewesen? Er betrachtete die drei Burschen, die vor ihm standen. Zwei von ihnen hielten die Köpfe gesenkt, der dritte, ein dreister Kerl mit einem fast schon braunen Kopfpelz, der für einen ordentlichen Kobold aber gerade noch dunkel genug war, funkelte ihn aus großen Augen an. Trotzdem kam er Grant nicht bekannter vor, als die anderen beiden, die ihm obendrein mit ihrer demütigen Haltung weit mehr zusagten.
Nur, für welchen der beiden sollte er sich entscheiden? Er begann im Stillen einen Abzählvers aufzusagen. Er verhaspelte sich, begann von Neuem. Aber Moment. So schön das mit der Demut auch war: Half ihm das dort unten wirklich weiter? Grant betrachtete erneut den Braunhaarigen. Möglicherweise war er ihm doch schon aufgefallen. Grant fühlte eine gewisse Neugier, strengte sein Gedächtnis an. Vielleicht der, an dem er sich vorhin kurz hatte abstützen müssen, um nicht ins Loch zu fallen? Oder der, der Drine geholfen hatte, die Bälger aus der Wohnhöhle zu treiben? Möglicherweise beides? Er war sich nicht sicher. Aber seine Entscheidung stand fest.
Er räusperte sich und zeigte mit dem Finger auf den Braunhaarigen. „Wie heißt du?“
„Blad.“
„Also gut, Blad. Wenn du etwas gegessen hast, suchst du nach zwei großen Buckelsäcken für uns. Bring außerdem Fackeln, Messer und Schleudern. Vergiss die Steine nicht und lass dir von deiner Mutter Proviant einpacken. Dann wartest du hier auf mich.“
Noch während Blad sich bedankte, verschwand er in der Beutekammer. Offenbar schien ihm das wichtiger zu sein, als erst einmal zu essen. Konnte man das schon als Befehlsverweigerung werten? Grant wollte mal nicht so sein. Er schaute zu Drine.
Ihre Lippen kräuselten sich zu einem geheimnisvollen Lächeln. „Eine sehr weise Entscheidung, die du da getroffen hast, mein kluger Ehemann. Sehr weise.“

Im Schein der Fackeln folgten sie dem Gang, der sich langsam, aber stetig in die Tiefe senkte. Seine Wände waren grob, aber kundig bearbeitet, alt und nicht beständig gepflegt wie die in einer Koboldhöhle, ja nicht einmal zu vergleichen mit den weit verzweigten unterirdischen Gängen im Koboldreich, nahe der Oberfläche. Doch es schien, dass irgendjemand oder irgendetwas diesen Weg in die Tiefe – oder aus ihr herauf – wenigstens hin und wieder zu nutzen schien. Grant hätte sogar fast darum gewettet: Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass jemand hier herumgekrochen war. Er musste auf der Hut sein. Er tastete nach dem Messer in seinem Gürtel. Es war die beste Klinge, die er je erbeutet hatte. Sie stammte aus der Werkstatt eines Schmieds, der in der Menschensiedlung unweit von Grants Höhle lebte und ihn daher lange Zeit unfreiwillig mit Waffen, Werkzeugen und sonstigen Gerätschaften versorgte, bis er sich – es war kaum zwanzig Tage her – zwei scharfe Wachhunde zulegte. Wie es dort oben jetzt wohl aussah? Grant konnte sich kaum vorstellen, dass bei diesem Stürmen, Poltern und Krachen, das von der Oberwelt bis in ihre Höhlen gedrungen war, auch nur ein Stein auf dem anderen geblieben war.
„Es riecht muffig hier.“ Blad rümpfte die Nase.
Eigentlich war Grant doch froh, dass er seinen Sohn bei sich hatte. Aber das wollte er natürlich nicht zeigen, daher brummte er nur. Außerdem sollte einem richtigen Kobold der Geruch nichts ausmachen. Immerhin hielt sich der Junge zurück. Er trottete weitgehend stumm hinter ihm her und belästigte ihn nicht übermäßig. Die klare Rangordnung gab Grant auch das letzte Stück Selbstsicherheit zurück, an der Drines ungewöhnliches und ungebührliches Auftreten gekratzt hatte.

Schließlich erwachte in Grant der Lehrmeister. „Was fällt dir an diesem Gang auf?“
Blad schien überrascht. „Meinst du mich, Vater?“
„Wen sollte ich sonst meinen, du Dummkriecher?“
„Er führt immer nach unten, macht nur selten eine Wendung, und es gibt keine Höhlen und nur wenige Seitengänge.“
Blad musste bereits darüber nachgedacht haben, seine Antwort kam jedenfalls sehr schnell. Grant wollte ihn weiter prüfen. „Warum nehmen wir dann keinen der Seitengänge?“
„Ich schätze, weil dieser der breiteste ist. Er führt nach unten, wir wollen nach unten.“
„Was bist du nur für ein Klugschwätzer?“ Grant ärgerte sich. Der Junge war wirklich gut. „Es ist vor allem das System. Wenn du dich gar nicht auskennst, musst du einen Weg nach dem anderen testen, bevor du dich verläufst. Still jetzt! Ich habe etwas gehört.“ Grant blieb stehen, lauschte und leuchtete mit der Fackel das Dunkel aus.
Ein paar Schritte weiter sah er eine Öffnung in der Wand. Wahrscheinlich ein weiterer Seitengang. Wieder ein kratzendes Geräusch. Gleichzeitig ein Schaben. So als würde jemand einen Mantel aus grobem Leder tragen, während er einen scharfen Gegenstand am Stein wetzte. Jemand sehr großes. Jetzt roch es auch nach Gefahr!

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Es herrscht Frieden im Reich Onryn. Nach vier Jahrzehnten blutiger Kriege unterliegt das Imperium den Rebellen. Die neuen Machthaber führen die Bewohner des Reiches in eine goldene Zukunft.

Doch unter der Erde brennt das Feuer des Krieges ewig. In der dunklen und geheimnisvollen Welt der Finsternis leben und leiden sie: Erdwichte, Goblins, Kobolde, die Stämme der Menschen, Dunkelelfen, Zwerge, Trolle, Schwarzorks, Dämonen und die Wartenden. Bis aufs Blut verfeindet, in Jahrtausende alten Fehden um Ehre und Land, Liebe und Besitz, Stolz und Rache verstrickt, liefern sich die Völker der Unterwelt heiße Schlachten.

Nachdem eine furchtbare Naturkatastrophe die Reiche der Unterirdischen verwüstet und von der Erdoberfläche abschneidet, überschlagen sich die Ereignisse. Neue Helden werden geboren und uralte Gesetze gebrochen.

Dies ist die Geschichte der Unterirdischen.

Timo Bader, Jörg Olbrich (Hrsg.)
Die Unterirdischen
Eine Anthologie der Geschichtenweber
Wurdack Verlag
ISBN: 978-3-938065-43-5

www.die-unterirdischen.de