Sechser im Motto: So, Frau Engel, fertig

Sechser im Motto, Foto: javarman
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© javarman

Aufgabe:
Ich möchte dich bitten, den folgenden Dialog fortzuführen:

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“

Du kannst den Dialog so lang oder so kurz weiterführen, wie du möchtest. Einzige Bedingung: Der folgende Satz muss den Dialog (vorzugsweise in irgendeiner Weise logisch) abschließen:

„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Eva Lirot

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Da darf man nicht lange fackeln, meine Liebe. Ich habe den Rosendorn in Ihrer Hand sowie das eventuell in Mitleidenschaft betroffene Gewebe großflächig entfernt. Da wird es keine Restlasten geben. Schauen Sie nur, hier haben wir ihn, den kleinen Racker.“ Stolz hielt ihr Dr. Hütte eine kleine Schüssel aus Messing hin. Darin enthalten: ihr rechter Zeigefinger. Sauber amputiert.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Michael Borlik

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Die Wirkung setzt schneller ein, als ich erwartet hätte.“ Er lächelte.
„Ist das ein gutes Zeichen?“, fragte sie.
„In der Tat.“
„Werde ich wieder gesund?“
Dr. Hütte nickte. „Das sind Sie bereits.“
„Aber …“
„Kein aber, Frau Engel, freuen Sie sich doch!“
„Aber …“
Dr. Hüttes Lächeln verschwand. „Es reicht, Frau Engel. Sie sind gesund und das waren Sie auch schon vorher. Seit Monaten kommen Sie fast täglich in meine Praxis und belästigen mich mit Ihren Hirngespinsten.“ Sein Blick wurde hart. „Sehen Sie, ich habe Ihnen vorhin ein Placebo gespritzt, trotzdem behaupten Sie, eine Wirkung zu spüren.“
Stefanie kniff die Lippen zusammen. Sie sah aus, als wollte sie Dr. Hütte an die Gurgel springen.
„Ich muss Sie jetzt bitten, zu gehen, Frau Engel. Draußen warten Patienten, die wirklich meine Hilfe benötigen.“
Sie erhob sich so ungestüm, dass der Stuhl nach hinten fortkippte. „Das werden Sie bereuen!“
„Das bezweifle ich“, erwiderte Dr. Hütte und dachte an das angebliche Placebo. Niemand würde ihm etwas nachweisen können.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor, hören Sie? VERKLAGEN!“ Damit drehte sich Stefanie um und rauschte aus dem Zimmer.

Christine Spindler

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“ Sie streichelte den Bauch ihrer Katze, die von der Narkose noch leicht benommen auf dem Behandlungstisch lag. „Minka schnurrt sogar wieder.“
Der junge Tierarzt hob die getigerte rote Katze vorsichtig hoch und bugsierte sie in die Transportbox.
„Jetzt hat sie sicher noch ein paar schöne Jahre vor sich, oder?“, fragte Stefanie besorgt.
Lächelnd streifte Dr. Hütte die blutverschmierten Latexhandschuhe ab. „Es würde mich nicht wundern, wenn sie bald wieder herumspringt wie ein Kätzchen.“
Stefanie nahm die Box am Henkel. „Vielen Dank.“
Nachdem sie am Empfangstresen die Behandlung bezahlt und den Transportkorb auf dem Rücksitz festgeschnallt hatte, saß sie eine Weile da und atmete tief durch. Sie hatte eine entsetzliche Zeit hinter sich. Ihr Mann hatte sie mit den Drillingen sitzen lassen, weil eine jüngere Frau ihn angeblich glücklicher machte. Und heute dieser entsetzliche Schock, als sie und ihre neunjährigen Jungs mitansehen mussten, wie ihre geliebte Katze durch die Luft geschleudert wurde.
Aber das Schicksal ging seltsame Wege. Hätte ihr Mann sie nicht verlassen, wüsste sie jetzt nicht, wer der verrückte Raser gewesen war.
Daheim angekommen, machte sie gleich den Anruf, der ihr auf der Seele brannte.
„Rechtsanwaltskanzlei Menzel und Stein. Fräulein Kramer am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“
„Stefanie Engel hier.“
„Ach, hallo. Herr Stein sagte, die Scheidungsunterlagen wären bereits auf dem Weg zu Ihnen“, versicherte Fräulein Kramer.
„Darum geht es nicht. Ich würde diesmal gern Herrn Wenzel sprechen.“
„Augenblick, ich stelle Sie durch.“
„Dr. Wenzel“, meldete sich kurz darauf eine forsche Stimme.
„Stefanie Engel. Sie sind vor zwei Stunden mit Ihrem Angeberporsche mit gut achtzig Sachen durch unsere Dreißigerzone gerast.“
„Was Sie nicht sagen.“
„Und haben wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, dass Sie meine Katze angefahren haben.“
„Das müssen Sie mir erst mal beweisen.“
„Es gibt drei Augenzeugen.“ Sie lauschte dem leisen Schnurren hinter sich und ergänzte kämpferisch: „Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Wolfgang Schröder

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Und das ist nur der kleinste Teil, Frau Engel! Sie müssten jetzt bereits fühlen, wie sich die phantastischen Bilder und wunderbaren Inspirationen, die Sie so lange vermisst haben, Ihr Gehirn zurückerobern.“
„Ja, aber warum …“
Warum da noch niemand vorher drauf gekommen ist? Keine Ahnung. Doch stellen Sie sich nur die Möglichkeiten vor: Jeder Mensch, der eine besondere Fähigkeit besitzt, kann diese mit unserer Methode potenzieren! Einfach die Funktionen der weniger genutzten Gehirnhälfte ‚kurzschließen‘ und die dadurch gewonnene Kapazität der anderen Hälfte zuschlagen.“
„Das mag sein. Ich weiß nur nicht …“
„Sie wissen nicht, wie Sie mir danken sollen? Ihr nächstes Buch ist mir Lohn genug, Frau Engel. Sie haben endlich Ihr Leben zurück. Nie wieder werden lästige Schreibblockaden Sie in die Verzweiflung treiben können!
Gut, Sie werden Ihre nächste Betriebskostenabrechnung nicht mehr kapieren … aber das ist doch ein mehr als akzeptabler Preis für schier unbegrenzte Kreativität und Phantasie.“
„Ist es nicht, Dr. Hütte!“
„Aber genau so wollten Sie es doch. Endlich wieder Estefania Engel, die erfolgreiche Schriftstellerin, sein.“
„Nein! Ich wollte Stefanie Engel sein, die weltberühmte Mathematikerin!“
„Bitte?“
„Wissen Sie was, Dr. Hütte? Ich werde Sie verklagen! Auf jeden verdammten Cent, den Sie besitzen. Und auch wenn ich dann mit den vielen Zahlen auf meinem Kontoauszug nichts mehr anfangen kann, so verfüge ich ja jetzt über genug Kreativität, um Ihr Geld möglichst phantasievoll auszugeben. Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Emilia Jones

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
Mit den Fingerspitzen tastete sie über ihre rechte Stirnseite, die sich weich und zart, schlichtweg wundervoll, anfühlte.
Noch vor wenigen Augenblicken war genau diese Stelle aufgeschürft und blutig gewesen. Sie hatte ein unerträgliches Dröhnen in Stefanies Schädel verursacht. Wie gut, dass ihre Freundin Alexa gleich nach dem Unfall da gewesen war und ihr Herrn Wunderdoktor Hütte empfohlen hatte.
Da gab es nur eine Sache, die sie jetzt noch interessierte. Sie sah sich in dem Behandlungsraum um. „Haben Sie denn hier nirgends einen Spiegel?“
Dr. Hütte verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, warum?“, entgegnete er mit brummigem Unterton.
„Ich würde gerne sehen, ob es genauso gut aussieht, wie es sich anfühlt.“
„In der Tat.“ Er nickte.
„Herr Doktor, bitte“, sagte Stefanie. Sie stand auf und streckte ihre Hand fordernd aus, um ihre Worte zu unterstreichen.
Endlich erhob sich Dr. Hütte von seinem Stuhl, tat dabei allerdings so, als wären seine Glieder schwer wie Blei. Irgendetwas schien ihm nicht zu passen, das konnte Stefanie ganz deutlich spüren. Aus einer Schublade holte er einen Handspiegel hervor. Es dauerte jedoch eine gefühlte Ewigkeit, ehe er ihr das Utensil reichte.
Stefanie schnappte mit der Rechten nach dem Spiegel und blickte ohne zu zögern hinein. Im gleichen Moment erschrak sie beinahe zu Tode. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem abscheulichen Ergebnis.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Falko Löffler

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Was? Das kann nicht sein. Ich hab Ihnen doch eine Schmerztablette gegeben.“
„Ja, ich weiß. Sie wirkt.“
„Offenbar nicht. Ich sagte SCHMERZTABLETTE.“
„Und?“
„Die Schmerzen lassen wirklich nach?“
„Ja, es wird besser. Das ist doch gut.“
„Das ist nicht gut. Irgendwas stimmt hier nicht.“
„Oh … jetzt werden die Schmerzen wieder schlimmer. Viel schlimmer …“
„Na also! Geht doch!“
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Beruf Erzähler: Die Verträge

Wie jeder Berufstätige geht auch der Erzähler Verträge ein. Und zwar für jeden Job gleich mehrere. Drei, um genau zu sein.

Zunächst natürlich den mit seinem Arbeitgeber, dem Autor. Ein zugegebenermaßen etwas ungewöhnlicher Vertrag, denn es gibt naturgemäß nur einen, der auf die Einhaltung dieses Vertrages achten kann und muss. Diese Verantwortung lässt sich dem Erzähler leider nicht aufbürden.

Der Inhalt des Vertrages ist wenig kompliziert: Der Autor erteilt dem Erzähler den Auftrag, wie dieser die Geschichte zu erzählen hat, wobei vor allem auf die Einhaltung der Rahmenbedingungen der ebenfalls vom Autor vorgegebenen Erzählsituation zu achten ist. Die Führungsverantwortung liegt beim Autor, er ist es, der für Fehler des Erzählers zur Rechenschaft gezogen wird.

Damit berühren wir bereits den zweiten Vertrag, in dem der Erzähler lediglich das Bindeglied zwischen den Vertragspartnern Autor und Leser ist. Der Inhalt entspricht weitgehend dem ersten Vertrag: Auch hier steht der Erzähler in der Pflicht, die Rahmenbedingungen der Erzählsituation einzuhalten, sodass der Leser sich auf diese verlassen kann. Obendrein obliegt ihm die Verpflichtung, dem Leser von Beginn an Klarheit über diese Bedingungen zu verschaffen. Haften muss auch hier wieder der Autor.

Der Vertrag mit dem Leser

Im dritten Vertrag allerdings spielt der Autor kaum eine Rolle. Der wird zwischen Erzähler und Leser geschlossen. Voraussetzung ist, dass Ersterer die anderen Verträge einhält. Das Interessante: Unter dieser Voraussetzung ist entsprechend der literarischen Konventionen der Leser der Einzige, der diesen Vertrag brechen kann. Und er wird dafür mit ausbleibendem Lesegenuss bestraft!

Der Leser schließt diesen Vertrag in der Regel vollkommen unbewusst. Er erkennt darin an, dass der Erzähler in den Grenzen seiner jeweiligen Erzählsituation übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Etwa die, das Innenleben einer Figur zu kennen, als sei es sein eigenes. Oder gar sich derart in diese Figur zu versenken, dass er die Welt mit deren Sinnen wahrnimmt. Er akzeptiert, dass mancher Erzähler ein Gedächtnis besitzt, das dasjenige eines Elefanten lächerlich erscheinen lässt, während ein anderer gar von sich behauptet, gottgleiches Wissen über alles, was in der Welt vor sich geht, zu besitzen. Und er wundert sich nicht darüber, wenn ein Erzähler, der seine eigene Geschichte erzählt (oder so tut, als würde er das tun), dies offenbar im gleichen Atemzug tut, in dem die Ereignisse stattfinden.

Ja, es ist verrückt! All diese Dinge blendet der vertragskonforme Leser aus, damit er auf dieser Basis von einem glaubwürdigen Erzähler und seiner ebenso glaubwürdigen Erzählung ausgehen kann.

Diese drei Verträge bilden eine Art Kreis. Sie bedingen sich gegenseitig. Der eine braucht den anderen als Grundlage, während er gleichermaßen seine Voraussetzung darstellt. Wird einer der drei gebrochen, funktionieren auch die anderen nicht mehr.

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Beruf Erzähler: Mit Haltung und Perspektive

Wenn wir den Erzähler als eine (fiktive) Figur ansehen, die wie jede andere von sich selbst als Ich spricht, wird es etwas seltsam, wenn wir ihn einmal Ich-Erzähler, dann wieder Er-Erzähler nennen. In Wirklichkeit ist er doch immer derselbe. Er ist auch nicht einmal personaler, dann wieder auktorialer Erzähler. Nein, es ändert sich nur seine Perspektive. Oder war es seine Haltung? Oder doch sein Verhalten? Vielleicht einfach sein Standort?

Darum soll es in diesem kleinen Artikel gehen: um die Begriffe Erzählsituation, Erzählstandort, Erzählperspektive, Erzählverhalten und Erzählhaltung.

Gleich vorweg: Kaum einer, der sich nicht wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzt, wird diese Begriffe sauber voneinander trennen können. Und wie das in der Literaturwissenschaft so ist, werden auch dort Begriffe nicht immer einheitlich verwendet.

Erzählsituation

In der Regel fassen Autoren (auch ich) einfach alles als Erzählperspektive zusammen, was den Erzähler einer Geschichte ausmacht. Oder sie verwenden die Begriffe synonym. Und das reicht für den Schreibenden auch. Wer also an der Theorie (die ich ohnehin in diesem Rahmen bestenfalls grob anreißen kann) kein Interesse hat, kann getrost an dieser Stelle wieder aussteigen, ohne etwas fundamental Wichtiges für sein zukünftiges Schreiben zu verpassen. Ihm sollte nur klar sein, dass die Erzählsituation eines Textes durch mehrere Bedingungen bestimmt ist, die der Autor variieren kann, um seine jeweilige Geschichte optimal an den Leser zu bringen.

Jürgen Schutte sagt über die Erzählsituation Folgendes:

Erzählsituation meint also die (aus dem Text erschließbare) Gesamtheit jener Bedingungen, unter denen erzählt wird.

(Jürgen Schutte, Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart 1990, S.132)

Erzählstandort, Erzählperspektive, Erzählverhalten und Erzählhaltung sind vier dieser Bedingungen, die die Erzählsituation ausmachen. Nicht die einzigen, aber die aus meiner Sicht für den Autor wichtigsten.

Ich halte mich dabei weiter an die Begrifflichkeiten Schuttes, betone aber ein weiteres Mal, dass die Verwendung der Begriffe nicht einheitlich ist.

Erzählstandort

Der Erzählstandort beschreibt die Distanz des Erzählers zu den Figuren und dem Geschehen. Wie eine Kamera kann der Erzähler seinen Standort in großer zeitlicher und/oder räumlicher Entfernung zum Geschehen und den beteiligten Figuren wählen, um etwa einen allgemeinen Überblick zu behalten, oder einen Standort nahe an Geschehen und Figuren einnehmen (heranzoomen), sich eventuell direkt an eine Figur binden, die er fortan begleitet.

Oft wird der Erzähler seinen Standort innerhalb der fortschreitenden Geschichte immer wieder verändern, er kann ihn aber auch weitgehend beibehalten. Im Beispiel nimmt er erst eine große Distanz ein und zoomt dann heran, um Herrn Nahganz zu betrachten:

Der dunkle Himmel drängte die Bürger Fernburgs dazu, ihre Geschäfte so bald als möglich zu erledigen, um in die Sicherheit ihrer Häuser zurückkehren zu können. Jeder auf den Straßen der kleinen Stadt schien in höchster Eile. Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung und betrachtete das Geschehen mit einem Blick, als beneide er diejenigen, die vor dem drohenden Unwetter flüchteten.

Erzählperspektive

Die Erzählperspektive ist mit dem Erzählstandort eng verbunden, aber nicht gleichzusetzen. Die Frage nach dem Standort klärt nur die Frage, wo der Erzähler steht und was er von dort aus sehen kann. Im entsprechenden Beispiel oben ist der Erzähler am Ende ziemlich nah bei Herrn Nahganz, aber er betrachtet ihn immer noch aus einer Außenperspektive.

Er könnte nun auch von der Außen- in eine Innenperspektive wechseln, die inneren Vorgänge der Figur, ihre Gedanken und Gefühle betrachten.

Die Erzählperspektive in diesem engeren Sinn sagt also lediglich aus, ob der Erzähler seine Figur(en) nur von außen betrachtet, so wie es eine Kamera tut, oder ob er auch das Innenleben der Figur(en) offenbart.

Ein Erzähler, der dem Leser auch die Innenperspektive zur Verfügung stellt, hätte also folgendermaßen erzählen können:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung, betrachtete das Geschehen auf der Straße und dachte daran, wie gern er mit diesen Menschen getauscht hätte.

Spätestens jetzt werden die feinen Unterschiede deutlich. Denn eine Innenperspektive ist nicht automatisch eine personale. Auch ein Erzähler, der sich auktorial verhält, kann natürich Innenperspektiven verwenden (auktorial und personal werden noch in einem eigenen Artikel behandelt).

Erzählverhalten

Ob ein Erzähler personal oder auktorial erzählt, klärt nach Schutte (ebd., S.135 f.) demnach das Erzählverhalten. Der Erzähler verhält sich also auktorial oder personal. Das bedeutet im ersten Fall, dass der Erzähler die Erzählersicht beibehält, ob nun in der Außen- oder der Innenperspektive, während er im zweiten Fall aus Sicht der Figur erzählt.

Den Unterschied will ich wieder an Beispielen deutlich machen:

Erzählersicht (auktorial), Außenperspektive:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung und betrachtete das Geschehen mit einem Blick, als beneide er diejenigen, die vor dem drohenden Unwetter flüchteten.

Erzählersicht (auktorial), Innenperspektive:

Herr Nahganz stand indessen am Fenster in seiner Mietwohnung, betrachtete das Geschehen auf der Straße und dachte daran, wie gern er mit diesen Menschen getauscht hätte.

Figurensicht (personal):

Er stand am Fenster. Die Menschen auf der Straße beeilten sich, dem Unwetter zu entkommen. Wie gern wäre er an ihrer Stelle, hätte die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Für ihn gab es nur das Drinnen, ob es draußen stürmte oder die Sonne schien.

Erzählhaltung

Bleibt schließlich noch die Erzählhaltung. Sie beschreibt die Einstellung des Erzählers zum Erzählten. Am deutlichsten wird sie natürlich, wenn der Erzähler explizit einen bestimmten Tonfall einschlägt, etwa einen ironischen, einen pathetischen, einen kritischen oder einen affirmativen.

Solche expliziten Mittel sind dabei weitgehend Teil auktorialen Erzählverhaltens, doch die Erzählhaltung drückt sich auch implizit in den sprachlichen und erzählerischen Mitteln der Darstellung aus, etwa der Auswahl dessen, was erzählt wird, der Gewichtung innerhalb des Erzählten, der Entscheidung zwischen szenischem oder narrativem Erzählen, der Wahl der Perspektive und des Erzählverhaltens, der Wortwahl, der Auswahl der Metaphern usw.

Sofern sich der Schreiber all dieser Möglichkeiten bewusst bleibt, macht es natürlich gar nichts, wenn er sie begrifflich nicht voneinander trennt.

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PB-Plotten 11: Schlüsselszenen

Zunächst mal steht wieder die Frage nach der Reihenfolge. Wäre es nicht sinnvoller, sich nach den Nebenkonflikten mit den Nebenfiguren zu beschäftigen? Da spricht nichts dagegen.

Der Grund, warum ich es anders halte, ist der, dass ich nicht Gefahr laufen möchte, mich bei der Entwicklung des Plots zu sehr von Nebenfiguren beeinflussen zu lassen. Bauchschreiber können ein Lied davon singen, dass Figuren jedweder Art gerne mal ein Eigenleben entwickeln. Und auch die eifrigsten Planer sind dagegen nicht völlig gefeit.

Habe ich noch keinen gefestigten Plot und entwickle nun akribisch meine Nebenfiguren, kann es durchaus passieren, dass eine, die mich besonders fasziniert, über sich hinauswächst und mir im wahrsten Sinne des Wortes meine Pläne durchkreuzt. Mein Plot soll aber von den Hauptfiguren getragen, von den Neben- und Randfiguren bestenfalls gestützt werden.

Ich lasse also die Nebenfiguren zunächst einmal links liegen und stürze mich auf die Schlüsselszenen. Das sind all jene Szenen, die entscheidend zur Entwicklung des Konflikts beitragen. Mit „entscheidend“ meine ich, dass sie entweder einen Wendepunkt in der Konfliktentwicklung oder einen sprunghaften Fort- oder Rückschritt darstellen. Auch solche gehören dazu, in denen sich die Bedingungen für den Konflikt grundlegend ändern. Ebenso die, in denen der Protagonist sich in wichtigen Entscheidungssituationen befindet. Und natürlich die Szene, in der sich der Konflikt herausbildet und jene, in der er aufgelöst wird.

In der Regel haben wir wenig Probleme damit, die Schlüsselszenen ausfindig zu machen, zumindest dann nicht, wenn es sich um die Werke anderer handelt. Es sind diejenigen Szenen, an denen wir uns bei der Nacherzählung eines Films oder Buchs entlanghangeln. Ich darf das mal in etwa am Beginn meines Romans „Das Lächeln der Kriegerin“ demonstrieren, ohne allzu viel zu verraten:

  • Lothiels Vater wird in einem Kampf mit Wegelagerern schwer verletzt,
  • Lothiel trifft auf den schwer verletzten Boten Rochon, der die Nachricht vom Überfall auf die Grenzfeste zur Königin bringen soll,
  • Lothiel will die Aufgabe des reituntauglichen Boten übernehmen, doch ihr ebenso hilfloser Vater entscheidet, dass sie nur nach Waldruh reiten darf, um dort einen neuen Boten zu finden,
  • Lothiel muss erkennen, dass der Feind bereits Waldruh eingenommen hat und sieht ihre Aufgabe als gescheitert an,
  • Lothiel ist fast wieder zu Hause, als sie beschließt, die Anweisungen ihres Vaters zu missachten und sich auf den Weg zur Königin zu begeben,
  • in Iden glaubt Lothiel, doch noch den Auftrag loswerden und heimkehren zu können, doch auch der Feind hat Iden erreicht – Lothiel muss ihren Weg fortsetzen,
  • Lothiel gerät mit einem Vorposten des Feindes aneinander und tötet die Männer, was ihr fortan schwer zu schaffen macht,
  • Lothiel erreicht die Königsstadt und kann die Nachricht vom Angriff überbringen; sie hofft, so schnell wie möglich zu ihren Eltern zurückkehren zu können.

Wie auch bei der nachfolgenden Szenenplanung ist es jedem selbst überlassen, wie intensiv er jede einzelne Szene vorplant. Manchem reicht es, jede Szene wie im obigen Beispiel in ein bis zwei aussagekräftigen Sätzen zusammenzufassen oder ihr gar nur einen Titel zu verpassen, es gibt aber auch durchaus diejenigen, die zu jeder Szene eine Art Klappentext oder gar ein Szenenexposé entwickeln.

Autorenprogramme bauen meist auf der Szenenplanung auf und bieten die Möglichkeit, jede Szene einzeln zu betiteln, ihr Stichwörter, Figuren, Werte wie Spannung, Humor, Information usw., Uhrzeit- und Datumsangaben, Inhaltsangaben und vieles mehr beizufügen.

Gleich wie sparsam oder umfangreich man nun die Szenen vorplant, vergessen sollte man nicht, dass auch jede Szene optimalerweise konfliktbasiert ist und einen eigenen Spannungsbogen aufweist. Ein paar Notizen dazu können keinesfalls schaden.

(PB-Plotten: Die Liste)

Schreibe, lese, genieße bis 03.10.10

JunDesk-Schreibwettbewerb

Originaltext, siehe: http://www.jundesk.de/de/informationen/teilnahmebedingungen

JunDesk-Schreibwettbewerb: Schreibe, lese und genieße mit!

Jährlich führt der JunDesk seinen Schreibwettbewerb für Jungautoren im Alter von elf bis einschließlich 22 Jahren durch. Es geht um die Förderung junger Autoren sowie um die Leselust im Internet. Daneben erhalten die Bestplatzierten Büchergutscheine im Gesamtwert von 210 Euro und viele weitere kleinere Preise, die von den Partnern zur Verfügung gestellt werden.

Bis zum 3. Oktober 2010 könnt ihr noch eines eurer besten Werke über die Homepage des JunDesk einreichen. Gesucht werden Kurzgeschichten und Gedichte bis zu 1.500 Wörtern. Dabei gilt zu beachten, dass diese Texte noch nicht zuvor anderweitig veröffentlicht worden sein dürfen.

Eine Jury wählt 20 Texte aus, die den Lesern ab dem 25. Oktober zum Kommentieren und Bewerten vorgelegt werden. In der Jury sitzt Karla von Lovelybooks, die Autorin Maryanne Becker sowie Christian Albrecht und Florian Körner von der AutorenCommunity. Anhand der durchschnittlichen Bewertungen der Leser werden die Platzierungen der Beiträge ausgemacht.

Weiterführendes
Homepage: http://www.jundesk.de/de/
YouTube: http://www.youtube.com/jundesk/
Twitter: http://www.twitter.com/jundesk/

Wir wünschen viel Freude und Erfolg,
Christian und Florian

Teilnahmebedingungen

Zugelassen sind alle Autorinnen und Autoren nach folgenden Ausschreibungsbedingungen:

1. Die Teilnehmer sind zwischen elf bis einschließlich 22 Jahre und Urheber des eingereichten Beitrages.
2. Der Beitrag wurde noch nicht anderweitig veröffentlicht.
3. Der Organisator darf den Beitrag unentgeltlich veröffentlichen.
4. Jeder Teilnehmer nimmt nur mit einem Beitrag teil.
5. Der Beitrag darf nicht mehr als 1.500 Wörter umfassen.
6. Es kann nur über das Anmeldeformular auf jundesk.de teilgenommen werden.
7. Der Organisator behält sich das Recht vor, Beiträge kommentarlos zurückzuweisen.
8. Eine Gewährleistung oder Verwantwortung für verloren gegangene oder unvollständige Beiträge übernimmt der Organisator nicht.
9. Eine Fachjury wählt 20 Beiträge aus. Anschließend können alle Leser die Beiträge bewerten. Daraus werden die Platzierungen ermittelt.
10. Die Teilnehmer erklären sich damit einverstanden, das Wettbewerbsergebnis zu akteptieren.
11. Die Platzierungen eins bis drei erhalten einen Büchergutschein für eine Buchhandlung ihrer Wahl nach folgenden Staffelungen:
1. Platzierung: 100 Euro Büchergutschein
2. Platzierung: 70 Euro Büchergutschein
3. Platzierung: 40 Euro Büchergutschein
12. Die Wahl der Buchhandlung kann eingeschränkt werden, sofern die gewünschte Buchhandlung keine Büchergutscheine ausstellt.
13. Die Preisgelder sind nicht übertragbar und können nicht bar ausgezahlt werden, sowie durch andere Gewinne ersetzt werden.
14. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
15. Versuchter Betrug hat eine Disqualifizierung zur Folge.
16. Der Organisator des Wettbewerbes ist: Florian Körner, Falkenburger Str. 34b, 23795 Bad Segeberg

Quelle: Uschtrin