LesBar: Raststätte

LesBar, Foto: Anneka
LesBar, Foto: Anneka
© Anneka

Auf dem Weg zu dem Gespräch, das die Wende in meinem Leben bedeuten sollte, hielt ich an einer Raststätte. Mir war nicht danach, mich aus meinen Gedanken wecken zu lassen. Nichts wollte ich an mich heranlassen, es sei denn, es könnte meinen Magen füllen. Ich erstand zwei belegte Brötchen zu einem Kaffee und suchte mir einen Tisch, der dem Trubel so weit als möglich entrückt war.

Längst hatte ich mich wieder in mein Innen zurückgezogen, als mir jemand auf die Schulter tippte. Eine junge Frau, die mir sogleich – lauter als es mir angenehm war – eine Frage stellte. Ob ich glücklich sei, wollte sie wissen. In dem Moment war ich zu überrascht, um umgehend zu reagieren. Später musste ich mir eingestehen, dass ich noch weit länger hätte überlegen müssen, um wahrheitsgemäß zu antworten.

Sie aber nahm sich diese Zeit nicht. Ohne eine Antwort erhalten zu haben, drehte sie sich zu einem jungen Mann um, während sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger hinter sich und damit auf mich deutete. “Siehst du, so wird es dir auch ergehen, wenn du die falsche Entscheidung triffst!”

Sie ließ mich sitzen, ohne mir weitere Beachtung zu schenken. Ob ihre Demonstration bei ihm Wirkung gezeigt hat, weiß ich nicht. Ich aber stieg ins Auto, sagte meinen Termin ab und machte mich auf den Weg nach Hause.

__________

© Ben Philipp

Philvent – die zwölfte Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
© Ramona Heim

Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Er vertiefte sich so in sein Tun, dass er erst, als er es fast beendet hatte, bemerkte, welcher dumme Fehler ihm unterlaufen war. Er stand mit seinem Schneefeger und dem Eiskratzer vor dem falschen Auto. Seine Nachbarin würde sich freuen. Wo aber hatte er seinen Wagen geparkt? Und wie um Himmels willen sollte er jetzt noch rechtzeitig zur Prüfung kommen? Frau Hempels Auto freizulegen, hatte ihn eine knappe halbe Stunde gekostet.

Seines musste eines derjenigen sein, die unter dem glitzernden Weiß nicht zu erkennen waren. Während er probehalber mal an diesem ein wenig Schnee herunterfegte, mal an jenem ein bisschen Eis von der Scheibe kratzte, begrüßte ihn Frau Hempel lachend, bedankte sich nicht weniger fröhlich und fragte ihn kichernd, ob er nicht auch einmal unter ihrem Sofa kehren wolle. Die Frage, ob sie ihm nun, da sie ja mit seiner Hilfe Zeit gespart habe, bei der Suche nach seinem Gefährt helfen könne, verneinte sie mit der Begründung, sie habe eben diese Zeit damit verbracht, ihn vom Fenster aus zu beobachten, und sei nun selbst schon spät dran. Die flehentliche Bitte, ihn wenigstens ein Stück mitzunehmen, verhöhnte sie gar vollkommen unbegründet, indem sie ihn nahezu über den Haufen fuhr. Dass er beim Versuch, sich zu retten, stürzte, war allerdings ein Glück, fiel er doch, wie es der Zufall wollte, endlich gegen sein eigenes Auto, derweil ihn der aufkommende Zorn auf Frau Hempel, die ihm nun auch heftige körperliche Schmerzen bereitet hatte, derart beflügelte, dass er dieses in weniger als fünfzehn Minuten fahrtüchtig bekam. Die Prüfung konnte er dennoch nicht mehr absolvieren, da Wut auf glatten Straßen nun einmal ein schlechter Begleiter ist.

Autokauf

Autokauf, Foto: Catalin Petolea
Autokauf, Foto: Catalin Petolea
© Catalin Petolea

Mal wieder Lust auf eine kleine Schreibübung?

Dann schreibt doch mal eine Szene aus der Sicht von Peter. Und zwar streng und ausschließlich aus seiner Sicht. Nicht aus der eines allwissenden Erzählers und nicht aus der seines (Peters) Gegenübers.

Dieses Gegenüber ist die Verkäuferin in dem Gebrauchtwagenmarkt, in dem Peter ein Auto erstehen will. Leider hat er gar keine Ahnung von Autos. Und noch leiderer nutzt die Verkäuferin das schamlos aus. Sie dreht ihm eine Schrottkarre zu einem Preis an, der geradezu eine Frechheit ist.

Das Problem ist: Peter (ich erinnere, aus seiner Sicht wird erzählt) fällt absolut auf sie rein, glaubt er kaufe tatsächlich dieses großartige Schnäppchen, von dem sie da erzählt.

Die Herausforderung: Obwohl der Leser auf Peters Sicht angewiesen ist, soll er merken, dass die Verkäuferin ihm Scheiße als Gold verkauft.

Ihr könnt euch im stillen Kämmerlein an der Übung versuchen, das Ergebnis aber auch gern hier in den Kommentaren posten oder anderswo veröffentlichen (vielleicht mit einem kleinen Link hierher).

Viel Spaß!

Weitere Schreibübungen

Der Minitipp: Rasanter Roman

Formel 1
Formel 1
© Tatiana Popova / Shutterstock.com

Stell dir deinen Roman als eine Formel-1-Saison vor. Dann sorge dafür, dass Sebastian Vettel mindestens einen wenigstens gleichwertigen Gegner erhält, der keinesfalls in einem schlechteren, gern aber in einem überlegenen Auto sitzen darf.

Nun gestalte jedes einzelne Rennen als einen Krimi, in dem Sebastian Auf und Abs erlebt, am Ende aber nur hin und wieder den Sieg davonträgt.

Achte außerdem darauf, dass Sebastian im letzten Rennen, um Weltmeister zu werden, einen Punkte-Rückstand aufholen muss, den er aus eigener Kraft wettmachen kann, indem er seinen Gegner direkt bezwingt. Allerdings startet sein Gegner von der Pole-Position, während Sebastian von einem scheinbar aussichtslosen Startplatz ins Rennen geht. Dennoch wird er sich auch im Rennen nur auf sich, nicht auf glückliche Zufälle verlassen können. Ganz im Gegenteil!

Bedrohlicher Perspektivwechsel

Anhalterin
Anhalterin
© Tupungato

Stell dir vor, du schreibst einen spannenden Roman, in dem deine Protagonistin in der nächsten Szene als Anhalterin von A nach B kommen will. Wäre an sich nicht besonders spannend, wenn der Fahrer, zu dem sie ins Auto steigen wird, nicht ein Vergewaltiger wäre. Deine Protagonistin weiß das natürlich nicht. Und da der Handlungsstrang aus ihrer personalen Sicht geschrieben ist, wird die Szene auch für den ebenso ahnungslosen Leser nicht besonders aufregend, solange sich der Vergewaltiger nicht offenbart.

Aber das kannst du ja ändern! Schreib eine Szene, die vor der Anhalterszene spielt und aus der Sicht einer anderen Figur geschrieben ist. Vielleicht ist es der Vergewaltiger selbst. Oder ein Polizist, der ihm auf der Spur ist. Ein früheres Opfer, das entkommen ist und ihn an einer Raststätte wiedertrifft. Die Mutter, bei der der Mann noch wohnt und die längst Verdacht geschöpft hat.

Vielleicht fällt dir noch etwas ganz anderes ein. Wichtig ist, dass der Leser, wenn er später die Anhalterszene liest, weiß oder mindestens ahnt, mit wem es die Protagonistin hier zu tun bekommt. Und zwar ohne dass es ihm ein allwissender Erzähler verrät. Demnach muss auch die Szene der anderen Figur aus ihrer personalen Sicht heraus geschrieben werden.

Tja, und wenn du schon dabei bist, schreib doch die Anhalterszene auch noch. 😉

Weitere Schreibübungen

Ganz persönlich

Der Begriff „persönlich“ scheint eine merkwürdige Ausdehnung erfahren zu haben. Wie sonst wäre zu erklären, dass die freundliche männliche Stimme am Telefon ihn derart verwenden konnte?

Sie stammte vom Band beziehungsweise von einem Automaten und versprach mir, ich hätte mit vollkommener Sicherheit ein Mercedes Benz Cabrio im Wert von 45.000 Euro gewonnen. Oder aber einen Geldpreis in gleicher Höhe. Nun müsse ich nur noch einen Rückruf im Callcenter starten („Das muss sein!“) und der Gewinn sei meiner.

Soweit nichts Ungewöhnliches. Dass aber der Automat mir weiter versprach, ER werde dort PERSÖNLICH meinen Anruf erwarten (oder einer seiner Kollegen), machte mich schon stutzig.

Am liebsten hätte ich gefragt, warum wir das nicht gleich klären, schließlich seien wir ja gerade ganz persönlich miteinander verbunden. Aber es war eben nur ein Automat.

Keine Buchmesse

Leider hat mir mein Auto einen Strich durch die Rechnung gemacht und (vermutlich endgültig) den Geist aufgegeben. Diese Buchmesse werde ich also ausfallen lassen müssen.