Sechser im Motto: Mein liebstes Hobby: Schreiben

Sechser im Motto, Foto: javarman
Bleistift auf Block
Pixabay

Aufgabe:
Schreibe einen Text von maximal 250 Worten, zum Thema „Mein liebstes Hobby: Schreiben“. Im Text muss jeder der folgenden Sätze mindestens einmal vorkommen: 1. Ich finde es echt zum Kotzen! 2. Ich könnte „Scheiße!“ schreien!

Claudia Toman (Anna Koschka)

Wenn ich am Computer sitze, vergesse ich alles um mich herum. Die Welt konzentriert sich auf den Bildschirm und das Eingabefenster vor mir. Ich bin so etwas wie Gott, nur mit Touchpad und in Pantoffeln.
Weltabschaffung auf einen Klick.
Enter.
Geil.
Zum Beispiel hier, ganz oben, Kapitel nullkommaneunzigtausend. Ich finde es echt zum Kotzen, dass sich Frau G. schon wieder wichtig macht. Dank Frau K. Was für eine Verschwendung von Speicherkapazitäten. Kann man nicht einfach beide löschen? Aus dem Zusammenhang reißen und gnadenlos verthesaurussen? Bis nichts als ein Platzhalter bleibt? Quasi recyceln.
Delete und weiter.
Nach unten gescrollt. Ein missglücktes Date, ein dreckiges Kind und fünfundvierzig Mal das Wort „Hitze.“ Auf einer Seite.
Wo ist der Korrektor, verdammt?
Ich könnte „Scheiße!“ schreien, jedes Mal, wenn ich an die Geschichte mit dem Mann im Supermarkt denke. Wer kauft auch sämtliche Ü-Eier auf und wundert sich über braunen Dreck aus dem Maul? Nein, Moment, das war der rechtsrechte Parteichef mit dem smarten Look.
Ich bin zu schnell.
Meine göttliche Mission droht zu scheitern. Also lösche ich sie alle. Die Mutter mit den Bastelhühnern, Frau A. im Strandkorb, den Burger King, den Autorvornamenachname, die Modeltussi, den Samstagabendmoderator und wie sie heißen. Erledigt. Gefeuert, das ganze Personal.
Befreiung 2.0 im Garten Eden.
So! Wo waren wir stehengeblieben?
Ach ja, schreiben.
Ich klicke Facebook weg.

Falko Löffler

Schreiben? Als Hobby? Ich könnte „Scheiße schreien! Denn, nein, verdammt, es ist schon lange kein Hobby mehr. Ich lebe davon. Der Bäcker backt ja auch nicht als Hobby. Gut, vielleicht hat er mal so angefangen. Hey, ich backe mal ein kleines Brötchen. Und, bumm, gefühlt drei Tage später steht er nachts um drei vor seiner Teigmasse und brüllt in die Nacht: „Ich finde es echt zum Kotzen! Hätte ich doch was anderes gemacht! Ich habe kein einziges Hobby mehr, sondern verdiene meine Bröt-, äh, mein Geld damit!“ Wer weiß, irgendwann, wenn ich groß bin, vielleicht lebe ich dann meinen Traum und mache meinen Beruf zum Hobby.

Claudia Brendler

Seit er sein neues Hobby entdeckt hatte, hockte er nur noch am Laptop und tippte.
Sie saugte Staub. Um seinen Schreibtisch herum.
„Muss das jetzt sein?“ Wie genervt es klang. Es reichte. Endgültig. Sie stellte den Staubsauger ab.
„Hör mal, ich finde es echt zum Kotzen, dass du …“
„Was?“
Okay, ihre Wortwahl war vielleicht etwas drastisch, aber sie entsprach ihrem momentanen Gefühlszustand.
„Ich sagte, ich finde es echt zum Kotzen, dass du mich …“
„Oh! Ja! Das muss Darius antworten! Danke, Schatz.“
Er tippte, murmelte vor sich hin: „‚Ich finde es echt zum Kotzen‘, sagte Darius mit peitschendem Schwanz.“
„Was … äh … schreibst du da?“
„Darius ist ein Drache.“
Sie trat einen Schritt näher an den Tisch heran. Vielleicht sollte sie einfach mehr Interesse an seinem Hobby zeigen.
„Sag mal, Bärchen, können Drachen überhaupt kotzen? Speien die nicht Feuer oder so?“
„Was soll das jetzt?“ Sein Blick. Als wäre sie der Drache.
Was das soll? Du bemerkst nicht, dass ich meinen neuen Ledermini trage. Du überlässt mir den gesamten Haushalt und wir hatten seit mindestens einem Monat keinen Sex mehr. Ich … verdammt, ich könnte Scheiße schreien!
All das sagte sie nicht. Auch nicht das, was ihr als Nächstes in den Sinn kam.
Die einen schreien Scheiße, die anderen schreiben …
Oh Gott, nein. Sie liebte ihn doch.
Sie stellte den Staubsauger wieder an.

Sven Koch

Ich finde es echt zum Kotzen! Und zwar vollkommen und immer wieder gerne von Herzen. Was ich damit meine? Nun, das ist ganz einfach, aber trotzdem total kompliziert und schlecht nachvollziehbar. Ich meine damit: Wenn beim Schreiben Dinge passieren, die im Vorfeld nicht absehbar waren und dann hinten auf einmal anders sind als vorne, weswegen dann meist auch in der Mitte etwas nicht funktioniert und sich auf später auswirkt, denn dann muss man wieder am Anfang herumschrauben und stellt hernach fest: Jetzt geht etwas anderes auf einmal nicht, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat. Das ist wie mit dem Schmetterling und dem Sack Reis, der in China umfällt – solche Dinge geschehen wirklich, und zwar dauernd. Tausende Säcke Reis fallen täglich um, wenn die Drecks-Schmetterlinge fliegen. Kapieren Sie nicht, oder? Ist auch schwer zu verstehen, weil es dafür kein Wort gibt.  Man könnte es zum Beispiel zusammenfassend einfach „Fuck“ nennen – und jeder wüsste sofort Bescheid.  Wenn ich gefragt werde, was los ist, könnte ich einfach sagen: „Fucking Fuck ist los.“ Und alles wäre klar. Weil es aber keine Bezeichnung für „Fuck“ gibt und der „Fuck“ so schwer zu erklären ist, lässt man es einfach und sagt halt: „Ach, weiß ich auch nicht.“ Weil es besser so ist, denn: Den „Fuck“ im Detail zu erklären – nee, da wird man wieder wahnsinnig und regt sich noch mehr auf. Jedenfalls: Ich könnte „Scheiße!“ schreien, wenn dieser „Fuck“ passiert.

Britt Reißmann

Für jemanden, dessen liebstes Hobby das Schreiben ist, ist es ein Klacks, einen Text von 250 Wörtern zu verfassen, in dem die Sätze „Ich finde es echt zum Kotzen!“ und „Ich könnte Scheiße schreien!“ vorkommen. Ich bin so jemand. Nicht, dass diese Begriffe zu meinem täglichen Wortschatz gehören würden. Gott behüte, nicht in meinen aggressivsten Träumen kämen mir solche Ausdrücke in den Sinn. Aber was wäre ich für eine Autorin, wenn ich mich nicht auch in ordinäre Protagonisten hineinversetzen könnte?

Also frisch ans Werk. Vorher vielleicht noch einen kleinen Prosecco zur Motivation. Ich trinke ihn langsam und genussvoll, während ich nach einer Idee suche. Fülle das Glas erneut und beobachte die nächsten zehn Minuten, wie die Kohlensäureperlen an der Oberfläche zerplatzen. Die besten Ideen kommen mir immer beim Rauchen. Also raus auf den Balkon und eine Fluppe ins Gesicht. Nach dem dritten Sargnagel lässt der Geistesblitz noch immer auf sich warten. Ich habe das Bedürfnis, laut „Scheiße!“ zu schreien und tue es. Meine Nachbarin, die im Garten buddelt, fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich murmele etwas von Recherche am lebenden Objekt.

Zurück zum Schreibtisch. Ich sollte allmählich anfangen. Doch die Kreativität ist anderswo unterwegs. Meine Muse geht fremd und küsst wohl gerade jemand anderen. Welcher Teufel hat mich geritten, diesen Auftrag anzunehmen? Die Seite ist so leer wie mein Hirn. Kann ein Cursor hämisch blinken? Ich bin sicher, er kann. Welcher Idiot hat sich eigentlich dieses bekloppte Thema ausgedacht? Ich finde es echt zum Kotzen. Ich könnte „Scheiße!“ schreien!

Wolfgang Schroeder

Gelegentlich würde ich am liebsten „Ich finde es echt zum Kotzen!“ erwidern, wenn mir mal wieder jemand breit lächelnd erklärt: Ach, Sie schreiben Geschichten? Ich könnte das ja nicht, diese ganzen Wörter und so … Aber das ist schon okay, jeder sollte ein Hobby haben. Ich zum Beispiel finde ja Brieföffner wunderschön, die sammel ich schon mein ganzes Leben.“
Dummerweise hat der Mann recht, also nicht mit den Brieföffnern, aber mit dem Rest.
Was mich unweigerlich zu der Frage führt, die ich mir in letzter Zeit öfter stelle: Ist das Schreiben eigentlich immer noch nur ein Hobby für mich oder ist es schon mehr? Und wenn ja, was … ultimative Selbstbestätigung oder gar der Versuch, unsterblich zu werden?

Nun, zumindest ist es weder Job noch sonst irgendwie gewinnbringend. Inzwischen reichen die Tantiemen zwar wenigstens dafür, die Liebste beim Italiener um die Ecke zur Pizza einzuladen. Aber spätestens wenn wieder die Bemerkung kommt: „Warum schreibst du denn nicht mal so etwas wie Harry Potter oder die Tribute von Panem? Dann würdest du wenigstens jede Menge Geld verdienen und könntest mich anständig ausführen!“, sind das die Momente, in denen ich „Scheiße“ schreien könnte. Wenn auch nur ganz leise.

Doch unabhängig davon, ob Hobby oder doch schon mehr, eines weiß ich mit Sicherheit: Das Schreiben und auch das Herausgeben von Büchern macht mir Spaß, und ich hoffe, dass die Ergebnisse auch meinen Lesern Spaß bereiten. Und wenn das irgendwann mal nicht mehr so sein sollte … dann bleiben mir immer noch die Brieföffner.

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Sechser im Motto: Killer

Sechser im Motto, Foto: javarman
Sechser im Motto, Foto: javarman
© javarman

Aufgabe:
Stell dir vor, in deiner nächsten Geschichte würde ein alternder Killer vorkommen, der bisher noch erfolgreich überspielen konnte, dass er zunehmend vergesslich wird. Woran würde sein nächster Auftragsmord scheitern?

Helene Henke

Sein Deckname war Falke und ihm so vertraut, dass er jedesmal einen Moment nachdenken musste, wenn jemand nach seinem zivilen Namen fragte. Daran störte er sich nicht weiter, sondern reckte behutsam seine schmerzenden Beine. Das Laub raschelte unter seiner Neoprenhose, deren thermoreflektierende Innenbeschichtung seinen Körper vor Unterkühlung schützen sollte. Dennoch kroch ihm langsam die frühmorgendliche Kälte in die alten Knochen. Sein Körper verlor an Vitalität, sein Geist an Substanz. Als Einzelgänger passierte es nicht oft, dass er darauf angesprochen wurde. Aber es kam vor und nervte ungemein.

Auf seine Hände konnte er sich jedoch verlassen. Sie hielten bewegungslos das Scharfschützengewehr in Position. Durch das Zielfernrohr beobachtete er mit der Sehschärfe eines Greifvogels die Tür des Holzhauses am Fuße des Hügels. In der letzten Nacht hatte ihn mehrfach der Eindruck ereilt, sich bei einem seiner Einsätze im Dschungel zu befinden. So intensiv war die Geräuschkulisse des erstaunlich dichten Hochwaldes mitten in Deutschland. Keine schlechte Wahl für die Teufelsanbeter sich hier ein Nest zu errichten. Falke unterdrückte ein wütendes Knurren. Seit Monaten war er diesem gestörten Guru auf der Spur. Im Auftrag vermögender Klienten, deren Tochter in die Fänge der Sekte geraten war. Die polizeilichen Ermittlungen verliefen regelmäßig ins Nichts, weil diese Glaubensgruppe ihre Strippen in allen gesellschaftlichen Schichten zog. Während seiner Recherche war Falke bald auf ein Wespennest gestoßen. Dabei kratzten ihn nicht deren Machenschaften im Drogen- oder Waffenhandel, sondern der Menschenhandel, den diese Hirnwäscher im organisierten Rahmen betrieben.

Ein Killer mit Herz. Er lachte lautlos in sich hinein.

Die Haustür öffnete sich. Falke spannte die Schultern an. Ein Mann trat heraus und reckte sich ausgiebig in der Morgenluft. Sein weißer Kaftan hob sich im Wind wie die Segel einer Yacht. Für Falke war die Zielperson eine Galionsfigur. Er schluckte Wut und Magensäure hinunter. Den Kopf des Kerls genau im Visier. Wie es sich gehörte. Süße Genugtuung machte sich in ihm breit. Endlich würde er einen der Sektenführer zur Strecke bringen. Eine Welle von Erregung durchflutete Falke, als er den Abzug drückte. Klack!

Was zum Teufel …?

Er starrte durch das Visier in die braunen Rehaugen eines Mädchens. Der Schreck explodierte in seinem Gehirn. Die Kleine war ihm direkt in die Schusslinie gelaufen. Auf ihrer Stirn müsste sich der akkurat saubere Tunnel eines Einschusslochs abzeichnen. Der Schock des Todes würde sie noch für den Bruchteil einer Sekunde auf den Beinen halten, bevor ihr Körper begriff und in sich zusammensinken würde. Falkes Herz schlug bis in seinen Hals. Seine Ohren dröhnten.

Doch das Mädchen blickte lächelnd in seine Richtung. Sie konnte ihn nicht sehen, dazu war sie zu weit entfernt. Falke erkannte sie aus dem Dorf. Sie durchstreifte oft die Wälder. Ein junger Mann tauchte neben ihr auf, seine Jacke locker über die Schulter geworfen. An der Seite trug er ein Halfter mit Pistole. Ein Polizist? Ausgerechnet hier?

Falke versuchte hinter den bunten Pünktchen, die vor seinen Augen tanzten, seine Gedanken zu ordnen. Die Polizei war also endlich dabei, einer heißen Spur zu folgen. Irritiert senkte Falke das Gewehr und kontrollierte beiläufig den Einstecklauf. Keine Munition. Er hatte tatsächlich vergessen seine Waffe zu laden. Erstaunen mischte sich mit Erleichterung zu einem warmen Brei in seinem Magen. Die junge Frau war am Leben, weil das seine unaufhaltsam schwand. Beinahe lautlos robbte er den Hügel ein Stück hinunter, richtete sich auf und marschierte mit geschultertem Gewehr davon. Es war es an der Zeit sich in sein Haus in Chile zurückzuziehen, bevor er vergaß, dass er dort eines besaß.

Hans Peter Röntgen

Eva nölte wie immer: „Hast du die Handschuhe? Deinen Schal? Es ist kalt draußen!“ Wenn es nach ihr ginge, müsste ich ins Altenheim und Pflegestufe III beantragen. Dabei bin ich erst sechzig und voll fit.

Na gut, früher musste ich nicht vor jedem Auftrag meinen Merkzettel ausdrucken, damit ich auch nichts vergesse. Aber mit dem Merkzettel klappt das gut, und ich bin immer noch einer der Besten. Habe schließlich bei Big Pete gelernt. Der ist eine Legende, keiner konnte ihm das Wasser reichen, und alle Aufträge topp erledigt. Selbst den mit der Nitribitt.

Und der hat sich auch erst mit fünfundsiebzig zur Ruhe gesetzt. Ist dann kurz darauf mit seiner Motoguzzi voll in einen LKW gerast, weil er das Einbahnstraßenschild übersehen hat. Schöner Tod, so möchte ich auch enden. Nicht im Pflegeheim, mit lauter Evas um mich rum, die mich betütteln.

Jedenfalls hatte ich meine Werkzeugtasche kontrolliert, hinter jedem Punkt auf dem Merkzettel ein Häkchen gesetzt, wenn es in der Tasche war, und bin los.

Reine Routine, Erbonkel, der sich mit achtzig in eine Dreißigjährige verguckt hatte und die Familie fürchtete, dass die Tussi erben würde. War nur etwas eilig, weil er übermorgen heiraten wollte. »Muss also schnell gehen«, wie mir erklärt wurde.

Hab natürlich Gefahrenzulage auf den Preis aufgeschlagen, aber die können das aus der Portokasse zahlen. Der Alte ist alter Frankfurter Geldadel, der sich am Lorettoberg in Freiburg zur Ruhe gesetzt hat. Und da hat ihm im Colombi die Kellnerin schöne Augen gemacht. Gemein sowas. Ich kann sowas nicht ab, Menschen, die nur aufs Geld schauen. Früher war das anders, da hatte man noch Ehre im Leib.

Aber heute?

Na gut, ich will nicht jammern, die Zeiten sind so, wie sie sind.

Ich steige also den Lorettoberg hoch, schließe mit der Rechten das Gartentor mit meinem Werkzeug auf und drücke mit der Linken die Klinke runter. Der Alte sitzt im vollverglasten Wohnzimmer, Tatort im Fernsehen und das blonde Gift auf seinem Schoß. Ich greife meine Glock, den Schalldämpfer habe ich schon aufgeschraubt (steht auch auf dem Merkzettel), ein kurzes Plopp und der Alte muss nicht mehr befürchten, dass er im Pflegeheim enden wird.

Unten schnell den Gehstock rausgezogen und so biege ich um die Ecke. Ein alter Mann mit Stock, der seinen Abendspaziergang macht, gibt es was Unauffälligeres?

Und während ich so dahinstolpere, den Stock in der linken, die Tasche über die Schulter, sehe ich es.

Der Handschuh!

Ich habe ihn nicht angezogen. Dabei steht das extra dick auf dem Merkzettel.

Ich muss wohl doch meine Harley aus der Garage holen. Nichts geht über einen schönen, schnellen Tod.

Sarah Wedler und Nadine d’Arachart

Henry betrat die Kneipe und stellte fest, dass seine Verabredung noch nicht da war. Träge ließ er sich auf einen Stuhl in der Ecke fallen. Er war sich nicht mehr ganz sicher, um wie viel Uhr sie verabredet gewesen waren, also würde er warten müssen. Er winkte einen Kellner heran, doch niemand reagierte, also holte er Zigaretten aus der Tasche und ließ seine Umgebung in dichtem Rauch verschwinden. Blendete das Stimmengewirr aus und glitt in seine Gedanken.

Es war ein einfacher Job gewesen. Präzise Anweisungen, perfekte Durchführung. Er hatte sich durch die Hintertür ins Haus geschlichen, bewaffnet mit einem Feuerzeug, Benzin und seinen eigenen, drahtigen Fingern. Der schwierigste Teil seines Jobs hatte darin bestanden, das Sicherheitssystem abzuschalten, doch nach drei Minuten war auch diese Arbeit erledigt gewesen. Schließlich war er ein Profi mit langjähriger Erfahrung. Er hatte sich weiter ins Schlafzimmer geschlichen und dabei festgestellt, dass seine Geschicklichkeit zu wünschen übrig ließ. Die Bodendielen hatten bei jedem seiner Schritte gequietscht, zweifellos war er etwas eingerostet. Trotzdem war der Hausbesitzer nicht aufgewacht. Seelenruhig hatte er in seinem King-Size-Bett vor sich hin geschnarcht und gar nicht gemerkt, wie Henry ihn anstarrte. Erst, als er ihm mit seinen winterkalten Fingern die Kehle zudrückte, starrte er zurück. Blickte ihm direkt in die Seele, zappelte, kämpfte und verlor.

Der Rest war ein Kinderspiel gewesen. Ein bisschen Benzin, ein schönes Feuer. Man würde Brandstiftung feststellen, aber niemals herausfinden, wie der Hausherr wirklich gestorben war.
Kredithai in Luxusvilla durch Feuer im Schlaf erstickt! So oder so ähnlich würden die Schlagzeilen lauten und lediglich Henry und sein Arbeitgeber würden wissen, was in jener Nacht wirklich geschehen war.

„Da bist du ja, mein Großer“, sagte sein Boss und setzte sich ihm gegenüber. Sofort war der Kellner am Tisch und brachte zwei Bier. „Alles erledigt?“
„Alles perfekt.“
„Sehr gut.“ Sein Arbeitgeber stellte eine schwarze Ledertasche neben sich auf einen Stuhl und musterte ihn eingehend. „Dann gib es mir.“
„Ich? Dir?“ Henry hielt diese Aufforderung für einen Scherz, schließlich war er es, der etwas bekommen sollte. Und trotzdem regte sich etwas in seinen Eingeweiden. Eine Ahnung, die kurz darauf wieder in den Weiten seines Unterbewusstseins verschwand. „Du solltest wohl eher mir etwas geben.“ Henry würde sich nicht einschüchtern lassen.
Sein Arbeitgeber hob die Ledertasche und stellte sie auf den Tisch, doch als Henry danach greifen wollte, zog er sie wieder zurück. „Erst du.“
„Ich?“
„Hergott noch mal, Henry!“ Sein Boss donnerte die Faust so hart auf den Tisch, dass die Gespräche an den Nachbartischen verstummten. Er warf einen entschuldigenden Blick in die Runde, dann beugte er sich über die Tischplatte und flüsterte: „Wir hatten eine Abmachung und wenn du dich nicht daran hältst, dann bekommst du dein Geld nicht, haben wir uns da verstanden?“
Henry nickte perplex, obwohl er beim besten Willen nicht wusste, wovon sein Boss sprach. Schließlich hatte er seinen Teil der Arbeit erledigt.
„Gut. Dann gib mir das Beweisstück.“
„Das …?“
„Das Ohr, verdammt noch mal, wo hast du es?“
Henry stockte der Atem. Das Ohr. Ja, wo hatte er es? Er hatte es schlicht und einfach an der Leiche vergessen.

Imre Török

Klaus kommt ins Schleudern

Alles stimmte. Ort. Zeitpunkt. Sogar die Knete, die er nach Erledigung erhalten würde. Okay, früher rührte er ohne eine deftige Anzahlung keinen Finger. Aber sein Name hatte immer noch Klang. Einen „Kehlenklaus“ vergisst man nicht so schnell. Klaus fröstelte, dann hörte er die Schritte in der dunklen Gasse. Er duckte sich. Griff nach dem Messer. Diese kurze, scharfe Klinge im Futter hatte vor Jahren manche Kehle durchschnitten. Griff … , er tastete hektisch alle Verstecke in seiner guten alten Killerjacke ab. Scheiße. Zuvor beim Besuch der Enkel wird er die Jacken verwechselt haben. Das muffelige gute Stück schleuderte gerade in der Waschmaschine seiner Schwiegertochter. Und sie hatte recht. Er musste endlich zu Fielmann.

Angelika Lauriel

Hugo löschte das Licht und zog die Haustür hinter sich zu. Dieses Mal brauchte er nicht weit zu gehen, um seinen Job zu tun. Zwei Blocks bis zum Park. Ein wenig hatte er gezögert, bevor er diesen Auftrag annahm. So nahe bei seiner eigenen Wohnung? Doch dann hatte Elsa ihn vorwurfsvoll angesehen und demonstrativ die Kühlschranktür geöffnet. Gähnende Leere, in der lediglich eine Paprika vor sich hin gammelte. Der Anblick hatte ihn überzeugt.

Langsam ging er die Straße entlang. Wie immer, war er früh dran und brauchte sich nicht zu beeilen. In Gedanken versunken registrierte er die Strahlen der aufgehenden Sonne, die zwischen den hohen Häusern hindurch eckige Muster auf die Straße zeichneten. Seit wann war ihm sein Beruf so zuwider? Wie lange versuchte er schon, neue Aufträge abzuschmettern? Er kickte eine Coladose in den Rinnstein und beobachtete, wie ein Rest der braunen Flüssigkeit heraustropfte. Dann straffte er die Schultern. Es nützte nichts, den Moment hinauszögern zu wollen. Sein Auftraggeber hatte sich nicht abwimmeln lassen. Er hatte ihm geschmeichelt: Hugo habe in den letzten Jahrzehnten immer saubere und verlässliche Arbeit abgeliefert. Hugo schnaubte, während er seinen Schritt beschleunigte. Er blendete die vorbeifahrenden Autos und die wenigen Passanten aus, fixierte sich nur noch auf sein Ziel. Der Eingang zum Park war bereits zu sehen. Nichts anderes nahm er mehr wahr, nur die schmiedeeiserne, offenstehende Tür.

Wenig später hatte er die Zielperson gefunden. Groß, rothaarig, sportlich. Der Mann sah genauso aus wie auf dem Foto. Lediglich die blasse Haut wies darauf hin, dass er den größten Teil seiner Zeit in einem Büro verbrachte. Mit routiniert wirkenden Bewegungen joggte er Hugo auf dem Pfad entgegen. Ein kurzer Blick genügte, um sich zu vergewissern, dass niemand sonst unterwegs war. Hugo blieb stehen und wartete. Der Rothaarige, Kopfhörer in den Ohren, sah ihm kurz in die Augen – desinteressiert, mit den Gedanken woanders. Hugo drehte sich leicht zur Seite, als habe er zwischen den Bäumen etwas gehört, das sein Interesse weckte. Er konnte bereits den Schweiß und das Deo des Joggers riechen. Dann war er heran. Hugo griff mit beiden Händen nach dem großen Mann, dieser strauchelte und fiel regelrecht in seine Arme. Es war ein Kinderspiel, ihn rasch zwischen die Bäume zu ziehen.

Hugo stieß ihn auf den Boden und drückte ihn mit einem Knie und einer Hand auf den weichen Grund. Nach der ersten Schrecksekunde wehrte der Rothaarige sich. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, Hugo von sich zu stoßen. Aber mochte er auch gealtert sein – schwach war Hugo nicht.

Mit der freien Hand verpasste er seinem Opfer einen gezielten Faustschlag an die Schläfe, sodass dieser plötzlich erschlaffte, seine angewinkelten Beine nach außen fielen und die Arme, mit denen er nach Hugos Oberkörper gegriffen hatte, von ihm abglitten wie Gummiattrappen. Das von Sommersprossen übersäte Gesicht wirkte plötzlich entspannt und friedlich. Der Mann hatte die Lippen leicht geöffnet, und Hugo konnte genau die roten Wimpern und Augenbrauen erkennen. Hatte er nicht schon einmal einen rothaarigen Menschen getötet? Er ließ die Gedanken schweifen. Richtig, da war doch dieses Mädchen gewesen. Sie hatte die Wimpern mit schwarzer Tusche übermalt, aber als sie da lag, kalt und leblos, hatte er die roten Ansätze in der hellen Haut genau gesehen. Hugo legte den Arm des schlafenden Läufers vorsichtig neben dessen Körper ab, dann setzte er sich auf den Waldboden. Wie hatte die Kleine damals geheißen?

Verdammt, er konnte sich nicht erinnern. Vielleicht, wenn er all die anderen Namen der Menschen durchging, denen er einen Platz auf dem Friedhof verschafft hatte? Doch da war nichts, nur gähnende Leere. Wie in seinem Kühlschrank.

Der Mann neben ihm rührte sich, stöhnte leise, dann blieb er ruhig liegen.

Konnte er sich wirklich und wahrhaftig an keinen einzigen Namen erinnern? Hugo ließ die Gesichter vor seinem inneren Auge Revue passieren. Viele waren es, wirklich viele. Sie hatten ihm und Elsa einen einigermaßen guten Lebensstandard gesichert. Und niemals war er aufgeflogen. Niemand wusste das von ihm. Aber dass ihm die Namen nicht einfielen! Er konnte sich noch so sehr anstrengen, da war nichts.

Plötzlich spürte er eine Berührung an seinem Oberschenkel, dann legte sich eine Hand auf sein Bein. Er drehte sich zu dem Mann um, der neben ihm lag und ihm jetzt das Gesicht zuwandte. Er wirkte verwirrt, fragte sich wohl, wie er hierhin geraten und wie ihm geschehen war. Hugo beugte sich fürsorglich über ihn. „Geht es Ihnen gut?“
Der Rothaarige griff sich an den Kopf und runzelte die Brauen. „Ich … ich weiß nicht … Was ist passiert?“
Hugo half ihm aufzustehen und legte einen Arm um seine Taille, um ihn zu stützen. Langsam gingen die beiden zwischen den Bäumen auf den Pfad hinaus zu einer Bank.
„Ich weiß es auch nicht“, sagte Hugo. In seinem Kopf herrschte angenehme Leere, als er neben dem rothaarigen Fremden den Schmetterlingen zuschaute, die um einen Busch herumflatterten.

Carsten Zehm

Sonntag, 17:45 Uhr, St. Michael Kirche, München

Der Killer nahm die Brille ab, legte sie vorsichtig zur Seite und schaute durch das Zielfernrohr. Gleich würde der Wagen vorfahren, aus dem Baustadtrat Meier steigen müsste, um die Messe in der Kirche zu besuchen. Das Bild des Opfers lag ausgedruckt neben der eben abgelegten Brille. In der Auftragsmail hatte etwas von einem schwarzen Wagen gestanden, in dem der Baustadtrat säße, wohl auch die Marke, die aber hatte der Killer vergessen. Man hatte ihm Ort und Zeit genannt und die Wichtigkeit, dass es genau dann und dort passieren sollte.

Dem Killer war egal, dass er die Marke vergessen hatte, denn in diesem Moment fuhr der Wagen vor und drei Männer stiegen aus. Welcher von denen war der Stadtrat? Er kniff die Augen zusammen und versuchte, das ausgedruckte Gesicht auf dem Bild zu erkennen und mit einem der Gesichter der drei Männer abzugleichen. Silberne Haare, ja. Der dort musste es sein. Er zielte kurz, schoss, und unten vor der Kirche brach ein Mann getroffen zusammen. Schreie gellten.

Wenn er auch alt wurde, zielen und schießen konnte er noch. Seine Auftraggeber würden zufrieden mit ihm sein.

Im selben Moment klingelte das Handy. „Ja?“, meldete er sich.
„Was ist mit dem Auftrag? Sie haben viel Geld bekommen dafür.“
„Ich habe soeben …“, doch sein Gesprächspartner, sein Auftraggeber, ließ ihn nicht ausreden.
„Ich habe soeben den Baustadtrat in Begleitung seiner Gattin die Kirche betreten sehen. Unversehrt.“
„Aber … ich habe ihn gerade erschossen!“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich stehe hier vor der Kirche St Michaelis und hier sind keine Schüsse gefallen, wie es abgesprochen war. Sie sind ein toter Mann!“
„Aber ich habe hier vor St. Michael soeben den …“
„Wo sind Sie?“
„St. Michael, München.“
„Sie gottverdammter Idiot! St. Michaelis, Hamburg habe ich gesagt. In Hamburg!“

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Besetzt

Vom Schreibtisch, Foto: Marko Tomicic
Vom Schreibtisch, Foto: Marko Tomicic
© Marko Tomicic

Im Moment gibt es von meinem Schreibtisch nicht viel zu berichten, da hat sich nämlich wegen eines Eilauftrags mal wieder mein Lektorenalterego breitgemacht. Wenn dieses jeweils bis zum Abend sein Pensum geschafft haben sollte, darf ich mich noch mal ransetzen und ein bisschen plotten.

Beruf Erzähler: Die Qual der Wahl

Es ist der Autor, der sich überlegen muss, welcher Auftrag an den Erzähler für die Geschichte, die erzählt werden soll, der richtige ist. Eine Entscheidung, bei der er sich nur wenig Hilfe erhoffen kann. Denn obwohl sie eine so wichtige ist, ist sie keine, die unabdingbar zum Gelingen oder Scheitern führt.

Unterschiedliche Erzählsituationen können aus ein und derselben Grundidee, ja, sogar aus ein und demselben Plot zwei unterschiedliche Geschichten entstehen lassen, die sich gegenseitig in nichts nachstehen. Die Wahl der Erzählsituation ist von der Intention des Autors abhängig. Wie bei jedem anderen seiner sprachlichen und erzählerischen Stilmittel wird er also die Frage bewntworten müssen: Was will ich damit erreichen?

Die Erzählsituation, so wichtig sie ist, bleibt dabei eben nur ein Mittel von vielen, das der Autor mit allen anderen in Einklang bringen muss. Und es gibt keine einfachen Rezepte. Jede Erzählsituation hat ihre Vor- und ihre Nachteile.

Ich oder Er?

Ein Erzähler, der als Ich aus seiner eigenen Sicht erzählt, kommt der natürlichen Erzählsituation, in der wir uns auch in der realen Welt befinden, zweifelsfrei am nächsten. Ein guter Grund, ihn noch unerfahrenen Autoren als guten Einstieg zu empfehlen. Nahezu alle Besonderheiten solchen Erzählens ergeben sich bei ein wenig reflexivem Überdenken von selbst.

Die Risiken folgen auf dem Fuße. Ob handelndes oder erzählendes Ich – sich stets bewusst zu bleiben, dass es sich um eine Figur außerhalb unseres Selbst handelt, ist nicht immer leicht.

Für den Leser ist es angeblich nicht möglich, näher an eine Figur heranzukommen als an ein erzählendes Ich. Keine Erzählsituation sorge beim Leser für mehr Sympathie- und Indentifikationsvermögen.

Da ist sicher etwas Wahres dran. Letztlich ist das aber wohl auch vom jeweiligen Leser abhängig. Ziemlich sicher ist, dass ein Ich beim Leser für ein hohes Maß an Vertrauen in die Authentizität des Erzählers sorgt. Das Gefühl, die Geschichte aus erster Hand erzählt zu bekommen, spielt eine große Rolle, selbst dann, wenn der Leser sie als eindeutig fiktiv akzeptiert.

Man darf aber auch nicht unterschätzen, dass das Ich für den Leser damit zu einem eindeutigen Du wird. Ein Gegenüber! Die Geschichte ist somit im besten Fall die eines guten Freundes.

Personales Erzählverhalten aus der Sicht einer dritten Person kann in dieser Hinsicht eventuell sogar mehr erreichen. Ein Erzähler, der sich selbst vollkommen zurücknimmt und in den Kopf der Figur schlüpft, nimmt im besten Fall den Leser mit sich. Wie könnte für diesen die ungebrochene Nähe, ja sogar die Identifikation mit der Figur größer ausfallen? Sicher ein guter Grund dafür, dass personalisierbare Romane (zumindest die, die ich kenne) eben nicht das erzählende Ich wählen.

Auktorial oder personal?

Wer die bisherigen Artikel dieser Reihe gelesen hat, ahnt es schon: Die Frage polarisiert, wo es eigentlich keine eindeutigen Pole gibt. Auktoriales Erzählen ist ein weites Feld. Es kann von einem Erzählverhalten reichen, das nur minimal von personalem abweicht, bis zu einem, das sich grundlegend von personalem Erzählen unterscheidet. Demzufolge können einen Autor ganz verschiedene Motive dazu bringen, seinen Erzähler zum auktorialen Erzählen zu veranlassen. Etwa, um den Fokus des Lesers auf die Gesamtzusammenhänge zu richten oder um das Erzählte ironisch zu brechen.

Und natürlich gilt wieder, dass das Erzählverhalten nur einen Weg zum Ziel darstellt, der bestenfalls eine grobe Richtung vorgibt und der durch Zuhilfenahme anderer Mittel geebnet, gekreuzt oder gar umgekehrt werden kann.

Daher sind die folgenden Punkte kaum mehr als blasse Wegmarkierungen auf verwitterten Steinen:

  • Personales Erzählverhalten gilt als das modernere. Es löst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts das auktoriale immer mehr ab.
  • Personales Erzählen legt den Fokus auf die Figur (den jeweiligen Perspektivträger) und muss daher mit einer stark eingeschränkten, subjektiven Perspektive auskommen, auktoriales Erzählen ermöglicht den Blick auf das große Ganze (Gesellschaftsroman des 18. und 19. Jhs., Historischer Roman, Epische Fantasy).
  • Beim personalen Erzählen taucht der Erzähler hinter der Figur ab, beim auktorialen Erzählen ist der Erzähler für den Leser präsent.
  • Personales Erzählen ist so dicht wie möglich an der Figur, genauer: in der Figur, auktoriales Erzählen wahrt Distanz zur Figur.
  • Beim personalen Erzählen wird das Erzählte durch die subjektive Sicht der Figur bestimmt, ein auktorialer Erzähler kann das Erzählte durch seine Brille betrachten, vermitteln, kommentieren und werten.
  • Bezüge zwischen erzählter Zeit und Zeit des Erzählens kann nur der auktoriale Erzähler herstellen, der sogar in der Lage ist, sich direkt an den Leser zu wenden.

Das soll es vorerst von mir zum Beruf des Erzählers gewesen sein. Ich hoffe, ich konnte den einen oder anderen interessanten Einblick bieten.

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Beruf Erzähler: Sich etablieren

Bekommt der Erzähler vom Autor den Auftrag, sich nicht rein personal zu verhalten, steht er gleich zu Beginn seines Jobs vor einem Problem: Er muss sich als der, den er darstellen soll, etablieren. Das heißt, er muss dem Leser von Beginn an klar machen, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten ihm der Autor zugestanden hat. Verpasst er den rechten Zeitpunkt, hat er diese Freiheiten schon wieder verspielt. Nutzt er sie dennoch, wird das in der Regel seinem Auftraggeber als fehlende Beherrschung des Handwerks angelastet.

Ein Erzähler, der sich hundert Seiten lang personal verhalten hat, wird schief angeguckt, wenn er sein Verhalten plötzlich ändert. Einer, der bisher nicht persönlich als Erzählerfigur aufgetreten ist, wird auf den Widerstand des Lesers stoßen, wenn er sich auf Seite 395 erstmals als Ich zu etablieren sucht. Auf der anderen Seite kann ein Erzähler der sich zu Beginn seiner Erzählung mit auktorialem Verhalten etabliert hat, der möglicherweise sogar als erzählendes Ich in Erscheinung getreten ist, anschließend über weite Strecken der Erzählung personal erzählen und sich jederzeit wieder in der Vordergrund drängen, sofern er sich nicht allzu ungeschickt anstellt.

Zugegebenermaßen werden vielen Lesern kleinere auktoriale Entgleisungen eines sich ansonsten personal verhaltenden Erzählers gar nicht auffallen. Denn natürlich bringen auch Leser unterschiedliche Vorlieben und Erfahrungswerte mit. Manches, was ein erfahrener Autotester am Fahrverhalten eines PKWs auszusetzen hätte, würde mir gar nicht auffallen. Manches, was den Tester massiv stören würde, könnte ich problemlos tolerieren. Wer gute Autos bauen will, wird sich dennoch an dem Tester und nicht an mir orientieren. Ist der Tester zufrieden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich etwas zu meckern finde, noch einmal um ein Vielfaches minimiert.

Für den Autor, der sich hier und da auktoriale Einschübe wünscht, heißt das also, den Erzähler zu animieren, solche Einschübe von Beginn an zu etablieren.

Auktorial: alles und nichts

Schauen wir uns einmal fünf Erzähler an, die sich unterschiedlich etablieren:

1.

Er suchte in der Innentasche. Gott sei Dank, der Ring war noch da. Andrea sah sich nach dem Kellner um. Wahrscheinlich hatte sie Hunger. Wie sie wohl auf seinen Antrag reagieren würde?

2.

Thomas und Andrea saßen sich im Restaurant an einem Tisch für zwei gegenüber. Thomas suchte angestrengt nach irgendetwas in der Innentasche seiner Jacke. Dann blickte er auf. Er wirkte erleichtert. Andrea schien das nicht zu bemerken. Sie schaute dem Kellner hinterher, der gerade auf dem Weg in die Küche war.
„Hast du Hunger?“, fragte Thomas.

3.

Thomas suchte in der Innentasche. Gott sei Dank, der Ring war noch da. Andrea sah sich genervt nach dem Kellner um. Thomas glaubte, sie habe Hunger und fragte sich, wie sie wohl auf seinen Antrag reagieren würde.

4.

Sie saßen sich gegenüber. Andrea hatte bereits eine böse Vorahnung. Sie deutete seinen hastigen Griff in die Innentasche seiner Jacke ganz richtig. Thomas suchte wirklich nach dem Ring. Dem einen Ring, der, wie er hoffte, sein Leben für immer verändern würde. Ihm war keinesfalls klar, dass sie sich nur deshalb nach dem Kellner umschaute, weil sie versuchte, ihre Befürchtungen zu ignorieren und noch immer hoffte, Thomas würde ihr keinen Antrag machen. Außerdem fand sie den Kellner wirklich süß!
„Hast du Hunger?“, fragte Thomas.

5.

Manche Geschichten beginnen wirklich traurig. Aber nie habe ich von einer gehört, die so traurig begann, wie die meines besten Freundes Thomas, für den von einem Moment zum anderen eine ganze Welt zusammenbrach. Auslöser war der vergebliche Antrag, den er seiner Freundin Andrea eines Abends in einem italienischen Restaurant machte. Er hatte sich seit Wochen auf diesen Moment vorbereitet, doch dieses Miststück ließ ihn einfach auflaufen.

Beispiel 1 ist klar: Da etabliert der Erzähler ein personales Erzählverhalten. Er erzählt aus der Sicht von Thomas.

Klar ist auch, alle anderen Beispiele etablieren kein personales Erzählverhalten. Für die bliebe also nach dem Schema nur das auktoriale Erzählverhalten.

Neutrales Erzählverhalten

Beispiel 2 macht allerdings Probleme. Es wird eindeutig nicht personal erzählt. Der Erzähler nimmt weder die Sicht von Thomas noch die von Andrea ein. Er erzählt also aus einer dritten Sicht, der des Erzählers. Das ist ein Merkmal auktorialen Erzählens.

Im Gegensatz zu den Beispielen 3 bis 5 scheint der Erzähler aber nicht zu wissen, was in Thomas und Andrea vorgeht. Er betrachtet beide nur aus der Außenperspektive. Er verhält sich also wie ein unsichtbarer Beobachter. Sein Wissen ist offenbar dementsprechend begrenzt. Das entspricht nun wieder gar nicht dem, was wir als auktoriales Erzählverhalten kennen. Schließlich zeichnet sich das gerade dadurch aus, dass der Erzähler mehr weiß als die Figuren.

Tatsächlich hat dieses Erzählverhalten einen eigenen Namen: neutrales Erzählverhalten. Der Erzähler ist dabei mindestens ebenso unsichtbar wie der personale Erzähler, unterscheidet sich aber eben darin, dass er nicht in die Figuren hineinschlüpft und daher lediglich aus der Außenperspektive erzählen kann.

Dieses Erzählverhalten will ich in einem anderen Artikel noch genauer unter die Lupe nehmen, hier dient es erst einmal einer anderen Absicht. Denn der Begriff bzw. seine Einordnung ist in der Literaturwissenschaft aus verschiedenen Gründen umstritten. So sehen die einen das neutrale gleichberechtigt neben dem auktorialen und dem personalen Erzählverhalten, andere sehen es lediglich als eine Sonderform an.

Ich bin der Auffassung, dass sich das neutrale je nach Bedarf sowohl dem auktorialen als auch dem personalen Erzählverhalten zuordnen lässt. Das habe ich oben schon angedeutet.

Auktorial gesehen nimmt der Erzähler eine Erzählersicht ein (so unangenehm das für diejenigen auch sein mag, die mit dieser Art des Erzählens den Erzähler aus ihren Texten gänzlich verbannen wollten). Dabei haushaltet er mit seinem Wissen mehr als all seine Kollegen. Er gibt nur wieder, was auch jeder andere neutrale Beobachter berichten könnte, enthält sich außerdem jeder Wertung.

Personal gesehen nimmt der Erzähler die Sicht einer Figur ein, die nicht am Geschehen beteiligt ist, sondern es nur als unsichtbarer Beobachter begleitet. Er erfindet sich sozusagen eine unbeteiligte Figur. Da die Innenperspektive dieser Figur nichts zur Sache tut, bleibt nur die Außenperspektive, die dieser unsichtbare Beobachter auf das Geschehen und die daran beteiligten Figuren hat. Dabei bleibt er auf das reine Beobachten beschränkt, da er mit jeder Wertung des Geschehens seine Innenperspektive hervorkehren würde.

Was aber unabhängig von der Einordnung interessant ist: Wir haben jetzt einen zweiten Begriff, der eine relativ klar umrissene Erzählsituation etabliert.

Erzählsituationen benennen

Personales Erzählverhalten etabliert eine Erzählsituation, die in ihrer Gesamtheit so klar umrissen ist, dass wir etwas lax vom personalen Erzähler sprechen und damit nicht nur auf  sein Erzählverhalten referieren, sondern auch auf seinen Erzählstandort, seine Erzählperspektive, seine Erzählhaltung und seine Erzählsicht. Im Prinzip haben wir es also mit einer personalen Erzählsituation zu tun.

Ganz ähnlich verhält es sich nun mit dem neutralen Erzählverhalten. Auch dabei ist die Erzählsituation weitgehend klar definiert (Erzählstandort in der Regel nah bei den Figuren, Außenperspektive, neutrale Erzählhaltung, Sicht des unsichtbaren Beobachters), damit kann man auch von einer neutralen Erzählsituation sprechen (oder wieder etwas unwissenschaftlich von einem neutralen Erzähler).

Unbenannte Erzählsituationen

Nun wird vielleicht schon deutlich, worauf ich hinauswill. In den Beispielen 3 bis 5 werden drei unterschiedliche Erzählsituationen etabliert. Alle drei sind eindeutig von auktorialem Erzählverhalten geprägt, aber darüber hinaus unterscheiden sie sich deutlich.

Beispiel 3 ist ein wenig kurz für eine abschließende Beurteilung, aber es zeichnet sich schon ab, dass der Erzähler sich nur in Maßen auktorialer Mittel bedient. Sein Fokus scheint auf Thomas zu liegen. Mit der erlebten Rede (Gott sei Dank, der Ring war noch da.) erzählt er sogar einmal personal aus dessen Sicht. Das genervt verrät aber eindeutig, dass er jeder Zeit weiß, was in Andrea vorgeht. Thomas glaubte, sie habe Hunger ist zwar wieder Thomas’ Innenperspektive, aber aus der Sicht der Erzählers erzählt.

Beispiel 4 dagegen etabliert ein auktoriales Erzählverhalten eines allwissenden Erzählers, der mit den Innenperspektiven beider Figuren nicht geizt. Er verwendet sie praktisch gleichberechtigt.

In Beispiel 5 etabliert sich der Erzähler schließlich ganz klar als auf der Ebene des Erzählens personifizierte Erzählerfigur, die jederzeit selbst und höchstpersönlich auftreten kann.

Für all diese Erzählsituationen haben wir nur den Begriff auktorial, der sich ja streng genommen nur auf das Erzählverhalten bezieht. Ob das ein Versäumnis ist oder ob es einfach keine Notwendigkeit gibt, die einzelnen Erzählsituationen durch genauer definierte Begriffe voneinander zu trennen, mag jeder selbst beurteilen.

Der Autor muss nur wissen, die Anweisung an den Erzähler, sich auktorial zu verhalten, benötigt noch weitere Spezifizierung. Die Parameter, die personales und neutrales Erzählverhalten von sich aus mitbringen, müssen beim auktorialen Erzählverhalten erst noch gesetzt werden.

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Beruf Erzähler: Zurückhaltung

Wie schon im vorherigen Artikel gesagt, ist für den Erzähler, der vom Autor den Auftrag erhält, sich personal zu verhalten, seine Aufgabe ziemlich klar. Und die lautet im Wesentlichen: absolute Zurückhaltung mit allen Beschränkungen, die das mit sich bringt.

Hat der Autor eine Figur seiner Geschichte als Erzähler erwählt, darf diese, obwohl sie als Erzähler fungiert, nicht als Erzählerfigur in Erscheinung treten. Das Wissen, das sie dem Leser vermittelt, darf immer nur dem Wissensstand entsprechen, den die Figur zum entsprechenden Handlungszeitpunkt innerhalb der Erzählung innehatte.

personal:
Ich wusste nicht, ob ich mich richtig entschieden hatte.

auktorial:
Ich wusste nicht, dass ich mich richtig entschieden hatte.

Beauftragt der Autor einen Erzähler, der aus der Sicht einer Figur erzählen soll, muss dieser seinen Erlebenshorizont dem der Figur angleichen und damit für ebensolches Erleben beim Leser sorgen. Es gelten für ihn also dieselben Beschränkungen wie für die erzählende Figur.

personal:
Er konnte in Lisas Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen.

auktorial:
Er konnte in Lisas Gesicht nicht den leisesten Anflug ihrer Angst erkennen.*

*Die Aussage ist nur dann eindeutig auktorial, wenn der Perspektivträger nicht aus anderen Zusammenhängen heraus darauf schließen kann, dass Lisa tatsächlich ängstlich ist.

Obwohl die Beschränkungen für den Erzähler dieselben sind wie für die Figur, hat er es damit ungleich schwerer. Denn während es für die Figur ganz natürlich ist, nur aus ihrer Sicht zu erzählen, wirft das für den Erzähler einige Probleme auf, von denen die wichtigsten im Folgenden besprochen werden sollen.

Das Problem der Bezeichnung des Perspektivträgers

Wenn der Perspektivträger Tom heißt, sollte ihn der Erzähler dann nicht beim Namen nennen? Wenn er sich personal verhält, eigentlich nicht! Denn das entspricht nicht Toms Erlebenshorizont. Würde Tom seine Geschichte selbst erzählen, würde er sich selbst nur als ich benennen, keinesfalls als Tom. Niemand nennt sich selbst beim Namen, wenn er sich nicht gerade jemandem vorstellt. Die wenigen Ausnahmen gelten als sonderlich.

Die Sicht Toms, die der Erzähler einnehmen soll, erlaubt demnach den Namen Tom nicht. Der gehört allein in die Außenperspektive, schafft also Distanz. Statt des ich verwendet der Erzähler das Personalpronomen in der dritten Person er.

Es klingt sicher unlogisch, dass ausgerechnet das Pronomen in der dritten Person für die Sicht der Figur stehen soll, und wie das genau im Kopf des Lesers funktioniert, kann ich leider auch nicht beantworten. Aber zum einen ist es nun mal das genaue Pendant zum ich der Figur. Ein Text, der von der Figur selbst erzählt wird, der also das ich verwendet, lässt sich nahezu reibungslos in einen Text verwandeln, der das personale er verwendet, die Sicht der Figur bleibt erhalten. Zum anderen ist dieses er so in der Erzähltradition verwurzelt, dass es sich dem Leser im Rahmen seines Vertrags wahrscheinlich einfach schon weit genug angeschmiegt hat.

Das Personalpronomen in der dritten Person fungiert also letztlich einfach als Ersatz für das in der ersten. Während letzteres aber eindeutig ist, beanspruchen ersteres in der Regel noch weitere Figuren innerhalb der Geschichte für sich. Dann zwar in der Außenperspektive, dennoch mit der Gefahr von Zuordnungsproblemen. Aus diesem Grund wird es sich für den Erzähler nicht vermeiden lassen, den Perspektivträger ab und an beim Namen zu nennen:

Peter kam angerannt. Er setzte sich erst einmal.
Peter kam angerannt. Tom setzte sich erst einmal.

Das Problem endet aber nicht beim Namen. Toms Sicht lässt auch keine Alternativbezeichnungen zu: der Junge, der Schüler, der Fünfzehnjährige, der Schlaukopf, der Frechdachs … All das sind Bezeichnungen, die nur von einem Außenstehenden verwendet werden. Für den sich personal verhaltenden Erzähler sind sie tabu, um damit auf den Perspektivträger zu referieren.

Das Problem der Bezeichnung des Umfelds

So wie Tom auf sich selbst anders referiert als andere Figuren auf ihn, gilt das auch im umgekehrten Fall: Tom wird in der Regel Peter nicht als mein Freund bezeichnen, seine Mutter nicht als Frau Baumann. Auch benennt er sein Zuhause als sein Zuhause, geht nicht etwa in die Lindenstraße 17.

Diesem Prinzip muss auch der Erzähler folgen, wenn er sich personal verhalten soll. Ansonsten begeht er einen Perspektivbruch:

Er fragte den Sechzehnjährigen.
Er fragte Peter.

In diesem Moment wurde er sich bewusst, wie sehr er das hübsche Mädchen liebte.
In diesem Moment wurde er sich bewusst, wie sehr er Dana liebte.

Frau Baumann konnte echt nerven.
Mama konnte echt nerven.
(Seine Mutter konnte echt nerven.)

Er hatte heute keine Lust, ins Franz-Kafka-Gymnasium zu gehen.
Er hatte heute keine Lust, zur Schule zu gehen.

Das Problem mit dem Nichtwissen

Der Erzähler, der sich personal verhält, muss zu jedem Zeitpunkt der Erzählung überprüfen, was seine Figur zu eben diesem Zeitpunkt, an diesem Handlungsort und in dieser speziellen Situation wissen kann, was sie wie erlebt und empfindet.

Tom weiß nicht, was Peter denkt oder wie er etwas erlebt. Bekommt er darüber von Peter Informationen, weiß er nicht, ob sie der Wahrheit entsprechen. Er weiß nicht, was zu Hause vor sich geht, wenn er selbst in der Schule ist. Und er weiß nicht, ob er rot wird, wenn er nicht gerade vor einem Spiegel steht.

Das Problem mit dem Wissen

Wie im Beispiel weiter oben schon gezeigt, wird Tom seinen Freund Peter nicht als den Sechzehnjährigen bezeichnen. Nicht nur, weil das sehr distanziert ist, auch weil in der Bezeichnung eine Information enthalten ist, die sich Tom nicht mehr bewusst machen muss: Peters Alter. Für Tom ist das eine ebenso tote Information wie der Name seiner Schule.

Nun könnten beide Informationen für den Leser interessant sein, weil er sie bis dahin noch nicht kennt. Der Erzähler, der sich personal verhält, befindet sich also in einem Dilemma. Er ist im Namen der Figur mit einem Fundus an (oft biographischem) Wissen ausgestattet, das für die Figur selbst keine aktuelle Bedeutung mehr hat, das aber dennoch an den Leser zu bringen ist.

Wenn es aber keinen aktuellen Bezug gibt, wenn es also aus Sicht der Figur keinen Grund gibt,  eine Information zu aktualisieren, ist es dem Erzähler bei personalem Erzählverhalten nicht gestattet, sich darüber hinwegzusetzen:

Er traf Peter, der sechzehn Jahre alt war.

Aber:
Er gab sich geschlagen. Peter war immerhin schon sechzehn.
Was sollte er seiner Mutter zum Geburtstag schenken? Der Fünfzigste war schließlich etwas Besonderes.

Personales Erzählverhalten geht also mit einigen Beschränkungen einher, die den Erzähler (respektive den Autor) dazu zwingen, für manches Problem eine geschickte Lösung zu finden, die schon mal einen kleinen Umweg gehen kann (etwa wenn eine ganze Szene erdacht wird, um Peters Alter zu verraten).

Schlussendlich können diese Beschränkungen einer der Gründe sein, dem Erzähler die Anweisung zu geben, sich auktorial zu verhalten, sei es auch nur ganz wenig. Das wird dann nächste Woche das Thema sein.

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Beruf Erzähler: Wissensbeschränkung

Als guter Dienstleister wird der Erzähler sich beim Erzählen genau so verhalten, wie es der Auftrag des Autors vorsieht. Um die Geschichte überhaupt erzählen zu können, muss der Erzähler sie natürlich vom Autor erfahren. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob der Autor dem Erzähler alles verrät, was er über die Geschichte weiß, oder ob er dieses Wissen von vornherein  beschränkt. Viel wichtiger ist, dass der Erzähler genau instruiert wird, wie er sich mit seinem Wissen dem Leser gegenüber verhalten soll.

Die erste Entscheidung, die bezüglich des Erzählverhaltens zu treffen ist, lässt ganz genau zwei Alternativen zu: personal oder auktorial. Diese Entscheidung ist gleichzeitig eine Entscheidung über den Erzählstandort und die Erzählperspektive (was war das noch?).

Das Grundsätzliche

Sagt der Autor dem Erzähler, er soll personal erzählen, ist alles geklärt. Bestenfalls sind noch ein paar Kleinigkeiten abzusprechen. Doch der Auftrag ist weitgehend eindeutig:

  • Dein Erzählstandort ist ausschließlich beim jeweiligen Perspektivträger!
  • Du nimmst die Innenperspektive des Perspektivträgers ein!
  • Du trittst dabei nicht als Erzähler in Erscheinung und nimmst ausschließlich die Figurensicht des jeweiligen Perspektivträgers ein!
  • Damit ist das Wissen, das du dem Leser vermitteln darfst, auf das des jeweiligen Perspektivträgers beschränkt.

Erlaubt der Autor dem Erzähler auktoriale Freiheiten, ist damit zunächst nur festgelegt, dass die Regularien des personalen Erzählverhaltens nicht zwingend sind. Wie weit der Erzähler dabei gehen kann, wie er sich genau und im Einzelfall zu verhalten hat, wird nun noch zu besprechen sein. Das bedeutet auch, dass zu klären ist, wie sehr der Erzähler mit seinem auktorialen Wissen, also dem Wissen, das dem des Autors gleichkommt, beim Leser hausieren darf.

Das personale und das auktoriale Erzählverhalten wird in den nächsten beiden Artikeln noch genauer beleuchtet.

Hier will ich aber noch Folgendes klarstellen:

Die Unterscheidung personal – auktorial bedeutet eigentlich: „aus Sicht der Figur“ vs. „aus Sicht des Autors“. Der Erzähler mit auktorialem Erzählverhalten verhält sich also wie der Autor. Er hat dasselbe Wissen wie der Autor und tritt mit diesem Wissen in Erscheinung. Das bedeutet im Extremfall auch, dass er als Erzählerfigur auftritt und damit auf die Ebene des Erzählens Bezug nimmt (auf die Gegenwart des Erzählers, mehr dazu hier).

Zwischen den Extremen

Man könnte also auch eine Achse eröffnen, an deren einen Ende personales Erzählverhalten situiert ist, am anderen auktoriales. Der Erzähler könnte sich überall zwischen diesen Extremen positionieren, wobei er tendentiell eher personal oder eher auktorial erzählen würde. Befände er sich genau auf einem der Endpunkte, würde er rein personal beziehungsweise rein auktorial erzählen.

Während aber – wie oben angeführt – rein personales Erzählverhalten ganz klar und eindeutig charakterisiert ist, gibt es solche Regeln für rein auktoriales Erzählen nicht. Es bedeutet einfach eine Erzählsituation, in der alle erzählerischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden können. Da sich schlecht ein Grad der optimalen Ausschöpfung festlegen lässt, ist es relativ sinnlos von einem reinen auktorialen Erzählverhalten zu sprechen. Der eine Erzähler verhält sich auktorialer als der andere, aber beide schöpfen aus den Möglichkeiten auktorialen Erzählens.

Daher bevorzuge ich ein Modell, das den einen Punkt personalen Erzählverhaltens festlegt. Sobald man sich auch nur ein Stück von diesem Punkt wegbewegt, betritt man das Terrain auktorialen Erzählens.

Bleibt noch zu sagen, dass der Auftrag des Autors natürlich auch für unterschiedliche Abschnitte oder Erzählstränge unterschiedlich ausfallen kann. Anders gesagt: Der Autor kann den Erzähler beauftragen, seine auktorialen Möglichkeiten innerhalb einer Geschichte unterschiedlich auszureizen, möglicherweise stellenweise ganz auf sie zu verzichten.

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Beruf Erzähler: Die Verträge

Wie jeder Berufstätige geht auch der Erzähler Verträge ein. Und zwar für jeden Job gleich mehrere. Drei, um genau zu sein.

Zunächst natürlich den mit seinem Arbeitgeber, dem Autor. Ein zugegebenermaßen etwas ungewöhnlicher Vertrag, denn es gibt naturgemäß nur einen, der auf die Einhaltung dieses Vertrages achten kann und muss. Diese Verantwortung lässt sich dem Erzähler leider nicht aufbürden.

Der Inhalt des Vertrages ist wenig kompliziert: Der Autor erteilt dem Erzähler den Auftrag, wie dieser die Geschichte zu erzählen hat, wobei vor allem auf die Einhaltung der Rahmenbedingungen der ebenfalls vom Autor vorgegebenen Erzählsituation zu achten ist. Die Führungsverantwortung liegt beim Autor, er ist es, der für Fehler des Erzählers zur Rechenschaft gezogen wird.

Damit berühren wir bereits den zweiten Vertrag, in dem der Erzähler lediglich das Bindeglied zwischen den Vertragspartnern Autor und Leser ist. Der Inhalt entspricht weitgehend dem ersten Vertrag: Auch hier steht der Erzähler in der Pflicht, die Rahmenbedingungen der Erzählsituation einzuhalten, sodass der Leser sich auf diese verlassen kann. Obendrein obliegt ihm die Verpflichtung, dem Leser von Beginn an Klarheit über diese Bedingungen zu verschaffen. Haften muss auch hier wieder der Autor.

Der Vertrag mit dem Leser

Im dritten Vertrag allerdings spielt der Autor kaum eine Rolle. Der wird zwischen Erzähler und Leser geschlossen. Voraussetzung ist, dass Ersterer die anderen Verträge einhält. Das Interessante: Unter dieser Voraussetzung ist entsprechend der literarischen Konventionen der Leser der Einzige, der diesen Vertrag brechen kann. Und er wird dafür mit ausbleibendem Lesegenuss bestraft!

Der Leser schließt diesen Vertrag in der Regel vollkommen unbewusst. Er erkennt darin an, dass der Erzähler in den Grenzen seiner jeweiligen Erzählsituation übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Etwa die, das Innenleben einer Figur zu kennen, als sei es sein eigenes. Oder gar sich derart in diese Figur zu versenken, dass er die Welt mit deren Sinnen wahrnimmt. Er akzeptiert, dass mancher Erzähler ein Gedächtnis besitzt, das dasjenige eines Elefanten lächerlich erscheinen lässt, während ein anderer gar von sich behauptet, gottgleiches Wissen über alles, was in der Welt vor sich geht, zu besitzen. Und er wundert sich nicht darüber, wenn ein Erzähler, der seine eigene Geschichte erzählt (oder so tut, als würde er das tun), dies offenbar im gleichen Atemzug tut, in dem die Ereignisse stattfinden.

Ja, es ist verrückt! All diese Dinge blendet der vertragskonforme Leser aus, damit er auf dieser Basis von einem glaubwürdigen Erzähler und seiner ebenso glaubwürdigen Erzählung ausgehen kann.

Diese drei Verträge bilden eine Art Kreis. Sie bedingen sich gegenseitig. Der eine braucht den anderen als Grundlage, während er gleichermaßen seine Voraussetzung darstellt. Wird einer der drei gebrochen, funktionieren auch die anderen nicht mehr.

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Beruf: Erzähler

Ähnlich wie bei PB-Plotten will ich mich in nächster Zeit in einzelnen Artikeln mit den Erzählertypen beschäftigen, die Autoren so verwenden können.

Dass es davon mehrere gibt, dürfte keine große Neuigkeit sein. Vom Ich-Erzähler und dem Er-Erzähler hat wohl jeder schon gehört oder gelesen. Denjenigen, die sich schon ein bisschen damit beschäftigt haben, dürften außerdem Begriffe wie personaler, auktorialer, allwissender, unsichtbarer oder unzuverlässiger Erzähler bekannt sein. Was sich hinter solchen Begriffen verbirgt, soll diese Artikelserie klären.

Dabei liegt der Fokus darauf, euch den Erzähler als Figur bewusst zu machen. Als Dienstleister, der vom Autor den Auftrag empfängt, eine bestimmte Geschichte in der gewünschten Art und Weise zu erzählen.

Die einzelnen Artikel werden zukünftig in diesem Beitrag verlinkt.

Die einzelnen Beiträge:

  1. Ich, ich, ich! (Der Erzähler als Figur)
  2. Ätsch, unsichtbar
  3. Mit Haltung und Perspektive
  4. Die Verträge
  5. Das bin ich
  6. Ich nenn mich nicht!
  7. Wissensbeschränkung
  8. Zurückhaltung
  9. Sich etablieren
  10. Die Qual der Wahl

Lichtblicke im Umzugschaos

Eigentlich ist das Umzugschaos schon vorbei. Bleiben nur die üblichen Nachwehen. Noch längst ist nicht alles ausgepackt, manches muss man erst wiederfinden, anderes erst einmal vorrübergehend verstauen.

Besonders schmerzlich aber das Warten auf den Telefonanschluss, der sich natürlich Zeit lässt, inklusive DSL. Jetzt (seit eben) aber ist er endlich da und das entspannt doch ganz großartig. Zwar hatte ich die Zeit mit Handy und Internetstick halbwegs überbrücken können, aber das bringt oft mehr Ärger als gar keine Verbindung.

Trotzdem durfte ich mich schon gestern Abend über die Anfrage für eine Kurzgeschichtenanthologie freuen, die mir sehr zusagt. Allzu viel verraten will ich noch nicht, aber es wird ein Krimi bei einem tollen Verlag. Und der Auftrag bietet einen ausgiebigen Zeitrahmen, sodass ich ihn gut eintakten kann.

Jetzt aber ruft mich erst mal meine Nebenbeschäftigung hinters DJ-Pult des Studentenkellers. Immer eine schöne Abwechslung und zur Trashnight auch eine ziemlich lustige Angelegenheit.

Auf geht’s!

Diese Woche beginne ich also mit meinem Überraschungsprojekt, einem Ratgeber rund um das Thema Plotten für den Sieben Verlag.

Ich habe mir vorgenommen auf diesem Blog regelmäßig von meinen Fortschritten zu berichten. Da ich natürlich dennoch weiter lektorieren muss und noch an meinem Ben-Philipp-Auftragsroman schreibe, bin ich gespannt, wie schnell ich vorwärts komme.

Frage nicht den Lektor

Mir fallen auf Anhieb nur drei Gründe ein, warum ein Autor einen freien Lektor für das Lektorat eines Romans beauftragen und bezahlen sollte:

1. Er will nicht oder glaubt nicht, dass sein Roman eines Tages in einem Publikumsverlag erscheint (der ja dann für das Lektorat verantwortlich wäre), will ihn aber im Eigenverlag oder über einen Dienstleister publizieren, wobei er sich wünscht, dass das Manuskript im Wesentlichen so bleibt, wie es ist, aber in diesem Rahmen so gut als möglich verbessert wird.

2. Er hofft, mithilfe des freien Lektors sein Manuskript derart aufzubessern, dass die Chancen, einen Agentur- oder Verlagsvertrag zu ergattern, steigen.

3. Sein Fokus liegt nicht so sehr auf dem aktuellen Text, sondern er sieht es eher als eine langfristige Investition, eine Art Schreibkurs am eigenen Text, wobei hier möglicherweise von vorneherein die Manuskriptbetreung durch den Lektor die bessere Wahl wäre.

In allen drei Fällen wird es noch immer sehr abweichende Auffassungen geben, ob das Lektorat hier eine sinnvolle Investition im Vergleich zu den Alternativen darstellt. Und in allen drei Fällen sollte sich der Autor klarmachen, dass der finanzielle Aufwand vergleichsweise hoch ist.

Und vor allem der erste Fall ist es, um den es mir hier geht. Selbst wenn ich nicht auch als freier Lektor arbeiten würde, der schließlich damit Geld verdienen kann, würde ich es zunächst einmal begrüßen, wenn jemand auch für die Alternative zum Publikumsverlag zu der Erkenntnis kommt, dass er dem potentiellen Leser nicht seine Rohfassung um die Ohren hauen will. Allerdings sehe ich es auch als meine ethische Pflicht dem potentiellen Kunden gegenüber an, ihm vor der Auftragsannahme eine ehrliche Einschätzung seines Werkes und dessen Möglichkeiten zu geben.

Und die kann im Grunde genommen wieder nur auf drei Arten ausfallen:

1. Ich schätze das Werk für so gut ein, dass der Kunde noch einmal darüber nachdenken sollte, ob er es nicht doch bei einer Agentur oder einem Pubklikumsverlag versucht. Kurz gesagt, ich mache ihm klar, dass er mich eigentlich nicht braucht.

2. Ich schätze den Roman so ein, dass es einiger Überarbeitung bedarf, um ein überzeugendes Ergebnis zu liefern, mit dem der Kunde dann entweder einen guten Roman im Eigenverlag oder beim Dienstleister veröffentlicht (ich weise immer auf die Nachteile eines solchen Vorgehens hin) oder es aber doch auf dem klassischen Verlagsweg versucht.

3. Meiner Einschätzung nach bedürfte es weit mehr als eines Lektorats, um aus dem vorliegenden Manuskript ein veröffentlichungsreifes zu machen.

Der Titel des Artikels bezieht sich auf Kunden, denen ich im Vorhinein diese dritte Einschätzung gebe, wobei ich, sofern ich es für eingermaßen aussichtsreich halte, auf die Möglichkeit einer Manuskriptbetreuung hinweise.

Es ist nun einmal so: Mit einem normalen Lektorat (keine Manuskriptbetreuung, kein Ghostwriting) lässt sich aus einem solchen Manuskript im besten Fall ein etwas besserer Roman, aber kein Wunderwerk zaubern. Ein guter Lektor mag einen großen Anteil an der Qualität des Endprodukts haben, aber viel entscheidender ist die Qualität des Ausgangsprodukts. Ist der Wurm im Holz, reicht eine Politur nicht aus.

Wenn sich nun ein Autor trotz einer solchen Vorabeinschätzung dennoch für ein Lektorat entscheidet (und ich rate eher ab), tut er gut daran, sich nach dem Lektorat nicht neuerlich nach der Einschätzung des Lektors zu erkundigen, denn die wird sich nicht wesentlich geändert haben.

Ihm bleibt jedoch als Trost, dass auch ein Lektor nicht frei von Subjektivität und damit fehlbar ist.

Feilen und lektorieren

Die Weihnachtstage rücken näher und ich versuche noch schnell vor der so besinnlichen Zeit, das Wichtigste abzuarbeiten.

Beim Krimi bedeutet das vor allem am Exposee feilen, fürs Lektorat  noch einen weiteren Auftrag abzuschließen, nachdem mir das bereits gestern mit einem gelungen ist.

Selbst wenn man den Feiertagen wenig Bedeutung zumisst, heißt das nämlich leider nicht, dass man an ihnen unbeirrt und ganz normal arbeiten kann.