Verrückte Sätze: Der Antrag

Der Antrag
Der Antrag
© Olga Vladimirova

In der Kategorie „Verrückte Sätze“ geht es um Sätze, die aus einem Zusammenhang herausgerückt wurden, den ihr erst herstellen sollt. Schreibt eine kurze Szene, in der die Sätze vorkommen. Sie müssen nicht von zentraler Bedeutung für die Szene sein, dürfen einem Leser aber auch nicht fehl am Platz vorkommen. Versucht die Szene möglichst kurz zu gestalten, sagen wir etwa zehn Sätze.

Die heutige Szene dürft ihr so frei gestalten, wie ihr möchtet. Voraussetzung ist allerdings, dass die Szene mit Satz 1 beginnt und mit Satz 2 endet. Je näher ihr die beiden Sätze zusammenbringt, je kürzer also die Szene wird, ohne dass sie unlogisch oder gar unverständlich erscheint, desto besser.

1. Sein überraschender Heiratsantrag trieb mir die Freudentränen in die Augen.

2. Zufrieden wischte ich sein Blut von dem Messer, mit dem ich seinem Leben ein Ende gesetzt hatte.

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Verrückte Sätze: Überfall

Überfall
Überfall
© yogo

Hiermit beginne ich im Rahmen der Schreibübungen eine neue Kategorie, die einfach ein bisschen eure Kreativität herausfordern und dabei Spaß machen soll.

Es geht um verrückte Sätze, Sätze also, die aus einem Zusammenhang herausgerückt wurden, den ihr erst herstellen sollt. Schreibt eine kurze Szene, in der die Sätze vorkommen. Sie müssen nicht von zentraler Bedeutung für die Szene sein, dürfen einem Leser aber auch nicht fehl am Platz vorkommen. Versucht die Szene möglichst kurz zu gestalten, sagen wir etwa zehn Sätze.

Die heutige Szene soll sich um einen Raubüberfall gleich welcher Art drehen. Vorkommen müssen die folgenden Sätze:

Ich liebe dich.

Lass uns einkaufen gehen.

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Gnadenlos kurz

Gnadenlos kurz
© Elisanth

Wollte man den Unterschied zwischen einem Roman und einer Kurzgeschichte (im engeren Sinne) auf den Punkt bringen, könnte man Folgendes sagen:

Der Roman erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Figuren und ihres Konflikts/ihrer Konflikte.

Die Kurzgeschichte erzählt einen Konflikt unter Beteiligung der dazu notwendigen Figuren.

Das Entscheidende dabei ist, dass (in der Regel) eben nicht die Entwicklung (Entstehung, Verzögerung, Steigerung, Zuspitzung, …), also die Geschichte des Konflikts erzählt wird, sondern der Konflikt auf seinem Höhepunkt bzw. einer, der sich unmittelbar vor diesem befindet.

Der Konflikt steht im Vordergrund, die Figuren dienen nur dazu, ihn auszutragen! Schon allein deshalb, weil für die Geschichte dieser Figuren kein Platz ist.

Verinnerlicht man das, kann man einen Konflikt sowohl auf die eine als auch auf die andere Art erzählen, als Roman oder als Kurzgeschichte.

Versuch es doch einmal. Nimm dir einen Roman (oder einen Film), den du gut kennst, und vergegenwärtige dir den zentralen Konflikt. Konzentriere dich dann darauf, wie dieser Konflikt gelöst wird, nimm dir die Figuren des Romans (oder Films), die du unbedingt brauchst, und schreibe mit ihnen eine Kurzgeschichte in ein oder zwei Szenen, die sich um den gleichen Konflikt dreht. Und obwohl du streng darauf achtest, handlungsorientiert zu schreiben und dich nicht in Erklärungen und Rückblenden zu verlieren, soll der Text für sich allein und ohne die Kenntnis der Vorlage verständlich sein.

In meinem Artikel zur Kurzgeschichte findest du neben weiteren Informationen unter anderem ein Beispiel zu „Der Herr der Ringe“.

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Einen Hammer säen

Hammer
© OLJ Studio

Noch einmal schaute Claudia sich um. Nichts! Ben hatte wirklich peinlich genau darauf geachtet, alles zu entfernen, was ihr auch nur die geringste Aussicht darauf gab, sich aus ihrem eigenen Gartenhäuschen zu befreien. Wie lange sollte sie hier schmoren? Wollte er sie möglicherweise hier verhungern lassen? Sie traute es ihm zu. Vor allem aber würde sie nun Lev nicht vor dem sicheren Tod retten können. Sie musste hier raus! Aber …

Sie lächelte. Ben hatte ihre Handtasche nicht kontrolliert. Warum auch? Sie selbst hätte beinahe nicht mehr daran gedacht. Und welche Frau trug schon einen Hammer mit sich herum?

Na, das ist ja noch einmal gut gegangen! Auch der Leser darf aufatmen, denn die Szene, deren Ende wir hier lesen konnten, war für ihn ganz schön spannend. Natürlich nur, weil er nicht daran gedacht hat, dass Claudia einen Hammer in der Handtasche hatte. Gelesen hatte er allerdings schon davon, denn sonst müsste er jetzt dem Autor einen Vogel zeigen: „Ein Hammer! In der Handtasche! Na, so ein Zufall!“

Es muss also schon viel früher eine Szene gegeben haben, in der der Hammer in die Handtasche gekommen ist. Mit einer Begründung, die für den Leser nachvollziehbar war, und auf eine Weise, die weder so aufdringlich war, dass der Leser fortan dauernd an diesen Hammer gedacht hat, noch so nebensächlich, dass der Leser sich jetzt, wo das Werkzeug wieder zum Vorschein kommt, nicht mehr daran erinnern könnte.

Man spricht vom Säen und Ernten, wenn der Autor unauffällig auffällig Hinweise versteckt, die später noch Bedeutung erlangen. Wenn du Lust hast, versuche dich doch einmal an einer Szene, in der der Hammer in die Handtasche gelangt.

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Kein Gequatsche

Kein Gequatsche
© Blaj Gabriel

„Schmeckts?“
„Was?“
„Der Kaffee.“
„Der Kaffee?“
„Ja, der Kaffee.“
„Na ja …“
„Sag schon, schmeckt der Kaffee?“
„Nein, er schmeckt nicht.“

Lust, diesen Dialog noch einmal zu lesen? Oder ihn gar fortzuführen? Nein? Wie wäre es mit diesem:

„Schmeckts?“
„Blöde Frage.“
„Selbst schuld!“
„Scheiß Kaffeemaschine.“
„Du tust ja nie, worum ich dich bitte.“

Schon besser? Dann schreib diesen Dialog weiter! Achte auf den Konflikt und strebe danach, jede Antwort so indirekt und originell wie möglich zu gestalten! Mehr dazu findest du im Artikel „Redselig – Figuren im Gespräch“ .

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Helden-Haft

Helden-Haft
© Zoom Team

Romanfiguren sind uns Realo-Normalos in allem mindestens einen Schritt voraus. Sie sind konsequenter und kompromissloser, denken schneller, handeln zielstrebiger und ihre Charaktereigenschaften sind stärker ausgeprägt. Sie sind mutiger, schlagfertiger, trauriger, sportlicher, tollpatschiger, intelligenter, dümmer, liebenswerter, nerviger, verliebter, kämpferischer, liebevoller, hassender … Was auch immer sie beginnen, sie tun es bis zum bitteren (Happy) Ende.

Für diese Übung aber nehmen wir diese Helden in Haft. Jetzt darfst/musst du selber ran! So, wie du dich kennst (nicht so, wie du dich gern sehen würdest).

Schreib dich also in eine Szene, in der du in einen Banküberfall mit Geiselnahme gerätst. Gerade noch nichts Böses gedacht und plötzlich mittendrin statt nur dabei.

Gepflegte Langeweile

Sei ganz ehrlich! Lass dich als Figur nur so handeln, wie du glaubst, dass du dich in so einer Situation wirklich verhalten würdest. Wenn die Szene dadurch stinklangweilig wird, weil du dich die ganze Zeit so unauffällig wie möglich verhältst, dann ist das eben so (und das ist nun wirklich nicht unwahrscheinlich). Tatsächlich wirst du für die Szene Spannung und Action wahrscheinlich nicht gerade als oberstes Ziel ausschreiben können.

Andererseits sollst du dich auch nicht schonen. Wenn die Geiselnehmer jemandem die Waffe direkt an die Schläfe halten, warum dann nicht dir? Und wenn sie nicht gerade dich auswählen, um mit einem ersten Todesopfer ihre Forderungen zu unterstreichen, dann nur deshalb, weil sie sich deinen besten Freund, deine beste Freundin, deine(n) Lebenspartner(in) oder deine Mutter gegriffen haben.

Wenn du bei dieser Aufgabe wirklich ehrlich deine Möglichkeiten und die Wahrscheinlichkeiten deines Handelns einschätzt, wirst du am Ende deutlicher als je zuvor wissen, was eine Romanfigur zu einer guten, zu einem Helden macht.

Und wenn du die Nase von dir als Protagonisten noch nicht gestrichen voll hast, kannst du dich ja gern noch in die eine oder andere deiner Lieblingsszenen schreiben. Vielleicht stehst du plötzlich einer Horde Orks gegenüber, musst vor einem Militärgericht einem eitlen Colonel den Code Red aus der Nase ziehen oder „einfach“ deinem Traummann/deiner Traumfrau deine Liebe gestehen.

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Guten Morgen

Guten Morgen
© Doreen Salcher

Lisa erwachte von leiser Musik. War das „Feel“ von Robbie? Ihr Lieblingssong. Sie öffnete schlaftrunken die Augen. Vor dem Bett stand Jonas. Demzufolge lag er wohl nicht mehr neben ihr. Und er lächelte, das erkannte sie jetzt. Er trug ein Tablett in der Hand. Kaffeeduft stieg ihr in die Nase.
„Guten Morgen, du Schlafmütze.“
„Bringst du mir Frühstück ans Bett?“
Er nickte und baute das Tablett mit den vier Füßen so vor ihr auf, dass sie sich nur noch bedienen musste. Sie richtete sich auf, soweit das jetzt noch möglich war. „Wieso?“
„Weil du heute so einen schweren Tag vor dir hast.“
Sie schwieg, ließ ihren Zeigefinger sprechen: „Komm her!“
Als Jonas sich zu ihr herunterbeugte, umarmte und küsste sie ihn so heftig, dass das Tablett Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten.

Ist das nicht traumhaft? Dann genieße es noch einen Moment. Denn deine Aufgabe soll es sein, diese Idylle zu zerstören. Baue einen Konflikt in die Szene ein. Wo, das ist ganz dir überlassen. Du kannst also so viele Sätze der Vorgabe nutzen, wie du möchtest, mindestens aber den ersten.

Ich versichere dir, es gibt zahlreiche Möglichkeiten, hier einen Konflikt auszulösen. Vielleicht ist es in Lisas Charakter begründet. Oder Jonas begeht einen schwerwiegenden Fehler. Möglicherweise liegt es an der Musik oder es ist erst der Kuss, der die Bombe platzen lässt. Schluss mit der Harmonie! Mach es spannend!

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Stumme Helden

Stumme Helden
© jayfish

Das wird eine schwere Übung, das sei gleich vorausgeschickt. Aber vielleicht hast du trotzdem Lust, dich an ihr zu versuchen.

Stell dir ein Ehepaar vor, das schon lange Probleme hat. Einer der Partner verzweifelt am Verhalten des anderen.

Schreibe die Szene, in der das Fass überläuft. Der verzweifelte Partner soll am Ende der Szene den anderen verlassen.

Der Haken: Keine Dialoge! Die beiden Figuren sprechen in der ganzen Szene nicht miteinander. Sie agieren nur (oder eben nicht). Ihr Handeln, ihre Gestik und Mimik, mehr steht dir nicht zur Verfügung, um diese stumme Auseinandersetzung zu inszenieren.

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Sprichwortgeschichten

Ob du nur mal eben ein bisschen Abwechslung brauchst oder tatsächlich auf der Suche nach der Idee für deine nächsten Geschichte bist, Sprichwörter können helfen. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Daraus kann eine Szene, eine Kurzgeschichte oder ein ganzer Roman entstehen. Und zwar in jedem Genre.

Und natürlich könnte man genauso gut erzählen, wie der Grubengräber sich ins absolute Glück schaufelt. Oder wie wäre es mit den folgenden Sprichwörtern?

  • Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
  • Aus Schaden wird man klug.
  • Blinder Eifer schadet nur.
  • Das Gerücht ist immer größer als die Wahrheit.
  • Der dümmste Bauer erntet die dicksten Kartoffeln.
  • Ehrlich währt am längsten.
  • Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Natürlich gibt es weit mehr passende Sprichwörter, die dem Suchenden mit netten Ideen auf die Sprünge helfen können. Einige liefern beispielsweise Ideen für ein Thema, eine Grundstimmung, einen Nebenkonflikt oder eine Figur (alte Liebe rostet nicht, Alter schützt vor Torheit nicht), andere, wie die in den Beispielen oben, versorgen uns mit einer kompletten Geschichte.

Konflikt und Lösung

Letztere  beschreiben meist schon einen Konflikt und das Endergebnis desselben. Jemand gräbt einem anderen eine Grube, und fällt am Ende selbst hinein.  Jemand ist ein blindes Huhn, findet am Ende aber trotzdem (oder noch besser: gerade deshalb) auch mal ein Korn. Jemand hat einen Schaden (im Sinne von „ihm wird geschadet, ihm geschieht etwas Schlechtes“ – obwohl …), wird am Ende der Geschichte aber eben deshalb zu einem klügeren Menschen.

In manchen Sprichwörtern treten Konflikt und Lösung nicht so deutlich hervor. So könnte in „das Gerücht ist immer größer als die Wahrheit“ die tragische Geschichte eines Protagonisten stecken, der verzweifelt gegen eine Intrige ankämpft, um am Ende den böswillig gestreuten Gerüchten doch zu unterliegen.*

Zur sprichwörtlichen Geschichte

Sprichwörter, die Konflikt und Lösung enthalten, entsprechen im Grunde der Prämisse (im schreiberischen Sinn). Sie beschreiben die wesentlichsten Punkte, die man für den Plot einer Geschichte braucht. Nun musst du „nur“ noch den Jemand besetzen und ihn vom Ausgangspunkt des Konfliktes bis zur Lösung führen.

Damit sind wir schon bei unserer Übung: Nimm dir ein Sprichwort deiner Wahl, das Konflikt und Lösung enthält, und denke dir dazu die Handlung einer Szene, Kurzgeschichte und/oder eines Romans aus. Anschließend kannst du die Lösung umkehren oder anders variieren (aus Schaden wird man bekloppt, aus Schaden wird man reich) und dir entsprechend eine neue Handlung erdenken. Vielleicht willst du die Szene, Kurzgeschichte und/oder den Roman sogar schreiben. Wird bestimmt ein Hit!

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*Das Sprichwort ist ein gutes Beispiel dafür, dass man manchmal auch anderes als Konflikt oder Lösung aus dem Sprichwort extrahieren kann. So könnte man auch die humorvolle Geschichte eines Protas erzählen, der seinen Gegner mithilfe eines Gerüchts zu Fall bringt. Dann steckt in dem Sprichwort eben nicht der Konflikt, sondern die Strategie des Protas.

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Ein Date für deine(n) Prota?

© auremar
© auremar

Du brauchst mal ein bisschen Abwechslung von dem Manuskript, an dem du gerade arbeitest? Du willst gegen eine Schreibblockade ankämpfen? Du kennst deinen Protagonisten/deine Protagonistin noch nicht gut genug?

Da kann ich doch nichts dafür! Ich will dir lediglich ein bisschen Spaß verschaffen.

Also nimm den Protagonisten/die Protagonistin aus deinem aktuellen (oder dem nächsten) Projekt, setze ihn/sie in die folgende Szene und beobachte genau, wie er/sie sich verhält. Sollte er/sie das nicht wissen, wirst du dir allerdings selbst den Kopf zerbrechen müssen.

Und keine Sorge, auch Könige, Piraten, Waldläufer, Zwerge und gestiefelte Kater dürfen gern einmal aus ihrer Welt heraustreten, um sich in einer solchen Szenerie wiederzufinden, vorausgesetzt sie vergessen dabei ihre Charaktereigenschaften nicht. Dann kann man mit ihnen wahrscheinlich sogar besonders viel Spaß haben.

Flirt in der Bahn

Schreibe deine(n) Prota also in eine Straßenbahn oder einen Zug. Wenn Prota bereits in einer Beziehung lebt und nicht der Typ für ein Abenteuer dieser Art ist (bist du dir da auch ganz sicher?), versetzte die Szene in eine Vergangenheit, in der Prota noch solo war. Vielleicht trifft er/sie ja in dieser Szene zum ersten Mal sene(n) Gegenwärtige(n). Muss aber nicht sein.

Prota sieht in der Bahn jemanden (zusteigen), der/die ihm/ihr den Atem raubt. Prota ist hin und weg! Sein/ihr Herz tanzt Samba mit den Schmetterlingen im Bauch. Doch er hat nur diese eine Chance! Vielleicht gehört es ja zu Protas leichtesten Übungen, Fremde kennenzulernen. Aber bleibt das so, wenn Prota überzeugt ist, gerade den/die zukünftige(n) Herrn/Frau Prota ins Auge gefasst zu haben? Reicht dieses Gefühl, mögliche Hemmungen zu überwinden? Was unternimmt Prota konkret? Wie versucht er/sie zu punkten? Wie stehen Protas Chancen? Wie wird es ausgehen? Und was geht danach in Prota vor?

Anschließend hat Prota erst einmal Ruhe, es sei denn, dir fallen noch weitere Szenen für ihn ein. Nächste Woche geht es hier mit einer anderen Übung weiter. Falls dir die Zeit bis dahin zu lang werden sollte, steht es dir frei, weitere deiner Figuren  ins Flirtabenteuer in der Straßenbahn zu schicken.

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Weitere Prüfungen für deine(n) Prota

Prügel für deine(n) Prota?

© Franz Pfluegl
© Franz Pfluegl

Du brauchst mal ein bisschen Abwechslung von dem Manuskript, an dem du gerade arbeitest? Du willst gegen eine Schreibblockade ankämpfen? Du kennst deinen Protagonisten/deine Protagonistin noch nicht gut genug?

Da kann ich doch nichts dafür! Ich will dir lediglich ein bisschen Spaß verschaffen.

Also nimm den Protagonisten/die Protagonistin aus deinem aktuellen (oder dem nächsten) Projekt, setze ihn/sie in die folgende Szene und beobachte genau, wie er/sie sich verhält. Sollte er/sie das nicht wissen, wirst du dir allerdings selbst den Kopf zerbrechen müssen.

Und keine Sorge, auch Könige, Piraten, Waldläufer, Zwerge und gestiefelte Kater dürfen gern einmal aus ihrer Welt heraustreten, um sich in einer solchen Szenerie wiederzufinden, vorausgesetzt sie vergessen dabei ihre Charaktereigenschaften nicht. Dann kann man mit ihnen wahrscheinlich sogar besonders viel Spaß haben.

Abenteuer in der Straßenbahn

Schreibe deine(n) Prota also in eine Straßenbahn. Es ist schon spät am Abend und die Bahn fast leer. Außer Prota sitzt nur eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher im hinteren Teil des Wagens. Dann steigt noch ein junger Mann von etwa sechzehn Jahren zu.

Prota beobachtet, wie die Jugendlichen den Zugestiegenen anpöbeln und ihn schließlich bedrängen. Die Situation eskaliert, die Angetrunkenen beginnen ihr Opfer körperlich zu drangsalieren. Wird Prota eingreifen? Direkt oder wendet er/sie sich an den Straßenbahnfahrer? Vielleicht ruft Prota mit dem Handy den Notruf. Oder steigt er/sie einfach an der nächsten Haltestelle aus? Wie fühlt Prota sich dabei?

Anschließend darf sich dein(e) Prota von dieser Tortur gern ein bisschen erholen und sei es in dem ihm/ihr von dir zugedachten Abenteuer. Nächste Woche kannst du ihn/sie dann hier in eine neue Prüfung schicken. Falls dir die Zeit bis dahin zu lang werden sollte, steht es dir frei, weitere deiner Figuren  ins Abenteuer in der Straßenbahn zu schicken.

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Weitere Prüfungen für deine(n) Prota

Beruf Erzähler: Sich etablieren

Bekommt der Erzähler vom Autor den Auftrag, sich nicht rein personal zu verhalten, steht er gleich zu Beginn seines Jobs vor einem Problem: Er muss sich als der, den er darstellen soll, etablieren. Das heißt, er muss dem Leser von Beginn an klar machen, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten ihm der Autor zugestanden hat. Verpasst er den rechten Zeitpunkt, hat er diese Freiheiten schon wieder verspielt. Nutzt er sie dennoch, wird das in der Regel seinem Auftraggeber als fehlende Beherrschung des Handwerks angelastet.

Ein Erzähler, der sich hundert Seiten lang personal verhalten hat, wird schief angeguckt, wenn er sein Verhalten plötzlich ändert. Einer, der bisher nicht persönlich als Erzählerfigur aufgetreten ist, wird auf den Widerstand des Lesers stoßen, wenn er sich auf Seite 395 erstmals als Ich zu etablieren sucht. Auf der anderen Seite kann ein Erzähler der sich zu Beginn seiner Erzählung mit auktorialem Verhalten etabliert hat, der möglicherweise sogar als erzählendes Ich in Erscheinung getreten ist, anschließend über weite Strecken der Erzählung personal erzählen und sich jederzeit wieder in der Vordergrund drängen, sofern er sich nicht allzu ungeschickt anstellt.

Zugegebenermaßen werden vielen Lesern kleinere auktoriale Entgleisungen eines sich ansonsten personal verhaltenden Erzählers gar nicht auffallen. Denn natürlich bringen auch Leser unterschiedliche Vorlieben und Erfahrungswerte mit. Manches, was ein erfahrener Autotester am Fahrverhalten eines PKWs auszusetzen hätte, würde mir gar nicht auffallen. Manches, was den Tester massiv stören würde, könnte ich problemlos tolerieren. Wer gute Autos bauen will, wird sich dennoch an dem Tester und nicht an mir orientieren. Ist der Tester zufrieden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich etwas zu meckern finde, noch einmal um ein Vielfaches minimiert.

Für den Autor, der sich hier und da auktoriale Einschübe wünscht, heißt das also, den Erzähler zu animieren, solche Einschübe von Beginn an zu etablieren.

Auktorial: alles und nichts

Schauen wir uns einmal fünf Erzähler an, die sich unterschiedlich etablieren:

1.

Er suchte in der Innentasche. Gott sei Dank, der Ring war noch da. Andrea sah sich nach dem Kellner um. Wahrscheinlich hatte sie Hunger. Wie sie wohl auf seinen Antrag reagieren würde?

2.

Thomas und Andrea saßen sich im Restaurant an einem Tisch für zwei gegenüber. Thomas suchte angestrengt nach irgendetwas in der Innentasche seiner Jacke. Dann blickte er auf. Er wirkte erleichtert. Andrea schien das nicht zu bemerken. Sie schaute dem Kellner hinterher, der gerade auf dem Weg in die Küche war.
„Hast du Hunger?“, fragte Thomas.

3.

Thomas suchte in der Innentasche. Gott sei Dank, der Ring war noch da. Andrea sah sich genervt nach dem Kellner um. Thomas glaubte, sie habe Hunger und fragte sich, wie sie wohl auf seinen Antrag reagieren würde.

4.

Sie saßen sich gegenüber. Andrea hatte bereits eine böse Vorahnung. Sie deutete seinen hastigen Griff in die Innentasche seiner Jacke ganz richtig. Thomas suchte wirklich nach dem Ring. Dem einen Ring, der, wie er hoffte, sein Leben für immer verändern würde. Ihm war keinesfalls klar, dass sie sich nur deshalb nach dem Kellner umschaute, weil sie versuchte, ihre Befürchtungen zu ignorieren und noch immer hoffte, Thomas würde ihr keinen Antrag machen. Außerdem fand sie den Kellner wirklich süß!
„Hast du Hunger?“, fragte Thomas.

5.

Manche Geschichten beginnen wirklich traurig. Aber nie habe ich von einer gehört, die so traurig begann, wie die meines besten Freundes Thomas, für den von einem Moment zum anderen eine ganze Welt zusammenbrach. Auslöser war der vergebliche Antrag, den er seiner Freundin Andrea eines Abends in einem italienischen Restaurant machte. Er hatte sich seit Wochen auf diesen Moment vorbereitet, doch dieses Miststück ließ ihn einfach auflaufen.

Beispiel 1 ist klar: Da etabliert der Erzähler ein personales Erzählverhalten. Er erzählt aus der Sicht von Thomas.

Klar ist auch, alle anderen Beispiele etablieren kein personales Erzählverhalten. Für die bliebe also nach dem Schema nur das auktoriale Erzählverhalten.

Neutrales Erzählverhalten

Beispiel 2 macht allerdings Probleme. Es wird eindeutig nicht personal erzählt. Der Erzähler nimmt weder die Sicht von Thomas noch die von Andrea ein. Er erzählt also aus einer dritten Sicht, der des Erzählers. Das ist ein Merkmal auktorialen Erzählens.

Im Gegensatz zu den Beispielen 3 bis 5 scheint der Erzähler aber nicht zu wissen, was in Thomas und Andrea vorgeht. Er betrachtet beide nur aus der Außenperspektive. Er verhält sich also wie ein unsichtbarer Beobachter. Sein Wissen ist offenbar dementsprechend begrenzt. Das entspricht nun wieder gar nicht dem, was wir als auktoriales Erzählverhalten kennen. Schließlich zeichnet sich das gerade dadurch aus, dass der Erzähler mehr weiß als die Figuren.

Tatsächlich hat dieses Erzählverhalten einen eigenen Namen: neutrales Erzählverhalten. Der Erzähler ist dabei mindestens ebenso unsichtbar wie der personale Erzähler, unterscheidet sich aber eben darin, dass er nicht in die Figuren hineinschlüpft und daher lediglich aus der Außenperspektive erzählen kann.

Dieses Erzählverhalten will ich in einem anderen Artikel noch genauer unter die Lupe nehmen, hier dient es erst einmal einer anderen Absicht. Denn der Begriff bzw. seine Einordnung ist in der Literaturwissenschaft aus verschiedenen Gründen umstritten. So sehen die einen das neutrale gleichberechtigt neben dem auktorialen und dem personalen Erzählverhalten, andere sehen es lediglich als eine Sonderform an.

Ich bin der Auffassung, dass sich das neutrale je nach Bedarf sowohl dem auktorialen als auch dem personalen Erzählverhalten zuordnen lässt. Das habe ich oben schon angedeutet.

Auktorial gesehen nimmt der Erzähler eine Erzählersicht ein (so unangenehm das für diejenigen auch sein mag, die mit dieser Art des Erzählens den Erzähler aus ihren Texten gänzlich verbannen wollten). Dabei haushaltet er mit seinem Wissen mehr als all seine Kollegen. Er gibt nur wieder, was auch jeder andere neutrale Beobachter berichten könnte, enthält sich außerdem jeder Wertung.

Personal gesehen nimmt der Erzähler die Sicht einer Figur ein, die nicht am Geschehen beteiligt ist, sondern es nur als unsichtbarer Beobachter begleitet. Er erfindet sich sozusagen eine unbeteiligte Figur. Da die Innenperspektive dieser Figur nichts zur Sache tut, bleibt nur die Außenperspektive, die dieser unsichtbare Beobachter auf das Geschehen und die daran beteiligten Figuren hat. Dabei bleibt er auf das reine Beobachten beschränkt, da er mit jeder Wertung des Geschehens seine Innenperspektive hervorkehren würde.

Was aber unabhängig von der Einordnung interessant ist: Wir haben jetzt einen zweiten Begriff, der eine relativ klar umrissene Erzählsituation etabliert.

Erzählsituationen benennen

Personales Erzählverhalten etabliert eine Erzählsituation, die in ihrer Gesamtheit so klar umrissen ist, dass wir etwas lax vom personalen Erzähler sprechen und damit nicht nur auf  sein Erzählverhalten referieren, sondern auch auf seinen Erzählstandort, seine Erzählperspektive, seine Erzählhaltung und seine Erzählsicht. Im Prinzip haben wir es also mit einer personalen Erzählsituation zu tun.

Ganz ähnlich verhält es sich nun mit dem neutralen Erzählverhalten. Auch dabei ist die Erzählsituation weitgehend klar definiert (Erzählstandort in der Regel nah bei den Figuren, Außenperspektive, neutrale Erzählhaltung, Sicht des unsichtbaren Beobachters), damit kann man auch von einer neutralen Erzählsituation sprechen (oder wieder etwas unwissenschaftlich von einem neutralen Erzähler).

Unbenannte Erzählsituationen

Nun wird vielleicht schon deutlich, worauf ich hinauswill. In den Beispielen 3 bis 5 werden drei unterschiedliche Erzählsituationen etabliert. Alle drei sind eindeutig von auktorialem Erzählverhalten geprägt, aber darüber hinaus unterscheiden sie sich deutlich.

Beispiel 3 ist ein wenig kurz für eine abschließende Beurteilung, aber es zeichnet sich schon ab, dass der Erzähler sich nur in Maßen auktorialer Mittel bedient. Sein Fokus scheint auf Thomas zu liegen. Mit der erlebten Rede (Gott sei Dank, der Ring war noch da.) erzählt er sogar einmal personal aus dessen Sicht. Das genervt verrät aber eindeutig, dass er jeder Zeit weiß, was in Andrea vorgeht. Thomas glaubte, sie habe Hunger ist zwar wieder Thomas’ Innenperspektive, aber aus der Sicht der Erzählers erzählt.

Beispiel 4 dagegen etabliert ein auktoriales Erzählverhalten eines allwissenden Erzählers, der mit den Innenperspektiven beider Figuren nicht geizt. Er verwendet sie praktisch gleichberechtigt.

In Beispiel 5 etabliert sich der Erzähler schließlich ganz klar als auf der Ebene des Erzählens personifizierte Erzählerfigur, die jederzeit selbst und höchstpersönlich auftreten kann.

Für all diese Erzählsituationen haben wir nur den Begriff auktorial, der sich ja streng genommen nur auf das Erzählverhalten bezieht. Ob das ein Versäumnis ist oder ob es einfach keine Notwendigkeit gibt, die einzelnen Erzählsituationen durch genauer definierte Begriffe voneinander zu trennen, mag jeder selbst beurteilen.

Der Autor muss nur wissen, die Anweisung an den Erzähler, sich auktorial zu verhalten, benötigt noch weitere Spezifizierung. Die Parameter, die personales und neutrales Erzählverhalten von sich aus mitbringen, müssen beim auktorialen Erzählverhalten erst noch gesetzt werden.

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Ein Geldschein für deine(n) Prota

© Poznyakov
© Poznyakov

Du brauchst mal ein bisschen Abwechslung von dem Manuskript, an dem du gerade arbeitest? Du willst gegen eine Schreibblockade ankämpfen? Du kennst deinen Protagonisten/deine Protagonistin noch nicht gut genug?

Da kann ich doch nichts dafür! Ich will dir lediglich ein bisschen Spaß verschaffen.

Also nimm den Protagonisten/die Protagonistin aus deinem aktuellen (oder dem nächsten) Projekt, setze ihn/sie in die folgende Szene und beobachte genau, wie er/sie sich verhält. Sollte er/sie das nicht wissen, wirst du dir allerdings selbst den Kopf zerbrechen müssen.

Und keine Sorge, auch Könige, Piraten, Waldläufer, Zwerge und gestiefelte Kater dürfen gern einmal aus ihrer Welt heraustreten, um sich in einer solchen Szenerie wiederzufinden, vorausgesetzt sie vergessen dabei ihre Charaktereigenschaften nicht. Dann kann man mit ihnen wahrscheinlich sogar besonders viel Spaß haben.

Grüne Verlockung

Schreibe deine(n) Prota also auf die Straße. Und zwar zweimal: Einmal ist es eine einsame Nebenstraße, einmal eine belebte Fußgängerzone. Prota beobachtet, wie ein Passant einen Hunderteuroschein (oder einen Hundert-Euro-Schein oder einen 100-Euro-Schein) verliert.

Wie wird sich Prota verhalten, wenn er/sie sich unbeobachtet fühlt? Welche Tricks hat er/sie auf Lager, wenn er/sie sich trotz der belebten Fußgängerzone entscheidet, das Taschengeld aufzustocken? Und was passiert, wenn Prota in dem Moment, in dem er/sie das Geld einstecken will, bemerkt, dass ihm/ihr jemand dabei zusieht? Beeinflusst es Protas Entscheidung, wenn der unglückliche Verlierer ein attraktiver Vertreter passenden Geschlechts ist? Wenn Prota das Geld zurückgibt, tut er/sie es eher unauffällig oder wird eine große Show daraus?

Du siehst, diese Szene kannst du mit ein und demselben/derselben Prota mehrfach aufkochen. Vielleicht braucht es auch ein paar Grüne mehr. Versuche ruhig einmal, es Prota so schwer wie möglich zu machen, sich moralisch richtig zu verhalten. Falls das überhaupt notwendig ist.

Anschließend darf sich dein(e) Prota von dieser Tortur gern ein bisschen erholen und sei es in dem ihm/ihr von dir zugedachten Abenteuer. Nächste Woche kannst du ihn/sie dann hier in eine neue Prüfung schicken. Falls dir die Zeit bis dahin zu lang werden sollte, steht es dir frei, weitere deiner Figuren der grünen Verlockung auszusetzen.

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Weitere Prüfungen für deine(n) Prota

Beruf Erzähler: Zurückhaltung

Wie schon im vorherigen Artikel gesagt, ist für den Erzähler, der vom Autor den Auftrag erhält, sich personal zu verhalten, seine Aufgabe ziemlich klar. Und die lautet im Wesentlichen: absolute Zurückhaltung mit allen Beschränkungen, die das mit sich bringt.

Hat der Autor eine Figur seiner Geschichte als Erzähler erwählt, darf diese, obwohl sie als Erzähler fungiert, nicht als Erzählerfigur in Erscheinung treten. Das Wissen, das sie dem Leser vermittelt, darf immer nur dem Wissensstand entsprechen, den die Figur zum entsprechenden Handlungszeitpunkt innerhalb der Erzählung innehatte.

personal:
Ich wusste nicht, ob ich mich richtig entschieden hatte.

auktorial:
Ich wusste nicht, dass ich mich richtig entschieden hatte.

Beauftragt der Autor einen Erzähler, der aus der Sicht einer Figur erzählen soll, muss dieser seinen Erlebenshorizont dem der Figur angleichen und damit für ebensolches Erleben beim Leser sorgen. Es gelten für ihn also dieselben Beschränkungen wie für die erzählende Figur.

personal:
Er konnte in Lisas Gesicht nicht den leisesten Anflug von Angst erkennen.

auktorial:
Er konnte in Lisas Gesicht nicht den leisesten Anflug ihrer Angst erkennen.*

*Die Aussage ist nur dann eindeutig auktorial, wenn der Perspektivträger nicht aus anderen Zusammenhängen heraus darauf schließen kann, dass Lisa tatsächlich ängstlich ist.

Obwohl die Beschränkungen für den Erzähler dieselben sind wie für die Figur, hat er es damit ungleich schwerer. Denn während es für die Figur ganz natürlich ist, nur aus ihrer Sicht zu erzählen, wirft das für den Erzähler einige Probleme auf, von denen die wichtigsten im Folgenden besprochen werden sollen.

Das Problem der Bezeichnung des Perspektivträgers

Wenn der Perspektivträger Tom heißt, sollte ihn der Erzähler dann nicht beim Namen nennen? Wenn er sich personal verhält, eigentlich nicht! Denn das entspricht nicht Toms Erlebenshorizont. Würde Tom seine Geschichte selbst erzählen, würde er sich selbst nur als ich benennen, keinesfalls als Tom. Niemand nennt sich selbst beim Namen, wenn er sich nicht gerade jemandem vorstellt. Die wenigen Ausnahmen gelten als sonderlich.

Die Sicht Toms, die der Erzähler einnehmen soll, erlaubt demnach den Namen Tom nicht. Der gehört allein in die Außenperspektive, schafft also Distanz. Statt des ich verwendet der Erzähler das Personalpronomen in der dritten Person er.

Es klingt sicher unlogisch, dass ausgerechnet das Pronomen in der dritten Person für die Sicht der Figur stehen soll, und wie das genau im Kopf des Lesers funktioniert, kann ich leider auch nicht beantworten. Aber zum einen ist es nun mal das genaue Pendant zum ich der Figur. Ein Text, der von der Figur selbst erzählt wird, der also das ich verwendet, lässt sich nahezu reibungslos in einen Text verwandeln, der das personale er verwendet, die Sicht der Figur bleibt erhalten. Zum anderen ist dieses er so in der Erzähltradition verwurzelt, dass es sich dem Leser im Rahmen seines Vertrags wahrscheinlich einfach schon weit genug angeschmiegt hat.

Das Personalpronomen in der dritten Person fungiert also letztlich einfach als Ersatz für das in der ersten. Während letzteres aber eindeutig ist, beanspruchen ersteres in der Regel noch weitere Figuren innerhalb der Geschichte für sich. Dann zwar in der Außenperspektive, dennoch mit der Gefahr von Zuordnungsproblemen. Aus diesem Grund wird es sich für den Erzähler nicht vermeiden lassen, den Perspektivträger ab und an beim Namen zu nennen:

Peter kam angerannt. Er setzte sich erst einmal.
Peter kam angerannt. Tom setzte sich erst einmal.

Das Problem endet aber nicht beim Namen. Toms Sicht lässt auch keine Alternativbezeichnungen zu: der Junge, der Schüler, der Fünfzehnjährige, der Schlaukopf, der Frechdachs … All das sind Bezeichnungen, die nur von einem Außenstehenden verwendet werden. Für den sich personal verhaltenden Erzähler sind sie tabu, um damit auf den Perspektivträger zu referieren.

Das Problem der Bezeichnung des Umfelds

So wie Tom auf sich selbst anders referiert als andere Figuren auf ihn, gilt das auch im umgekehrten Fall: Tom wird in der Regel Peter nicht als mein Freund bezeichnen, seine Mutter nicht als Frau Baumann. Auch benennt er sein Zuhause als sein Zuhause, geht nicht etwa in die Lindenstraße 17.

Diesem Prinzip muss auch der Erzähler folgen, wenn er sich personal verhalten soll. Ansonsten begeht er einen Perspektivbruch:

Er fragte den Sechzehnjährigen.
Er fragte Peter.

In diesem Moment wurde er sich bewusst, wie sehr er das hübsche Mädchen liebte.
In diesem Moment wurde er sich bewusst, wie sehr er Dana liebte.

Frau Baumann konnte echt nerven.
Mama konnte echt nerven.
(Seine Mutter konnte echt nerven.)

Er hatte heute keine Lust, ins Franz-Kafka-Gymnasium zu gehen.
Er hatte heute keine Lust, zur Schule zu gehen.

Das Problem mit dem Nichtwissen

Der Erzähler, der sich personal verhält, muss zu jedem Zeitpunkt der Erzählung überprüfen, was seine Figur zu eben diesem Zeitpunkt, an diesem Handlungsort und in dieser speziellen Situation wissen kann, was sie wie erlebt und empfindet.

Tom weiß nicht, was Peter denkt oder wie er etwas erlebt. Bekommt er darüber von Peter Informationen, weiß er nicht, ob sie der Wahrheit entsprechen. Er weiß nicht, was zu Hause vor sich geht, wenn er selbst in der Schule ist. Und er weiß nicht, ob er rot wird, wenn er nicht gerade vor einem Spiegel steht.

Das Problem mit dem Wissen

Wie im Beispiel weiter oben schon gezeigt, wird Tom seinen Freund Peter nicht als den Sechzehnjährigen bezeichnen. Nicht nur, weil das sehr distanziert ist, auch weil in der Bezeichnung eine Information enthalten ist, die sich Tom nicht mehr bewusst machen muss: Peters Alter. Für Tom ist das eine ebenso tote Information wie der Name seiner Schule.

Nun könnten beide Informationen für den Leser interessant sein, weil er sie bis dahin noch nicht kennt. Der Erzähler, der sich personal verhält, befindet sich also in einem Dilemma. Er ist im Namen der Figur mit einem Fundus an (oft biographischem) Wissen ausgestattet, das für die Figur selbst keine aktuelle Bedeutung mehr hat, das aber dennoch an den Leser zu bringen ist.

Wenn es aber keinen aktuellen Bezug gibt, wenn es also aus Sicht der Figur keinen Grund gibt,  eine Information zu aktualisieren, ist es dem Erzähler bei personalem Erzählverhalten nicht gestattet, sich darüber hinwegzusetzen:

Er traf Peter, der sechzehn Jahre alt war.

Aber:
Er gab sich geschlagen. Peter war immerhin schon sechzehn.
Was sollte er seiner Mutter zum Geburtstag schenken? Der Fünfzigste war schließlich etwas Besonderes.

Personales Erzählverhalten geht also mit einigen Beschränkungen einher, die den Erzähler (respektive den Autor) dazu zwingen, für manches Problem eine geschickte Lösung zu finden, die schon mal einen kleinen Umweg gehen kann (etwa wenn eine ganze Szene erdacht wird, um Peters Alter zu verraten).

Schlussendlich können diese Beschränkungen einer der Gründe sein, dem Erzähler die Anweisung zu geben, sich auktorial zu verhalten, sei es auch nur ganz wenig. Das wird dann nächste Woche das Thema sein.

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Ein Nachbar für deine(n) Prota

© vishstudio
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Du brauchst mal ein bisschen Abwechslung von dem Manuskript, an dem du gerade arbeitest? Du willst gegen eine Schreibblockade ankämpfen? Du kennst deinen Protagonisten/deine Protagonistin noch nicht gut genug?

Da kann ich doch nichts dafür! Ich will dir lediglich ein bisschen Spaß verschaffen.

Also nimm den Protagonisten/die Protagonistin aus deinem aktuellen (oder dem nächsten) Projekt, setze ihn/sie in die folgende Szene und beobachte genau, wie er/sie sich verhält. Sollte er/sie das nicht wissen, wirst du dir allerdings selbst den Kopf zerbrechen müssen.

Und keine Sorge, auch Könige, Piraten, Waldläufer, Zwerge und gestiefelte Kater dürfen gern einmal aus ihrer Welt heraustreten, um sich in einer solchen Szenerie wiederzufinden, vorausgesetzt sie vergessen dabei ihre Charaktereigenschaften nicht. Dann kann man mit ihnen wahrscheinlich sogar besonders viel Spaß haben.

Party beim Nachbarn

Schreibe deine(n) Prota also in ein Mietshaus. Dort ist gerade ein neuer Nachbar eingezogen, den Prota noch nicht kennt. Doch an diesem Abend macht der Neuankömmling deutlich auf sich aufmerksam. Noch weit nach 22.00 Uhr leidet Prota unter dem Partylärm, der direkt aus der Wohnung gegenüber dröhnt und einen laufenden Presslufthammer in Protas eigener Mietunterkunft zum Nebengeräusch verkümmern lassen würde.

Ausgerechnet heute kommt das Prota besonders ungelegen. Je nachdem, was so seine/ihre Berufung ist, hat Prota noch wichtige Arbeiten zu erledigen, die Konzentration und Ruhe benötigen, oder braucht ausreichend Schlaf für den nächsten Tag. In jedem Fall fühlt er sich durch Nachbars Party empfindlich gestört, wenn nicht gar terrorisiert.

Sollte Prota sich trotz allem letztlich nicht aufraffen können, etwas zu unternehmen, prüfe, ob sich daran etwas ändert, wenn Prota Besuch, vielleicht gar ein Date hat. Möglicherweise will Prota vor dem Besuch nicht als Schwächling erscheinen oder sein/ihr Mut steigt, wenn er/sie sich nicht alleine fühlt. Vielleicht muss Prota auch nur dem Besuch hinterher, um das Schlimmste zu verhindern.

Bleibt Prota trotzdem untätig, dann ist seine/ihre Mission hier beendet und es bleibt zu hoffen, dass Protas eigene Geschichte die richtige für ihn/sie ist.

Party mit dem Nachbarn

Wenn Prota sich aufmacht, den Nachbarn zu bitten, etwas mehr Rücksicht zu nehmen, oder ihm gleich ordentlich die Leviten zu lesen, wird es abenteuerlich. Prota klingelt und es öffnet ein Kerl, der in etwa so aussieht wie der Mann auf obigem Foto. Ja, meine Damen (und Herren), ich habe das Foto zur Inspiration heute extra etwas größer eingebunden. Sollte das noch nicht reichen, hilft ein Klick auf das Bild.

Dummerweise macht der Herr mit dem freien Oberkörper auf Prota alles andere als den Eindruck, es würde ihm wenig ausmachen, seine Party abzubrechen oder wenigstens in stark gedrosselter Lautstärke fortzuführen. Eine echte Bewährungsprobe für Prota!

Wird Prota hart bleiben oder sich herauswinden? Lässt er/sie sich von einem solchen Muskelprotz möglicherweise gar nicht beeindrucken oder wird Prota nahezu handlungsunfähig? Verhält sich Prota in der Situation (todes-) mutig, besonders trickreich, feige, kreativ, …? Und wie wird das Ganze ausgehen?

Anschließend darf sich dein(e) Prota von dieser Tortur gern ein bisschen erholen und sei es in dem ihm/ihr von dir zugedachten Abenteuer. Nächste Woche kannst du ihn/sie dann hier in eine neue Prüfung schicken. Falls dir die Zeit bis dahin zu lang werden sollte, steht es dir frei, weitere deiner Figuren mit dem Ungeheuer von nebenan zu konfrontieren.

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Weitere Prüfungen für deine(n) Prota