Entern: Zeilen dichten

Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern, Foto: Patryk Kosmider
Entern
(Foto: © Patryk Kosmider)

Mit diesem Beitrag schließe ich die Reihe „Entern“ ab. Noch einmal zur Erinnerung, es ging einfach um die verschiedenen Anlässe, in einem Prosa- oder Lyriktext die Entertaste zu drücken.

Und die nutzt man natürlich auch, wenn man am Ende einer Gedichtzeile angekommen ist. Allerdings – wer den Artikel „Strophilieren“ gelesen hat, weiß es bereits – nicht allein. Zumindest dann nicht, wenn man die für ein Gedicht empfehlenswerten Einstellungen des Textprogramms verwendet, um nicht jede einzelne Zeile zu einem eigenen Absatz werden zu lassen.

Dazu stellt man in der Absatzformatierung ein, dass nach einem Absatz ein gewisser (sichtbarer) Abstand folgt. Idealerweise entspricht der in etwa einer Zeile (also bei einer 12-Punkt-Schriftgröße 12 Punkt), gern auch weniger, besser nicht mehr. Betätigt man nun einmal die Entertaste, springt der Cursor um den entsprechenden Abstand weiter, sodass man am Ende eines Strophe nur einmal „entern“ muss.

Um eben diesen Abstand zwischen zwei Zeilen innerhalb einer Stophe zu vermeiden, hält man am Ende einer Zeile beim „Entern“ die Umschalttaste gedrückt.

Übrigens gilt das auch oft im Internet, etwa beim Texteditor von WordPress:

Wer mit WordPress dichten will
achte auf die Zeilen,
drückt beim Entern leis und still
Umschalt, dann nicht eilen,

neue Strophe, lass sie weg,
nur die Entertaste,
die erfüllt dann ihren Zweck,
und ’nen Abstand haste.

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Philvent – die zwanzigste Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
© Ramona Heim

Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Die Entscheidung war gefallen! Er wollte kein Risiko eingehen. Er durfte kein Risiko eingehen. Nicht an einem Heiligen Abend, an dem er zum ersten Mal der Gastgeber war. Nicht bei einem Abendessen, das er noch nie zuvor gekocht hatte. Nun stand er in seiner Küche und betrachtete die Zutaten für das Festessen. Sicher, es war ein wenig verschwenderisch. Doch zu einem solchen Anlass musste er sich einfach einen Probedurchlauf leisten. Ein Testkochen vier Tage vor dem Fest.

Er begann mit der Beilage, wollte sich sozusagen eingrooven. Er hielt das für eine gute Idee. Aufmerksam studierte er das Rezept. Er hatte es seiner Mutter aus dem Kreuz geleiert. Die hielt sein gesamtes Vorhaben offenbar für eine weit weniger gute Idee. Aber sie traute ihm ja kaum zu, die eigenen Schuhe zuzubinden. Tatsächlich war er allerdings selbst nach mehreren Anläufen nicht zufrieden. Er entschied sich nach dreistündigem vergeblichen Bemühen dazu, sich auf die Hauptspeise zu konzentrieren, deren Zubereitung ihm ein wenig unkomplizierter schien, und die Beilage fertig zu erstehen. Wirklich war er schließlich nach nur zwei Versuchen, als der zarte Fleischgeschmack seine Zunge umschmeichelte, überzeugt, es schmecke fast so gut wie bei Muttern.

Der Stolz auf das Vollbrachte verführte ihn dazu, sich gleich an seinen Computer zu setzen und eine weihnachtliche Speisekarte zu entwerfen. Ein Seufzen entfuhr ihm, als er die Buchstaben betrachtete: „Heiße Würstchen mit Kartoffelsalat“.

Die verkannte Novelle

Hartnäckig hat sich die Auffassung durchgesetzt, eine Novelle sei eine Erzählform, die im wesentlichen durch ihre Länge bestimmt wird. Sie sei eben ein Zwischending, das zwischen Roman und Kurzgeschichte angesiedelt ist.

Nun liegt man ja so falsch damit nicht, denn tatsächlich ist die Novelle in der Regel weniger umfangreich als ein Roman, doch eben auch länger als die durchschnittliche Kurzgeschichte. Damit überschneidet sie sich mit der Erzählung im engeren Sinn (also nicht als übergeordneter Begriff).

Im ursprünglichen Sinn zeichnet sich die Novelle aber durch eben die namensgebende Neuigkeit aus, die nicht besonders dramatisch sein muss, aber den Protagonisten aus seinem gewohnten Lebensumfeld zieht und eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt.

Während Kurzgeschichten und Romane auf einem zentralen Konflikt basieren und dem Ziel, diesen Konflikt zu lösen, ist die Neuigkeit in der Novelle eher ein Aufhänger, der Anlass für den Prota, an seinem bisherigen Leben etwas zu ändern. Einen echten zentralen Konflikt muss es nicht geben, die Novelle strebt nicht auf eine Lösung zu, sondern von einem Ausgangspunkt weg.

So könnte ein Gespräch mit einem Weltenbummler einen eher sesshaft veranlagten Protagonisten zum Träumen bringen. Immer deutlicher fühlt er in seiner Heimat ein Unwohlsein, bis er schließliche einfach seine Koffer packt, um eine Weltreise zu unternehmen.

Für die Novelle ist also wichtiger, wie das auslösende Ereignis auf den Prota wirkt und welche Folgen es nach sich zieht, als die Frage, ob und wie er ein essentielles Ziel erreicht.

Wenn Peter von seiner Frau verlassen wird, kann das einen Konflikt in ihm auslösen. Er will nicht einsam sein und sie zurückerobern. Die Kurzgeschichte oder der Roman erzählen, wie Peter versucht, diesen Konflikt zu lösen, wie er also seine Frau zurückgewinnen will und ob und wie das funktioniert. Am Ende hat Peter seine Frau entweder zurückerobert oder hat sie endgültig verloren.

In der Novelle aber würde diese Neuigkeit in Peters Leben ihn zum Nachdenken über sein bisheriges Leben anregen und Konsequenzen nach sich ziehen. Er würde sich kein Ziel stellen, sondern einfach etwas verändern. Zum Beispiel all die Träume verwirklichen wollen, die er bisher zugunsten der Ehe nie in Erwägung gezogen hat. Vielleicht kauft er sich endlich das Modellflugzeug, das er immer nur im Geschäft bewundert hat. Je häufiger er damit spielt, desto mehr wünscht er sich, einen echten Flieger zu pilotieren. Er nimmt Flugstunden …

Eine typische Ausgangslage für eine Novelle finden wir recht häufig in Filmen: Der Protagonist erfährt von heute auf morgen, dass er unheilbar an einer tödlichen Krankheit erkrankt ist. Natürlich ist das an sich ein dramatischer Konflikt, aber keiner, der sich als zentraler Konflikt, den es zu lösen gilt, anbietet. Der Tod des Protas ist vorgezeichnet. Die Nachricht davon eignet sich also gerade deshalb sehr gut für eine Novelle.

Besonders fein gesponnen sind meiner Meinung nach aber die Novellen, deren Neuigkeit eine scheinbar unbedeutende ist und bei der die Veränderungen, die sie bewirkt, sich schleichend einstellen.

Gedicht gefällig?

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