Sechser im Motto: Killer

Sechser im Motto, Foto: javarman
Sechser im Motto, Foto: javarman
© javarman

Aufgabe:
Stell dir vor, in deiner nächsten Geschichte würde ein alternder Killer vorkommen, der bisher noch erfolgreich überspielen konnte, dass er zunehmend vergesslich wird. Woran würde sein nächster Auftragsmord scheitern?

Helene Henke

Sein Deckname war Falke und ihm so vertraut, dass er jedesmal einen Moment nachdenken musste, wenn jemand nach seinem zivilen Namen fragte. Daran störte er sich nicht weiter, sondern reckte behutsam seine schmerzenden Beine. Das Laub raschelte unter seiner Neoprenhose, deren thermoreflektierende Innenbeschichtung seinen Körper vor Unterkühlung schützen sollte. Dennoch kroch ihm langsam die frühmorgendliche Kälte in die alten Knochen. Sein Körper verlor an Vitalität, sein Geist an Substanz. Als Einzelgänger passierte es nicht oft, dass er darauf angesprochen wurde. Aber es kam vor und nervte ungemein.

Auf seine Hände konnte er sich jedoch verlassen. Sie hielten bewegungslos das Scharfschützengewehr in Position. Durch das Zielfernrohr beobachtete er mit der Sehschärfe eines Greifvogels die Tür des Holzhauses am Fuße des Hügels. In der letzten Nacht hatte ihn mehrfach der Eindruck ereilt, sich bei einem seiner Einsätze im Dschungel zu befinden. So intensiv war die Geräuschkulisse des erstaunlich dichten Hochwaldes mitten in Deutschland. Keine schlechte Wahl für die Teufelsanbeter sich hier ein Nest zu errichten. Falke unterdrückte ein wütendes Knurren. Seit Monaten war er diesem gestörten Guru auf der Spur. Im Auftrag vermögender Klienten, deren Tochter in die Fänge der Sekte geraten war. Die polizeilichen Ermittlungen verliefen regelmäßig ins Nichts, weil diese Glaubensgruppe ihre Strippen in allen gesellschaftlichen Schichten zog. Während seiner Recherche war Falke bald auf ein Wespennest gestoßen. Dabei kratzten ihn nicht deren Machenschaften im Drogen- oder Waffenhandel, sondern der Menschenhandel, den diese Hirnwäscher im organisierten Rahmen betrieben.

Ein Killer mit Herz. Er lachte lautlos in sich hinein.

Die Haustür öffnete sich. Falke spannte die Schultern an. Ein Mann trat heraus und reckte sich ausgiebig in der Morgenluft. Sein weißer Kaftan hob sich im Wind wie die Segel einer Yacht. Für Falke war die Zielperson eine Galionsfigur. Er schluckte Wut und Magensäure hinunter. Den Kopf des Kerls genau im Visier. Wie es sich gehörte. Süße Genugtuung machte sich in ihm breit. Endlich würde er einen der Sektenführer zur Strecke bringen. Eine Welle von Erregung durchflutete Falke, als er den Abzug drückte. Klack!

Was zum Teufel …?

Er starrte durch das Visier in die braunen Rehaugen eines Mädchens. Der Schreck explodierte in seinem Gehirn. Die Kleine war ihm direkt in die Schusslinie gelaufen. Auf ihrer Stirn müsste sich der akkurat saubere Tunnel eines Einschusslochs abzeichnen. Der Schock des Todes würde sie noch für den Bruchteil einer Sekunde auf den Beinen halten, bevor ihr Körper begriff und in sich zusammensinken würde. Falkes Herz schlug bis in seinen Hals. Seine Ohren dröhnten.

Doch das Mädchen blickte lächelnd in seine Richtung. Sie konnte ihn nicht sehen, dazu war sie zu weit entfernt. Falke erkannte sie aus dem Dorf. Sie durchstreifte oft die Wälder. Ein junger Mann tauchte neben ihr auf, seine Jacke locker über die Schulter geworfen. An der Seite trug er ein Halfter mit Pistole. Ein Polizist? Ausgerechnet hier?

Falke versuchte hinter den bunten Pünktchen, die vor seinen Augen tanzten, seine Gedanken zu ordnen. Die Polizei war also endlich dabei, einer heißen Spur zu folgen. Irritiert senkte Falke das Gewehr und kontrollierte beiläufig den Einstecklauf. Keine Munition. Er hatte tatsächlich vergessen seine Waffe zu laden. Erstaunen mischte sich mit Erleichterung zu einem warmen Brei in seinem Magen. Die junge Frau war am Leben, weil das seine unaufhaltsam schwand. Beinahe lautlos robbte er den Hügel ein Stück hinunter, richtete sich auf und marschierte mit geschultertem Gewehr davon. Es war es an der Zeit sich in sein Haus in Chile zurückzuziehen, bevor er vergaß, dass er dort eines besaß.

Hans Peter Röntgen

Eva nölte wie immer: „Hast du die Handschuhe? Deinen Schal? Es ist kalt draußen!“ Wenn es nach ihr ginge, müsste ich ins Altenheim und Pflegestufe III beantragen. Dabei bin ich erst sechzig und voll fit.

Na gut, früher musste ich nicht vor jedem Auftrag meinen Merkzettel ausdrucken, damit ich auch nichts vergesse. Aber mit dem Merkzettel klappt das gut, und ich bin immer noch einer der Besten. Habe schließlich bei Big Pete gelernt. Der ist eine Legende, keiner konnte ihm das Wasser reichen, und alle Aufträge topp erledigt. Selbst den mit der Nitribitt.

Und der hat sich auch erst mit fünfundsiebzig zur Ruhe gesetzt. Ist dann kurz darauf mit seiner Motoguzzi voll in einen LKW gerast, weil er das Einbahnstraßenschild übersehen hat. Schöner Tod, so möchte ich auch enden. Nicht im Pflegeheim, mit lauter Evas um mich rum, die mich betütteln.

Jedenfalls hatte ich meine Werkzeugtasche kontrolliert, hinter jedem Punkt auf dem Merkzettel ein Häkchen gesetzt, wenn es in der Tasche war, und bin los.

Reine Routine, Erbonkel, der sich mit achtzig in eine Dreißigjährige verguckt hatte und die Familie fürchtete, dass die Tussi erben würde. War nur etwas eilig, weil er übermorgen heiraten wollte. »Muss also schnell gehen«, wie mir erklärt wurde.

Hab natürlich Gefahrenzulage auf den Preis aufgeschlagen, aber die können das aus der Portokasse zahlen. Der Alte ist alter Frankfurter Geldadel, der sich am Lorettoberg in Freiburg zur Ruhe gesetzt hat. Und da hat ihm im Colombi die Kellnerin schöne Augen gemacht. Gemein sowas. Ich kann sowas nicht ab, Menschen, die nur aufs Geld schauen. Früher war das anders, da hatte man noch Ehre im Leib.

Aber heute?

Na gut, ich will nicht jammern, die Zeiten sind so, wie sie sind.

Ich steige also den Lorettoberg hoch, schließe mit der Rechten das Gartentor mit meinem Werkzeug auf und drücke mit der Linken die Klinke runter. Der Alte sitzt im vollverglasten Wohnzimmer, Tatort im Fernsehen und das blonde Gift auf seinem Schoß. Ich greife meine Glock, den Schalldämpfer habe ich schon aufgeschraubt (steht auch auf dem Merkzettel), ein kurzes Plopp und der Alte muss nicht mehr befürchten, dass er im Pflegeheim enden wird.

Unten schnell den Gehstock rausgezogen und so biege ich um die Ecke. Ein alter Mann mit Stock, der seinen Abendspaziergang macht, gibt es was Unauffälligeres?

Und während ich so dahinstolpere, den Stock in der linken, die Tasche über die Schulter, sehe ich es.

Der Handschuh!

Ich habe ihn nicht angezogen. Dabei steht das extra dick auf dem Merkzettel.

Ich muss wohl doch meine Harley aus der Garage holen. Nichts geht über einen schönen, schnellen Tod.

Sarah Wedler und Nadine d’Arachart

Henry betrat die Kneipe und stellte fest, dass seine Verabredung noch nicht da war. Träge ließ er sich auf einen Stuhl in der Ecke fallen. Er war sich nicht mehr ganz sicher, um wie viel Uhr sie verabredet gewesen waren, also würde er warten müssen. Er winkte einen Kellner heran, doch niemand reagierte, also holte er Zigaretten aus der Tasche und ließ seine Umgebung in dichtem Rauch verschwinden. Blendete das Stimmengewirr aus und glitt in seine Gedanken.

Es war ein einfacher Job gewesen. Präzise Anweisungen, perfekte Durchführung. Er hatte sich durch die Hintertür ins Haus geschlichen, bewaffnet mit einem Feuerzeug, Benzin und seinen eigenen, drahtigen Fingern. Der schwierigste Teil seines Jobs hatte darin bestanden, das Sicherheitssystem abzuschalten, doch nach drei Minuten war auch diese Arbeit erledigt gewesen. Schließlich war er ein Profi mit langjähriger Erfahrung. Er hatte sich weiter ins Schlafzimmer geschlichen und dabei festgestellt, dass seine Geschicklichkeit zu wünschen übrig ließ. Die Bodendielen hatten bei jedem seiner Schritte gequietscht, zweifellos war er etwas eingerostet. Trotzdem war der Hausbesitzer nicht aufgewacht. Seelenruhig hatte er in seinem King-Size-Bett vor sich hin geschnarcht und gar nicht gemerkt, wie Henry ihn anstarrte. Erst, als er ihm mit seinen winterkalten Fingern die Kehle zudrückte, starrte er zurück. Blickte ihm direkt in die Seele, zappelte, kämpfte und verlor.

Der Rest war ein Kinderspiel gewesen. Ein bisschen Benzin, ein schönes Feuer. Man würde Brandstiftung feststellen, aber niemals herausfinden, wie der Hausherr wirklich gestorben war.
Kredithai in Luxusvilla durch Feuer im Schlaf erstickt! So oder so ähnlich würden die Schlagzeilen lauten und lediglich Henry und sein Arbeitgeber würden wissen, was in jener Nacht wirklich geschehen war.

„Da bist du ja, mein Großer“, sagte sein Boss und setzte sich ihm gegenüber. Sofort war der Kellner am Tisch und brachte zwei Bier. „Alles erledigt?“
„Alles perfekt.“
„Sehr gut.“ Sein Arbeitgeber stellte eine schwarze Ledertasche neben sich auf einen Stuhl und musterte ihn eingehend. „Dann gib es mir.“
„Ich? Dir?“ Henry hielt diese Aufforderung für einen Scherz, schließlich war er es, der etwas bekommen sollte. Und trotzdem regte sich etwas in seinen Eingeweiden. Eine Ahnung, die kurz darauf wieder in den Weiten seines Unterbewusstseins verschwand. „Du solltest wohl eher mir etwas geben.“ Henry würde sich nicht einschüchtern lassen.
Sein Arbeitgeber hob die Ledertasche und stellte sie auf den Tisch, doch als Henry danach greifen wollte, zog er sie wieder zurück. „Erst du.“
„Ich?“
„Hergott noch mal, Henry!“ Sein Boss donnerte die Faust so hart auf den Tisch, dass die Gespräche an den Nachbartischen verstummten. Er warf einen entschuldigenden Blick in die Runde, dann beugte er sich über die Tischplatte und flüsterte: „Wir hatten eine Abmachung und wenn du dich nicht daran hältst, dann bekommst du dein Geld nicht, haben wir uns da verstanden?“
Henry nickte perplex, obwohl er beim besten Willen nicht wusste, wovon sein Boss sprach. Schließlich hatte er seinen Teil der Arbeit erledigt.
„Gut. Dann gib mir das Beweisstück.“
„Das …?“
„Das Ohr, verdammt noch mal, wo hast du es?“
Henry stockte der Atem. Das Ohr. Ja, wo hatte er es? Er hatte es schlicht und einfach an der Leiche vergessen.

Imre Török

Klaus kommt ins Schleudern

Alles stimmte. Ort. Zeitpunkt. Sogar die Knete, die er nach Erledigung erhalten würde. Okay, früher rührte er ohne eine deftige Anzahlung keinen Finger. Aber sein Name hatte immer noch Klang. Einen „Kehlenklaus“ vergisst man nicht so schnell. Klaus fröstelte, dann hörte er die Schritte in der dunklen Gasse. Er duckte sich. Griff nach dem Messer. Diese kurze, scharfe Klinge im Futter hatte vor Jahren manche Kehle durchschnitten. Griff … , er tastete hektisch alle Verstecke in seiner guten alten Killerjacke ab. Scheiße. Zuvor beim Besuch der Enkel wird er die Jacken verwechselt haben. Das muffelige gute Stück schleuderte gerade in der Waschmaschine seiner Schwiegertochter. Und sie hatte recht. Er musste endlich zu Fielmann.

Angelika Lauriel

Hugo löschte das Licht und zog die Haustür hinter sich zu. Dieses Mal brauchte er nicht weit zu gehen, um seinen Job zu tun. Zwei Blocks bis zum Park. Ein wenig hatte er gezögert, bevor er diesen Auftrag annahm. So nahe bei seiner eigenen Wohnung? Doch dann hatte Elsa ihn vorwurfsvoll angesehen und demonstrativ die Kühlschranktür geöffnet. Gähnende Leere, in der lediglich eine Paprika vor sich hin gammelte. Der Anblick hatte ihn überzeugt.

Langsam ging er die Straße entlang. Wie immer, war er früh dran und brauchte sich nicht zu beeilen. In Gedanken versunken registrierte er die Strahlen der aufgehenden Sonne, die zwischen den hohen Häusern hindurch eckige Muster auf die Straße zeichneten. Seit wann war ihm sein Beruf so zuwider? Wie lange versuchte er schon, neue Aufträge abzuschmettern? Er kickte eine Coladose in den Rinnstein und beobachtete, wie ein Rest der braunen Flüssigkeit heraustropfte. Dann straffte er die Schultern. Es nützte nichts, den Moment hinauszögern zu wollen. Sein Auftraggeber hatte sich nicht abwimmeln lassen. Er hatte ihm geschmeichelt: Hugo habe in den letzten Jahrzehnten immer saubere und verlässliche Arbeit abgeliefert. Hugo schnaubte, während er seinen Schritt beschleunigte. Er blendete die vorbeifahrenden Autos und die wenigen Passanten aus, fixierte sich nur noch auf sein Ziel. Der Eingang zum Park war bereits zu sehen. Nichts anderes nahm er mehr wahr, nur die schmiedeeiserne, offenstehende Tür.

Wenig später hatte er die Zielperson gefunden. Groß, rothaarig, sportlich. Der Mann sah genauso aus wie auf dem Foto. Lediglich die blasse Haut wies darauf hin, dass er den größten Teil seiner Zeit in einem Büro verbrachte. Mit routiniert wirkenden Bewegungen joggte er Hugo auf dem Pfad entgegen. Ein kurzer Blick genügte, um sich zu vergewissern, dass niemand sonst unterwegs war. Hugo blieb stehen und wartete. Der Rothaarige, Kopfhörer in den Ohren, sah ihm kurz in die Augen – desinteressiert, mit den Gedanken woanders. Hugo drehte sich leicht zur Seite, als habe er zwischen den Bäumen etwas gehört, das sein Interesse weckte. Er konnte bereits den Schweiß und das Deo des Joggers riechen. Dann war er heran. Hugo griff mit beiden Händen nach dem großen Mann, dieser strauchelte und fiel regelrecht in seine Arme. Es war ein Kinderspiel, ihn rasch zwischen die Bäume zu ziehen.

Hugo stieß ihn auf den Boden und drückte ihn mit einem Knie und einer Hand auf den weichen Grund. Nach der ersten Schrecksekunde wehrte der Rothaarige sich. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, Hugo von sich zu stoßen. Aber mochte er auch gealtert sein – schwach war Hugo nicht.

Mit der freien Hand verpasste er seinem Opfer einen gezielten Faustschlag an die Schläfe, sodass dieser plötzlich erschlaffte, seine angewinkelten Beine nach außen fielen und die Arme, mit denen er nach Hugos Oberkörper gegriffen hatte, von ihm abglitten wie Gummiattrappen. Das von Sommersprossen übersäte Gesicht wirkte plötzlich entspannt und friedlich. Der Mann hatte die Lippen leicht geöffnet, und Hugo konnte genau die roten Wimpern und Augenbrauen erkennen. Hatte er nicht schon einmal einen rothaarigen Menschen getötet? Er ließ die Gedanken schweifen. Richtig, da war doch dieses Mädchen gewesen. Sie hatte die Wimpern mit schwarzer Tusche übermalt, aber als sie da lag, kalt und leblos, hatte er die roten Ansätze in der hellen Haut genau gesehen. Hugo legte den Arm des schlafenden Läufers vorsichtig neben dessen Körper ab, dann setzte er sich auf den Waldboden. Wie hatte die Kleine damals geheißen?

Verdammt, er konnte sich nicht erinnern. Vielleicht, wenn er all die anderen Namen der Menschen durchging, denen er einen Platz auf dem Friedhof verschafft hatte? Doch da war nichts, nur gähnende Leere. Wie in seinem Kühlschrank.

Der Mann neben ihm rührte sich, stöhnte leise, dann blieb er ruhig liegen.

Konnte er sich wirklich und wahrhaftig an keinen einzigen Namen erinnern? Hugo ließ die Gesichter vor seinem inneren Auge Revue passieren. Viele waren es, wirklich viele. Sie hatten ihm und Elsa einen einigermaßen guten Lebensstandard gesichert. Und niemals war er aufgeflogen. Niemand wusste das von ihm. Aber dass ihm die Namen nicht einfielen! Er konnte sich noch so sehr anstrengen, da war nichts.

Plötzlich spürte er eine Berührung an seinem Oberschenkel, dann legte sich eine Hand auf sein Bein. Er drehte sich zu dem Mann um, der neben ihm lag und ihm jetzt das Gesicht zuwandte. Er wirkte verwirrt, fragte sich wohl, wie er hierhin geraten und wie ihm geschehen war. Hugo beugte sich fürsorglich über ihn. „Geht es Ihnen gut?“
Der Rothaarige griff sich an den Kopf und runzelte die Brauen. „Ich … ich weiß nicht … Was ist passiert?“
Hugo half ihm aufzustehen und legte einen Arm um seine Taille, um ihn zu stützen. Langsam gingen die beiden zwischen den Bäumen auf den Pfad hinaus zu einer Bank.
„Ich weiß es auch nicht“, sagte Hugo. In seinem Kopf herrschte angenehme Leere, als er neben dem rothaarigen Fremden den Schmetterlingen zuschaute, die um einen Busch herumflatterten.

Carsten Zehm

Sonntag, 17:45 Uhr, St. Michael Kirche, München

Der Killer nahm die Brille ab, legte sie vorsichtig zur Seite und schaute durch das Zielfernrohr. Gleich würde der Wagen vorfahren, aus dem Baustadtrat Meier steigen müsste, um die Messe in der Kirche zu besuchen. Das Bild des Opfers lag ausgedruckt neben der eben abgelegten Brille. In der Auftragsmail hatte etwas von einem schwarzen Wagen gestanden, in dem der Baustadtrat säße, wohl auch die Marke, die aber hatte der Killer vergessen. Man hatte ihm Ort und Zeit genannt und die Wichtigkeit, dass es genau dann und dort passieren sollte.

Dem Killer war egal, dass er die Marke vergessen hatte, denn in diesem Moment fuhr der Wagen vor und drei Männer stiegen aus. Welcher von denen war der Stadtrat? Er kniff die Augen zusammen und versuchte, das ausgedruckte Gesicht auf dem Bild zu erkennen und mit einem der Gesichter der drei Männer abzugleichen. Silberne Haare, ja. Der dort musste es sein. Er zielte kurz, schoss, und unten vor der Kirche brach ein Mann getroffen zusammen. Schreie gellten.

Wenn er auch alt wurde, zielen und schießen konnte er noch. Seine Auftraggeber würden zufrieden mit ihm sein.

Im selben Moment klingelte das Handy. „Ja?“, meldete er sich.
„Was ist mit dem Auftrag? Sie haben viel Geld bekommen dafür.“
„Ich habe soeben …“, doch sein Gesprächspartner, sein Auftraggeber, ließ ihn nicht ausreden.
„Ich habe soeben den Baustadtrat in Begleitung seiner Gattin die Kirche betreten sehen. Unversehrt.“
„Aber … ich habe ihn gerade erschossen!“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich stehe hier vor der Kirche St Michaelis und hier sind keine Schüsse gefallen, wie es abgesprochen war. Sie sind ein toter Mann!“
„Aber ich habe hier vor St. Michael soeben den …“
„Wo sind Sie?“
„St. Michael, München.“
„Sie gottverdammter Idiot! St. Michaelis, Hamburg habe ich gesagt. In Hamburg!“

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

Philvent – die einundzwanzigste Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
© Ramona Heim

Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

„Du bist zu früh!“
„Bin ich nicht, alter Sack!“
„Na, dann schau mal in den Kalender, Löffelchen.“
„Kannst mir glauben, ich wär auch lieber im Nest geblieben. Anweisung von oben. Soll dir helfen, weil du das in deinem Alter nicht mehr allein auf die Reihe kriegst.“
„Das hat – wenn überhaupt – nichts mit meinem Alter zu tun, sondern  damit, dass die Wünsche nicht gerade bescheidener werden.“
„Wie auch immer.“
„Wie auch immer. Du kommst trotzdem zu früh. Weihnachten ist erst in drei Tagen.“
„Und vorher hast du nix zu tun?“
„Ein bisschen Gartenarbeit.“
„Aha. Hast du auch Möhrchen?“
„Wer wünscht sich schon Möhrchen? Außerdem wird alles genau abgezählt eingepflanzt. Überproduktion is nich.“
„Ich hab jedes Jahr Eier übrig.“
„Lass stecken!“
„Würden aber gut zu deiner Rute passen.“

Philvent – die dreizehnte Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
© Ramona Heim

Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Ey, krass, Alter. Ich gestern in die City aufn Weihnachtsmarkt. Voll voll da. Und voll Schnee, logisch, ne. Ich mich fast auf die Schnauze gepackt. Konnt mich gerade noch festhalten, am Stock von soner Alten. Hat die sich auf die Fresse gepackt. Ich denk noch, Glück gehabt, springt mich der Hund von der Alten an. War nur son kleiner Baumpisser. Ich den am Genick und voll weggefeuert, die Töle. Voll in sone Bäckerbude in den Ofen rein. Ich voll laut losgelacht, von wegen Hundekuchen und so, da stolper ich rückwärts über die Alte. Scheiß Schnee, hab ich gedacht, als ich die Oma verprügelt hab.

Philvent – die dritte Tür

© Ramona Heim
© Ramona Heim
© Ramona Heim

Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Einen Tag nach dem 1. Advent war das Staunen in den Augen Jonathans einer kühnen Entschlossenheit gewichen. Er stand auf, um einer älten Frau seinen Platz in der Straßenbahn anzubieten, während er lächelnd an die Worte des Engels zurückdachte, der Jonathan versprochen hatte, würde er nur endlich in den verbliebenen zwei Tagen bis zu seinem 21. Geburtstag einmal etwas Gutes und Selbstloses tun, solle ihm die lang ersehnte große Liebe zuteil werden. Schon suchte sein Blick nach Schönheiten in der näheren Umgebung, als Jonathan eine Hand am Knie spürte, deren Besitzerin die Alte war, die nun auf seinem Platz saß und ihm lächelnd zuzwinkerte.

Der Tod lauert zwischen den Bäumen

Ursula Poznanski: SaeculumWieder ist es ein Spiel. Und wieder eines, das harmlos beginnt und böse endet. Doch diesmal lauert der Tod zwischen den Bäumen. Ursula Poznanskis „Saeculum“ ist noch mörderischer als ihr Megaerfolg „Erebos“.

Mit ihrem Jugendthriller „Erebos“ hat Ursula Poznanski einen Überraschungshit gelandet, der nicht nur Jung, sondern auch Älter und Alt in seinen Bann zog. Vollkommen zu Recht gewann sie dafür im vergangenen Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury. In „Erebos“ geriet Nick in die Fänge eines heimtückischen Computerspiels, in „Saeculum“, vom Verlag in ein beeindruckendes Cover gehüllt, ist es Bastian, für den ein Spiel zur bitteren Realität wird. Seine neue Freundin lockt den angehenden Mediziner aus der biederen Enge des Studierzimmers zu einem Live-Rollenspiel in einem Waldstück fernab der Zivilisation. Doch dort wartet nicht nur Mittelalterromantik auf die Spieler, sondern auch der Tod. Ein Serienkiller? Oder doch der jahrhundertealte Fluch, der auf diesem Gebiet lasten soll? Bastian weiß schon bald nicht mehr, was er glauben soll. Zu allem Überfluss scheint es, als treibe auch seine Freundin ein falsches Spiel mit ihm.

Erwartungen nicht enttäuscht

Nach einem Buch wie „Erebos“ kann es keiner Autorin leichtfallen, dem Erwartungsdruck, der sich ohne Zweifel für den Nachfolger aufbaut, standzuhalten. Tatsächlich ist „Saeculum“ ein anderes Buch, das den Leser zunächst sanfter an die Hand nimmt. Die Sogwirkung, die der Vorgänger von der ersten Seite an aufbaute, lässt im direkten Vergleich hier ein wenig auf sich warten. Das ist nicht verwunderlich, braucht die Geschichte doch einfach mehr Zeit, um die verschiedenen Figuren vorzustellen und sie überhaupt erst an den Handlungsort zu bringen. Mit Iris gibt es außerdem eine zweite Perspektivträgerin, deren Sicht zusätzlichen Raum einnimmt. Dennoch zählt gerade diese zweite Perspektive zu den vielen gelungenen Kniffen der Autorin, die Spannungsschraube schnell anzuziehen. Denn Iris umgibt ein Geheimnis, das gleich weiteren offenen Fragen darauf drängt, gelüftet zu werden, wodurch der Leser auch bei diesem Thriller bald schon die Buchseiten zum Fliegen bringt.

Hat das Spiel erst begonnen, baut Ursula Poznanski meisterhaft eine Spannungskulisse auf, die den Wolkenbergen der immer wieder herannahenden Gewitter am Spielort ähnelt und an Bedrohlichkeit kaum zu überbieten ist. Meisterhaft auch deshalb, weil der Leser zunehmend geneigt ist, am Verstand des Protagonisten zu zweifeln, nicht etwa, weil dieser an einen Fluch glaubt, sondern gerade weil er sich so standhaft dagegen wehrt, das Übernatürliche als real zu akzeptieren. Wenn Tote aus ihren Gräbern steigen, Madenplagen die frischen Vorräte befallen und Schmerzensschreie durch die Nacht gellen, verliert selbst die Fantasie des Lesers den Boden unter den Füßen. Ganz abgesehen davon, dass ein Rollenspieler nach dem anderen verlustigt geht. Bis es schließlich nur noch eine letzte Hoffnung auf Rettung gibt. Für alle außer Bastian!

Besser geht’s nicht

Es scheint kaum vorstellbar, dass einer Autorin gleich zweimal hintereinander der große Wurf gelingt. Der Wienerin Poznanski ist das gelungen. Wenn jemand zwei Bücher schreibt, von denen jedes für sich besser kaum vorstellbar ist, bleibt es schließlich dem persönlichen Geschmack des Lesers überlassen, einem von beiden den Vorzug zu geben. Glücklicherweise gibt es gar keinen Grund dafür, sich zu entscheiden.

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Ursula Poznanski
Saeculum
Jugendthriller

Klappenbroschur
Loewe 2011
ISBN: 978-3-7855-7028-9

Klappentext:

Fünf Tage im tiefsten Wald, die nächste Ortschaft kilometerweit entfernt, leben wie im Mittelalter – ohne Strom, ohne Handy -, normalerweise wäre das nichts für Bastian. Dass er dennoch mitmacht bei dieser Reise in die Vergangenheit, liegt einzig und allein an Sandra.
Als kurz vor der Abfahrt das Geheimnis um den Spielort gelüftet wird, fällt ein erster Schatten auf das Unternehmen: Das abgelegene Waldstück, in dem das Abenteuer stattfindet, soll verflucht sein.
Was zunächst niemand ernst nimmt, scheint sich jedoch zu bewahrheiten, denn aus dem harmlosen Live-Rollenspiel wird plötzlich ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit.
Liegt tatsächlich ein Fluch auf dem Wald?

Verlagsseite
Leseprobe
Homepage der Autorin

Geschichte im Bild

Foto: H.H.Immer mal was Neues! Am Wochenende durfte ich Model spielen. Meine Freundin nimmt nämlich an einem Fotowettbewerb vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter dem Motto „Was heißt schon alt?“ teil.

Mit ihrem Foto „Zu jung für sein Alter?“ wollten wir eine kleine Geschichte erzählen. Vielleicht habt ihr Lust, es euch anzusehen, indem ihr auf das Vorschaubild klickt. Sollte euch dieses (oder eines der anderen Bilder) gefallen, würden wir uns über eine Bewertung freuen.

Wir hatten auf jeden Fall viel Spaß beim „shooten“.

THEO kopfüber bis 15.01.11

Originaltext, siehe: www.schreibende-schueler.de/

Schreibwettbewerb 2011
„THEO – Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur“

Veranstalter: Schreibende Schüler e.V. & Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg

Schirmherrschaft:
Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister der Stadt Berlin &
Matthias Platzeck, Ministerpräsident des Landes Brandenburg

THEO ist ein überregionaler [!] Literaturpreis für Kinder und Jugendliche zwischen neun und 19 Jahren. Er wird in drei Alterskategorien verliehen:

9-12 Jahre
13-15 Jahre
16-19 Jahre

Außerdem wird ein eigener THEO in der Kategorie Lyrik vergeben.

Das Thema des Wettbewerbs lautet „Kopfüber“.

Du stehst mit beiden Beinen fest auf dem Boden, die Welt ist wie sie sein sollte, läuft ruhig und überschaubar ab, bis … –
… dich auf einmal ein paar Jungs an den Beinen hochziehen, um dir dein Taschengeld zu klauen
… sich die Dinge überschlagen, du Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzt, ohne genau zu wissen, warum oder wohin die Reise geht? Und was für Gestalten dir auf diesem Weg begegnen!
Oder ist es genau umgekehrt, du läufst mit beiden Händen fest durchs Leben, dass die Welt kopf steht, ist vollkommen normal für dich?

Erzähle uns, wie die Straßen und Gesichter von unten aussehen, was passiert, wenn du anfängst dich gegen den Kopfstand zu wehren und wie schwer es manchmal sein kann, den Kopf über Wasser zu halten

Ein paar Tipps: Nenne deinen Text nicht „Kopfüber“ Das Thema soll nur eine Anregung sein, keine Inhaltsvorgabe. Deiner Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Überrasche uns mit deinen Ideen. Je origineller, desto besser!

Einsendeschluss ist der 15. Januar 2011.

Teilnahmebedingungen:

  • SchülerInnen aller Altersklassen
  • Höchstens 3 A4-Seiten (Times New Roman, Schriftgröße 12, Zeilenabstand 1,5, Seitenrand 2,5 cm)
  • Keine Gruppeneinsendungen und Klassensätze
  • Name, Alter und Adresse (wenn vorhanden auch die E-Mail mit angeben) auf EXTRA-Blatt

Einsendungen:

  • per Mail (als Anhang) an: wettbewerb@schreibende-schueler.de
  • per Post (in 3-facher Ausfertigung) an: Schreibende Schüler e.V., c/o Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Lützowstr. 33, 10785 Berlin

Ablauf:

  • ALLE EinsenderInnen erhalten Gelegenheit, an einer Veranstaltung der Schreibenden Schüler teilzunehmen (Zirkel, Schreibnachmittage, Wochenendwerkstätten, Lesungen …).
  • 35 EinsenderInnen erhalten eine Einladung zur Literaturwoche der Schreibenden Schüler im Sommer 2011.
  • Die elf Nominierten der Altersklassen sowie 3 Nominierte für den „Lyrik-Theo“ nehmen vom 26. – 27. März 2011 am Nominiertentreffen teil. Hier können sie einander kennen lernen, über ihre Texte reden und sich unter professioneller Anleitung auf die öffentliche Lesung am 17.04.2011 vorbereiten.
  • Am 17. April 2011 findet eine große Festveranstaltung statt, anlässlich derer die 14 Nominierten ihre Texte der Öffentlichkeit vorstellten. Anschließend verleiht die Jury den „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2011 in 3 Altersgruppen sowie in der Kategorie Lyrik. Erneut werden auch die Gewinner des Vorjahres in der Jury sitzen. Die 4 PreisträgerInnen erhalten eine Theo-Statue, Büchergutscheine und die kostenfreie Teilnahme an der Sommer-Literaturwoche der Schreibenden Schüler.

„Der THEO ist eine großartige Möglichkeit schreibbegeisterten Jugendlichen Gehör zu verschaffen und andere, die bisher keinen Anlass zum Schreiben hatten, zu motivieren auch kreativ zu werden. Unser neues Thema KOPFÜBER soll alle Altersgruppen ansprechen, die Welt aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten. Das Thema soll zu Abenteuergeschichten genauso anregen, wie zur literarischen Auseinandersetzung mit unserem Alltag“, erklärt Tim Fahrendorff, Pressesprecher der Schreibenden Schüler.

Der THEO, benannt nach dem Schriftsteller Theodor Fontane, möchte Kinder und Jugendliche für die Literatur, das Schreiben und die Kreativität begeistern. 2011 findet der Wettbewerb zum vierten Mal statt.

Quelle: Uschtrin

Jugend hat keinen Sinn für Goethe & Co

Rezitator Lutz Görner: Mit Lyrik lässt sich kein Geld verdienen

Bücherregal: Lyrische Werke lässt die Jugend stehen (Foto: pixelio.de/Siegfried Fries)

Berlin/Weimar (pte/17.09.2010/13:30) – Die Umsätze von Lyrik-Bänden im Buchhandel sinken seit Jahren. „2007 machte der Umsatz im Bereich Lyrik noch 1,8 Prozent vom Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels aus, mittlerweile sind es nur noch rund 1,2 Prozent“, so ein Sprecher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels auf Anfrage von pressetext.

Für Deutschlands bekanntesten Rezitator Lutz Görner liegt der Grund unter anderem an dem Überfluss an Medien: „Die jungen Leute heutzutage haben andere Probleme, als die jungen Leute vor dreißig Jahren. Damals hatten sie noch keinen Computer und Computerspiele, noch kein Handy, keine Klingeltöne, kein Wikipedia, kein Internet. Die hatten nur Fernsehen und LPs.“

Früher sei der Wunsch, sich mit Lyrik auseinanderzusetzen, größer gewesen. „Viele Leute sind in meine Vorstellungen gekommen oder ich bin in die Schulen gegangen. Das wurde mir manchmal schon fast ein bisschen zuviel“, erzählt Görner im pressetext-Interview.

Bewusstsein für Kunst muss sich erst entwickeln

Heutzutage sei kein Platz für Schiller, Goethe und Co meint der Rezitator. „Wenn man so lange Schule hat und dann fünf Stunden im Schnitt vor dem Fernseher oder Computer sitzt, dann ist ja auch nicht mehr so wahnsinnig viel Zeit. Aber das wird auch mal wieder anders.“ Das Bewusstsein für Kunst müsse sich auch erst entwickeln.

„Was will ein Elfjähriger mit einem Liebeslied von Verdi anfangen? Damit ist sein Gefühlshaushalt überfordert. Der hört sich lieber Tokio Hotel an. Das ändert sich dann mit dem Alter und irgendwann merkt man, dass es noch so etwas wie Kunst gibt“, ist sich Görner sicher.

Als Dichter braucht man die richtige Frau

Görner, der u.a. Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat, ist vielen Deutschen und Österreichern bekannt durch seine Fernsehserie ‚Lyrik für alle‘. Über 17 Jahre wurde sie jeden Sonntagmorgen um fünf nach neun in Zusammenarbeit mit dem ORF bei 3sat ausgestrahlt. Mit Lyrik allgemein könne nie jemand wirklich Geld verdienen. Als Rezitator könne er jedoch nicht klagen.

Dichter hätten es schwerer, da die Auflagen von Gedichtbänden zu gering seien. „Von einer 2.000er-Auflage, bei der man auch nur zehn Prozent vom Händlerabgabepreis bekommt, kann man ja nicht mal die Miete zahlen. Wenn man heutzutage Dichter sein will, muss man sich die richtige Frau, mit einem festen Job aussuchen“, scherzt Görner.

Nach wie vor tourt Görner durch Deutschland und ist im Oktober erstmals mit seinem Schiller-Programm „Opiumschlummer und Champagnerrausch“ auch in Österreich zu Gast (22. Oktober Wien; 24. Oktober Wels). Nächsten Montag, 20. September 2010, widmet er sich ab 19 Uhr im Berliner Café Einstein Unter den Linden, gemeinsam mit Gerald Uhlig und „Deutsch-Rapper“ Curse im Rahmen einer Buchvorstellung der Frage, ob „Deutsche Lyrik – verstaubt oder zeitlos?“ ist. Infos hierzu unter http://www.beingoo.de/lyrik.

(pressetext)

Frechheit!

Falsch ausgeschrieben? Oder bin ich hier falsch? Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Da sucht der engagierte Autor Otto N. nach einer Ausschreibung, bei der er Ruhm und Ehre ernten kann, und findet im Ausschreibungstext, er müsse, um teilnehmen zu können, unter 25 Jahre alt sein. Da heißt es, man suche nach jungen Autoren. Ist er etwa mit seinen 26 Jahren nicht mehr jung? Frechheit!

Aber glücklicherweise gibt es da ja noch andere Ausschreibungen. Die nächste, die ihm ins Auge fällt, wäre so ganz in seinem Sinne. Auch das Thema passt. Aber um einen Beitrag einsenden zu dürfen, müsste er in Hagenow leben oder zumindest dort geboren sein. Was soll das denn? Sind Hagenower etwa die besseren Menschen? Muss Otto aus Redefin sich da nicht diskriminiert fühlen?

Aber Otto hat die Geduld eines Zirkuselefanten. Er sucht einfach nach der nächsten Ausschreibung und schaut, um weiteren Enttäuschungen vorzubeugen, zunächst in die Teilnahmebedingungen. Volltreffer: Jeder darf mitmachen, egal wie alt er ist und wo er herkommt. Das ist doch mal Gleichberechtigung! Doch Ottos Freude währt nicht lange. Das Thema sind Vampwölfe. Die kann er gar nicht leiden, kennt sich auch kaum mit den gefräßigen Dingern aus, und Fantasy ist eh nicht so seine Schiene. Kann er nicht einfach über das schreiben, was ihm Spaß macht?

Was denken sich diese Ausschreiber eigentlich? Ist doch eine Frechheit, die Kreativität dermaßen zu beschränken und nicht selten sogar einem Teil der Kreativen des Landes ganz den Riegel vorzuschieben.

Und Otto hat noch Glück. Sein Kumpel Klaus schreibt gar nicht. Der wird also von nahezu allen Schreibwettbewerben und -ausschreibungen ausgeschlossen. Kein Wunder, dass der sich ärgert.

Das kann Otto wirklich gut nachvollziehen, denn neulich fand er eine Ausschreibung für einen Kochwettbewerb. Sind die jetzt völlig bescheuert? Otto kann gar nicht kochen. Frechheit!