Philvent – die neunzehnte Tür

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Ja, ja, ja! Pack es aus! Sabine konnte es kaum erwarten. Längst ärgerte sie sich nicht mehr, dass sie Andrea bewichteln musste. Es war die Chance, ihr alles heimzuzahlen. Jaja, nipp du nur an deinem Orangensaft. Wir wissen alle, du hast ein Alkoholproblem. Und du bist ne blöde Kuh!

Einen Moment hatte Sabine geglaubt, gehofft, sich gewünscht, sie könnten mehr als Kollegen sein, Andrea und sie. Vor ein paar Tagen erst, als Andrea den Finger auf Sabines Armband gelegt und gesagt hatte: „Du sammelst Trollbeads? Ich auch.“ Doch schon einen Wimpernschlag später war da nur wieder das altbekannte fiese Grinsen.

Ja, diese böse Überraschung hast du dir verdient. Und das Lachen der Kollegen. Sabine hatte es sich schon beim Kauf der Schweineleber nicht verkneifen können. Lies den Zettel: „Ersatzleber“! So schnell hatte Andrea sicher noch keine Party verlassen.

Jetzt erst fand Sabine die Ruhe, ihr Wichtelgeschenk auszupacken. Ein Trollbead!

Philvent – die achtzehnte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Shit! Wo war das verdammte Ding? Er brauchte es unbedingt! Wie konnte er es von gestern auf heute verlegt haben? Er suchte ein zweites Mal in der Küche. Nichts. Schlimmer konnte ein Morgen kaum beginnen. Wohnzimmer. Nichts. Wenn er den Kalender nicht fand, war für ihn der Tag gelaufen. Arbeitszimmer. Nichts. Gleich hatte er einen Termin. Und die Tür bliebe verschlossen. Schlafzimmer. Ni… da! Erleichtert streichelte er über den Weihnachtsbaum auf der Oberseite, dann öffnete er Türchen Nummer 18. Als er die Schokolade auf der Zunge schmelzen ließ, wurde er vollständig ruhig.

Philvent – die siebzehnte Tür (nachgereicht)

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

„Haben Sie eine dicke Suppe? Ich habe hier bisher nur Kaffee getrunken. Aber heute hätte ich gern eine dicke Suppe.“
„Wir haben Avocado oder Tomate.“
„Avocado, ist die nicht mit Chili?“
„Ja.“
„Also scharf. Dann Tomate.“
„Irgendwas dazu?“
„Ja, ich hätte dazu gern ne Kleinigkeit gegessen.“
„Äh, zur Suppe gibt es ohnehin Baguette.“
„Bieten Sie nicht zum Frühstück Brötchen an? Eines mit Lachs hätte ich gern.“
„Ich schaue mal, ob wir jetzt am Nachmittag noch Brötchen haben.“
„Achso, na dann nehme ich zusätzlich noch ein Käsebrötchen. Und könnten Sie noch ein bisschen Holz im Kamin nachlegen? Es ist kalt im Winter.“
„Nein, tut mir leid, das ist nur ein Bildschirm.“

Philvent – die sechzehnte Tür

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Sonntag, 3. Advent. Nur eine der Kranzkerzen flackert nicht. Die drei anderen verkünden das baldige Weihnachtsfest. Der Anblick pflanzt erste Sorgen in mein Hirn. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Wenig. Das ist sicher. Ist es schon so weit? Heute? Oder doch erst morgen? Gibt es keinen Ausweg? Wer kann mir sagen, wann man mich ins Haus holt? Noch eine Kerze? Sicher? Dann bleibt mir noch eine Woche. Eine Woche Angst.

Philvent – die fünfzehnte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Mir fiel die Kinnlade herunter. Was hatte sie gesagt? Sie wolle Weihnachten endlich einmal rundum genießen? Was hatte sie die letzten Jahre anders gemacht? Jahre, in denen die ganze Arbeit mir zufiel. Sie hatte sich doch immer stundenlang mit dem Schmücken des Weihnachtsbaums aufgehalten. Des Baums, den ich zuvor gekauft, transportiert und mühsam aufgerichtet hatte. Ich kümmerte mich um die Wohnung. Ich kümmerte mich ums Essen. Ich kümmerte mich um die Gäste. Sie kümmerte sich nur um den Baum, alles andere kümmerte sie nicht. Wenn ich nicht wäre …
„Du siehst ganz schön scheiße aus“, unterbrach sie meinen empörten Gedankenfluss. „Du solltest dringend zum Arzt gehen.“ Sie bückte sich, wühlte eine Weile im hohen Schnee, fand, was sie suchte,  und reichte mir die heruntergefallene Kinnlade.

Philvent – die vierzehnte Tür (nachgereicht)

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Es roch nach Apfelsinen und Nüssen. Und es war stickig. So tief hatte ich meine Nase noch nie in den Sack gesteckt. Wie war mein Kopf, der brummte, als sei eine ganze Herde Rentiere darübergaloppiert, da hineingeraten? Ich erinnerte mich nur noch an die Party, mit der wir den erfolgreichen Abschluss unseres alljährlichen Arbeitseinsatzes gefeiert hatten. Der Rest war ebenso dunkel wie meine derzeitige Umgebung, die schuckelte, als säße ich noch auf meinem Schlitten. Ich versuchte, zu ertasten, wo ich war. Gerade fand ich meine Rute, da hörte ich quietschende Reifen – war ich in einem Kofferraum? Plötzlich öffnete sich ein Spalt, helles Licht blendete mich. Ich hörte eine Stimme: „Ich hoffe, Sie haben die Fahrt in meinem Taxi gut überstanden.“
„Mein Schlitten wäre bequemer gewesen.“
„Dann sollten Sie sich nächstes Jahr nicht so besaufen. Und von mir aus hätten Sie ja gern vorn sitzen können. Aber Ihre Rentiere waren dagegen.“

Philvent – die dreizehnte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Ey, krass, Alter. Ich gestern in die City aufn Weihnachtsmarkt. Voll voll da. Und voll Schnee, logisch, ne. Ich mich fast auf die Schnauze gepackt. Konnt mich gerade noch festhalten, am Stock von soner Alten. Hat die sich auf die Fresse gepackt. Ich denk noch, Glück gehabt, springt mich der Hund von der Alten an. War nur son kleiner Baumpisser. Ich den am Genick und voll weggefeuert, die Töle. Voll in sone Bäckerbude in den Ofen rein. Ich voll laut losgelacht, von wegen Hundekuchen und so, da stolper ich rückwärts über die Alte. Scheiß Schnee, hab ich gedacht, als ich die Oma verprügelt hab.

Philvent – die zwölfte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Er vertiefte sich so in sein Tun, dass er erst, als er es fast beendet hatte, bemerkte, welcher dumme Fehler ihm unterlaufen war. Er stand mit seinem Schneefeger und dem Eiskratzer vor dem falschen Auto. Seine Nachbarin würde sich freuen. Wo aber hatte er seinen Wagen geparkt? Und wie um Himmels willen sollte er jetzt noch rechtzeitig zur Prüfung kommen? Frau Hempels Auto freizulegen, hatte ihn eine knappe halbe Stunde gekostet.

Seines musste eines derjenigen sein, die unter dem glitzernden Weiß nicht zu erkennen waren. Während er probehalber mal an diesem ein wenig Schnee herunterfegte, mal an jenem ein bisschen Eis von der Scheibe kratzte, begrüßte ihn Frau Hempel lachend, bedankte sich nicht weniger fröhlich und fragte ihn kichernd, ob er nicht auch einmal unter ihrem Sofa kehren wolle. Die Frage, ob sie ihm nun, da sie ja mit seiner Hilfe Zeit gespart habe, bei der Suche nach seinem Gefährt helfen könne, verneinte sie mit der Begründung, sie habe eben diese Zeit damit verbracht, ihn vom Fenster aus zu beobachten, und sei nun selbst schon spät dran. Die flehentliche Bitte, ihn wenigstens ein Stück mitzunehmen, verhöhnte sie gar vollkommen unbegründet, indem sie ihn nahezu über den Haufen fuhr. Dass er beim Versuch, sich zu retten, stürzte, war allerdings ein Glück, fiel er doch, wie es der Zufall wollte, endlich gegen sein eigenes Auto, derweil ihn der aufkommende Zorn auf Frau Hempel, die ihm nun auch heftige körperliche Schmerzen bereitet hatte, derart beflügelte, dass er dieses in weniger als fünfzehn Minuten fahrtüchtig bekam. Die Prüfung konnte er dennoch nicht mehr absolvieren, da Wut auf glatten Straßen nun einmal ein schlechter Begleiter ist.

Philvent – die elfte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Es war einmal ein kleiner Dieb. Der war nicht besonders geschickt. Und praktisch veranlagt schon gar nicht. Und klug … nun ja, lest selbst. Der kleine Dieb lebte in einer kleinen Wohnung in einem großen Haus. Und als die Weihnachtszeit kam, duftete es bald überall nach Plätzchen. Der kleine Dieb stellte sich vor, wie in den Wohnungen, an denen er täglich vorbeikam, wenn er zur … Arbeit ging oder von dort kam, Mütter oder Väter mit ihren Kindern leckeres Gebäck aus dem Ofen holten. Und wie sie dann gemeinsam in ihren Wohnzimmern saßen und es sich schmecken ließen. Da wurde er traurig, denn er hatte weder Plätzchen noch Ofen. Doch dann fiel es ihm ein: „Ich bin ja ein kleiner Dieb!“

Hätte er mal die Plätzchen gestohlen …

Philvent – die zehnte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Sie verschluckte die Sterne. Einen nach dem anderen. So dunkel war die Wolke, die sich auf sein Gemüt gelegt hatte. Er sah auf zum Mond, der einen Trauerschleier trug. Dann schaute er hinunter. In den Schnee, der seine letzte Hoffnung verbarg. Er öffnete das Fenster. Die eisige Nachtluft kühlte seinen Schmerz nicht. Er breitete die Arme aus. Flog mit ihnen auf den Augenblick zu, in dem sie einen lächelnden Engel in das kristallene Weiß zeichneten.

Philvent – die neunte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Er hätte nie geglaubt, dass er das noch einmal sagen würde. Erneut rief er es laut. „Es schneit!“ Natürlich war dieser Satz nicht neu. Auch für ihn nicht. Doch zum ersten Mal sprach er ihn in dieser Weise mit solch freudiger Inbrunst aus. Sein Leben lang hatte er Schnee gehasst. Nun aber wusste er seinen Fehler behoben. Das flockig dichte Weiß verdeckte, vertuschte, verwischte Spuren.

Philvent – die achte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Das Rentier steckte mit der Schnauze im Vogelhäuschen. Eine Meise saß auf dem Dach der Nasenfalle und schimpfte. Marhold wunderte sich ein wenig über den mehr als seltenen Besucher. Ob und wie oft eben diese Meise bisher seinen Balkon besucht hatte, wusste er nicht – mit Vögeln kannte er sich nicht so gut aus, beobachtete nur gern. Doch er glaubte, hätte er den Paarhufer schon einmal hier oben gesehen, würde er sich daran erinnern.

Nun aber war Not am Mann, und Marholt befreite das Ren aus seiner misslichen Lage, indem er vorsichtig und begleitet von der flatternden Empörung der Meise das Dach von seinem Häuschen trennte. Der Hirsch schnaubte, leckte mit einem Schleck  das verbliebene Vogelfutter weg und sprang auf die Balkonbrüstung. Marholts Frage, wie er denn heraufgekommen sei, ließ er unbeantwortet, schnaubte lediglich ein zweites Mal und flog – gefolgt von der wütenden Meise – in den Abendhimmel.

Philvent – die siebte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Als Herr Aves von der Reise heimkam, lag sein Häuschen im Schnee begraben. Nicht einmal die kleinste Ecke des roten Daches schaute mehr heraus. So nahm er eine Schaufel und begann, die weißen Massen beiseite zu räumen. Nach wenigen Minuten betrachtete er sein Werk. Er ging hinein.

Herr Aves brachte eine Schnur mit hinaus und besfestigte das Häuschen an einem dicken Ast. Dann bestreute er den Boden dick mit Vogelfutter und wartete auf seine ersten Besucher.

Philvent – die sechste Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Ich hatte die Winterstiefel gerade erst gekauft. Und nun waren sie weg. Ungläubig starrte ich dorthin, wo ich sie gestern Abend nach einem ersten Testspaziergang hatte stehenlassen. Da, neben dem Schuhschränkchen im Hausflur, standen ein paar ausgelatschte und verbeulte Treter. Diese von jeder Mode vollkommen unbeeindruckten Dinger waren randvoll mit allerhand  Süßkram, Nüssen und Apfelsinen gefüllt. Und es klebte ein Zettel an ihnen, auf dem stand: „Danke! Der Nikolaus.“

Philvent – die fünfte Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Jedes Jahr dasselbe. Die ganze Nacht war er fort gewesen. Und nun kam er heim, die Nase ganz rot, der Bart zerzaust, das Gesicht verschmutzt und die Klamotten dreckig. „Lernst du es nie?“, fragte sie und riss ihm den leeren Sack aus der Hand. Sie stülpte ihn ihm über und verdrosch ihn mit seiner Rute.