LesBar: Haufen

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Er hat schon immer einen Haufen Sachen gemacht. Mancher Haufen Scheiße war darunter. Aber er hatte auch schon immer einen zu laufen. Sagen die anderen. Er läuft einfach. Hier hin und da hin. Mal beides gleichzeitig. Manchmal schnell, manchmal langsam. Er kommt nie irgendwo an. Aber er will auch nicht ausruhen. Die Zeit ist zu kurz, das Neue zu schnell alt. Er wird nicht alt. Sagt er selbst. Das Keuchen gehört dazu.

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LesBar: Doppelagent

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Ei in zwei Hälften
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Dass er ein kräftiger Mann war, half ihm in seiner Verzweiflung. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und zerrte so lange, bis er sich in der Mitte entzweigerissen hatte.

Für eine Weile schien es ihm, als habe er damit seine Probleme gelöst. Er gab sich auch weiterhin Mühe, den Wünschen beider Seiten nachzukommen. Endlich gelang ihm das, ohne entweder diese oder jene zu vernachlässigen.

Leider musste er schon bald feststellen, dass er sowohl in den Augen seiner Frau als auch bei seiner Geliebten zusehends an Ansehen verlor. Er war für beide nur noch eine halbe Portion.

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LesBar: Dem Tod verfallen

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War es nicht gerade das Geheimnisvolle, das mich angezogen hatte? Dieser Blick aus den Augen einer Leopardin?
Vom ersten Moment an hatte ich mir gewünscht, ihr zum Opfer zu fallen. War ich nun, nachdem ich schon fast verzweifelt aufgegeben hatte, endlich dem Ziel dieser Wünsche näher gekommen?

Ohne Zweifel. Denn ich befand mich allein mit ihr in einem abgedunkelten Zimmer. Ihrem Zimmer. Nur das Licht einer Kerze ließ ihre Augen funkeln.
Ihr Blick verriet mir, dass ich hoffnungslos verloren war. Sie musste nicht heucheln. Ich hatte begriffen, was unbegreiflich war. Und ich sah keinen Grund, mich dagegen zu wehren.

Ihre Kleidung und was ich im Schein der Kerze von der Einrichtung erkennen konnte, versetzte mich in eine andere Zeit. Eine andere Welt, die nun betreten wurde von einem weiteren Wesen, nicht weniger fesselnd als meine Leopardin, doch das Haupt schwarz behaart. Ein Panther!

Stumm saß ich ihnen gegenüber, still maßen mich ihre Blicke.
Dann, ein Schnurren! Auf leisen Sohlen näherten sie sich, zum Sprung bereit.
Sie spielten ein Spiel, spielten mit ihrer Beute. Sanft strichen ihre Pfoten über meinen Leib, die Krallen verborgen. Verräterisch kitzelte das Haar der einen meine Brust, liebkoste die Nase der anderen meinen Bauchnabel.

Es war kein Sträuben, das alle Härchen an meinem Körper aufrichtete. Die Erregung schickte mir heiße und kalte Schauer. Und als meine Männlichkeit auferstand, fühlte ich den Betrug, den dieses Wort der Stärke in sich barg. Doch ich lächelte.

Lächelte noch, als sie die Zähne bleckten, die Krallen aus den Tatzen fuhren, aus dem Schnurren ein Fauchen wurde und ich, in diesem Moment höchsten Glücks, dem Tod entgegensah.

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© Ben Philipp

LesBar: Des Hasen Natur

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Es kam der Tag, an dem musste der Fuchs ein wenig länger auf den Hasen warten. Als dieser schließlich eintraf, keuchte er und ließ die Ohren hängen. “Dieser Wettlauf mit dem Igel bringt mich noch einmal um! Ich glaube, meine Frau hat recht, wenn sie sagt, ich solle mich endlich wieder auf meine Natur besinnen und Fabeln Fabeln sein lassen.” Anschließend sagte er dem Fuchs sogleich gute Nacht.

Der Fuchs aber dachte noch den ganzen Abend und den folgenden Tag über die Worte des Hasen nach, und als der ihm am nächsten Abend wieder gute Nacht sagte, tat er damit zugleich seinen letzten Atemzug.

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LesBar: Der Wächter

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Aus der Höhle drang ein modriger Gestank. Mark fragte sich zum wiederholten Mal, warum er all diese Strapazen auf sich genommen hatte. Der Dschungel, die Gefahren, die Moskitos …
Zum ersten Mal aber stellte er sich die Frage: Wer oder was war der Wächter, von dem die Aufzeichnungen sprachen?
“Wollen wir es wagen?” Dr. Hunt schaute in die Runde.
Die deutsche Schönheit würde sich nicht abhalten lassen, auch diesen letzten Schritt zu gehen. Mark hatte gehofft, seiner Auftraggeberin während der Expedition näher zu kommen, aber sie interessierte sich nur für das Vermächtnis ihres Vaters.
Auch der wortkarge Skut schien entschlossen. Beinahe ausschließlich durch Gesten wies er seine Männer an, den größten Teil des Proviants vor der Höhle zu verstecken. Er überprüfte sein Gewehr und schritt voraus. Dr. Hunt folgte ihm. Auch die anderen zögerten nicht.
Mark starrte in die Dunkelheit des Lochs, in dem seine Begleiter verschwunden waren, die durch die tanzenden Lichtkegel der Taschenlampen noch hervorgehoben wurde. Er wollte da nicht rein! Selbst der üppige Lohn konnte ihn nicht reizen. Und das Versprechen in den Augen und dem Lächeln Dr. Hunts, das sie ihm gegeben hatte, als sie ihn zu dieser Expedition überredet hatte, war entweder eingebildet oder geheuchelt gewesen. Einem Feigling wie ihm brachte sie kaum mehr als Verachtung entgegen.
Plötzlich stand sie wieder im Höhleneingang. Sollte sie aufgegeben haben? Mark spürte einen Anflug von Hoffnung.
“Mark, worauf warten Sie noch? Wir brauchen Sie. Ohne Sie werden wir scheitern. So kurz vor dem Ziel.”
Sie lächelte ihn an. Zum ersten Mal, seit sie aufgebrochen waren. Mark schulterte seinen Rucksack.

Der Gestank wurde unerträglich. Es roch nach Tod. Mark hielt sich die Nase zu. Er wusste nicht, wie lange sie sich schon durch die Nacht der Höhle gekämpft hatten, aber er spürte, dass sie dem Ende der Reise immer näher kamen. Vielleicht dem Ende ihres Lebens.
Skut ließ den Trupp halten. Er winkte Dr. Hunt zu sich. Mark wollte gar nicht wissen, was es dort vorn zu sehen gab. Doch schon rief ihn seine Chefin.
“Mark, nun sind Sie an der Reihe.”

Von nun an musste er vorangehen. An jeder Wegkreuzung gab es Schriftzeichen zu entziffern, die den weiteren Weg beschrieben. Die Sprachen wechselten: Latein, Altgriechisch, Hebräisch, Kemisch, Gotisch. Und immer galt es ein Rätsel zu lösen, bei dem ihm Dr. Hunt zur Seite stand. Bald vertiefte er sich derart in seine Aufgabe und in das Rätselspiel mit seiner Begleiterin, dass er beinahe vergaß, wo er sich befand.

Sie standen am Ende eines Gangs, der scheinbar eine Sackgasse war. Eine letzte Inschrift fanden sie erst, nachdem sie auch die Decke mit ihren Taschenlampen ausgeleuchtet hatten. Sie war seltsamerweise in Deutsch verfasst und deutlich weniger rätselhaft als die vorigen:
“Beiseite nun den Stein, der Wächter lässt dich ein.”
Es gab nur einen Stein, der in etwa mannshoch war. Ohne nachzudenken, versuchte Mark ihn zu bewegen. Skut fasste ihn an der Schulter und zog ihn aus dem Weg. Mit fünf Männern wuchtete er den Stein zur Seite und ein weiterer Gang wurde sichtbar, den man nur auf allen Vieren passieren konnte. Ein kalter Gestank drang aus dem Loch hervor.
“Nun sind wir am Ziel.” Dr. Hunt stellte sich vor den Eingang. “In wenigen Minuten werden wir wissen, für welchen Schatz mein Vater sein Leben lassen musste. Und wir werden wissen, welcher Wächter ihn bewacht.” Sie drehte sich um und kniete sich hin.
Skut hielt sie zurück. Er richtete sein Gewehr auf sie und schickte seine Leute voran. Kalter ließ er als Bewacher zurück.
Der Mann schien enttäuscht, doch er grinste frech, als er Mark und Dr. Hunt ansah. “Danke, Frau Doktor und Herr Sprachwissenschaftler. Danke, dass sie uns zu dem Schatz geführt haben.”
Mark schaute Dr. Hunt an, doch er sah sie lächeln, als Kalters Lampe ihr Gesicht erhellte. Hatte sie ihnen nicht alles verraten? Was wusste sie über den Schatz? Und was wusste sie von dem Wächter?

Nicht ein Schuss fiel. Die Schreie währten nur kurz. Und doch steckte in ihnen so viel Entsetzen und Schmerz, dass Kalter die Flucht ergriff. Mark wollte ihm folgen, doch Dr. Hunt hielt ihn zurück. Sie leuchtete ihm ins Gesicht.
“Er kann nicht hier durch!”
“Wer ist er? Der Wächter? Was für ein grausames Geschöpf ist das?”
“Kommen Sie mit mir.” Sie machte Anstalten in den Gang zu kriechen.
“Niemals. Sie sind verrückt!”
“Vertrauen Sie mir. Dieses eine Mal noch.” Sie verschwand mitsamt ihrer Taschenlampe.
Mark stand im Dunkeln. Allein wollte er nicht bleiben.

Nach wenigen Metern schaltete Dr. Hunt die Taschenlampe aus. Kurz darauf erhellte sich der Gang etwas und vor ihnen öffnete sich ein weiter Raum, in den ein Streifen Tageslicht fiel.
“Nicht weiter!”, flüsterte Dr. Hunt.
Mark dachte an die Schreie und fand, dass sie schon viel zu weit gegangen waren. Aber eine direkte Gefahr konnte er in dem Dämmerlicht nicht ausmachen. Alles blieb still.
“Er wartet auf uns.”
Die Stille schmerzte beinah und Mark begann sich einzureden, Dr. Hunt habe Unrecht und der Wächter sei längst abgezogen.
Dann hörte er ein Schnauben. Der Gang verdunkelte sich und Mark konnte die Umrisse eines riesigen Kopfes erkennen. War das der Kopf eines Reptils?

Mark sah noch immer den Kopf des Monsters vor sich, obwohl sie sich längst aus dem Gang zurückgezogen hatten.
“Beeindruckend, nicht wahr?” Dr. Hunt lachte.
“Was war das?”
“Ein Tyrannosaurus.”
“Wollen Sie mich verarschen?”
“Sie haben ihn doch gesehen.”
Ihr Lachen verwirrte Mark. “Wie wollen Sie je an diesem Monstrum vorbeikommen? Wie können Sie glauben, nun noch den Schatz Ihres Vaters zu finden?”
“Aber ich habe ihn doch schon gefunden.”
“Wie bitte?”
“Sie vergessen, dass mein Vater Paläontologe war. Für ihn muss die Existenz längst ausgestorben geglaubter Tiere der größte Schatz gewesen sein, den er sich erträumen konnte. Schatz und Wächter in einem.”
Mark begann zu verstehen. Doch nur langsam. “Und nun? Was wollen Sie tun?”
“Hierbleiben!”
“Sie wollen hierbleiben? Was ist mit Kalter?”
“Ohne Sie, mein lieber Mark, ist er im Labyrinth der Gänge verloren.”
Mark schauderte. “Was wollen Sie von mir?”
“Ich appeliere an Ihren Forschergeist. Sie haben nur einen der Dinosaurier gesehen. Den Wächter. Doch er bewacht eine Familie. Vielleicht eine ganze Population. Mein Vater hatte nicht die Zeit, herauszufinden, wie sie hier überleben konnten. Wie sie hier leben. Helfen Sie mir. Lassen Sie uns über die Wächter wachen. Ich heiße übrigens Linda.”
Mark lachte. Ein bitteres Lachen. Diese Frau war unglaublich. Aber auch unglaublich überzeugend.

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© Ben Philipp

LesBar: Käse

LesBar, Foto: Anneka
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Herr P. sagt zu Frau P.: „Dein Gedächtnis ist wie dieser Käse!”

Er tippt mit dem Zeigefinger auf eines der vielen Löcher.
„Ich weiß”, sagt sie.
„Woher weißt du?”, fragt er.
„Du hast es mir schon gestern gesagt.”
Herr P. runzelt die Stirn. „Gestern?”
„Und vorgestern.”
„Vorgestern auch schon?” Herr P. ist überrascht.
„Du sagst es mir jeden Tag.”
„Jeden Tag?”
„Immer wenn du diesen Käse isst.” Nun tippt Frau P. auf den Käse.
Herr P. kratzt sich am Kinn. „Esse ich diesen Käse denn jeden Tag?”
Sie nickt. „Jeden Tag.”
Herr P. schüttelt verwundert den Kopf. Dann fragt er: „Was denkst du, werde ich morgen zu dir sagen?”
„Dein Gedächtnis ist wie dieser Käse.” Frau P.s Antwort klingt sehr überzeugt, wenn auch gelangweilt. Sie räumt den Tisch ab.
Herr P. lächelt plötzlich. „Nun, dir muss man das eben öfter sagen.” Er tippt auf den Löcherkäse. „Denn dein Gedächtnis ist wie dieser Käse.”

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LesBar: Raststätte

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Auf dem Weg zu dem Gespräch, das die Wende in meinem Leben bedeuten sollte, hielt ich an einer Raststätte. Mir war nicht danach, mich aus meinen Gedanken wecken zu lassen. Nichts wollte ich an mich heranlassen, es sei denn, es könnte meinen Magen füllen. Ich erstand zwei belegte Brötchen zu einem Kaffee und suchte mir einen Tisch, der dem Trubel so weit als möglich entrückt war.

Längst hatte ich mich wieder in mein Innen zurückgezogen, als mir jemand auf die Schulter tippte. Eine junge Frau, die mir sogleich – lauter als es mir angenehm war – eine Frage stellte. Ob ich glücklich sei, wollte sie wissen. In dem Moment war ich zu überrascht, um umgehend zu reagieren. Später musste ich mir eingestehen, dass ich noch weit länger hätte überlegen müssen, um wahrheitsgemäß zu antworten.

Sie aber nahm sich diese Zeit nicht. Ohne eine Antwort erhalten zu haben, drehte sie sich zu einem jungen Mann um, während sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger hinter sich und damit auf mich deutete. “Siehst du, so wird es dir auch ergehen, wenn du die falsche Entscheidung triffst!”

Sie ließ mich sitzen, ohne mir weitere Beachtung zu schenken. Ob ihre Demonstration bei ihm Wirkung gezeigt hat, weiß ich nicht. Ich aber stieg ins Auto, sagte meinen Termin ab und machte mich auf den Weg nach Hause.

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© Ben Philipp

LesBar: Wollen Sie nicht gewinnen?

LesBar, Foto: Anneka
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„Guten Tag, Herr Mann.”
Die unbekannte weibliche Stimme am Telefon klingt freundlich. Ich versuche, ihr ebenso freundlich zu antworten. Woher sollte sie auch ahnen, dass ich an einem Dienstagvormittag viel zu tun haben könnte?
„Sie haben doch vor einiger Zeit mal an der Nordsüddeutschen Klassenlotterie Ostwest teilgenommen, richtig?”
„Richtig.” Sollten die Leute etwa zur Erkenntnis gelangt sein, dass sie mir einen Hauptgewinn unterschlagen haben? Trotz meiner angeborenen Skepsis spüre ich, wie mein Herz ein wenig die Brust hinaufklettert. Vermutlich will es kein Wort verpassen.
„Sehen Sie, Herr Mann, wir von der Nordsüddeutschen Klassenlotterie Ostwest finden es schade, dass langjährige Kunden wie Sie bei uns noch nicht gewonnen haben. Daher haben wir uns zu einer besonderen Aktion entschieden, bei der nur solche Kunden teilnehmen können, die in der Vergangenheit noch nicht …”

Ich sollte auflegen! Es ist nicht nur eine leichte Enttäuschung, die mein Herz wieder in sein Stammgefäß zurückrutschen lässt, auch schrillt eine Klingel in meinem Kopf: Pass auf! Sonst wirst du die nicht mehr los. Dennoch verspüre ich, möglicherweise aus puren Rachegelüsten heraus, einen gewissen Ehrgeiz in mir aufsteigen.

„Entschuldigen Sie”, sage ich, mein Hörergegenüber unterbrechend, das ungeachtet meiner unausgesprochenen Gedanken und meiner fehlenden Aufmerksamkeit in seinen Ausführungen fortgefahren ist. „Ich fürchte, ich kann mir das nicht leisten.”
„Was?”
„Noch einmal monatlich Geld für ein Los auszugeben.”
„Aber Sie bekommen doch fünf Lose auf einmal.”

Ich sollte wirklich auflegen, aber diese Logik reizt mich nur noch mehr. „Das kann ich mir erst recht nicht leisten.”
„Herr Mann, hören Sie mir doch erst mal zu. Es kostet Sie ja praktisch nichts. Und die Gewinnchancen …”
„Also schenken Sie mir die Lose?”
„Herr Mann, unterbrechen Sie mich doch nicht dauernd, sehen Sie, mit 97,99-prozentiger Sicherheit gehören Sie schon jetzt …”
„Ja, aber ich kann mir ja schon die Lose nicht leisten.”

Ich halte das eigentlich für ein Totschlagargument. Tatsächlich scheint die Frau zu stutzen.
„Aber, wenn sie doch so sicher gewinnen, haben Sie das Geld bald wieder drin. Also …” Sie klingt jetzt weniger freundlich, fast verärgert.
Ich passe mich ihrem Ton an. „Gute Frau, dann sagen Sie mir doch endlich, was die Lose kosten!”
„Also, wir haben fünf Achtellose für Sie bereitgestellt. Mit jedem haben Sie die Chance auf einen Gewinn in Höhe von bis zu einer Million Euro. Sie haben garantierte Gewinnchancen von …”
„Was muss ich zahlen?”
„… selbst mit dem kleinsten Gewinn …”
„Der Preis!”
„Es kostet Sie nur sagenhafte 54 Euro, die sie nahezu garantiert …”
„Sehen Sie!” Aus mir heraus schreit der Triumph. „Das kann ich mir nicht leisten!”
„Aber, Herr Mann. Das ist doch kein hoher Betrag, wenn Sie bedenken, dass Sie den Einsatz am Ende mit ziemlicher Sicherheit vielfach zurückbekommen!”

Ich bin von der Begriffsstutzigkeit der Dame enttäuscht. Ich beschließe, Sie endgültig mundtot zu machen. „Hören Sie. Ich habe das Geld nicht …”
„Aber wenn Sie doch gewinnen.”
„Dazu müsste ich es ja erst einmal haben. Wenn Sie wollen, können Sie mir natürlich den Betrag vorlegen. Wenn ich gewinne, zahle ich es Ihnen auch garantiert zurück.”
Sie kichert unsicher. „Nein, das geht natürlich nicht. Sie bekommen wirklich keine 54 Euro zusammen, Herr Mann?”
„Sie müssten den Gewinn an einen Verhungerten auszahlen.”
„Aber wollen Sie denn nicht gewinnen? Sie bräuchten jetzt nur zuzusagen, Herr Mann.”

Ich würde mir mit beiden Händen an den Kopf fassen, wenn ich nicht den Hörer halten müsste. „Gut”, sage ich. „Ich sage zu und garantiere Ihnen mit sogar 100-prozentiger Sicherheit, dass ich Ihnen die Rechnung für die Lose schuldig bleiben werde.”
„Na, zahlen müssen Sie natürlich schon.”
„Kann ich doch aber nicht.”
„Wollen Sie sich diese Chance wirklich entgehen lassen?”

Ich gebe auf. „Also, was brauchen Sie?”
„Ihr Vorname war …?”
„Hermann.”

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Philvent – die vierundzwanzigste Tür

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Es war einmal der Prinz. Der kam auf den Hof und rief: „Wo ist die Prinzessin?“
„Welche Prinzessin?“, wollten die Leute wissen.
„Ich bin ihr vom Ball gefolgt, und sie ist hier auf den Hof geritten“, erklärte der Prinz.
Die Leute lachten. „Hier gibt es keine Prinzessinnen!“
Der Prinz überlegte lange. Doch er hatte sie durch das Tor reiten sehen. „Vielleicht ist sie keine Prinzessin. Führt mir alle jungen Frauen vor, die hier auf dem Hof leben!“
Man tat, wie er verlangte. Bald schon sah er sich viel (mehr oder weniger) holder Weiblichkeit gegenüber. Doch konnte er sich nicht entscheiden, welche diejenige war, die er suchte. Er zog den Schuh hervor und rief: „Ich werde sie an ihrem schlanken Fuß erkennen! Diejenige, der dieser Schuh passt, soll meine Frau werden.“
„Welche Größe?“, rief ein vorlautes Mädchen.
Der Prinz schaute nach. „36.“
Doch gleich mehrere der anwesenden Damen behaupteten, sie trügen Schuhe in genau dieser Größe. Und tatsächlich passte der Schuh jeder von ihnen (abgesehen von einer, die wohl geschummelt hatte, und die trotz abgehackter Zehen mit ihre haarigen Hinterpranken nicht in das Tanzschühchen hineinkam).
„Füße werden ohnehin überbewertet“, sagte der Prinz, wählte einfach das Mädchen, das ihm am besten gefiel und fragte: „Willst du meine Frau werden, Prinzessin an meiner Seite und zukünftige Königin?“
Die Erwählte schaute ihn an und antwortete: „Lieber brödel ich mein Leben lang in der Asche!“
Schöne Bescherung!
„Schöne Bescheeeeerung!“, riefen die Leute.

Philvent – die dreiundzwanzigste Tür

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Sonntag, 4. Advent. Der Kranz leuchtet hell. Vier Kerzen verkünden nun das Unweigerliche. Das Unvermeidbare. Den Tod. Keine Zeit mehr. Ich habe mich erkundigt. Morgen wird man mich ins Haus holen. Zum Essen. Höhepunkt der Feierlichkeiten. Wenigstens musst du dann nicht mehr frieren, haben mir die gesagt, die Mitleid mit mir haben. Wenigstens hältst du dann den Schnabel, sagten die anderen. Ja, mir ist jetzt schon heiß. Und meinen Schnabel werde ich verlieren. Da kommen sie! Ist es schon so weit? Nein, sie schauen nur, ob ich kräftig und gesund bin. Das Futter war gut. Aber ich zittere. Obwohl mir ganz und gar nicht kalt ist. Habe ich Fieber? Werde ich krank? Das ist es: frohe Weihnachten!

Philvent – die zweiundzwanzigste Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Irgendetwas stimmte nicht. Sie schaute lange aus dem Fenster. Begriff nicht, was es war. Sie schüttelte den Kopf und setzte sich wieder vor den Fernseher. Sie zappte durch die Programme. Keines konnte sie lange begeistern. Hunger. Sie ging zum Kühlschrank. Ein Joghurt. Ein Apfel. Und die Schachtel mit dem Rest vom Stollen, den die Mutter ihr geschickt hatte. Sie schloss den Kühlschrank, öffnete ihn aber gleich wieder. Eine Möhre. Sie betrachtete sie lange und ging wieder zum Fenster. Der Schneemann. Er war nicht mehr da. Gestern hatte sie ihm noch gewunken. Heute war er weg. War das seine Spur dort im Schnee? Sie ging in den Garten. Vergaß den Hunger. Eine Botschaft im Schnee: Bei dir war mir zu kalt.

Philvent – die einundzwanzigste Tür

© Ramona Heim
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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

„Du bist zu früh!“
„Bin ich nicht, alter Sack!“
„Na, dann schau mal in den Kalender, Löffelchen.“
„Kannst mir glauben, ich wär auch lieber im Nest geblieben. Anweisung von oben. Soll dir helfen, weil du das in deinem Alter nicht mehr allein auf die Reihe kriegst.“
„Das hat – wenn überhaupt – nichts mit meinem Alter zu tun, sondern  damit, dass die Wünsche nicht gerade bescheidener werden.“
„Wie auch immer.“
„Wie auch immer. Du kommst trotzdem zu früh. Weihnachten ist erst in drei Tagen.“
„Und vorher hast du nix zu tun?“
„Ein bisschen Gartenarbeit.“
„Aha. Hast du auch Möhrchen?“
„Wer wünscht sich schon Möhrchen? Außerdem wird alles genau abgezählt eingepflanzt. Überproduktion is nich.“
„Ich hab jedes Jahr Eier übrig.“
„Lass stecken!“
„Würden aber gut zu deiner Rute passen.“

Philvent – die zwanzigste Tür

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Ich wünsche euch eine frohe Philventszeit! Hä? Ja, richtig gehört. Das ist die Zeit der 24 kleinen Geschichten. Jeden Tag eine neue. Und jede neue übertrifft die vorige um einen Satz. Bis zum 24. Dezember, Philnachten, geht das so.

Die Entscheidung war gefallen! Er wollte kein Risiko eingehen. Er durfte kein Risiko eingehen. Nicht an einem Heiligen Abend, an dem er zum ersten Mal der Gastgeber war. Nicht bei einem Abendessen, das er noch nie zuvor gekocht hatte. Nun stand er in seiner Küche und betrachtete die Zutaten für das Festessen. Sicher, es war ein wenig verschwenderisch. Doch zu einem solchen Anlass musste er sich einfach einen Probedurchlauf leisten. Ein Testkochen vier Tage vor dem Fest.

Er begann mit der Beilage, wollte sich sozusagen eingrooven. Er hielt das für eine gute Idee. Aufmerksam studierte er das Rezept. Er hatte es seiner Mutter aus dem Kreuz geleiert. Die hielt sein gesamtes Vorhaben offenbar für eine weit weniger gute Idee. Aber sie traute ihm ja kaum zu, die eigenen Schuhe zuzubinden. Tatsächlich war er allerdings selbst nach mehreren Anläufen nicht zufrieden. Er entschied sich nach dreistündigem vergeblichen Bemühen dazu, sich auf die Hauptspeise zu konzentrieren, deren Zubereitung ihm ein wenig unkomplizierter schien, und die Beilage fertig zu erstehen. Wirklich war er schließlich nach nur zwei Versuchen, als der zarte Fleischgeschmack seine Zunge umschmeichelte, überzeugt, es schmecke fast so gut wie bei Muttern.

Der Stolz auf das Vollbrachte verführte ihn dazu, sich gleich an seinen Computer zu setzen und eine weihnachtliche Speisekarte zu entwerfen. Ein Seufzen entfuhr ihm, als er die Buchstaben betrachtete: „Heiße Würstchen mit Kartoffelsalat“.