Klassiker vor Gericht

Der Mörderin fehlt scheinbar jedes Motiv. Ihr Opfer: ein ihr völlig fremder Mann. Des Rätsels Lösung findet sich erst durch eine weitere Frau. Die beiden haben sich bei einer Zugfahrt kennengelernt und sich ihr Leid geklagt. Beide waren ihrer Ehemänner überdrüssig und vereinbarten, jeweils den der anderen zu ermorden, um sich gegenseitig mit dem perfekten Mord ihrer Sorgen zu entledigen.

Ein junger Mann wird von einem reichen Herrn beauftragt, dessen Sohn nach Hause zurückzuholen, der sich auf Kosten des Vaters im Ausland amüsiert, statt sich seinen Verpflichtungen daheim zu stellen. Die Suche gestaltet sich erfolgreich, doch der Gesuchte überzeugt den jungen Mann, es sich gemeinsam mit ihm gut gehen zu lassen und die Jugend zu genießen. Fasziniert von Leben und Wohlstand des Berufssohns, versucht der Mann schließlich den Gesuchten zu ermorden und sich als er auszugeben.

Klar, weiß jeder sofort, von welchen beiden „Fällen“ ich spreche. Letzterer wurde von Fernsehrichter Alexander Holt verhandelt, ersterer ist schon etwas länger her und mein etwas löchriges Gedächtnis erinnert sich nicht mehr, ob auch Holt oder eine(r) seiner Kollegen/innen den Vorsitz hatte.

Wie, ein Roman? Ein Film? Na so was. Das wäre ja seltsam.

Da soll es doch Leute geben, die noch immer glauben, Sat.1 stelle ein paar Kameras in einen echten Gerichtssaal während einer echten Verhandlung. Und die Kameraleute seien zufällig auch immer dabei, wenn etwas Aufregendes im Flur, der Garage oder auf dem Klo passiert. Oder zumindest seien es echte Fälle, die von den Produzenten nachgestellt würden.

Nun müssen also selbst die, die zähneknirschend akzeptiert haben, dass die ach so authentischen Fälle aus der Feder von Skriptautoren stammen, die sich ihrerseits mit der meist diletantischen schauspielerischen Umsetzung ihrer Drehbücher abgefunden haben, mit dem Gedanken leben, dass eben diesen Autoren ihre Ideen manchmal auf seltsamen Kanälen zufliegen und sie sich nicht einmal die Mühe machen, dies nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

Nennt man das Inspiration? Nun ja, es reicht jedenfalls, um sich in der Mittagspause die Werbeunterbrechungen bei „Two and a Half Man“ auf ähnlich amüsante Weise zu vertreiben.

Bleibt nur die Frage, ob dieses Phänomen für den Realismus der Vorlagen spricht oder ob sich die Fernsehmacher um eben diesen Realismus einen Dreck scheren.

Ganz persönlich

Der Begriff „persönlich“ scheint eine merkwürdige Ausdehnung erfahren zu haben. Wie sonst wäre zu erklären, dass die freundliche männliche Stimme am Telefon ihn derart verwenden konnte?

Sie stammte vom Band beziehungsweise von einem Automaten und versprach mir, ich hätte mit vollkommener Sicherheit ein Mercedes Benz Cabrio im Wert von 45.000 Euro gewonnen. Oder aber einen Geldpreis in gleicher Höhe. Nun müsse ich nur noch einen Rückruf im Callcenter starten („Das muss sein!“) und der Gewinn sei meiner.

Soweit nichts Ungewöhnliches. Dass aber der Automat mir weiter versprach, ER werde dort PERSÖNLICH meinen Anruf erwarten (oder einer seiner Kollegen), machte mich schon stutzig.

Am liebsten hätte ich gefragt, warum wir das nicht gleich klären, schließlich seien wir ja gerade ganz persönlich miteinander verbunden. Aber es war eben nur ein Automat.

Ich mache alles falsch!

Seit kurzem weiß ich das wenigstens. Denn glücklicherweise gibt es im Internet Experten, die so freundlich sind, ihr Wissen weiterzuvermitteln.

Was hätte ich nicht noch alles für schlimme und weitreichende Fehler gemacht, wäre ich nicht zufällig auf eine Seite im WWW gestoßen, die angehenden Autoren nicht nur Schreibtipps gibt, sondern über das ganze Drum und Dran des Schriftstellerdaseins aufklärt. Von Nogo`s (sic!) über Mutmacher bis hin zu den goldenen Regeln, erfährt man dort alles, was man wissen muss.

Nun hatte ich ja bereits verschiedentlich gehört, dass das Schriftstellerhandwerk nur die wenigsten reich macht, inzwischen weiß ich aber, dass ich es ganz aufgeben und stattdessen lieber Lotto spielen sollte, denn:

„Einen Bestceller zu schreiben ist zichmal schwerer, als einen 6ser im Lotto zu ergattern.“

Ich war sofort versucht, dieses ebenso originelle wie gewichtige Zitat als Zitat der Woche auf mein Blog zu stellen, aber ich fand noch so vieles, was sich sicher und völlig zu recht zurückgesetzt gefühlt hätte.

Jedenfalls kann ich mir also den Bestseller abschreiben. Und ganz entgegen meiner eigenen Erfahrung weiß ich jetzt, dass ich höchstwahrscheinlich nicht einmal ein, geschweige denn mehrere Brötchen mit meinem Beruf verdienen werde:

„- 1 bis 7 Prozent können wirklich ihre Brötchen damit verdienen.
– Der gesamte Rest verdient höchstens ein kleines Taschengeld. Die meisten jedoch verdienen daran gar nichts.
– Am aller seltensten wird ein Autor sogar fest angestellt und bekommt ein Autoren-Honorar.“

Nicht nur, dass ich nichts verdienen werde, ich werde wohl auch nie fest angestellt und muss mein Leben lang freier Autor bleiben. Wenn das meine Mutter wüsste …

Aber immerhin bietet mir die besagte Seite auch dafür eine Lösung. In den zehn goldenen Schreibregeln steht es. Und zwar mit unterschiedlicher Gewichtung in Regel 1-5, 9 und 10. Hier sei repräsentativ Nummer 9 zitiert, die es am deutlichsten auf den Punkt bringt:

„9. Schreibe nicht des Geldes wegen, sondern immer nur aus Spaß!“

Also, liebe angehenden Autoren, schreibt aus Spaß und verdient euer Geld mit Lottospielen, die Profis machen es vor.

Alle Zitate von www.Hobby-Schreiber.de.
9. Schreibe nicht des Geldes wegen, sondern immer nur aus Spaß!

Langer Atem

Es gibt sicher verschiedene mehr oder weniger gute Gründe, nicht den klassischen Verlagsweg zu wählen und ein Buch über einen B.o.D.-Anbieter bzw. im Selbstverlag zu veröffentlichen.

Ein Thema, beispielsweise, das selbst für Nischenverlage zu sehr Nische ist. Oder ein Kurzgeschichten- / Gedichtband, den man bei Lesungen gern auf den Büchertisch legen möchte. Oder auch das Vertrauen in die eigenen Gestaltungs-, Setzer- und Marketingfähigkeiten, das möglicherweise aufgrund von besonderen Ansprüchen das in die Möglichkeiten der Publikumsverlage übersteigt.

Schade nur, wenn ein Buch mit dem Potential für einen Publikumsverlag, dieses dann nicht ausschöpfen kann. Einerseits natürlich, weil es auf diesem Weg viele Leser gar nicht erst erreicht, andererseits aber auch, weil es noch vorhandene textliche Schwächen, sprachlich und erzählerisch, nicht ausbügeln kann, denn in der Regel fehlt dem Text dann ein professionelles Lektorat.

Man kann also Autoren, die von sich und ihrem Werk überzeugt sind und nicht mit derselben Überzeugeung einen der oben genannten oder ähnliche Gründe anführen können, den alternativen Weg einzuschlagen, nur raten, den langen Atem zu beweisen und sich nicht mit Kompromissen zufriedenzugeben. Das sind sie ihrem Werk schuldig!

Frage nicht den Lektor

Mir fallen auf Anhieb nur drei Gründe ein, warum ein Autor einen freien Lektor für das Lektorat eines Romans beauftragen und bezahlen sollte:

1. Er will nicht oder glaubt nicht, dass sein Roman eines Tages in einem Publikumsverlag erscheint (der ja dann für das Lektorat verantwortlich wäre), will ihn aber im Eigenverlag oder über einen Dienstleister publizieren, wobei er sich wünscht, dass das Manuskript im Wesentlichen so bleibt, wie es ist, aber in diesem Rahmen so gut als möglich verbessert wird.

2. Er hofft, mithilfe des freien Lektors sein Manuskript derart aufzubessern, dass die Chancen, einen Agentur- oder Verlagsvertrag zu ergattern, steigen.

3. Sein Fokus liegt nicht so sehr auf dem aktuellen Text, sondern er sieht es eher als eine langfristige Investition, eine Art Schreibkurs am eigenen Text, wobei hier möglicherweise von vorneherein die Manuskriptbetreung durch den Lektor die bessere Wahl wäre.

In allen drei Fällen wird es noch immer sehr abweichende Auffassungen geben, ob das Lektorat hier eine sinnvolle Investition im Vergleich zu den Alternativen darstellt. Und in allen drei Fällen sollte sich der Autor klarmachen, dass der finanzielle Aufwand vergleichsweise hoch ist.

Und vor allem der erste Fall ist es, um den es mir hier geht. Selbst wenn ich nicht auch als freier Lektor arbeiten würde, der schließlich damit Geld verdienen kann, würde ich es zunächst einmal begrüßen, wenn jemand auch für die Alternative zum Publikumsverlag zu der Erkenntnis kommt, dass er dem potentiellen Leser nicht seine Rohfassung um die Ohren hauen will. Allerdings sehe ich es auch als meine ethische Pflicht dem potentiellen Kunden gegenüber an, ihm vor der Auftragsannahme eine ehrliche Einschätzung seines Werkes und dessen Möglichkeiten zu geben.

Und die kann im Grunde genommen wieder nur auf drei Arten ausfallen:

1. Ich schätze das Werk für so gut ein, dass der Kunde noch einmal darüber nachdenken sollte, ob er es nicht doch bei einer Agentur oder einem Pubklikumsverlag versucht. Kurz gesagt, ich mache ihm klar, dass er mich eigentlich nicht braucht.

2. Ich schätze den Roman so ein, dass es einiger Überarbeitung bedarf, um ein überzeugendes Ergebnis zu liefern, mit dem der Kunde dann entweder einen guten Roman im Eigenverlag oder beim Dienstleister veröffentlicht (ich weise immer auf die Nachteile eines solchen Vorgehens hin) oder es aber doch auf dem klassischen Verlagsweg versucht.

3. Meiner Einschätzung nach bedürfte es weit mehr als eines Lektorats, um aus dem vorliegenden Manuskript ein veröffentlichungsreifes zu machen.

Der Titel des Artikels bezieht sich auf Kunden, denen ich im Vorhinein diese dritte Einschätzung gebe, wobei ich, sofern ich es für eingermaßen aussichtsreich halte, auf die Möglichkeit einer Manuskriptbetreuung hinweise.

Es ist nun einmal so: Mit einem normalen Lektorat (keine Manuskriptbetreuung, kein Ghostwriting) lässt sich aus einem solchen Manuskript im besten Fall ein etwas besserer Roman, aber kein Wunderwerk zaubern. Ein guter Lektor mag einen großen Anteil an der Qualität des Endprodukts haben, aber viel entscheidender ist die Qualität des Ausgangsprodukts. Ist der Wurm im Holz, reicht eine Politur nicht aus.

Wenn sich nun ein Autor trotz einer solchen Vorabeinschätzung dennoch für ein Lektorat entscheidet (und ich rate eher ab), tut er gut daran, sich nach dem Lektorat nicht neuerlich nach der Einschätzung des Lektors zu erkundigen, denn die wird sich nicht wesentlich geändert haben.

Ihm bleibt jedoch als Trost, dass auch ein Lektor nicht frei von Subjektivität und damit fehlbar ist.

Von der Kurzgeschichte zum Roman

Viele, die eine Kurzgeschichte schreiben wollen, haben vor allem ein Problem: die Kürze.

Allerdings hört man auch immer wieder von versierten Kurzgeschichtenschreibern, dass sie an ihrem Romanmanuskript verzweifeln, weil sie das Gefühl haben, sie müssten den sich angeeigneten Schreibstil aufblähen, um eine angemessene Romanlänge zu erreichen. Dazu gibt es zum Beispiel einen interessanten Thread im Forum der Geschichtenweber.

Ich denke, das Problem liegt vor allem darin, dass schon die unzähligen Tipps, die man zum Schreiben im Internet oder in Schreibratgebern bekommt, zu allgemein sind und kaum einmal zwischen dem Verfassen einer Kurzgeschichte und eines Romans unterscheiden.

Dazu kommt der immer weitläufigere Begriff der Kurzgeschichte, der inzwischen nahezu alle Prosa, die kürzer als ein Roman ist, in diese Gattung drängt. Tatsächlich müsste man hier natürlich weitere Gattungen wie die Novelle und vor allem die Erzählung, die in ihrer Struktur deutlich näher am Roman liegt, abgrenzen.

Bleiben wir aber zunächst bei der Abgrenzung von Kurzgeschichte und Roman.

Wie also bekommt der Kurzgeschichtenschreiber Länge in seinen Roman? Indem er sich die Frage stellt, wie er denn die Kürze in seine Kurzgeschichten bekommen hat.

Die Ursachen dafür liegen nur begrenzt in der Knappheit des persönlichen Schreibstils eines Autors, sondern vor allem in den unterschiedlichen Anforderungen, die die jeweilige Gattung an die Stilmittel stellt.

Hier sind vor allem die Fragen der Auswahl des Stoffs, also dessen, was erzählt wird, das Wie des Erzählens und die Charakterisierung sowie die Entwicklung der Figuren von Bedeutung.

Nehmen wir als Beispiel an, ein Autor wolle anhand seiner Geschichte eine Figur zeigen, deren übertriebener Ehrgeiz sie in den Untergang führt. Nehmen wir weiter an, er habe sich für einen Rennfahrer als Protagonisten entschieden. Nun ist die Frage, schreibt er eine Kurzgeschichte oder einen Roman.

Beides ist natürlich möglich. Schreibt er den Roman, schreibt er über die Geschichte dieses Rennfahrers. Je nachdem, wie der Roman angelegt ist, konzentriert er sich auf einen wesentlichen Ausschnitt dieses Lebens, in unserem Fall zum Beispiel auf all die Ereignisse, die den Rennfahrer zu dem Punkt führen, an dem er aus Übereifer einen Fehler begeht, der seine Rennfahrerkarriere beendet.

Dabei schreibt der Autor am Konflikt entlang, von seiner Entstehung bis hin zu seiner finalen Lösung (in unserem Fall dem Scheitern des Rennfahrers).

Je nachdem, wie der Autor den Konflikt anlegt, wird er seinen Roman in der Regel kurz vor der Entstehung des Konflikts beginnen lassen. Das kann in unserem Fall der Beginn der Rennfahrerkarriere unseres Protagonisten sein, aber auch ein bestimmter Punkt in der laufenden Rennsaison.

Folgt der Autor nun der viel zitierten Schreibregel und will den Roman straff erzählen, wählt er nur solche Szenen, die er am Ende nicht streichen könnte, ohne dass sich das Endprodukt grundlegend ändert. Selbst wenn er nur den Haupthandlungsstrang erzählt, landet er damit nicht unweigerlich bei der Kurzgeschichte. Im Mittelpunkt des Romans steht der Prota und sein Konflikt. Relevant sind daher alle Szenen, die eine Entwicklung des Protas und seines Konflikts zum Inhalt haben. So zum Beispiel die Szene, in der der Grundstein für die besondere Rivalität zwischen unserem Rennfahrer und seinem Hauptkonkurrenten gelegt wird. Oder die, in der es dem Prota gelingt, einen ersten Sieg gegen den Konkurrenten einzufahren. Aber auch die, in der er kurz davor steht, seine Prioritäten neu zu ordnen, weil er etwas erlebt, was eine höhere Bedeutung als die Rivalität auf der Rennbahn bekommen könnte, bis eine herbe Enttäuschung erneut die Scheuklappen hochfahren lässt.

All das braucht eine Kurzgeschichte nicht. Denn ihr Hauptaugenmerk liegt in Wirklichkeit nicht auf dem Protagonisten als solchem. Sie konzentriert sich auf ein Geschehnis. Ein Geschehnis, in dem der Konflikt bereits auf dem Höhepunkt angelangt ist, die Lösung kurz bevor steht. Daraus ergibt sich oft eine pointierte Form.

Die Kurzgeschichte könnte also die letzte(n) Runde(n) des letzten Rennens erzählen, in dem der Protagonist handeln muss, um die Meisterschaft zu gewinnen. Der Sieg in diesem Rennen ist entscheidend, der Prota fährt direkt hinter seinem Konkurrenten, setzt alles auf eine Karte und baut einen folgenschweren Unfall, der ihn nicht nur die Meisterschaft, sondern auch seine weitere Karriere als Rennfahrer kostet.

Die Kurzgeschichte erfüllt also dieselbe Prämisse wie der Roman, aber sie erzählt nicht die Geschichte des Protagonisten, sondern die eines Geschehnisses, an dem der Prota nur grundlegend beteiligt ist, also die Geschichte seines Scheiterns. Damit wird auch klar, dass die Kurzgeschichte all die Entwicklungen, die der Roman erzählt, einfach weglässt. Um die geht es nicht, weder in Bezug auf den Prota noch in Bezug auf den Konflikt. Was den Prota bis hierhin gebracht hat, welche Chancen er bereits hatte, den Konflikt für sich zu entscheiden oder ihm ganz zu entgehen, welche Niederlagen, welche Siege er bis hierhin eingefahren hat und, ganz wichtig, welche umfangreichen Charaktereigenschaften und Hintergründe Voraussetzung für den Konflikt waren, zählt für die Kurzgeschichte nicht. Hier ist alles gesetzt.

Das bedeutet auch, das mindestens ein Tipp, den angehende Autoren immer wieder zu hören bekommen, an der Kurzgeschichte völlig vorbeischießt: die Charakterentwicklung eines glaubhaften Protas.

Provokativ gesagt ist der Prota in der Kurzgeschichte nicht von entscheidender Bedeutung. Die Entwicklung seiner Eigenschaften muss sich den Anforderungen des erzählten Geschehnisses unterordnen. Nachvollziehbar wird er nur dadurch, dass er eine oder einige wenige Eigenschaften besitzt, die zum Geschehnis (und damit zum Konflikt) passen. In unserem Fall also ein extrem ehrgeiziger Rennfahrer, der in Anbetracht eines möglichen Siegs in der Meisterschaft jede Vernunft fahren lässt.

Mehr „Charakter“ braucht es für die Kurzgeschichte nicht. Sofern diese Eigenschaften erfüllt werden, ist der Prota austauschbar. Der Fokus, um es noch einmal zu sagen, liegt nicht auf dem Prota, sondern auf dem Geschehnis

Tatsächlich sind manche Texte, die uns in Anthologien oder anderswo als Kurzgeschichten angeboten werden (das trifft auch auf solche von mir zu) im engeren Sinne gar keine Kurzgeschichten.

Hier handelt es sich eher um Erzählungen im engeren Sinne. Diese Gattung liegt nämlich nicht allein der Länge wegen zwischen Roman und Kurzgeschichte. Wie die Kurzgeschichte ist die Erzählung in der Regel nicht verschachtelt, sondern konzentriert sich auf einen Handlungsstrang und wird meist chronologisch erzählt. Im Fokus steht aber nicht ein einzelnes Geschehnis, die Zuspitzung eines Konflikts, sondern eher (wie im Roman) eine Folge von Geschehnissen, eine Entwicklung.

Für eine Erzählung im engsten Sinne, eignet sich unser Beispiel nicht besonders gut, denn es ist auf einen zentralen Konflikt ausgerichtet. Tatsächlich könnte man natürlich auch ein einzelnes Rennen oder einen Teil der Rennsaison chronologisch (herunter-) erzählen, aber ohne einen zentralen Konflikt, wäre das wahrscheinlich eher langweilig. Dem Grunde nach ist eine Erzählung nämlich eher ein chronologischer Bericht realen oder fiktiven Geschehens. Eine Urlaubserzählung, die letzten Tage im Leben eines Menschen, ein Familienfest, alles Dinge, die eine Erzählung rechtfertigen, in der sich nicht alles um einen zentralen Konflikt drehen muss (was nicht heißt, dass sie konfliktfrei wären).

Sieht man es nicht ganz so eng, sind wir wieder bei den Geschichten, die auf verhältnismäßig wenigen Seiten einen Konflikt entstehen und sich entwickeln lassen, bis er auf einem Höhepunkt aufgelöst wird, romanhafte Erzählungen also. Oder Kurzromane. In der Regel sind auch diese nicht verschachtelt und chronologisch erzählt. Im Unterschied zum Roman setzen sie meist später ein, häufig bei einem Geschehnis, bei dem ein bereits schwelender Konflikt noch einmal deutlich gemacht oder verschärft wird.

Natürlich kann es auch am verwendeten Stoff liegen, der die Möglichkeit bietet, auf wenigen Seiten einen Konflikt entstehen zu lassen und ihn zum Höhepunkt zu treiben. Vielleicht erfährt unser Rennfahrer am Morgen vor dem finalen Rennen, dass seine Frau ihn mit dem Konkurrenten betrügt, mit dem ihn bis dahin eine enge Freundschaft verbunden hat. Nun will er es ihm im Rennen zeigen. Der Ausgang ist bekannt.

Diese Art der Erzählung liegt also wirklich genau zwischen Roman und Kurzgeschichte. Sie behandelt einen sich entwickelnden Konflikt, dessen Entwicklung entweder schnell genug vonstatten geht, dass sie sich auf wenigen Seiten chronologisch erzählen lässt, oder von dessen Entwicklung wir nur einen Ausschnitt kennenlernen, der aber repräsentativ für die Gesamtentwicklung ist. Weil es diese Entwicklung gibt, besteht die Handlung logischerweise auch aus mehr als einem Geschehnis In unserem Beispiel könnten das der Morgen mit der verräterischen SMS, eine Auseinandersetzung mit dem Konkurrenten in der Boxengasse und die Abschlussszene, in der der Prota seinen verhängnisvollen Überholversuch startet, sein.

Im Vergleich zum Roman sehen wir aber, dass die Entwicklung sich auf einige wesentliche Stationen eines meist explosiven Konflikts beschränkt, während dem Prota kaum tief greifende Entwicklungsfortschritte (positiv oder negativ) zugestanden werden können. Sowohl seine Eifersucht als auch sein Konkurrenzdenken sind bereits auf einem Stand, der nur einen Anlass braucht, um den Konflikt zum Explodieren zu bringen.

Dennoch rückt der Protagonist im Vergleich zur Kurzgeschichte wieder stärker ins Zentrum. Er muss zwar ein weitgehend fertiges, aber doch runderes Charakterbild abgeben als in der Kurzgeschichte.

Der Vollständigkeit halber noch ein paar Sätze zur Novelle. Sie wird heute gern einfach von der Länge her definiert. Wird der Text länger als 20 Seiten, nennt man ihn eben Novelle. Dabei steckt schon im Begriff das entscheidende Charakteristikum der Novelle: die Neuigkeit.

Bei dieser Neuigkeit handelt es sich um ein vorausgehendes Ereignis. Vorausgehend deshalb, weil es dieses Ereignis ist, das die Handlung der Novelle erst in Gang bringt. Von diesem Ereignis geht alles aus. Üblicherweise zieht ein solches Ereignis eine Kette nachfolgender Ereignisse nach sich, wobei das für den Protagonisten, mal schleichend, mal plötzlich, eine grundlegende Veränderung bedeutet.

Ein sicher nicht ganz klischeefreies, aber umso besseres Beispiel wäre der treu sorgende Familienvater, dem wie aus heiterem Himmel ein (möglicherweise gar nicht so ernst gemeintes) Kompliment eine jungen Dame zufliegt. Von da an verliert sich der Mann immer häufiger in Tagträumen, denkt auf einmal an Alternativen, die ihm sein aktuelles Leben verwehrt, besucht seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder seine frühere Stammkneipe, usw. Möglicherweise biegt er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit falsch ab, landet beim Bahnhof und ward nie wieder gesehen.

In unserem Beispiel könnte so ein auslösendes Ereignis das genaue Gegenteil sein: Der Rennfahrer, dem es bis dahin eher am letzten Quäntchen Ehrgeiz gefehlt hat, der sich dafür aber durch seine sportliche Fairness ausgezeichnet hat, wird eines Tages bei einem kleinen Streit von seiner Frau ein bisschen fahrlässig als Schlappschwanz bezeichnet. Das nagt an ihm und kanalisiert sich mehr und mehr in einem unbedingten Siegeswillen auf der Rennstrecke. Wiederum sind die Folgen bekannt.

Wir sehen, die Länge ist nur das eine. Die Gattungen stellen weitere, meist wichtigere Anforderungen an den Autor. Damit ist nicht gesagt, dass dieser sich streng daran halten muss. Ob es ihm wichtig ist, ob er gerade eine Kurzgeschichte, eine Erzählung oder eine Novelle geschrieben hat, ist ja seine Sache. Viel wichtiger ist, ob die Geschichte die eigenen Anforderungen erfüllt und das auch an die Leser weitergeben kann. Obendrein sind die Übergänge zwischen den Gattungen natürlich fließend.

In diesem kleinen Artikel sollte ja vor allem dem eingefleischten Kurzgeschichtenschreiber gezeigt werden, dass die Kürze, die er in seine Texte bringt, nicht unbedingt ein Charakteristikum seines persönlichen Schreibstils sein muss, sondern mit den Anforderungen, die diese Textsorte nun mal stellt, zusammenhängt. Versucht er sich dagegen an den Anforderungen für einen Roman, werden diese (Figuren- und Konfliktentwicklung, möglicherweise stützende Nebenhandlungen) von sich aus für eine gute Länge sorgen.

Es geht also weniger darum, den persönlichen Schreibstil zu ändern, sondern darum, sich für diese Entwicklungen Zeit einzuräumen, einen Konflikt nicht geradlinig und von eben auf gleich zum Höhepunkt zu treiben, sondern ihn  in seinen Auf und Abs „auszukosten“.

Frostiges Klima im Netz

Draußen ist es kalt. Das mag manchen dazu bewegen, sich noch mehr im Internet aufzuhalten, als an Tagen, die auch im sogenannten Real Life Alternativen bieten.

Darüber scheint mancher zu vergessen, dass Internet eben Internet bleibt. Der Typ, mit dessen Nick man sich in einem Forum streitet, ist weiterhin Kilometer von einem entfernt, selbst dann, wenn er zufälligerweise im Nachbarhaus wohnen sollte.

Der Kampf, den wir mit einem ignoranten Forenbetreiber um unsere Persönlichkeitsrechte ausfechten, interessiert und verändert die Welt nicht. Nicht einmal die kleine, in der wir tatsächlich leben.

Gerade diejenigen, die kreativ tätig sind, sollten bei der realen Wetterlage doch bessere Betätigungsfelder finden, als der Persönlichkeit ihres kleinen Forendoubles Gehör zu verschaffen.

TV braucht kein Niveau

Fast jeder beschwert sich übers Fernsehen. Gerade der stetig wachsende Trend zum Reality-TV und Casting-Shows überall erregen die Gemüter. Doch die Quoten sprechen ihre eigene Sprache.

Auf Spiegel Online kann man die bittere Wahrheit mal wieder nachlesen: DSDS siegte am Mittwochabend in der Primetime mit über 21 Prozent Marktanteil im Rennen um die Quoten. Da konnte selbst die Erstaustrahlung des aufwendig produzierten ARD-Zweiteilers „Gier“ nicht mithalten.

Da fragt man sich doch, ob sich der finanzielle und zeitliche Aufwand, teure und unter Umständen auch hochwertige TV-Unterhaltung zu produzieren, für einen Fernsehsender überhaupt lohnt. Die Leute vor der Glotze geben sich offenbar lieber mit viel weniger zufrieden.

Bei den 14 – 49-Jährigen erreichte Bohlens RTL-Casting sogar einen Marktanteil von fast 34 Prozent. Auch andere Reality-Formate sind immer wieder erstaunlich erfolgreich, teilweise in der xten Staffel. Ist also das Fernsehen nur so gut wie seine Zuschauer?

Kritiker halten immer wieder dagegen, das Angebot bestimme die Nachfrage. Doch die Quoten scheinen das nicht zu bestätigen, denn ist man ehrlich, gäbe es zu den Rennern im Fernsehen nahezu immer auch die Alternativen, die selbst Kritiker nicht als seichte Unterhaltung abtun können.

Angewiderte Gesichter werden jedenfalls wenig helfen. Vielleicht wäre es besser, sich nicht nur verbal vom so verhassten Mainstream zu lösen, sondern auch bei der Suche nach durchaus vorhandenen Alternativprogrammen, damit diese dauerhaft ihre Überlebenschancen wahren.

Genießen kann man dann Umfrageergebnisse wie diese, die nur leider den tatsächlichen Quoten vollkommen widersprechen.

Warum bin ich kein Künstler?

Andere können mich ja betiteln, wie sie wollen, sofern sie es mit ihren Begrifflichkeiten vereinbaren können (und auch, wenn nicht), ich selbst würde mich nie als Künstler bezeichnen.

Nicht so sehr deshalb, weil ich mich nicht in irgendeiner Form als Künstler sehe, sondern eher deshalb, weil ich ständig die Notwendigkeit sähe, mich zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Gerade Autoren (!!!) sehen sich eigentlich bei jedem Begriff, den man für sie verwenden könnte, mit diesem Problem konfrontiert. Vom Schreiberling bis zum Schriftsteller. Und erst recht, wenn sie sich den Künstlern zurechnen.

Nicht anders als die meisten Begrifflichkeiten einer Sprache lässt sich auch „Künstler“ nicht eindeutig definieren, ist von Bedeutungsvarianten geprägt, von denen zeitabhängig manche die Oberhand gewinnen.

Ich bin durchaus der Meinung, dass Schreiben eine kunstvolle Tätigkeit ist. Ich würde sogar weitergehen und die Schriftstellerei als eine Kunst bezeichnen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich noch weitergehen würde und jede Form der kreativen Tätigkeit, unabhängig von Professionalität, Erfolg, allgemeiner oder individueller Anerkennung, als künstlerische Betätigung sehen möchte. Der Künstler als ein Mensch, der sich kreativ betätigt, um etwas zu erschaffen, dessen Sinn zu einem großen Teil in der ästhetischen Betrachtung liegt, ohne dabei von äußeren Bewertungsmaßstäben abhängig zu sein.

Damit würde der Begriff ein sehr neutraler und gleichzeitig freier. Ob meine Bilder in großen Galerien ausgestellt werden oder am Kühlschrank hängen, ob mein selbst entworfenes T-Shirt einen Designpreis erhält oder es nur der Enkel durch die Gegend trägt, ob meine Romane bei Suhrkamp erscheinen oder auf BookRix, das alles wäre für den Begriff des Künstlers, der in jeweils dem einen und dem anderen Fall kreativ geworden ist, unerheblich.

Tatsächlich kann man gerade im Internet oft den Eindruck gewinnen, dies sei eine weit verbreitete Meinung. Überall finden sich Plattformen für Künstler, die an ihre User keine weiteren Ansprüche stellen, als dass sie eben kreativ tätig geworden sind. Und nirgends sonst findet man den Begriff Künstler als Eigenbezeichnung häufiger als dort. Mehr noch entwickelt er sich auf solchen Seiten schnell zu einem Begriff der besonderen Gemeinsamkeit. Einem Begriff der Betonung. Einem Begriff der Abgrenzung.

Gerade da, wo die Hürde, sich als Künstler zu bezeichnen, besonders niedrig ist, wächst der Anspruch, sich mit dieser besonderen Leistung von anderen abzuheben. „Wir, die wir ja Künstler sind, …“ „Als Künstler haben wir doch alle …“ „Ein Künstler zeichnet sich doch gerade dadurch aus …“

Gleichzeitig wird der Begriff dadurch erweitert, dass ihm angeblich eine bestimmte Lebensphilosophie innewohnt. Künstler sind nicht mehr normale Menschen, die eine bestimmte Tätigkeit ausüben, sondern sie sind eine besondere Art Mensch.

Natürlich bleibt das alles eine Frage der Begrifflichkeiten. Welche Ansprüche man an jemanden stellt, dem man zugesteht, ein Künstler zu sein, ob man eine bestimmte Lebensphilosophie, eine individuelle oder allgemeine Bewertungsskala, Erfolg (oder gerade fehlenden Erfolg) oder was auch immer als Maßstab setzt, bleibt jedem selbst überlassen.

Das Problem ist eben, dass ein Gegenüber möglicherweise ganz andere Maßstäbe ansetzt. Ob ich mich also überhaupt verständlich machen kann, wenn ich mich als Künstler bezeichne, ist eher fraglich und höchstwahrscheinlich immer von nachgelieferten Erklärungen und Rechtfertigungen abhängig.

Daher verzichte ich darauf, was mir nicht schwerfällt, weil ich mir allein dafür, dass mich andere als Künstler sehen oder nicht, nichts kaufen kann. Ich fühle mich dadurch weder besser noch schlechter. Und wenn jemand der Meinung ist, ich wäre aus diesen und jenen Gründen ein Künstler, sei ihm das ebenso erlaubt wie dem, der meint, ich sei aus jenen oder diesen Gründen eben kein Künstler.

Ich muss mich weder ab- noch ausgrenzen, mich weder größer noch kleiner machen, als ich bin. Ich weiß, was ich tue, ich weiß, warum ich es tue, und ich kann einigermaßen abschätzen, was dabei herauskommt. Mehr muss ich nicht wissen. Ob ich deshalb in anderer Augen ein Künstler bin, Autor, Schriftsteller, Schreiberling, Hobby-Literat oder was auch immer, ist mir ziemlich schnuppe.

Glücklicherweise habe ich damit auch keinerlei Probleme, doch ich wundere mich manches Mal, welche Bedeutung dem von diesem oder jenem zugemessen wird.

Ich muss mich weder ab- noch ausgrenzen, mich weder größer noch kleiner machen, als ich bin.

Der lehrreiche Roman

Mancher Autor kann sich offenbar nicht entscheiden: Will er einen Roman, ein Sachbuch oder gar ein Lexikon schreiben. Ist aber kein Problem, die Lösung ist einfach: Schreib alles zusammen!

Da werden dann munter Begriffe erklärt, während einer eher langweiligen Romanpassage die Wissensvorräte zur Tier- und Pflanzenwelt ausgepackt und in eine vielleicht sogar zu spannende Szene wird ein Exkurs in die Modewelt des 17. Jahrhunderts eingebettet.

Schließlich gilt es, nicht allein eine Geschichte zu erzählen, sondern als Autor mal zu zeigen, was man sonst noch so alles auf dem Kasten hat. Und welcher Leser fühlt sich beim Lesen nicht gern auf die Schulbank zurückversetzt?

Ich vermute, selbst die Leser, die dem Lesen neben einem Unterhaltungswert auch ein bildendes Element zubilligen oder gar abverlangen, werden diesem Gattungskreuzer nicht lange folgen. Es wird ihrem Lesevergnügen allzu abträglich sein, wenn die Geschichte ständig von einem besserwisserischen Autor verdeckt wird. Selbst wenn der sie halbwegs damit amüsieren sollte, dass er mit seinem eitel vorgetragenen Wissen unfreiwillig nur seine Wissenslücken auf den Tisch packt.

Zu einer guten Geschichte gehört auch ein gutes Maß an Recherche. Tatsächlich sind es oft viel mehr Kleinigkeiten, die wir vielleicht zunächst glauben, so nebenbei aus dem Ärmel zu schütteln, die dem Leser ins Auge stechen könnten. In jedem Fall dient aber die Recherche, nebst allem Wissen, das schon vorher in uns steckte, der Geschichte und nicht umgekehrt. All die Fakten, die wir uns angeeignet haben, sind das Fundament der Geschichte, nicht das Wohnzimmer. Der Besucher unserer Geschichte soll ihre sichernde Anwesenheit spüren, sie aber nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.

Andernfalls sollten sich Autor und Leser gleich auf das Sachbuch einigen.

Vor den Kulissen

Der Vorhang ging auf und der Blick wurde frei auf prächtig gestaltete Kulissen. Sie strahlten in allen erdenklichen Farben und wie um es zu betonen, geschah eine ganze Weile nichts anderes, als dass sie von den Bühnenscheinwerfern mal auf die eine, mal auf die andere Art beleuchtet wurden.

Mir erging es zunächst nicht anders als den anderen Theatergästen: Ich saß und staunte, welche Mühe auf die Kulissen verwendet worden war, die mit Recht und Stolz in dieses und jenes rechte Licht gerückt wurden.

Dann begann das Schauspiel. Die Darsteller traten auf, sprachen ihren Text und handelten danach. Doch konnte ich meinen Blick kaum von den Kulissen lösen. Die Mimen und ihr Spiel waren im Vergleich zu dem bunten Hintergrund nur in blasse Farben gewandet. Ihre Sätze sprachen sie nur leise, um den Eindruck der Kulissen nicht zu gefährden.

Aber mit der Zeit wurde mir das Bunt zu grell und zu aufdringlich. So zwang ich mich, dem Spiel zu folgen, das ja eigentlich im Vordergrund ablief. Ich blendete die Kulissen völlig aus und stellte erschreckt fest, dass nicht viel übrig blieb. Einige der Schauspieler sprachen gar nur über den so großartigen Bühnenaufbau. Und mir ging auf, es handelte sich bei dem dargestellten Spiel nur um die Kulisse der Kulisse.

Ich schaute durch die Reihen im Publikum und sah ein paar, denen dies in ähnlicher Weise Unbehagen bereitete wie mir. Andere aber starrten weiter gebannt und mit offenen Mündern auf das Farbenspiel.

Ich entschloss mich, das Theater frühzeitig zu verlassen. Und während ich mich von meinem Sitz erhob, fühlte ich mich an so manchen Historischen oder Fantasyroman erinnert.

Immer diese ersten Seiten

Hans-Peter Roentgen hat seinen Schreibratgeber entsprechend aufgebaut: „Vier Seiten für ein Halleluja“. Er bewertet die ersten Seiten von Manuskripten, die Autoren ihm zugesandt haben, und gibt an diesen Beispielen Tipps, wie man es besser machen kann. Immer wieder heißt es, gerade die ersten Seiten zählen, will man sich um einen Programmplatz in einem Verlag bewerben. Dem kann ich mich nur anschließen.

Andererseits beklagen abgelehnte Autoren häufig, die wenigen Seiten Leseprobe, die sie dem Verlag vorlegen durften, seien möglicherweise nicht aussagekräftig gewesen, um das gesamte Manuskript zu repräsentieren. Dem entgegnet Joachim Jessen, Literaturagent bei der Agentur Schlück (bei einem Vortrag zum Montsegur-Treffen 2009), dass man kaum erwarten könne, wenn die ersten 50 Seiten nicht wirklich gut gewesen seien, es würde danach plötzlich merklich besser werden.

Nach meiner Erfahrung mit Manuskripten noch unerfahrener Autoren ist häufig sogar das Gegenteil der Fall. Seltsamerweise geht es mir oft so, dass ich die ersten Seiten noch mit verhältnismäßigem Vergnügen lesen kann, dann geht es plötzlich steil bergab. Das betrifft vor allem die sprachliche Gestaltung.

Warum das so ist, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich ist sich der Schreiber während der ersten Seiten (manchmal Sätze) noch besonders bewusst, was er da eigentlich vollbringen will. Er wählt seine Worte mit Bedacht. Irgendwann reißt ihn dann die eigene Geschichte mit sich und er schreibt, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“.

Wenn dem so ist, kann ich nur raten: Versuche dir diese bewusste Stimmung zu bewahren. Mach öfter mal eine Pause und lies, was du gerade geschrieben hast. Schau immer mal wieder auf deinen Manuskriptanfang und vergleiche ihn mit dem, was du geschrieben hast, als die Geschichte dich in ihren Bann gezogen hat.

Bin ich jetzt Fotograf?

Lange Zeit habe ich mich schwer getan, mich Autor zu nennen. Dabei könnte sich im weitesten Sinne des Begriffs jeder, der irgendwann irgendetwas geschrieben hat, einen Brief, einen Aufsatz, ein Gedicht, ja auch nur einen einzelnen Satz, Autor nennen. In diesem weitesten Sinne sind wir also bis auf wenige Ausnahmen alle Autoren.

Nun ist es ja aber so, dass der Begriff Autor im Allgemeinen nicht in diesem weitesten Sinne verstanden wird, sondern eher als eine Art Berufszeichnung, selbst dann, wenn bekannt sein sollte, das nur wenige Autoren allein von ihrer Autorentätigkeit leben können.

In demjenigem, dem wir erzählen, wir seien Autor, werden also gewisse Vorstellungen geweckt, welche Voraussetzungen wir erfüllen müssen, um uns so titulieren zu dürfen. Die werden bei jedem ein bisschen anders aussehen, aber immer wird es irgendwie in die Richtung gehen, dass es um Veröffentlichungen geht, dass eine gewisse Professionalität dahintersteckt, dass es andere gibt, die unsere Autorentätigkeit als solche würdigen (Verlage zum Beispiel, und natürlich Leser).

Was aber hat das mit dem Titel dieses Blogeintrags zu tun? Nun, ich habe mir vor einigen Tagen einen kleinen Fotoapparat gekauft. Einige Bilder habe ich bereits geschossen. Vielleicht stelle ich demnächst ein oder zwei auf irgendeiner frei zugänglichen Internetplattform aus. Darf ich nun meine Vita erweitern? Bin ich jetzt Fotograf?

Keine Zeit zu schreiben

Gerade Autoren, die schon ein Buch geschrieben haben, bekommen immer wieder zu hören: „Ich würde ja auch gern einen Roman schreiben, aber mir fehlt die Zeit dazu.“

Nun ist das für den Autor, der sich das anhören muss, nicht gerade schmeichelhaft, bedeutet es doch, er habe bis zu dem Zeitpunkt, an dem er mit dem Schreiben begonnen hat, offenbar nicht gewusst, wo er mit all seiner freien Zeit hinsollte. Dabei sind die meisten Autoren auf ein Haupt- oder wenigstens Nebeneinkommen angewiesen, das ihnen das Schreiben finanziert. Und selbst die, die erfolgreich genug sind, um vom Schreiben zu leben, waren das nicht von Anfang an.

Tatsächlich gilt in diesem einen Fall, sofern es eben nicht nur so dahingesagt ist, die Antwort: „Wer wirklich will, der kann!“

Natürlich bedeutet das, dass man sich Zeit zum Schreiben eventuell erst freischaufeln, organisieren muss, und es bedeutet noch mehr, dass man in dieser Zeit auch regelmäßig schreiben muss. Organisation und Disziplin sind also gefragt. Doch wenn man nur jeden Tag eine Seite schreibt, hat man nach einem Jahr einen 365 Seiten starken Roman.

Vielleicht gilt es, täglich eine Stunde früher aufzustehen oder eine Stunde später ins Bett zu gehen. Möglicherweise muss man eine der bisherigen Freizeitbeschäftigungen einschränken oder ihr für eine Weile ganz entsagen. Oder man steigt für den täglichen Weg zur Arbeit auf öffentliche Verkehrsmittel um und nutzt die Fahrzeiten, um zu schreiben.

Es wird keiner bestreiten, dass die individuellen Rahmenbedingungen, um einen Roman zu schreiben, für den einen weniger optimal sind als für den anderen. Doch mit dem nötigen Ehrgeiz, der für ein solches Projekt ohnehin vonnöten ist, sollte es jedem möglich sein, sich etwas Zeit zu erplanen. Die wirklichen Probleme, die einen Romanschreiber erwarten, liegen meist erst dahinter.

Was heißt „in den Buchhandel“?

Meines Wissens zum zweiten Mal kooperiert Tchibo mit BOD. Auch das aktuelle Angebot ist eigentlich eine nette Sache.

Der Tchibo-Kunde kann für 39,90 Euro einen Gutschein erwerben, mit dem er sein eigenes Buch bei BOD in Auftrag geben kann.
Vielleicht um endlich mal die gesammelten eigenen Rezepte in eine ansprechende Form bringen zu können, um sie zu verschenken. Oder um eine gedruckte Familienchronik anzulegen. Schön wäre es auch, die eigenen Gedichte endlich mal zwischen echten Buchdeckeln wiederzufinden. Und möglicherweise freut sich die Familie auch über einen Krimi oder eine Fantasygeschichte, die man sich ausgedacht hat.

Ja, wenn alles gut geht, springt vielleicht sogar ein neuer Bestseller dabei raus, der die Ladentische in den Buchhandlungen neu befüllt! Nicht nur, dass Tchibo das ausdrücklich als Möglichkeit einschließt, sie erklären sogar, wie das funktioniert. In dem Angebot heißt es nämlich:

„Wir bringen Ihr Buch in den Buchhandel!
Nach der Freigabe Ihres Titels sorgen wir dafür, dass er flächendeckend im deutschsprachigen Buchhandel mittels einer ISBN-Nummer erhältlich ist.“

Mehr noch:

„Ihr Bucherfolg mit null Abwicklungsaufwand! Wir bringen Ihr Buch zum Leser, indem wir die Abwicklung mit dem Buchhandel erledigen. Sie erhalten dann für jedes verkaufte Exemplar das volle Honorar.“

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Mit diesen Zitaten ist rechtlich alles in Ordnung. Der Kunde bekommt nicht weniger (und nicht mehr) als auf der Verpackung draufsteht.

Allerdings wird hier beim eher unbedarften Kunden eine Hoffnung geschürt, die eben doch zumindest realitätsfern ist. Der dürfte nämlich schnell mal „Buchhandel“ mit „in den Buchläden“ verwechseln und „erhältlich“ mit vorrätig“.

Tatsächlich ist ein Buch, sobald es eine ISBN besitzt, überall im Land und im Internet bestellbar, aber damit es bestellt wird, müssen die Leser erst einmal davon wissen.
Ein lieber Kollege brachte in etwa den folgenden Vergleich: Es wäre dasselbe, wenn ich dir anbieten würde, dass jeder, der mich von sich aus deswegen anruft, deinen Müll bei mir kaufen könnte, und behauptete, ich hätte damit deinen Müll in den Handel gebracht.

Ein bisschen drastisch sicher der Vergleich, aber Übertreibung macht ja bekanntlich anschaulich.

Nun sagte ich zu Beginn, es sei doch eigentlich ein nettes Angebot. Und das meine ich auch so, denn für jeden, der keine weitergehenden Ambitionen hat oder zumindest das Angebot, seinen Nutzen und seine Schwächen genau einschätzen kann, entspricht es im Wesentlichen BOD Classic (ebenfalls 39,90) und ist damit ein faires Angebot.

Schade ist nur, dass BOD, bisher eigentlich als fairer Dienstleister, der mit offenen Karten spielt, geltend, durch derartige Werbestrategien in ein Licht gerückt wird, in dem auch die schwarzen Schafe der Branche, die Pseudoverlage stehen. Das hätte man dort eigentlich nicht nötig.