Sechser im Motto: So, Frau Engel, fertig

Sechser im Motto, Foto: javarman
Sechser im Motto, Foto: javarman

© javarman

Aufgabe:
Ich möchte dich bitten, den folgenden Dialog fortzuführen:

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“

Du kannst den Dialog so lang oder so kurz weiterführen, wie du möchtest. Einzige Bedingung: Der folgende Satz muss den Dialog (vorzugsweise in irgendeiner Weise logisch) abschließen:

„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Eva Lirot

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Da darf man nicht lange fackeln, meine Liebe. Ich habe den Rosendorn in Ihrer Hand sowie das eventuell in Mitleidenschaft betroffene Gewebe großflächig entfernt. Da wird es keine Restlasten geben. Schauen Sie nur, hier haben wir ihn, den kleinen Racker.“ Stolz hielt ihr Dr. Hütte eine kleine Schüssel aus Messing hin. Darin enthalten: ihr rechter Zeigefinger. Sauber amputiert.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Michael Borlik

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Die Wirkung setzt schneller ein, als ich erwartet hätte.“ Er lächelte.
„Ist das ein gutes Zeichen?“, fragte sie.
„In der Tat.“
„Werde ich wieder gesund?“
Dr. Hütte nickte. „Das sind Sie bereits.“
„Aber …“
„Kein aber, Frau Engel, freuen Sie sich doch!“
„Aber …“
Dr. Hüttes Lächeln verschwand. „Es reicht, Frau Engel. Sie sind gesund und das waren Sie auch schon vorher. Seit Monaten kommen Sie fast täglich in meine Praxis und belästigen mich mit Ihren Hirngespinsten.“ Sein Blick wurde hart. „Sehen Sie, ich habe Ihnen vorhin ein Placebo gespritzt, trotzdem behaupten Sie, eine Wirkung zu spüren.“
Stefanie kniff die Lippen zusammen. Sie sah aus, als wollte sie Dr. Hütte an die Gurgel springen.
„Ich muss Sie jetzt bitten, zu gehen, Frau Engel. Draußen warten Patienten, die wirklich meine Hilfe benötigen.“
Sie erhob sich so ungestüm, dass der Stuhl nach hinten fortkippte. „Das werden Sie bereuen!“
„Das bezweifle ich“, erwiderte Dr. Hütte und dachte an das angebliche Placebo. Niemand würde ihm etwas nachweisen können.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor, hören Sie? VERKLAGEN!“ Damit drehte sich Stefanie um und rauschte aus dem Zimmer.

Christine Spindler

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“ Sie streichelte den Bauch ihrer Katze, die von der Narkose noch leicht benommen auf dem Behandlungstisch lag. „Minka schnurrt sogar wieder.“
Der junge Tierarzt hob die getigerte rote Katze vorsichtig hoch und bugsierte sie in die Transportbox.
„Jetzt hat sie sicher noch ein paar schöne Jahre vor sich, oder?“, fragte Stefanie besorgt.
Lächelnd streifte Dr. Hütte die blutverschmierten Latexhandschuhe ab. „Es würde mich nicht wundern, wenn sie bald wieder herumspringt wie ein Kätzchen.“
Stefanie nahm die Box am Henkel. „Vielen Dank.“
Nachdem sie am Empfangstresen die Behandlung bezahlt und den Transportkorb auf dem Rücksitz festgeschnallt hatte, saß sie eine Weile da und atmete tief durch. Sie hatte eine entsetzliche Zeit hinter sich. Ihr Mann hatte sie mit den Drillingen sitzen lassen, weil eine jüngere Frau ihn angeblich glücklicher machte. Und heute dieser entsetzliche Schock, als sie und ihre neunjährigen Jungs mitansehen mussten, wie ihre geliebte Katze durch die Luft geschleudert wurde.
Aber das Schicksal ging seltsame Wege. Hätte ihr Mann sie nicht verlassen, wüsste sie jetzt nicht, wer der verrückte Raser gewesen war.
Daheim angekommen, machte sie gleich den Anruf, der ihr auf der Seele brannte.
„Rechtsanwaltskanzlei Menzel und Stein. Fräulein Kramer am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“
„Stefanie Engel hier.“
„Ach, hallo. Herr Stein sagte, die Scheidungsunterlagen wären bereits auf dem Weg zu Ihnen“, versicherte Fräulein Kramer.
„Darum geht es nicht. Ich würde diesmal gern Herrn Wenzel sprechen.“
„Augenblick, ich stelle Sie durch.“
„Dr. Wenzel“, meldete sich kurz darauf eine forsche Stimme.
„Stefanie Engel. Sie sind vor zwei Stunden mit Ihrem Angeberporsche mit gut achtzig Sachen durch unsere Dreißigerzone gerast.“
„Was Sie nicht sagen.“
„Und haben wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, dass Sie meine Katze angefahren haben.“
„Das müssen Sie mir erst mal beweisen.“
„Es gibt drei Augenzeugen.“ Sie lauschte dem leisen Schnurren hinter sich und ergänzte kämpferisch: „Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Wolfgang Schröder

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Und das ist nur der kleinste Teil, Frau Engel! Sie müssten jetzt bereits fühlen, wie sich die phantastischen Bilder und wunderbaren Inspirationen, die Sie so lange vermisst haben, Ihr Gehirn zurückerobern.“
„Ja, aber warum …“
Warum da noch niemand vorher drauf gekommen ist? Keine Ahnung. Doch stellen Sie sich nur die Möglichkeiten vor: Jeder Mensch, der eine besondere Fähigkeit besitzt, kann diese mit unserer Methode potenzieren! Einfach die Funktionen der weniger genutzten Gehirnhälfte ‚kurzschließen‘ und die dadurch gewonnene Kapazität der anderen Hälfte zuschlagen.“
„Das mag sein. Ich weiß nur nicht …“
„Sie wissen nicht, wie Sie mir danken sollen? Ihr nächstes Buch ist mir Lohn genug, Frau Engel. Sie haben endlich Ihr Leben zurück. Nie wieder werden lästige Schreibblockaden Sie in die Verzweiflung treiben können!
Gut, Sie werden Ihre nächste Betriebskostenabrechnung nicht mehr kapieren … aber das ist doch ein mehr als akzeptabler Preis für schier unbegrenzte Kreativität und Phantasie.“
„Ist es nicht, Dr. Hütte!“
„Aber genau so wollten Sie es doch. Endlich wieder Estefania Engel, die erfolgreiche Schriftstellerin, sein.“
„Nein! Ich wollte Stefanie Engel sein, die weltberühmte Mathematikerin!“
„Bitte?“
„Wissen Sie was, Dr. Hütte? Ich werde Sie verklagen! Auf jeden verdammten Cent, den Sie besitzen. Und auch wenn ich dann mit den vielen Zahlen auf meinem Kontoauszug nichts mehr anfangen kann, so verfüge ich ja jetzt über genug Kreativität, um Ihr Geld möglichst phantasievoll auszugeben. Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Emilia Jones

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
Mit den Fingerspitzen tastete sie über ihre rechte Stirnseite, die sich weich und zart, schlichtweg wundervoll, anfühlte.
Noch vor wenigen Augenblicken war genau diese Stelle aufgeschürft und blutig gewesen. Sie hatte ein unerträgliches Dröhnen in Stefanies Schädel verursacht. Wie gut, dass ihre Freundin Alexa gleich nach dem Unfall da gewesen war und ihr Herrn Wunderdoktor Hütte empfohlen hatte.
Da gab es nur eine Sache, die sie jetzt noch interessierte. Sie sah sich in dem Behandlungsraum um. „Haben Sie denn hier nirgends einen Spiegel?“
Dr. Hütte verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, warum?“, entgegnete er mit brummigem Unterton.
„Ich würde gerne sehen, ob es genauso gut aussieht, wie es sich anfühlt.“
„In der Tat.“ Er nickte.
„Herr Doktor, bitte“, sagte Stefanie. Sie stand auf und streckte ihre Hand fordernd aus, um ihre Worte zu unterstreichen.
Endlich erhob sich Dr. Hütte von seinem Stuhl, tat dabei allerdings so, als wären seine Glieder schwer wie Blei. Irgendetwas schien ihm nicht zu passen, das konnte Stefanie ganz deutlich spüren. Aus einer Schublade holte er einen Handspiegel hervor. Es dauerte jedoch eine gefühlte Ewigkeit, ehe er ihr das Utensil reichte.
Stefanie schnappte mit der Rechten nach dem Spiegel und blickte ohne zu zögern hinein. Im gleichen Moment erschrak sie beinahe zu Tode. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem abscheulichen Ergebnis.
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Falko Löffler

„So, Frau Engel, fertig.“
„Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste“, antwortete Stefanie. „Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.“
„Was? Das kann nicht sein. Ich hab Ihnen doch eine Schmerztablette gegeben.“
„Ja, ich weiß. Sie wirkt.“
„Offenbar nicht. Ich sagte SCHMERZTABLETTE.“
„Und?“
„Die Schmerzen lassen wirklich nach?“
„Ja, es wird besser. Das ist doch gut.“
„Das ist nicht gut. Irgendwas stimmt hier nicht.“
„Oh … jetzt werden die Schmerzen wieder schlimmer. Viel schlimmer …“
„Na also! Geht doch!“
„Ich werde Sie verklagen, Herr Doktor!“

Vielen Dank an die teilnehmenden Autorinnen und Autoren!

Mehr Sechser!

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Comments
3 Responses to “Sechser im Motto: So, Frau Engel, fertig”
  1. Robin Urban sagt:

    “So, Frau Engel, fertig.”
    “Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste”, antwortete Stefanie. “Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen.”
    „Das freut mich, meine Liebe. Ihr Mann wird sicher auch zufrieden mit dem Ergebnis sein.“
    Stefanie Engel lächelte. „Ich mag Erdbeeren.“
    „Das ist schön.“ Dr. Hütte nahm die Hand seiner Patientin und führte sie zurück ins Wartezimmer, wo Herr Engel ungeduldig mit den Fingern auf seinem Wall Street Journal trommelte. Beim Anblick seiner lächelnden Frau hellte sich auch seine Miene auf, doch als er aufstand und ihr entgegen eilte, erstarrten seine Gesichtszüge.
    „Was ist DAS?“
    „Pardon?“
    Herr Engel packte seine Frau an den Schultern und zog sie näher zu sich. Fassungslos starrte er in ihre Augen. Das eine war blau, kugelrund und schön wie immer, das andere war hässlich rot verfärbt. „Dr. Hütte, sind Sie noch ganz bei Trost?! Sie haben mir versichert, dass bei dieser neuen Methode keinerlei Narben oder andere bleibende kosmetische Schäden auftreten! Was ist das hier Ihrer Meinung nach?!“
    Der Doktor war beim Anblick des wutentbrannten Herrn Engel einen Schritt zurück gewichen. „Aber Herr Engel, machen Sie sich keine Sorgen! Die Rötung wird genau wie das umliegende Hämatom innerhalb weniger Tage restlos abgeklungen sein…“
    „Innerhalb weniger Tage?! In acht Stunden erwartet man mich zum Opernball! So kann ich mich doch dort nicht blicken lassen! Das Hämatom kann man überschminken, aber der Rest… wie wird das auf den Fotos aussehen! Schrecklich!“
    Dr. Hütte rang die Hände. „Herr Engel, ich verstehe Ihren Unmut, aber dass es SO schnell gehen muss, erwähnten Sie mit keinem Wort, das dürfen Sie mir wirklich nicht anlasten…“
    „Ja, bedanken Sie sich bei der lästigen Migräne meiner Frau, die hält sich nunmal nicht an Termine! Aber SIE wären in der Pflicht gewesen, mich ordentlich aufzuklären! ‚Die Eispickel-Methode erlaubt eine preisgünstige, schnelle Lobotomie ohne Öffnung des Schädels und den damit einher gehenden entstellenden Narben!‘ So steht es in Ihrer Broschüre! Kein Wort über unschöne Rötungen!“
    Herr Engel machte auf den Absatz kehrt und zog seine immer noch lächelnde Frau hinter sich her. „Herr Doktor, ich werde Sie verklagen!“

  2. “So, Frau Engel, fertig.”
    “Ach, Dr. Hütte, Sie sind einfach der Beste”, antwortete Stefanie. “Ich spüre schon, wie die Schmerzen nachlassen. Und wann genau kann ich nun wieder Golf spielen?”

    Die Tür des winzigen OP-Raumes öffnete sich. Herein kam eine junge Assistenzärztin, trat an Dr. Hütte heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Stefanie vernahm Wortfetzen: „Frau Rudolf“, „mehrfach angerufen“ und „starke Schmerzen.“
    Dr. Hütte verzog das Gesicht. Barsch fuhr er die Kollegin an: “Die simuliert!, macht schon seit heute Morgen unsere Helferinnen verrückt! Aber was wollen Sie von mir? Sie wissen doch selbst, was da zu tun ist! – nehmen Sie diese Patientin hier“, er wies auf Stefanies verbundene Hand, „fragt mich, wann sie damit Gooolf spielen kann!“
    Er gröhlte vor Lachen, ließ von der gemaßregelten Assistentin ab und stierte Stefanie grinsend an.
    „Was haben Sie denn für ein Handicap? Und wo genau spielen Sie?“ Dabei presste er seinen fetten Bauch gegen Stefanies auf der Trage liegenden Arm. Die anwesende Helferin, die gerade noch wie unbeteiligt das benutzte OP-Besteck entfernte, sah grinsend auf Stefanies Verband.

    Stefanie überlegte. Ihre Platzreifeprüfung in zwei Wochen war bereits bezahlt. Die konnte sie nun nicht mehr absagen. Für den Kurs hatte sie lange gespart. Die Sache mit der Fingerversteifung war ganz plötzlich aufgetreten. Aber ohne die Operation wäre es kein Problem gewesen, damit noch eine Weile weiter zu spielen.
    Sie hat Dr. Hütte ausdrücklich gefragt.
    „Ruckzuck erledigt“, war seine Antwort gewesen “Lappalie!“

    Und jetzt stellt dieser Weizenspoiler ihr blöde Gegenfragen und spielt den Klugscheißer? Würde die Heilung länger als zwei Wochen dauern, könnte sie die Prüfung vergessen und alles wäre umsonst gewesen! Na warte!

    Sie sah ihm fest in die Augen. „Negatives Handicap!“, sagte sie eisig, aber so selbstverständlich, als spreche sie über eine Preissenkung beim Hundefutter,
    „nur sagten Sie, dass es Ruckzuck erledigt sei. Das habe ich als Beleg mit dem Handy aufgenommen, nicht wahr?, in meinem Beruf hat man gar keine Wahl, ständig muss man sich absichern, zu dumm ist das, aber dafür haben Sie sicher Verständnis?“
    Sie hob die nicht verbundene Hand auf Brusthöhe, senkte den Blick zunächst auf die Spitzen ihrer gebogenen Finger, dann hinüber zu seinem Bauch.
    „Wahrscheinlich Anfänger?“, sagt sie gelassen, „Nunja, angefangen hat ja jeder mal, nicht?“ und fügte hinzu: „Sie haben es doch sicher gelesen: Düsseldorf, in genau zwei Wochen, Masters-Turnier. Es ist nur so: Wenn ich nicht daran teilnehmen kann, wird das teuer. Vorsorglich übergebe ich Ihre Karte schon mal meinem Anwalt und Agenten, der kann sich mit Ihrer Kammer dann schon mal in Verbindung setzen.
    Die Assistenzärztin presste triumphierend ihre Lippen aufeinander, warf einen versteckten Blick auf ihren Chef und verließ den Raum mit erhobenem Kopf.
    Dr. Hütte war plötzlich sehr blass.

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