Beruf Erzähler: Das bin ich

Wenn der Erzähler einer Geschichte sich selbst benennt, also als Ich in der Erzählung auftaucht, dann spricht man von einem Ich-Erzähler. Der Auftritt des Ich-Erzählers kann aber ganz unterschiedlich vonstatten gehen.

Grundsätzlich lässt sich zwischen demjenigen unterscheiden, der als handelnde Figur in Erscheinung tritt, und dem, der das nicht tut. Anders gesagt: Der Ich-Erzähler kann als erzählendes Ich und/oder als handelndes Ich auftreten.

Das handelnde Ich

Der Ich-Erzähler, an den man vermutlich als Erstes denkt, weil er heutzutage ganz sicher am häufigsten anzutreffen ist, ist witzigerweise der, der als Erzähler gar nicht in Erscheinung treten will. Das erzählende Ich tritt, so weit es eben möglich ist, hinter das handelnde Ich zurück.

Das Ich zeigt sich also gar nicht als Erzählerfigur, sondern nur als Figur innerhalb der Erzählung, ist demnach Teil der Kernhandlung. Dabei nimmt es entweder die Rolle des Protagonisten oder die eines (ständigen) Begleiters des Protagonisten ein.

Ich war froh, als ich endlich aufbrechen konnte. Nichts gegen die freundlichen Bauersleute, doch ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.

Spätestens wenn man in dem Beispieltext das Ich durch einen beliebigen Figurennamen ersetzt, bemerkt man, dass es sich im Grunde einfach um einen personalen Erzähler handelt, in dem das Ich eine Figurenrolle übernommen hat:

Peter war froh, als er endlich aufbrechen konnte. Nichts gegen die freundlichen Bauersleute, doch er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Er verabschiedete sich und machte sich auf den Weg.

Im Unterschied zu den folgenden Ich-Erzählern tritt das Ich hier immer nur auf der Handlungsebene auf, die die Kernhandlung darstellt. Eine weitere Ebene gibt es nicht. Mit einer Ausnahme:

Peter lehnte sich zurück und schaute seine Zuhörer an. Es herrschte gespannte Stille.
Schließlich hielt es Monika nicht mehr aus. „Erzähl doch weiter! Du bist doch sicher nicht lange auf dem Gut der Hensons geblieben.“
„Natürlich nicht“, antwortete Peter, steckte sich aber erst noch eine Zigarette an, bevor er weitererzählte:

Ich war froh, als ich endlich aufbrechen konnte. Nichts gegen die freundlichen Bauersleute, doch ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.

Vorausgesetzt die Geschichte, die Peter hier seinen Zuhörern erzählt, ist die Kernhandlung einer Erzählung, in der die Umstände, unter denen Peter erzählt, Teil einer Rahmenhandlung sind, tritt das handelnde Ich hier praktisch innerhalb einer umfangreichen wörtlichen Rede, eines durch Monolog geprägten Dialogs auf.

Dieser Kunstgriff gibt nun wieder verschiedenen Erzählverhalten Raum. So kann das Ich innerhalb der Kernhandlung rein personal erzählen, also ausschließlich handelndes Ich bleiben. Referenzen zur Ebene des Erzählens gibt es dann nur über die Rahmenhandlung.

Das Ich kann aber auch als erzählendes Ich auftreten und so zusätzlich auf die Ebene des Erzählens referieren:

Peter lehnte sich zurück und schaute seine Zuhörer an. Es herrschte gespannte Stille.
Schließlich hielt es Monika nicht mehr aus. „Erzähl doch weiter! Du bist doch sicher nicht lange auf dem Gut der Hensons geblieben.“
„Natürlich nicht“, antwortete Peter, steckte sich aber erst noch eine Zigarette an, bevor er weitererzählte:

Ich war froh, als ich endlich aufbrechen konnte. Gegen die freundlichen Bauersleute gab es nichts einzuwenden und ich habe mir später oft gewünscht, ich hätte noch bleiben können, doch damals musste ich eine Aufgabe erfüllen. Der Drache würde die Prinzessin nicht von selbst wieder freigeben. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.

Das erzählende und das handelnde Ich

Im letzten Beispiel haben wir es bereits: Das erzählende und das handelnde Ich. Wir können die Rahmenhandlung rund um Peter einfach weglassen und finden dennoch Hinweise auf den Erzähler. Da ist nicht nur das Ich, mit dem der Leser miterlebt, was damals geschah, sondern auch das Ich, das diese Erlebnisse erzählt, das sie bewerten und kommentieren kann.

Es ist hilfreich, sich klarzumachen, dass dies zwei unterschiedlieche Figuren der Erzählung sind. Die handelnde Figur (in diesem Fall der Protagonist) und die Erzählerfigur. Letztere erzählt über erstere, wenn auch beide ein und dieselbe Person sind. Das Ich (Peter) aus dem Jahr 2010 erzählt über das Ich (ebenfalls Peter) aus dem Jahr 1978. Beide haben einen sehr unterschiedlichen Erfahrungshorizont und sind sich möglicherweise auch in anderen Eigenschaften längst nicht mehr gleich.

Im Beispiel zeigt sich dieses erzählende Ich in dem Satz „… ich habe mir später oft gewünscht, ich hätte noch bleiben können …“ und im „damals“ im Folgesatz. Natürlich kann es auch deutlicher hervortreten, entweder, indem es selbst Teil einer Rahmenhandlung wird, oder, indem es den Leser direkt anspricht:

Lieber Leser, ich will dir heute eine Geschichte erzählen, die so unglaublich ist, dass auch ich sie in das Reich der Märchen verbannen würde, hätte ich sie nicht selbst erlebt. Ja, es ist meine Geschichte.

Ich war damals gerade fünzehn Jahre alt geworden, als mein Großvater mir diesen seltsamen Stein schenkte.

Das erzählende Ich

Hat man nun einmal das erzählende vom handelnden Ich getrennt, ist es ein Katzensprung zum erzählenden Ich, das nicht mehr von einem handelnden Ich erzählt, sondern von einer dritten Figur, die eben nicht dieses Ich ist.

Häufig wird sich dieses erzählende Ich gleich zu Beginn der Geschichte deutlich positionieren, allein schon, um sein Verhältnis zu der Figur, deren Geschichte erzählt wird, zu erklären und sich damit als Erzähler zu legitimieren:

Lieber Leser, ich will dir heute eine Geschichte erzählen, die so unglaublich ist, dass auch ich sie in das Reich der Märchen verbannen würde, hätte sie mir nicht mein Freund Peter erzählt, der in seiner Wahrhaftigkeit über jeden Zweifel erhaben ist.

Peter war damals gerade fünzehn Jahre alt geworden, als sein Großvater ihm diesen seltsamen Stein schenkte.

Die im zweiten Absatz beginnende Kernhandlung wird nun so erzählt, wie man es klassischerweise vom Erzähler in der dritten Person kennt, auktorial oder personal, wobei ein personales Erzählverhalten in diesem Fall den Vertrag mit dem Leser stark strapazieren würde.

Dabei kann sich das erzählende Ich regelmäßig zu Wort melden, kommentieren und bewerten oder fortan ganz hinter die Erzählung zurücktreten.

Und natürlich kann das erzählende Ich die einleitenden Worte (oder eine Rahmenhandlung) auch ganz beiseite lassen und nur durch Kommentare und Wertungen auf sich aufmerksam machen:

Peter war gerade fünzehn Jahre alt geworden, als sein Großvater ihm den Stein der Weißen schenkte. Dem Jungen war gar nicht bewusst, welch außergewöhnliche Ehre ihm da zuteil wurde. Ich habe seit frühester Jugend von einem solch machtvollen Besitz geträumt und noch heute wünschte ich, einmal die Möglichkeiten eines solchen Artefakts nutzen zu können. Peter aber, unwissend wie er war, brachte es kaum fertig, seinem Großvater Dankbarkeit vorzuspielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, es wäre präziser, von einer Ich-Figur und einem Ich-Erzähler zu sprechen. Oder eben vom handelnden und vom erzählenden Ich. Aber man muss ja nicht pingelig werden.

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  1. […] nun meinen vorhergehenden Artikel der Reihe gelesen hat, wird schon ahnen, dass damit noch immer nicht alles passt. Dort wurde […]



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