Beruf: Erzähler: Ich, ich, ich!

Wer sich schon an dieser Stelle Informationen zum klassischen Ich-Erzähler erhofft, der sei auf einen späteren Artikel vertröstet. Hier bleiben wir noch viel allgemeiner.

Denn wenn wir uns einen Erzähler als eine Figur vorstellen wollen, wie in der Einleitung angedeutet, dann wird er von sich selbst, wie jede andere Figur auch, in der ersten Person sprechen. Da diese Vorstellung es schon voraussetzt, muss ich hier nicht zusätzlich betonen, dass der Erzähler nicht der Autor ist.

Der Unterschied zwischen dem Ich des Erzählers und dem Ich einer anderen Figur ist nur, dass letzteres nur in wörtlicher (direkter) Rede auftritt. Genauer gesagt, dass nur die wörtliche Rede der Figur als solche gekennzeichnet wird (in welcher Form auch immer, manche Texte verlassen sich dabei nur auf den Kontext). Demzufolge erkennt der Leser jedes Ich, das außerhalb der als wörtliche Rede gekennzeichneten Textstellen auftritt, als das des Erzählers.

Aber Moment! Es gibt doch unzählige Texte, in  denen der Erzähler nie „ich“ sagt. Kein Problem. Eine Figur muss ja in der Geschichte nicht zum Sprechen kommen. Beinahe jede Geschichte führt Figuren mit sich, die mangels Dialogpassagen nicht ein einziges Mal die Möglichkeit dazu bekommen.

Der Erzähler bleibt allerdings auch dann, wenn er sich nicht direkt zu Wort meldet, eine der wichtigsten Figuren des Textes. Dazu mehr im nächsten Artikel.

Zuletzt aber noch einmal eine Veranschaulichung des bisher Geschriebenen:

Rosie trennte sich im Mai von ihrem Freund. Sie hatte nur einen Verdacht, aber der reichte ihr, um die Hochzeit abzublasen. Ihre Freundin Sabine unterstützte sie bei der Entscheidung. Und sie half ihr, auf andere Gedanken zu kommen. „Lass uns ans Meer fahren“, forderte sie Rosie gleich nach der Trennung auf. Noch am selben Abend fanden sich beide in einem Hotel in Warnemünde wieder.

Hier haben wir es ja wohl mit einem Erzähler zu tun, der sich weitgehend aus allem heraushält und der in der dritten Person erzählt. Das kann natürlich den ganzen Roman so weitergehen, ohne dass sich der Erzähler ein einziges Mal als „Ich“ zu erkennen gibt. Was aber, wenn es folgendermaßen weitergeht?

Rosie trennte sich im Mai von ihrem Freund. Sie hatte nur einen Verdacht, aber der reichte ihr, um die Hochzeit abzublasen. Ihre Freundin Sabine unterstützte sie bei der Entscheidung. Und sie half ihr, auf andere Gedanken zu kommen. „Lass uns ans Meer fahren“, forderte sie Rosie gleich nach der Trennung auf. Noch am selben Abend fanden sich beide in einem Hotel in Warnemünde wieder.

Am nächsten Morgen lernte ich sie kennen.

Da ist er plötzlich, unser Erzähler. Und so könnte er sich theoretisch in jedem Roman zu jeder Zeit von eben auf gleich zu Wort melden, obwohl das natürlich nicht empfehlenswert ist, wenn es nicht zur grundsätzlichen Struktur der Erzählung gehört.

Das aber will dieser Artikel deutlich machen: Betrachten wir den Erzähler als Figur, gehört zu ihm immer ein Ich, ob wir es im Verlauf der Geschichte kennenlernen oder nicht.

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2 Responses to “Beruf: Erzähler: Ich, ich, ich!”
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  1. […] ersten Teil der Reihe wurde es schon angedeutet: Den Erzähler als Figur zu begreifen hilft dem Autor, sich bewusst zu […]



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