Jugend hat keinen Sinn für Goethe & Co

Rezitator Lutz Görner: Mit Lyrik lässt sich kein Geld verdienen

Bücherregal: Lyrische Werke lässt die Jugend stehen (Foto: pixelio.de/Siegfried Fries)

Berlin/Weimar (pte/17.09.2010/13:30) – Die Umsätze von Lyrik-Bänden im Buchhandel sinken seit Jahren. „2007 machte der Umsatz im Bereich Lyrik noch 1,8 Prozent vom Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels aus, mittlerweile sind es nur noch rund 1,2 Prozent“, so ein Sprecher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels auf Anfrage von pressetext.

Für Deutschlands bekanntesten Rezitator Lutz Görner liegt der Grund unter anderem an dem Überfluss an Medien: „Die jungen Leute heutzutage haben andere Probleme, als die jungen Leute vor dreißig Jahren. Damals hatten sie noch keinen Computer und Computerspiele, noch kein Handy, keine Klingeltöne, kein Wikipedia, kein Internet. Die hatten nur Fernsehen und LPs.“

Früher sei der Wunsch, sich mit Lyrik auseinanderzusetzen, größer gewesen. „Viele Leute sind in meine Vorstellungen gekommen oder ich bin in die Schulen gegangen. Das wurde mir manchmal schon fast ein bisschen zuviel“, erzählt Görner im pressetext-Interview.

Bewusstsein für Kunst muss sich erst entwickeln

Heutzutage sei kein Platz für Schiller, Goethe und Co meint der Rezitator. „Wenn man so lange Schule hat und dann fünf Stunden im Schnitt vor dem Fernseher oder Computer sitzt, dann ist ja auch nicht mehr so wahnsinnig viel Zeit. Aber das wird auch mal wieder anders.“ Das Bewusstsein für Kunst müsse sich auch erst entwickeln.

„Was will ein Elfjähriger mit einem Liebeslied von Verdi anfangen? Damit ist sein Gefühlshaushalt überfordert. Der hört sich lieber Tokio Hotel an. Das ändert sich dann mit dem Alter und irgendwann merkt man, dass es noch so etwas wie Kunst gibt“, ist sich Görner sicher.

Als Dichter braucht man die richtige Frau

Görner, der u.a. Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat, ist vielen Deutschen und Österreichern bekannt durch seine Fernsehserie ‚Lyrik für alle‘. Über 17 Jahre wurde sie jeden Sonntagmorgen um fünf nach neun in Zusammenarbeit mit dem ORF bei 3sat ausgestrahlt. Mit Lyrik allgemein könne nie jemand wirklich Geld verdienen. Als Rezitator könne er jedoch nicht klagen.

Dichter hätten es schwerer, da die Auflagen von Gedichtbänden zu gering seien. „Von einer 2.000er-Auflage, bei der man auch nur zehn Prozent vom Händlerabgabepreis bekommt, kann man ja nicht mal die Miete zahlen. Wenn man heutzutage Dichter sein will, muss man sich die richtige Frau, mit einem festen Job aussuchen“, scherzt Görner.

Nach wie vor tourt Görner durch Deutschland und ist im Oktober erstmals mit seinem Schiller-Programm „Opiumschlummer und Champagnerrausch“ auch in Österreich zu Gast (22. Oktober Wien; 24. Oktober Wels). Nächsten Montag, 20. September 2010, widmet er sich ab 19 Uhr im Berliner Café Einstein Unter den Linden, gemeinsam mit Gerald Uhlig und „Deutsch-Rapper“ Curse im Rahmen einer Buchvorstellung der Frage, ob „Deutsche Lyrik – verstaubt oder zeitlos?“ ist. Infos hierzu unter http://www.beingoo.de/lyrik.

(pressetext)

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Comments
2 Responses to “Jugend hat keinen Sinn für Goethe & Co”
  1. Ryoki sagt:

    „Jugend hat keinen Sinn für Goethe & Co“

    Kann ich nur bestätigen. Doch der Begründung, die der werte Herr Görner angibt, kann ich nur bedingt zustimmen.
    Der Kontakt mit Goethe und Co. ist einfach viel zu gering, als das Interesse geweckt werden könnte. Ich bin zur Zeit in der 12. Klasse eines Gymnasiums, also „kurz“ vorm Abi. Und in der Schule wurde nie auch nur ein Text von Goethe vorgelegt. Der erste wird noch kommen, aber welcher dies ist, kann ich auch nicht sagen.

    Und sonst? Die Medien schweigen über die werten Herrn. Da gebe ich Görtner völlig recht. Sie erdrücken die Jugend leider durch ihre unglaubliche Fülle und Allgegenwertigkeit.

    Jedoch entmutigt mich seine Aussage zu den Kindern etwas. Entweder ich bin eine Ausnahme unter Tausenden oder der werte Herr schätzt die Interessen der Jugend doch irgendwo ein wenig falsch ein.
    Ich zu meinem Teil habe im letzten Jahr das erste Mal etwas von Loriot gehört. Und Heinrich Heine war bis vor Kurzem auch nur ein wager Schatten am Rande meines Kulturhorizonts.
    Woran das liegt? Das kann ich wohl am ehesten mit einer Frage beantworten.
    Wie soll ich mich für etwas interessieren, von dem ich nicht einmal weiß, dass es existiert? […]
    Die „Hauptschuld“ den Medien zuzuschreiben halte ich für falsch.

    Wahrscheinlich gilt das nicht für alle, doch in meinem und ich schätze auch mal in vielen anderen Fällen, stellt/stellte diese Frage das Hauptproblem dar.
    Die Vermittlung, Vorstellung und teils auch das historische Hintergrundwissen fehlen einfach.

    Argh da habe ich wieder nen halben Roman geschrieben…
    Meinungsaustausch ist doch was feines. *grins*

    • autorphilipp sagt:

      Vielen Dank für deinen langen Kommentar. Ich denke, es ist besonders wichtig, dass man einfach die Fühler ausstreckt. Ob man dann bei Goethe, Schiler oder keinem von beiden hängen bleibt, ist nicht wichtig, wenn man sich aufgrund der eigenen Erfahrung dafür oder dagegen entscheidet.

      Die Schule sollte einfach grundsätzliches Interesse wecken und die Fähigkeit, nach eigenen Wünschen und Vorstellungen solchen Interessen nachzukommen.

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