Frage nicht den Lektor

Mir fallen auf Anhieb nur drei Gründe ein, warum ein Autor einen freien Lektor für das Lektorat eines Romans beauftragen und bezahlen sollte:

1. Er will nicht oder glaubt nicht, dass sein Roman eines Tages in einem Publikumsverlag erscheint (der ja dann für das Lektorat verantwortlich wäre), will ihn aber im Eigenverlag oder über einen Dienstleister publizieren, wobei er sich wünscht, dass das Manuskript im Wesentlichen so bleibt, wie es ist, aber in diesem Rahmen so gut als möglich verbessert wird.

2. Er hofft, mithilfe des freien Lektors sein Manuskript derart aufzubessern, dass die Chancen, einen Agentur- oder Verlagsvertrag zu ergattern, steigen.

3. Sein Fokus liegt nicht so sehr auf dem aktuellen Text, sondern er sieht es eher als eine langfristige Investition, eine Art Schreibkurs am eigenen Text, wobei hier möglicherweise von vorneherein die Manuskriptbetreung durch den Lektor die bessere Wahl wäre.

In allen drei Fällen wird es noch immer sehr abweichende Auffassungen geben, ob das Lektorat hier eine sinnvolle Investition im Vergleich zu den Alternativen darstellt. Und in allen drei Fällen sollte sich der Autor klarmachen, dass der finanzielle Aufwand vergleichsweise hoch ist.

Und vor allem der erste Fall ist es, um den es mir hier geht. Selbst wenn ich nicht auch als freier Lektor arbeiten würde, der schließlich damit Geld verdienen kann, würde ich es zunächst einmal begrüßen, wenn jemand auch für die Alternative zum Publikumsverlag zu der Erkenntnis kommt, dass er dem potentiellen Leser nicht seine Rohfassung um die Ohren hauen will. Allerdings sehe ich es auch als meine ethische Pflicht dem potentiellen Kunden gegenüber an, ihm vor der Auftragsannahme eine ehrliche Einschätzung seines Werkes und dessen Möglichkeiten zu geben.

Und die kann im Grunde genommen wieder nur auf drei Arten ausfallen:

1. Ich schätze das Werk für so gut ein, dass der Kunde noch einmal darüber nachdenken sollte, ob er es nicht doch bei einer Agentur oder einem Pubklikumsverlag versucht. Kurz gesagt, ich mache ihm klar, dass er mich eigentlich nicht braucht.

2. Ich schätze den Roman so ein, dass es einiger Überarbeitung bedarf, um ein überzeugendes Ergebnis zu liefern, mit dem der Kunde dann entweder einen guten Roman im Eigenverlag oder beim Dienstleister veröffentlicht (ich weise immer auf die Nachteile eines solchen Vorgehens hin) oder es aber doch auf dem klassischen Verlagsweg versucht.

3. Meiner Einschätzung nach bedürfte es weit mehr als eines Lektorats, um aus dem vorliegenden Manuskript ein veröffentlichungsreifes zu machen.

Der Titel des Artikels bezieht sich auf Kunden, denen ich im Vorhinein diese dritte Einschätzung gebe, wobei ich, sofern ich es für eingermaßen aussichtsreich halte, auf die Möglichkeit einer Manuskriptbetreuung hinweise.

Es ist nun einmal so: Mit einem normalen Lektorat (keine Manuskriptbetreuung, kein Ghostwriting) lässt sich aus einem solchen Manuskript im besten Fall ein etwas besserer Roman, aber kein Wunderwerk zaubern. Ein guter Lektor mag einen großen Anteil an der Qualität des Endprodukts haben, aber viel entscheidender ist die Qualität des Ausgangsprodukts. Ist der Wurm im Holz, reicht eine Politur nicht aus.

Wenn sich nun ein Autor trotz einer solchen Vorabeinschätzung dennoch für ein Lektorat entscheidet (und ich rate eher ab), tut er gut daran, sich nach dem Lektorat nicht neuerlich nach der Einschätzung des Lektors zu erkundigen, denn die wird sich nicht wesentlich geändert haben.

Ihm bleibt jedoch als Trost, dass auch ein Lektor nicht frei von Subjektivität und damit fehlbar ist.

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