Rette sich, wer kann

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Rette sich, wer kann“, die in der Geschichtenweberanthologie „Die Unterirdischen“ erschienen ist.

Kobolde sind schon ein eigenes Völkchen. Und Grant ist ein besonders hervorstechendes Exemplar. Oder besser: Ein Kobold, wie ein Kobold sein muss. Seiner Meinung nach.

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Grant wurde erwartet.
Drine stand im Eingang zur Wohnhöhle. Als sie ihn kommen sah, schüttelte sie den plärrenden Kinderhaufen ab und wieselte ihm entgegen. „Und, und, und?“
„Nichts!“ Grant drängte sich an seiner Frau vorbei in die Wohnhöhle. „Schaff die Gören weg!“ Die konnte er nun gerade noch ertragen. Durfte ein Koboldvater nicht ein bisschen Ruhe erwarten, wenn er von einer derart deprimierenden Mission zurückkehrte?
„Ab in die Aufzuchthöhle!“, befahl Drine den Bälgern.
Einer der Großen kam ihr zu Hilfe und trieb die Jährlinge vor sich her. Grant stieß einen tiefen Seufzer aus, als er sich auf die Strohmatten plumpsen ließ. Drine brachte ihm einen Wurzeltee.
„Mit Schuss?“, fragte Grant.
„Natürlich. Ich kenn dich doch.“ Sie setzte sich ihm gegenüber und wartete, bis er gewillt war zu sprechen.
Grant versuchte sie unter gesenkten Augenlidern hervor zu beobachten. War sie wirklich so geduldig oder unterdrückte sie ihre Neugier nur? Er fand keine Antwort. Beinahe war er geneigt, sich darüber zu ärgern, dass er sich so selten darin versucht hatte, in Drines Gesichtszügen zu lesen. Aber es gab für einen richtigen Kobold schließlich Wichtigeres, als die Frauen zu verstehen.
Er nahm noch einen tiefen Schluck. Der Rum gab ihm ein wohliges Gefühl. Wie lange würde es in seiner Höhle noch diese wichtigste Zutat für seinen Wurzeltee geben?
„Es gibt keinen Weg nach oben.“
Drine stöhnte. „Bist du sicher?“
„Was denkst du denn? Glaubst du, ich bin die letzten Tage aus reinem Vergnügen durch die Gegend gekrochen?“
Drine blickte zu Boden. „Entschuldige. Ich meine ja nur, ob du dich auch in der Nachbarschaft umgehört hast.“
„Ich hab es nicht gern getan, das kannst du mir glauben.“ Allein der Gedanke an die Nachbarn verleitete Grant zu einem verächtlichen Schnauben. „Aber was blieb mir übrig?“
„Niemand hat einen Weg nach oben gefunden?“
„Niemand!“
„Auch Ernt nicht?“
„Was willst du immer mit Ernt?“, brüllte Grant. Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. „Ich habe nichts gefunden! Niemand hat etwas gefunden!“
Drine duckte sich. „Ich dachte ja nur, weil seine Höhle die größte ist. Er lebt schon so lange hier, vielleicht …“
„Sicher“, unterbrach er sie, „der alte Sack hat die größte Höhle. Aber das wird nicht immer so sein! Und dann steh ich bereit!“
Drine sprang auf und stampfte mit dem Fuß auf. Grant zuckte erschrocken zurück. So hatte er seine Frau noch nie …
„Natürlich! Dieser verdammte Teufelssturm schneidet uns von der Oberfläche ab, wir sehen dem Hungertod ins Auge, und der feine Herr Grant weiß nichts Besseres, als sich über die Nachbarschaft aufzuregen, ganz besonders über seinen eigenen Vater!“
Grant überlegte, ob diese Frechheit nicht heftiger Widerworte und einer Klarstellung der Machtverhältnisse bedurfte, aber als er Drine in die Augen schaute, entschied er sich dagegen. „Ich weiß doch auch nicht, was zu tun ist.“ Er hob kraftlos die Schultern, um sie gleich darauf mit einem weiteren tiefen Seufzer wieder fallen zu lassen.
„Aber wir müssen etwas tun!“, sagte Drine und wendete sich einem Gewaltmarsch durch die kleine Wohnhöhle zu.
Grant schaute wie gebannt auf ihren Zeigefinger, der bei jedem ihrer Worte die Luft im Raum in ein Links und ein Rechts zerschnitt.
„Unsere Vorratshöhlen sind bald leer! Unsere Kinder müssen essen, wir müssen essen. Wenn es keinen Weg nach oben gibt …“
„Es gibt keinen.“ Grant war unwohl bei dem Gedanken, sich das Heft völlig aus der Hand nehmen zu lassen.
„… dann muss es eben einen nach unten geben!“
„Waaas?“ Grant sprang auf und lief seiner Frau hinterher, die nicht müde wurde, den Raum mit großen Schritten zu durchmessen. „Nach unten? Bin ich lebensmüde? Da hausen Monster, Elfen, Trolle und was weiß ich noch für grausame Kreaturen. Wir Kobolde taten immer gut daran, denen nicht in die Quere zu kommen!“
Drine machte auf der Ferse kehrt, und Grant konnte nicht rechtzeitig stoppen. Doch seine Frau stand wie eine Eiche.
„Willst du uns verhungern lassen?“
Selbst wenn Grant ein Ja hätte irgendwie als vernünftige Antwort werten können, er hätte sich nicht getraut, es auszusprechen.

Endlich war Grant wieder der Mann in der Höhle. Mit all seiner Erfahrung hatte er den Platz ausfindig gemacht, der ihm für eine Grabung in die Tiefe am erfolgversprechendsten schien. Schließlich hatte er die Gänge und Räume erschaffen, in denen er nun mit seiner Frau und dem dritten und vierten Wurf lebte. Und hier, einige wenige Schritte vor der fünften Beutekammer, dem tiefsten Punkt ihres Höhlensystems, hatte er den Gang nach unten befestigen müssen, weil er damals beim Graben an einer Stelle durchgebrochen war. Eine schweißtreibende Arbeit, die ihn viele Tage beschäftigt hatte. Getreu der Koboldweisheit: „Wer zu tief gräbt, schaufelt sich sein Grab“, war er sehr gründlich gewesen, als er das Loch zugeschüttet hatte.
Und jetzt zerstörten er und die Jungen aus seinem dritten Wurf dieses Schutzwerk, indem sie sich mit Schaufeln und Hacken einen Weg ins Dunkel kämpften. Drine hielt sich mit den Mädchen und den Jährlingen im Hintergrund. Solange sie bei der Arbeit nicht störten, sollten sie ruhig sehen, welch tüchtigen und mutigen Vater sie hatten, und wie sicher er die Jungs anleitete.
Er legte sich mächtig ins Zeug. Die Anstrengung tat gut und verdrängte die Gedanken an das, was ihm noch bevorstand. Jetzt, wo er wieder das Kommando übernommen hatte, erschien es ihm auch weit weniger bedrohlich. Er, der große Grant, hatte sich schließlich nicht umsonst den Ruf als draufgängerischer Beutejäger erworben. Kein Hof der Menschen auf der Oberfläche war vor ihm sicher gewesen, und nie gab es eine Zeit, in der seine Vorratskammern nicht gut gefüllt waren, bis vor zehn Tagen dieses seltsame Sturmgetöse aus der Oberwelt alles verändert hatte.

Grant taumelte. Beinahe wäre er seiner Schaufel hinterhergefallen, die vom Prasseln der rutschenden Erde mitgerissen wurde und in der Tiefe verschwand. Für den Bruchteil einer Sekunde klammerte er sich an einem seiner Söhne fest, dann stand er wieder aufrecht.
„Wir sind durch!“, sagte er. „Jetzt eine kleine Stärkung, ein bisschen Ruhe, dann mache ich mich auf den Weg.“
„Allein?“, fragte Drine.
Grant war sich nicht sicher, aber er glaubte Sorge in ihrer Stimme zu spüren. Vielleicht war es der Ton, den er auch gehört hatte, als sie ihn bei seinen ersten Beutezügen verabschiedet hatte. Aber was machte er sich bloß für seltsame Gedanken? „Natürlich allein. Bevor ich mich nicht auskenne, brauche ich niemanden, der mir im Weg rumsteht.“
„Nimm einen der Jungs mit. Nur zur Sicherheit.“
„Sicherheit, Sicherheit. Darum geht es ja.“
„Ein paar haben dich doch schon an die Oberfläche begleitet. Such denjenigen aus, der sich am besten gemacht hat.“ Drine wartete keine Antwort ab, wählte zielsicher drei aus dem Haufen der Älteren aus und schob sie Grant entgegen.
Wie viele Kinder hatte er eigentlich? Zwanzig, dreißig? Waren es in den vorangegangenen Jahren auch schon so viele gewesen? Er betrachtete die drei Burschen, die vor ihm standen. Zwei von ihnen hielten die Köpfe gesenkt, der dritte, ein dreister Kerl mit einem fast schon braunen Kopfpelz, der für einen ordentlichen Kobold aber gerade noch dunkel genug war, funkelte ihn aus großen Augen an. Trotzdem kam er Grant nicht bekannter vor, als die anderen beiden, die ihm obendrein mit ihrer demütigen Haltung weit mehr zusagten.
Nur, für welchen der beiden sollte er sich entscheiden? Er begann im Stillen einen Abzählvers aufzusagen. Er verhaspelte sich, begann von Neuem. Aber Moment. So schön das mit der Demut auch war: Half ihm das dort unten wirklich weiter? Grant betrachtete erneut den Braunhaarigen. Möglicherweise war er ihm doch schon aufgefallen. Grant fühlte eine gewisse Neugier, strengte sein Gedächtnis an. Vielleicht der, an dem er sich vorhin kurz hatte abstützen müssen, um nicht ins Loch zu fallen? Oder der, der Drine geholfen hatte, die Bälger aus der Wohnhöhle zu treiben? Möglicherweise beides? Er war sich nicht sicher. Aber seine Entscheidung stand fest.
Er räusperte sich und zeigte mit dem Finger auf den Braunhaarigen. „Wie heißt du?“
„Blad.“
„Also gut, Blad. Wenn du etwas gegessen hast, suchst du nach zwei großen Buckelsäcken für uns. Bring außerdem Fackeln, Messer und Schleudern. Vergiss die Steine nicht und lass dir von deiner Mutter Proviant einpacken. Dann wartest du hier auf mich.“
Noch während Blad sich bedankte, verschwand er in der Beutekammer. Offenbar schien ihm das wichtiger zu sein, als erst einmal zu essen. Konnte man das schon als Befehlsverweigerung werten? Grant wollte mal nicht so sein. Er schaute zu Drine.
Ihre Lippen kräuselten sich zu einem geheimnisvollen Lächeln. „Eine sehr weise Entscheidung, die du da getroffen hast, mein kluger Ehemann. Sehr weise.“

Im Schein der Fackeln folgten sie dem Gang, der sich langsam, aber stetig in die Tiefe senkte. Seine Wände waren grob, aber kundig bearbeitet, alt und nicht beständig gepflegt wie die in einer Koboldhöhle, ja nicht einmal zu vergleichen mit den weit verzweigten unterirdischen Gängen im Koboldreich, nahe der Oberfläche. Doch es schien, dass irgendjemand oder irgendetwas diesen Weg in die Tiefe – oder aus ihr herauf – wenigstens hin und wieder zu nutzen schien. Grant hätte sogar fast darum gewettet: Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass jemand hier herumgekrochen war. Er musste auf der Hut sein. Er tastete nach dem Messer in seinem Gürtel. Es war die beste Klinge, die er je erbeutet hatte. Sie stammte aus der Werkstatt eines Schmieds, der in der Menschensiedlung unweit von Grants Höhle lebte und ihn daher lange Zeit unfreiwillig mit Waffen, Werkzeugen und sonstigen Gerätschaften versorgte, bis er sich – es war kaum zwanzig Tage her – zwei scharfe Wachhunde zulegte. Wie es dort oben jetzt wohl aussah? Grant konnte sich kaum vorstellen, dass bei diesem Stürmen, Poltern und Krachen, das von der Oberwelt bis in ihre Höhlen gedrungen war, auch nur ein Stein auf dem anderen geblieben war.
„Es riecht muffig hier.“ Blad rümpfte die Nase.
Eigentlich war Grant doch froh, dass er seinen Sohn bei sich hatte. Aber das wollte er natürlich nicht zeigen, daher brummte er nur. Außerdem sollte einem richtigen Kobold der Geruch nichts ausmachen. Immerhin hielt sich der Junge zurück. Er trottete weitgehend stumm hinter ihm her und belästigte ihn nicht übermäßig. Die klare Rangordnung gab Grant auch das letzte Stück Selbstsicherheit zurück, an der Drines ungewöhnliches und ungebührliches Auftreten gekratzt hatte.

Schließlich erwachte in Grant der Lehrmeister. „Was fällt dir an diesem Gang auf?“
Blad schien überrascht. „Meinst du mich, Vater?“
„Wen sollte ich sonst meinen, du Dummkriecher?“
„Er führt immer nach unten, macht nur selten eine Wendung, und es gibt keine Höhlen und nur wenige Seitengänge.“
Blad musste bereits darüber nachgedacht haben, seine Antwort kam jedenfalls sehr schnell. Grant wollte ihn weiter prüfen. „Warum nehmen wir dann keinen der Seitengänge?“
„Ich schätze, weil dieser der breiteste ist. Er führt nach unten, wir wollen nach unten.“
„Was bist du nur für ein Klugschwätzer?“ Grant ärgerte sich. Der Junge war wirklich gut. „Es ist vor allem das System. Wenn du dich gar nicht auskennst, musst du einen Weg nach dem anderen testen, bevor du dich verläufst. Still jetzt! Ich habe etwas gehört.“ Grant blieb stehen, lauschte und leuchtete mit der Fackel das Dunkel aus.
Ein paar Schritte weiter sah er eine Öffnung in der Wand. Wahrscheinlich ein weiterer Seitengang. Wieder ein kratzendes Geräusch. Gleichzeitig ein Schaben. So als würde jemand einen Mantel aus grobem Leder tragen, während er einen scharfen Gegenstand am Stein wetzte. Jemand sehr großes. Jetzt roch es auch nach Gefahr!

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Es herrscht Frieden im Reich Onryn. Nach vier Jahrzehnten blutiger Kriege unterliegt das Imperium den Rebellen. Die neuen Machthaber führen die Bewohner des Reiches in eine goldene Zukunft.

Doch unter der Erde brennt das Feuer des Krieges ewig. In der dunklen und geheimnisvollen Welt der Finsternis leben und leiden sie: Erdwichte, Goblins, Kobolde, die Stämme der Menschen, Dunkelelfen, Zwerge, Trolle, Schwarzorks, Dämonen und die Wartenden. Bis aufs Blut verfeindet, in Jahrtausende alten Fehden um Ehre und Land, Liebe und Besitz, Stolz und Rache verstrickt, liefern sich die Völker der Unterwelt heiße Schlachten.

Nachdem eine furchtbare Naturkatastrophe die Reiche der Unterirdischen verwüstet und von der Erdoberfläche abschneidet, überschlagen sich die Ereignisse. Neue Helden werden geboren und uralte Gesetze gebrochen.

Dies ist die Geschichte der Unterirdischen.

Timo Bader, Jörg Olbrich (Hrsg.)
Die Unterirdischen
Eine Anthologie der Geschichtenweber
Wurdack Verlag
ISBN: 978-3-938065-43-5

www.die-unterirdischen.de

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