Wenn die Verehrer ausgehen

Eine Leseprobe aus meiner Geschichte „Wenn die Verehrer ausgehen“, die in der Geschichtenweberanthologie „Mord in jeder Beziehung“ erschienen ist.

Wirklich eine sehr seltsame Familie, in der die Ich-Erzählerin lebt. Und das scheint auch an ihr nicht ganz spurlos vorbeigegangen zu sein.

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Ich legte den Hörer auf, spürte, wie mir die Knie weich wurden, musste mich setzen. Langsam wurde es unheimlich. Sebastian war schon der Dritte. Ich spürte Tränen in mir aufsteigen. Sicher, ich kannte ihn kaum, weshalb mich sein Verschwinden persönlich nicht über die Maßen berühren sollte. Aber mir wuchs die Gesamtsituation über den Kopf.
„Anita! Abendessen!“, rief Mutti aus der Küche.

Heute wollte mir sogar mein Lieblingsgericht, Schmorkohl, nicht richtig schmecken.
„Na, Schatz, ist alles in Ordnung?“, fragte Mutti. „Du isst ja kaum etwas.“
„Ach, es ist nur wegen Sebastian.“
„War das der junge Kerl, mit dem du gestern verabredet warst? Hat er dich gekränkt?“
„Nein, nein. Gestern war alles noch okay. Es war sogar ganz toll. Du hast wohl schon geschlafen, als ich nach Hause kam, aber am liebsten hätte ich dich geweckt und dir erzählt …“
„Das lass mal lieber schön bleiben“, lachte Mutti. „Ein wenig Geduld musst du schon haben, ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Bei euch jungen Leuten mag das anders sein, nicht wahr, Tommi?“
Mein Bruder nickte nur, während er sich eine zweite Portion auftat. Trotzdem war ich sicher, dass er aufmerksam zuhörte. Er war ein Jahr älter als ich, aber anders als die meisten älteren Geschwister, hatte er sich schon immer für alles interessiert, was mit mir zu tun hatte. Muttis Einwurf  ignorierte ich. So alt war sie mit ihren achtunddreißig Jahren ja nun auch wieder nicht.
„Auf jeden Fall war gestern noch alles super. Ich glaube, das hätte wirklich was werden können.“
„Das kann man vorher nie genau wissen“, unterbrach Tommi.
„Darf ich weitererzählen?“ Ich wurde langsam ärgerlich. „Für eure Lebensweisheiten bin ich jetzt absolut nicht in der richtigen Stimmung.“
„Tschuldigung.“
„Heute war Sebastian nicht in der Schule. Ich hatte schon so eine schlimme Vorahnung, deshalb habe ich gleich, als ich wieder zu Hause war, versucht bei seinen Eltern anzurufen. Ich habe sie aber eben erst erreicht und seine Mutter erzählte mir, er sei seit gestern Abend verschwunden.“
„Nein!“, rief Mutti.
„Schon wieder“, ergänzte Tommi.
„Ja, schon das dritte Mal. Und ich bin erst seit zwei Monaten in Rostock.“ Seit Papi gestorben ist, dachte ich.

Mutti und Papi hatten seit einem Jahr getrennt gelebt. Geschieden waren sie nicht. Papi war mit mir in Hamburg geblieben, während Mutti im Auftrag ihrer Firma, eines Pharmakonzerns, mit Tommi nach Rostock gezogen war. Beide hatten Tommi und mir erklärt, sie könnten diese räumliche Trennung gut gebrauchen und wir den anderen jederzeit besuchen. Für mich war das kein Problem gewesen. Ich empfand es als gerecht, so lange wir Kontakt halten konnten. Ich mochte Hamburg und so weit war Rostock ja nicht weg.

„Das tut mir Leid, Schatz. Aber das sind sicher nur dumme Zufälle.“ Mutti stand auf, kam um den Tisch herum und nahm mich in den Arm.
„Zufälle? Findet ihr es nicht ein wenig merkwürdig, dass drei Jungs aus meiner Schule verschwunden sind? Innerhalb eines Monats? Und immer an dem Abend, an dem sie mit mir ausgegangen sind? Langsam frage ich mich, ob ich mich überhaupt noch mit jemandem treffen soll. Irgendwann gehen die Jungs aus. Außerdem würde es  mich nicht wundern, wenn die Polizei mich längst verdächtigt. Ich könnte es ihr nicht verdenken.“
„Ach, sag so was nicht!“ Mutti wirkte für einen Moment hilflos und ängstlich.
Tommi sprang auf, kam zu uns herüber und drückte meine Hand – ein wenig zu fest. „Dafür hat man doch Familie. Niemand wird dich verdächtigen. Und wenn doch, bekommt er es mit mir zu tun!“
Muttis ängstlicher Gesichtsausdruck wich sofort einem Lächeln.
„Hast du nicht einen tollen Bruder? Nicht jeder würde sich so für seine Schwester einsetzen. Er liebt dich wirklich.“
Tommi kicherte verlegen. Als er sich wieder setzte, entging mir nicht die rote Farbe, die sein Gesicht inzwischen angenommen hatte. Bei Mutti zeigten sich einige Tränen der Rührung. Ich hatte das Gefühl, ich sei die einzige, die meine Situation wirklich ernst nahm.
Wir saßen eine Weile am Tisch, ohne zu sprechen. Jetzt erst wurde mir die Musik aus dem Küchenradio bewusst. Ich schaute auf die Uhr. „Müssten jetzt nicht Nachrichten kommen?“
„Ich habe eine CD eingelegt“, antwortete Tommi.
Ich wollte gerade zum Radio eilen, da klingelte es an der Wohnungstür.

Es waren dieselben Beamten wie die letzten Male. Erst nach meinem Anruf war Sebastians Mutter eingefallen, dass wahrscheinlich wieder einmal ich die letzte gewesen war, die das Opfer lebend gesehen hatte. Ich glaubte, die Verdachtsmomente in den Augen der jungen brünetten Kommissarin und ihres dicken, schwitzenden Kollegen zu sehen. Obwohl ich nicht mehr sagen konnte als bei Marco und Timo, wollte Frau Wendell alles bis ins kleinste Detail erfahren, während Herr Ahorn an der Wand meines Zimmers lehnte, einen Schokoriegel in sich hineinstopfte, sich wie beiläufig im Zimmer umsah und mich beobachtete.
Ich erzählte, dass Sebastian, der bereits in der Elften war – er besuchte einige Kurse mit meinem Bruder zusammen, was ich aber verschwieg –, mich vor zwei Tagen angesprochen hatte, dass ich darauf eingegangen und mit ihm am Folgeabend zusammen im Kino gewesen war – Ratatouille, den ich schon kannte, aber darauf kam es ja nicht an. Anschließend waren wir noch im World Club gewesen, Sebastian hatte mich nach Hause begleitet und konnte erst danach verschwunden sein.
Während des Verhörs kam Mutti mit sorgenvoller Miene ins Zimmer gestürzt. „Sie werden doch meine Tochter nicht verdächtigen? Sie ist erst sechzehn! Und nur, weil sie so hübsch ist und ihr alle Jungen nachrennen, trifft sie doch keine Schuld.“
Frau Wendell beruhigte sie und Herr Ahorn schob sie höflich, aber bestimmt zur Tür, wo Tommi stand. Breitbeinig, grimmige Blicke in die Runde werfend, wirkte er zu allem entschlossen.

Ich wusste nun: Ich wollte den Täter finden. Wenn die ganze Sache wirklich mit mir zu tun hatte, konnte ich ihn ködern. Ein etwas schlechtes Gewissen hatte ich schon, aber sollte ich deshalb mit niemandem mehr ausgehen dürfen?

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Glauben Sie, dass die Familie ein Hort unerschöpflicher Liebe und uneingeschränkten Vertrauens ist?
Sind Sie auch der Ansicht, dass Eheleute einander in guten, aber vor allem in schlechten Zeiten beistehen sollten?
Würden Sie auf den freundlichen Nachbarn von nebenan nie etwas kommen lassen?

Mord in jeder Beziehung
Hrsg.: S.E.K. Mordlust, Geschichtenweber
Wurdack Verlag

ISBN: 3-938065-44-0

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