Vom Atmen unter Wasser

Ich möchte heute gern ein kleines Highlight im Fernsehen empfehlen.

Am 17.04. um 21.00 Uhr läuft auf Arte der Film „Vom Atmen unter Wasser“ nach dem Drehbuch meiner lieben Autorenkollegin Lisa-Marie Dickreiter.

Bei einer Lesung beim letztjährigen Autorentreffen von Montsegur durften wir bereits einen Eindruck gewinnen, als Lisa aus ihrem Romanmanuskript las (das Drehbuch hatte sie zuerst geschrieben, der Roman folgt).

Dieser Eindruck machte für alle klar: Den Film darf man auf keinen Fall verpassen.

Nun aber lasse ich Arte sprechen:
(Quelle: Arte-Programm)
Freitag, 17. April 2009 um 21.00 Uhr

Wiederholungen:
18.04.2009 um 15:40

Vom Atmen unter Wasser
(Deutschland, 2007, 96mn)
SWR
Regie: Winfried Oelsner
Kamera: Felix Cramer
Musik: Stefan Schulzki
Schnitt: Vessela Martschewski
Darsteller: Adrian Topol, Andrea Sawatzki, Christin Heim, Gitta Schweighöfer, Mirco Kreibich, Paula Kalenberg, Susanne-Marie Wrage, Thorsten Merten, David Müller (Simon als Kind), Zoe Zeller (Sarah als Kind)
Autor: Lisa-Marie Dickreiter
Kostüme: Charlotte Graf
Ausstattung: Jost Schrader
Maske: Nadine Aleardi
Produktion: ARTE, SWR, av independents Film & TV GmbH
Redaktion: Georg Steinert, Stefanie Groß
Ton: Michael Diehl
Fassung für Hörbehinderte Stereo 16:9 (Breitbildformat) Zweikanalton

Ein Jahr nach dem grausamen Mord an seiner kleinen Schwester steht die Ehe von Simons Eltern vor dem Zusammenbruch. Um die Familie zu retten, unterbricht er sein Studium. Doch er muss begreifen, dass es nie mehr so werden kann, wie es einmal war …

Schon als kleiner Junge heckte Simon Pläne aus, um seine Schwester Sarah loszuwerden, die als Nesthäkchen der Familie die gesamte Zuneigung und Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zog. 14 Jahre später werden diese kindlichen Wunschvorstellungen brutale Realität: Sarah wird auf dem Nachhauseweg von einer Party erdrosselt.
Nach dem gewaltsamen Tod des Mädchens droht der Familie ein Jahr später auch noch der Verlust der Mutter: Anne wird mit dem unerträglich lähmenden Schmerz nicht fertig und versucht kurz vor Sarahs erstem Todestag, ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Immer größer wird der Kokon, den sie wie eine schützende Hülle um sich gesponnen hat und immer tiefer versinkt sie in dem Sumpf des Vergangenen, in der Zeit vor Sarahs Tod. Anne kann nicht in der Gegenwart leben, sie verhält sich zunehmend rücksichtsloser und bringt damit die bestehende Familie heftig ins Wanken.

Annes Mann Jo hat als engagierter Bewährungshelfer schon vielen Menschen geholfen, doch zu seiner eigenen Frau findet er keinen Zugang. Verzweifelt bittet er schließlich ihren gemeinsamen Sohn Simon, das Medizinstudium für ein Semester zu unterbrechen und übergangsweise wieder zu Hause einzuziehen.
Simon, der sich in seiner Kindheit von seiner kleinen Schwester immer in den Schatten gestellt fühlte, fällt es zunächst schwer, seiner Mutter eine tragende Stütze zu sein. Er beobachtet, wie verschieden seine Eltern mit der Trauer umgehen, und muss miterleben, wie der Schmerz die Familie langsam aushöhlt. Es quält ihn, mit anzusehen, wie weit sich seine Eltern in diesem Jahr voneinander entfernt haben. Er sucht nach Wegen, seiner tief in ihren Kummer eingekapselten Mutter den Alltag wieder lebenswert zu machen und sich für den Zusammenhalt der gläsern gewordenen Familie einzusetzen.
„Vom Atmen unter Wasser“ ist ein aufwühlendes, feinfühliges Familiendrama über den individuellen Umgang mit der Trauer und Ohnmacht nach dem Tod eines geliebten Menschen. Regisseur Winfried Oelsner setzt den Akzent auf den Nachklang, den die Ereignisse hinterlassen, und darauf, wie sich die psychische Labilität der Hinterbliebenen auf das Familienleben auswirkt. Die Intensität der fein gezeichneten Figuren ist emotional ebenso packend wie die authentischen Dialoge der Figuren. Ein schwieriges Thema, einfühlsam realisiert – ein Film, der nachhallt.

Winfried Oelsner interessierte an der Geschichte, „wie Menschen in einer solchen Situation auf sich selbst zurückgeworfen werden, wie sie aneinander vorbeileben, sich Nischen und Fluchtwege suchen. Aus der Einsamkeit, der Trauer entstehen Egoismus, Rücksichtslosigkeit und neue Schuld.“

Das Drehbuch dieser SWR/ARTE-Koproduktion, die mit sehr geringem Budget realisierst wurde, stammt aus der Feder von Lisa-Marie Dickreiter und war 2006 für den Drehbuchpreis der MFG-Filmförderung Baden-Württemberg nominiert. Schauplatz des Arthouse-Films ist die Stadt Freiburg im Breisgau und Umgebung. Oelsners Film gewann den Publikumspreis sowohl beim achten FILMZ-Festival in Mainz als auch beim 35. Internationalen Filmwochenende in Würzburg.

Winfried Oelsner, der als Autor und Regisseur in Berlin arbeitet, schloss sein Regie-Studium 2003 an der Filmakademie in Ludwigsburg ab. Sein Werk umfasst die Dokumentarfilme „Ultra – Ein Leben für den Fußball“ (2001), „Ray Negro – Der schwarze König“ (2004) und „Projekt Gold – Eine deutsche Handball-WM“ (2007) sowie drei Spielfilme. Neben „Vom Atmen unter Wasser“ sind dies „Vida – Bruchstücke einer Erinnerung“ (2002), der 2003 bei den Biberacher Filmfestspielen den Nachwuchsförderpreis erhielt, und „Tsunami“ (2005), ein in bereits über 80 Länder verkaufter Quotenerfolg.

Schon in der Phase der Buchentwicklung war Andrea Sawatzki für Winfried Oelsner die Idealbesetzung der Anne, da sie „perfekt Ohnmacht und Unberechenbarkeit einer zutiefst traumatisierten Frau verbindet“. Dem deutschen Publikum ist die Schauspielerin mit dem markanten Äußeren vor allem als Frankfurter „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger bekanntgeworden. 1997 wurde sie an der Seite von Katja Riemann und Jürgen Vogel in Rainer Kaufmanns „Die Apothekerin“ einem breiteren Publikum bekannt. Neben Auftritten in diversen Fernsehserien, wie „Kommissar Rex“, „Polizeiruf 110“, „Der letzte Zeuge“ oder „Arme Millionäre“, war sie auch in dem von der Kritik gelobten Fernsehmehrteiler „Die Manns“ (2001, Regie: Heinrich Breloer) und als Psychiaterin Dr. Helen Cordes in „Helen, Fred und Ted“ (2006, Regie: Sherry Hormann) zu sehen.
Neben komischen Rollen verkörpert die fragil anmutende Schauspielerin vorwiegend tragische Figuren in psychischen Grenzsituationen. So beispielsweise die Dr. Jutta Grimm in Oliver Hirschbiegels vielfach ausgezeichnetem Kinofilm „Das Experiment“ oder die Witwe Katharina in dem Thriller „Das Schneckenhaus“ (2006, Regie: Florian Schwarz). 2005 brachte ihr die „Tatort“-Folge „Herzversagen“ eine Nominierung für den deutschen Fernsehpreis und einen Adolf-Grimme-Preis ein. 2007 wurde Sawatzki als beste Schauspielerin für die goldene Kamera nominiert und auf dem Filmfestival von Montreal für ihre Rolle als verzweifelte Mutter in Volker Einrauchs Drama „Der andere Junge“ (2007) ausgezeichnet.